Der Psalter und seine Gattungen - Eine Untersuchung zum Verhältnis von Lob und Klage in den Psalmen


Examensarbeit, 2008
71 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1 Hintergrund der Arbeit
1.2 Fragestellung
1.3 Aufbau der Arbeit

2. Der Psalter als Buchkomposition
Begriff und Bedeutung
Was ist ein Psalm und welche Inhalte behandelt der Psalter?
Bemerkungen zu den Überschriften der Einzelpsalmen
Einordnung in die Bibel und Umfang des Psalters
Die Struktur des Psalters und seine Teilung in fünf Bücher
Die Entstehung und das Alter der Psalmen und des Psalters
Bemerkungen zur Zählung und Psalmen außerhalb des Psalters
Die Sprache des Psalters

3. Vorstellung der zu untersuchenden Psalmengattungen
Zum Gattungsbegriff und der Forschung
Psalmengattungen
Lobpsalmen/Hymnen
Klagepsalmen
Eine Kurzvorstellung anderer Psalmengattungen

4. Zur angewandten Methodik

5. Exegese und Vergleich unterschiedlicher Psalmengattungen
Die Exegese dreier Lobpsalmen
Psalm 103 – Das Hohelied der Barmherzigkeit Gottes
Einordnung in den Psalter
Gattung und Aufbau des Psalms
Besondere Merkmale des Psalms
Gesellschaftlicher Kontext, Rezeption und Datierung
Psalm 113 – Gottes Hoheit und Huld
Einordnung in den Psalter
Gattung und Aufbau des Psalms
Besondere Merkmale des Psalms
Gesellschaftlicher Kontext, Rezeption und Datierung
Psalm 150 – Das große Halleluja
Einordnung in den Psalter
Gattung und Aufbau des Psalms
Besondere Merkmale des Psalms
Gesellschaftlicher Kontext, Rezeption und Datierung
Gemeinsamkeiten der vorliegenden Psalmen und charakteristische Züge von Lobpsalmen
Die Exegese dreier Klagepsalmen
Psalm 6 – Bußgebet in Anfechtung
Einordnung in den Psalter
Gattung und Aufbau des Psalms
Besondere Merkmale des Psalms
Gesellschaftlicher Kontext, Rezeption und Datierung
Psalm 13 – Hilferuf eines Angefochtenen
Einordnung in den Psalter
Gattung und Aufbau des Psalms
Besondere Merkmale des Psalms
Gesellschaftlicher Kontext, Rezeption und Datierung
Psalm 88 – Gebet in großer Verlassenheit und Todesnähe
Einordnung in den Psalter
Gattung und Aufbau des Psalms
Besondere Merkmale des Psalms
Gesellschaftlicher Kontext, Rezeption und Datierung
Gemeinsamkeiten der vorliegenden Psalmen und charakteristische Züge von Klagepsalmen
Vergleich zwischen Klage- und Lobpsalmen

6. Zusammenfassung und Fazit

7. Literaturverzeichnis

Quellen

Sekundärliteratur

Kommentare

Monographien und Arbeitsbuch

Aufsätze und Lexikonartikel

1. Einleitung

1.1 Hintergrund der Arbeit

Mein Interesse an den Psalmen wurde in einem Hauptseminar geweckt, in welchem wir uns in Kleingruppen mit einzelnen Psalmen beschäftigt haben. Dabei gab es auch eine Aktion, bei der wir unsere Arbeiten als Poster öffentlich ausstellten und Psalmen an vorbeigehende Menschen in einer Einkaufspassage verteilten. Diese vorherige Beschäftigung mit den Texten hat mich inspiriert und ermutigt, an den Psalmen weiterzuarbeiten, weil ich die Schönheit und Relevanz der Texte für mich erkannt habe.

1.2 Fragestellung

Der Psalter ist ein Buch, das durch seine Kanonisierung innerhalb der Bibel über eine sehr lange Zeit erhalten geblieben ist. Darin befindet sich eine große Vielzahl von Texten, die allesamt ihren eigenen Charakter und ihre eigene Note haben. Wenn man den Psalter jedoch nur flüchtig liest, so fällt dem Leser sofort auf, dass Lob und Klage sehr große Rollen innerhalb dieses Buches einnehmen. Die vorliegende Arbeit will versuchen, diesen beiden Kategorien Lob und Klage mittels der Exegese unterschiedlicher Psalmen aus beiden Gattungen näher zu kommen.

