Wie gehen die Fachkräfte im Jugendamt mit dem Strukturproblem von Hilfe und Kontrolle um?


Seminararbeit, 2008
25 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Ursprung von Hilfe und Kontrolle

3. Begriffsklärung- was ist Hilfe, was ist Kontrolle?

4. Das Strukturproblem von Hilfe und Kontrolle

5. Was ist Kindeswohlgefährdung?

6. Die Arbeit des Jugendamtes im Spannungsfeld von Hilfe und Kontrolle

7. Dienstleistungscharakter vs. Kontrollaufgabe

8. Wie gehen die Fachkräfte des Jugendamtes mit dem Strukturproblem von Hilfe und Kontrolle um?
8.1 Studie von Ulrike Urban
8.1.1 Durchführung
8.1.2 Ergebnis
8.1.3 Fazit
8.2 Studie von Maja Heiner
8.2.1 Die Bedeutung von Reflexivität
8.2.2 Durchführung
8.2.3 Umgang und Wahrnehmung von Hilfe und Kontrolle
8.2.4 Einordnung der Interviewten in Handlungsmodelle

9. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Mit immer neuen Fällen von Kindesvernachlässigung und Kindstötung, die durch die Medien gehen, müssen sich vor allem die Sozialarbeiter[1] in den jeweiligen Jugendämtern die Vorwürfe anhören, dass sie nicht zum Wohl und Schutz des Kindes gehandelt, Missstände übersehen oder falsch bewertet haben und sich somit mit schuldig gemacht haben. Zu den bekanntesten Fällen gehören wohl der Tod des zweijährigen Kevin im Jahr 2006 oder der siebenjährigen Jessica im Jahr 2005. Eine heftige Debatte über die alte Frage des Verständnisses von Hilfe und Kontrolle und über strafrechtliche Haftung entsteht. So lautet zum Beispiel der Titel der Süddeutschen Zeitung am 11. Oktober 2006 “Der Fall Kevin- ein Kind stirbt weil der Staat versagt”[2]

Es ist Aufgabe des Jugendamtes im Auftrag des Staates eingreifend tätig zu werden, wenn das Wohl von Kindern und Jugendlichen gefährdet ist und die Eltern auch nicht mit öffentlicher Hilfe bereit oder in der Lage sind diese Gefährdung abzuwenden. In der Fachdiskussion steht der Subjektstatus des Klienten, Beteiligungsrechte und Mitbestimmungsmöglichkeiten im Fokus. Die Betroffenen sollen aktiv mitbestimmen und mitarbeiten können. Das Jugendamt soll helfen, unterstützen und beraten um individuelle oder soziale Krisen zu überwinden. Vermehrt wird der Bereich der Kinder- und Jugendhilfe als Dienstleistungssektor betrachtet.

Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Strukturproblem von Hilfe und Kontrolle. Zuerst wird der Ursprung von Hilfe und Kontrolle näher erläutert. Daran anschließend werden die Begriffe Hilfe und Kontrolle definiert und die drei Formen sozialer Kontrolle kurz vorgestellt. Der vierte Punkt “Das Strukturproblem von Hilfe und Kontrolle” stellt dar, warum der doppelte Auftrag von Hilfe und Kontrolle überhaupt ein Problem darstellt und worin dieses besteht. Als nächstes wird der Begriff ‘doppeltes Mandat’ erläutert und anschließend die Schwierigkeit der Definition von Kindeswohlgefährdung und die daraus resultierenden Konsequenzen veranschaulicht. Punkt 6 stellt die Arbeit der Jugendämter im Spannungsfeld von Hilfe und Kontrolle dar. Anschließend wird die Gefahr der Entwicklung der Kinder- und Jugendhilfe als Dienstleistungssektor betrachtet. Im daran anschließenden Punkt wird sowohl anhand der Studie von Ulrike Urban als auch an der Studie von Maja Heiner der Frage nachgegangen, wie die Fachkräfte im Jugendamt mit dem Strukturproblem von Hilfe und Kontrolle umgehen. Das Fazit rundet die Arbeit ab und fasst die wichtigsten Aspekte noch einmal zusammen.

2. Der Ursprung von Hilfe und Kontrolle

Die Hilfeplanung im Bereich des Jugendamtes ist im §36 SGB VIII geregelt und steht im Dreieck zwischen Kindeswohl, Elternrecht und staatlichem Wächteramt. Hilfeplanung enthält sowohl die Seite der fachlichen Diagnose als auch die der Aushandlung, deshalb stellt die Hilfeplanung ein Beispiel für die Existenz des Grundwiderspruchs von Hilfe und Kontrolle dar. Professionelle Soziale Arbeit findet zwischen der Logik individueller Lebenswelten und den Setzungen gesellschaftlicher Normen und Institutionen statt. Es kommt zu einer Konfrontation mit den Eigenrechten des Betroffenen und den gesellschaftlichen Ansprüchen. Soziale Arbeit handelt im Spannungsfeld von Emanzipation und Integration, Individualität und Normativität, Privatheit und Öffentlichkeit. Der strukturelle Widerspruch besteht darin, dass beide Seiten immer zusammengehören, sich einander gegenseitig bedingen und gegenseitig hervorbringen.