Theoretisch stellt sich uns das Verhältnis zwischen Lob und Klage als ein dualistisches dar. In der vorliegenden Arbeit soll jedoch untersucht werden, ob die beiden Grundkategorien des Psalters als Gattungen nicht doch mehr gemeinsam haben, als man erwarten würde. Sind also Lob und Klage zwei gegensätzliche Pole, die sich abstoßen, oder überschneiden sie sich vielmehr und gehen ineinander über? Sind Gemeinsamkeiten zwischen den Gattungen zu erwarten oder werden wir nur Gegensätze vorfinden? Diese Fragen werden im Laufe dieser wissenschaftlichen Hausarbeit Beantwortung finden.

1.3 Aufbau der Arbeit

Die Arbeit beginnt mit einer Einführung in den Psalter, bei der verschiedene Aspekte, die für das Verständnis des Psalters und auch die Arbeit damit essentiell sind, betrachtet werden. In diesem Teil, der den Titel Der Psalter als Buchkomposition trägt, werden wir uns u. a. mit der Etymologie des Begriffs Psalter, den Namen, die der Psalter in den verschiedenen Bibelschriften trug, seinem Umfang und der Struktur des Psalters oder auch seiner Sprache und seinem Entstehungsprozess beschäftigen. Es werden hier jedoch auch Themen, welche die Einzelpsalmen würdigen, angeschnitten, wie z.B. die Überschriften der Einzelpsalmen und die Frage, was ein Psalm eigentlich ist.

Im nächsten Teil werden die Gattungen des Psalters dargestellt. Zunächst ist dabei zu klären, was eine Gattung ist und wer bei den Psalmen diese Einteilung bzw. Kategorisierung vorgenommen hat; denn sie war ja nicht von vornherein präsent, sondern wurde später hinzugefügt. Der Hauptakzent liegt hier auf den beiden Gattungen, welche die Motivation für diese Arbeit darstellen, nämlich Lob- und Klagepsalmen. Bei der Vorstellung der zu untersuchenden Gattungen wird jedoch auch kurz auf andere Psalmen-gattungen wie z.B. Königspsalmen eingegangen. Es soll nicht der Eindruck vermittelt werden, dass andere Gattungen einen niedrigeren Wert tragen. Sie sind nur für diese Arbeit nicht von derselben Relevanz wie die zuvor genannten.

Anschließend wird, bevor der Hauptteil dieser wissenschaftlichen Hausarbeit beginnt, eine kurze Einordnung der angewandten Methodik vorgenommen, um einen besseren Einblick in die Vorgehensweise bei der Arbeit an den Psalmen zu gewähren. Dies soll sicherstellen, dass die Arbeit für den Leser transparent bleibt und, was noch wichtiger ist, die Vergleichbarkeit der Ergebnisse ermöglichen. Wenn alle Texte mit demselben Schema bearbeitet worden sind, ist die Wahrscheinlichkeit relativ hoch, dass man gut vergleichbare Resultate erzielt.

Darauf folgen Exegese und Vergleich unterschiedlicher Psalmengattungen, nämlich dreier Lobpsalmen (Psalm 103; 113; 150) und dreier Klagepsalmen (Psalm 6; 13; 88). Das im zuvor beschriebenen Kapitel vorgestellte Raster wird nun bei der Exegese auf die verschiedenen Texte angewandt. Es erfolgt eine Feststellung der Gemeinsamkeiten unter den jeweils drei Texten der Gattungen. Diese Berührungspunkte unter den Psalmen werden als Grundlage für den anschließenden Vergleich der Gattungen dienen, bei dem die Frage geklärt werden soll, in welchem Verhältnis Lob und Klage in den Psalmen zueinander stehen. Eine Zusammenfassung wird abschließend einen Überblick geben und die Ergebnisse der vorliegenden wissenschaft-lichen Hausarbeit resümieren.

2. Der Psalter als Buchkomposition

2.1 Begriff und Bedeutung

Der Psalter ist eine Sammlung von 150 Einzeltexten, die jedoch nicht als zusammenhangslose und zufällige Aneinanderreihung von Schriften gesehen werden kann. Es wird von einer gezielten Buchkomposition ausgegangen.[1] Die Sammlung geht auf die griechische Überlieferung des Alten Testaments zurück.[2] Das Buch der Psalmen ist also planvoll zusammengestellt worden und beinhaltet unterschiedliche poetische Texte aus verschiedenen Gattungen. Die verschiedenen Psalmengattungen werden in Abschnitt 3.2 genauer thematisiert.

Für den Psalter sind unterschiedliche Begriffe geprägt worden. Die Worte Psalm und Psalter sind dabei griechischen Ursprungs. Das Wort ψαλμός ist abgeleitet vom Verb ψάλτειν, was die Bedeutung ‚Saiten zupfen’ oder ‚spielen’ trägt. Der erstgenannte Begriff bedeutet demnach ‚Saitenspiel’ und entspricht damit dem hebräischen Wort mizmōr, denn auch dieses Wort steht für das vom Saitenspiel begleitete Lied.[3] Die Bezeichnung ‚Buch der Psalmen’ (βίβλος ψαλμων) stammt aus der Septuaginta, der ersten griechischen Übersetzung des Alten Testaments, die damit auch den Begriff mizmōr (Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten) aus dem Hebräischen übernimmt.[4] Eine andere Überschrift aus dem Hebräischen ist (sepær) tehillîm mit der Bedeutung ‚Buch der (Lob-) Preisungen’.[5] Im Codex Alexandrinus, der „Bibelhandschrift A […] aus dem 5. Jahrhundert“[6], trägt die Sammlung den Namen ψαλτήσιον, was Saiteninstrument bedeutet. Der Psalter wird somit hier als Liederbuch zum Saitenspiel verstanden. Im Codex Vaticanus, der aus dem 4. Jahrhundert n. Chr. stammenden Bibelhandschrift B[7], erscheint für den Psalter die Überschrift ψαλμοί zusammen mit der Unterschrift βίβλος ψαλμων. Diese Bezeichnung kommt auch im Neuen Testament vor.[8]

Durch die verschiedenen Überschriften der Sammlung wurde der Versuch gemacht, sie „nach ihrem Hauptinhalt zu charakterisieren, was jedoch nicht ohne Abstriche möglich ist“.[9] Daraus kann man ersehen, dass im Psalter viele verschiedene Inhalte hervortreten, was im nächsten Abschnitt noch verdeutlicht wird.

2.2 Was ist ein Psalm und welche Inhalte behandelt der Psalter?

Um Psalmen zu untersuchen, ist es unabdingbar, sich zunächst klar zu machen, was ein Psalm überhaupt ist. Dazu ist es hilfreich zu ersehen, in welchem größeren Zusammenhang Psalmen verwendet wurden und werden.

Die Sammlung der Psalmen im Alten Testament hat ein Sprachgebilde aufbewahrt, das schon sehr alt ist. Geprägt wurde es jedoch in der Geschichte des israelischen Volkes und durch die Aufnahme in die christliche Bibel lebt es noch bis heute weiter, sowohl in jüdischen als auch in christlichen Gottesdiensten, in persönlicher Frömmigkeit und als ein Schatz unserer Sprachkultur. Die Psalmen erhalten sich also immer noch ihre Lebendigkeit – und zwar als Gebete und Gedichte, deren Kraft hauptsächlich daraus resultiert, dass sie von Glaubenden an Gott gerichtet sind. Man kann sie genauer bestimmen als „Gebete, die in der Geschichte eines bestimmten Volkes geprägt wurden“[10]. Dies ist vor allem auch durch die Inhalte der Psalmen spürbar, da sich die Geschichte Israels in ihnen widerspiegelt. Als Beispiele dafür sind vor allem die Klagepsalmen des Volkes zu nennen, aber auch die Geschichtspsalmen und viele weitere Motive aus den Psalmen. Des Weiteren kann man sagen, dass die Psalmen Lieder sind. Daran kann man am Besten erkennen, dass sie auch gottesdienstlichen Charakter haben.[11]

Der Psalter ist zwar ein zusammengehöriges Buch, jedoch sollte man nicht vergessen, dass er aus Einzelpsalmen besteht, die für sich gehört werden wollen. Die Individualität der Texte findet auch in der Forschung wieder zunehmend Beachtung.[12] Dennoch kann man im Psalter auch Hauptinhalte isolieren, muss aber im Hinterkopf behalten, dass solche Essenzen immer nur einen Teil der Inhalte reflektieren. Bei der Suche nach dem Kern des Psalters ist sich die Forschung einig, dass die polarisierenden Begriffe Lob und Klage den Psalter prinzipiell ausmachen. Dies ist auch eine Hauptmotivation dieser Arbeit. Auch unser Leben zeigt sich als polar, indem wir Freude und Leid erfahren und im Dualismus von Leben und Sterben stehen. Hierbei ist noch zu unterscheiden, ob es sich um Klage-/ Lobpsalmen des Einzelnen, also eines Individuums, oder des Volkes handelt.[13] Mit der Frage, wie Lob und Klage zueinander stehen, wird sich der Hauptteil dieser Arbeit (Kapitel 5) beschäftigen. Andere wichtige Inhalte der Psalmen sind Trauer, Buße, Dank und das Vertrauen auf Gott.