Nach Richard Münchmeier kann der Grundwiderspruch von Hilfe und Kontrolle als Ergebnis historischer Entwicklungen gesehen werden.[3] Demnach lag der Ausgangspunkt im 19. Jahrhundert bei der Trennung von Sozialpolitik und sozialer Fürsorge. Die soziale Fürsorge übernahm die Zuständigkeit für die ‘Einzelschicksale’, die anders als die Sozialversicherungen der Sozialpolitik nicht schematisch strukturiert werden konnten, da sie keiner regelhaften Ursachen und Zusammenhänge unterlagen. Die Hilfe erfolgte deshalb in einer ‘helfenden Begegnung’, individuell auf die Persönlichkeit abgestimmt. Diese helfende Begegnung hatte von Beginn an zwei Funktionen. Die soziale Fürsorge, mit dem Ziel zur sozialen Integration ihrer Adressaten beizutragen, beinhaltete auch immer eine soziale Kontrollfunktion. Mit der Institutionalisierung persönlicher Hilfeleistungen kam es auch zur Institutionalisierung von Mechanismen sozialer Kontrolle. Weil zwischen dem rechtlich definierten Programm und der praktischen Hilfe im Einzelfall die soziale Diagnose lag, bestand die Fürsorge auch aus Gesprächszwang und dem Zwang der Offenlegung der Verhältnisse. Damals wurde die Seite der Selektion und Kontrolle aber kaum beachtet, sondern die individuelle Hilfe von Mensch zu Mensch betont.

Erst in den 60er und 70er Jahren wurde die andere Seite der Hilfe kritisiert. Die Kritik bestand darin, dass die Einzelfälle nur in ihrer Individualität betrachtet wurden und keine Analyse im gesellschaftlichen Kontext stattfand. “Probleme werden damit zu persönlichen Problemen, denen pädagogisch und therapeutisch begegnet werden muss -gesellschaftliche und politische Zusammenhänge bleiben unhinterfragt.”[4] Es kam aber nicht zu einer Analyse des Grundwiderspruchs. Vielmehr kehrte sich die Betrachtungsweise um und die Soziale Arbeit wurde als ‘Angriff auf die Freiheit’ und als Mittel zur Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Ordnung verstanden. Der Gleichzeitigkeit von Hilfe und Kontrolle wurde in dieser Zeit wenig beachtet. Siegfried Müller betonte, dass Soziale Arbeit nicht in Hilfe und Kontrolle zu trennen ist, sondern gleichzeitig Hilfe und Kontrolle darstellt. Auf der interaktiven Ebene, so Müller, findet die konkrete Hilfe statt, auf der strukturellen Ebene die soziale Kontrolle.

3. Begriffsklärung- was ist Hilfe, was ist Kontrolle?

Der Hilfebegriff ist eng mit der Entwicklung der Sozialen Arbeit verbunden. Hilfe war schon immer ein wichtiger Bestandteil der Fürsorgetheorie bei Salomon. Auch mit dem Erziehungsbegriff bei Pestalozzi ist der Hilfebegriff verbunden. In beiden Traditionen ist aber der Begriff theoretisch eher ungeklärt.[5] Nach Gängler ist Hilfe “eine Form der Herrschaft und auch der Kontrolle” und “Hilfe hat immer einen Problembezug.” Der Hilfebegriff ist eng mit dem Erziehungsbegriff gekoppelt, da Erziehung dazu beitragen kann, dass Probleme gelöst werden können. Deshalb ist Erziehung eine Hilfe. Nach Gängler ist die helfende Beziehung, genauso wie die erzieherische, eine “asymmetrische Interaktion mit normativer Interaktion”. Hilfe und Pädagogik sind also auch mit einem Stück Kontrolle verbunden, da es um die Vermittlung oder Einhaltung von Normen geht.

Um soziale Kontrolle handelt es sich nach Cremer-Schäfer, “wenn der Umgang mit Konflikten, Routinestörungen, Schädigungen oder Regelverletzungen kategorisiert werden soll.”[6] Soziale Kontrolle lässt sich in drei Formen gesellschaftlicher Reaktionen auf Konflikte einteilen: Die erste Form ist die Regelung von Konflikten im Alltag, hierbei geht es vor allem darum, die negativen Folgen einer Handlung zu umgehen. Es geht hier nicht um die Sanktionierung oder Bestrafung, sondern vielmehr um das Aushandeln von Konflikten, Meidung riskanter oder bedrohlicher Situationen oder auch Normalisierungshandlungen, also die Akzeptanz von Verschiedenheit und die Anpassung an Abweichung. Die zweite Form, Strafrecht und Strafen, lässt sich als Gegenstück zur ersten Form sehen. In diesem Fall haben Konflikt- und Schadensereignisse eine Norm verletzt und lassen sich als kriminell einstufen. Eine Person wird als schuldig beurteilt und bestraft. Die dritte Kategorie heißt Disziplinierungsinstitutionen und sanfte Kontrolle. Hier wird die repressive Seite der Disziplinierung durch Hilfe ersetzt. Mit der sanften Kontrolle soll diszipliniert werden und ein erwünschter ‘Sozialcharakter’ hergestellt werden. Cremer- Schäfer bezeichnet Sozialarbeiter als sanfte Kontrolleure, da sie “mit diskreter Überwachung der Lebensweise, Konformität fördernden Umweltarrangements und bescheidenen Belohnungen arbeiten.”[7]

Kontrolle wird also in verschiedenen Formen von verschiedenen Berufsgruppen ausgeübt. Es existiert nicht nur eine harte, sanktionierende Kontrolle, sondern auch eine weiche Kontrolle der Profession, die als Hilfe angeboten und verstanden wird.

4. Das Strukturproblem von Hilfe und Kontrolle

In der handlungsorientierten Professionstheorie wird die Professionalisierungsbedürftigkeit bestimmter Berufe auf das Vorhandensein bestimmter Strukturprobleme zurückgeführt. Diese werden auch als Strukturdilemmata oder Paradoxien des professionellen Handelns bezeichnet. Zu diesen Strukturproblemen gehören unter anderem, das Problem Theorie und Praxis miteinander zu verbinden oder so zu helfen, dass eine dauerhafte Abhängigkeit von Hilfe vermieden wird. Es handelt sich hierbei um strukturell widersprüchliche Handlungslogiken, sie müssen aber im professionellen Handeln trotz ihrer Gegensätzlichkeit miteinander vereinbart und befolgt werden. Dies kann nur gelingen, wenn bestimmte organisatorische Rahmenbedingungen und konzeptionelle Voraussetzungen vorliegen, die Fachkraft in ihrer Ausbildung einen professionellen Habitus erworben hat und sie somit fähig ist, für und mit ihren Klienten problemlösend zu handeln.

Das Strukturproblem von Hilfe und Kontrolle ist für die Soziale Arbeit, aber auch für Pädagogik oder Polizei, besonders prägend. Diese ‘Doppelfunktion’ der Intervention in der Sozialen Arbeit ist zwar nur eines von mehreren Strukturproblemen, es ist aber das grundlegendste. In diesem Zusammenhang wird oft auch vom doppelten Mandat gesprochen. Die Soziale Arbeit hat ein doppeltes Mandat zu erfüllen, indem sie sich sowohl am individuellen Wohl des Klienten zu orientieren, als auch für das Gemeinwohl zu arbeiten hat. Die Orientierung am Gemeinwohl erfordert die Formen der Kontrolle. Die Soziale Arbeit erfüllt Kontrollaufgaben, indem sie im Rahmen ihrer Interventionen ‚normale‘ Entwicklungsverläufe und Lebensumstände im Blick hat, und damit zur Stabilität gesellschaftlicher Ordnung beiträgt. Das Ziel der Sozialen Arbeit ist es, diejenigen, die von den politisch, gesellschaftlich und moralisch bestimmten normalen Verhaltensweisen abweichen, zu kontrollieren und ihr Verhalten an diese Normen- und Wertevorstellungen anzupassen. Deshalb wird Soziale Arbeit oft auch als ‘Normalisierungsarbeit’ bezeichnet.

[...]


[1] Im Verlauf der Arbeit wird aufgrund der besseren Lesbarkeit ausschließlich die männliche Form verwendet, es sind aber stets beide Geschlechter angesprochen

[2] http://www.sueddeutsche.de/deutschland/artikel/412/88324/

[3] vgl.: Urban 2004, S.60

[4] Urban, 2004, S.61

[5] vgl.: Pfadenhauer 2005, S.90

[6] Pfadenhauer 2005, S.91

[7] Pfadenhauer 2005, S.91

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Wie gehen die Fachkräfte im Jugendamt mit dem Strukturproblem von Hilfe und Kontrolle um?
Hochschule
Technische Universität Dortmund
Veranstaltung
Professionstheorien
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
25
Katalognummer
V113287
ISBN (eBook)
9783640138111
ISBN (Buch)
9783668142619
Dateigröße
427 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fachkräfte, Jugendamt, Struktuproblme, Hilfe, Kontrolle, Professionstheorien
Arbeit zitieren
Manuela Siegel (Autor), 2008, Wie gehen die Fachkräfte im Jugendamt mit dem Strukturproblem von Hilfe und Kontrolle um?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113287

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