2.3 Bemerkungen zu den Überschriften der Einzelpsalmen

Viele Überschriften der Einzelpsalmen haben trotz intensiver Bemühungen der Forschung immer noch keine Klärung erfahren. Um die Psalmen zu verstehen, kann man in der Regel ohnehin nicht auf die Überschriften zurückgreifen, da sie nicht zusammen mit den Psalmen entstanden sind, sondern erst später im gottesdienstlichen Gebrauch hinzukamen. 24 der 150 Psalmen tragen bis heute keine Überschrift. Die vorhandenen Psalmenüber-schriften kann man in drei Gruppen einteilen:

a) Überschriften, in denen Namen von Personen oder Personengruppen genannt werden – durch diese Namen schrieb man sie großen Personen der Geschichte wie Mose, Salomo oder David zu. Die Personengruppen benennen Gruppen von Tempelsängern, welche die Psalmen überlieferten oder vortrugen, wie zum Beispiel die Korachiten.

b) Es erfolgt in der Überschrift eine Bezeichnung der Psalmenarten als Lied, Psalm, Loblied, Klagelied oder anderem. Nicht alle dieser Bezeichnungen sind schon gedeutet.

c) Die gottesdienstliche Bestimmung der Psalmen wird in der Überschrift stichwortartig angedeutet. Dies sind meist Anweisungen, welche die musikalische Begleitung im Hinblick auf die zu verwendenden Instrumente betreffen. Sie sind für den Chorleiter oder Musikmeister bestimmt, der ebenfalls häufig in den Überschriften genannt wird. Diese musiktechnischen Bezeichnungen sind für uns heute jedoch meist unverständlich, da wir wenig Wissen über die damalige Tempelmusik besitzen.[14]

2.4 Einordnung in die Bibel und Umfang des Psalters

Das Psalmenbuch steht im Bezug auf die Lutherbibel (in der revidierten Fassung von 1984) im zweiten großen Teil des Alten Testaments, der den Titel ‚Lehrbücher und Psalmen’ trägt. Innerhalb dieses Teils steht er zwischen dem Buch Hiob und den Sprüchen Salomos. Im Hinblick auf die hebräische Bibel bildet das Psalmenbuch das Kernstück des dritten Kanonteils, der so genannten „Schriften“ (ketūbīm). Oft steht das Psalmenbuch hier auch an erster Stelle, wie zum Beispiel in der Biblia Hebraica Stuttgartensia. In der griechischen Bibel steht der Psalter am Anfang des zweiten Teils (poetische Bücher).[15]

Zum Umfang kann man sagen, dass der Psalter 19.531 Wörter beinhaltet und damit nach Jeremia (mit 21.819 Wörtern) und Genesis (bestehend aus 20.611 Wörtern) das drittgrößte Buch des Alten Testaments ist. Dies sind 6,5% des Gesamtumfangs des Alten Testaments (300.613 Wörter). In Bezug auf die Wortebene ist festzuhalten, dass der Psalter aus etwa 2200 Vokabeln oder Lexemen besteht, was 38% des gesamten Bestandes an Vokabular von ca. 5750 Wörtern darstellt. Wenn man die 120 Eigennamen im Psalter (im ganzen AT sind es rund 2500) mit einbezieht, kommt man auf 28%. Zusammenfassend besteht der Wortschatz des Psalters also aus ca. 2100 Wörtern und ist damit im Vergleich zur Gesamtvokabularmenge relativ klein. Die vorliegenden Zahlen beziehen sich alle auf den masoretischen Psalter der Biblia Hebraica, also den hebräischen Text.[16]

2.5 Die Struktur des Psalters und seine Teilung in fünf Bücher

Der Psalter ist zwar als zusammenhängendes Buch in den biblischen Kanon eingeordnet worden, wie bereits erwähnt haben wir es beim Psalter jedoch mit einer Sammlung von 150 Einzeltexten zu tun. Diese Texte zu gruppieren und Zusammenhänge und Arrangements zwischen den Psalmen herauszuarbeiten und festzuhalten ist jedoch unerlässlich, um Einsichten in den Gesamtkomplex zu gewinnen. So kann man unter Umständen auch Rückschlüsse über die Entstehung und Zielsetzung des Psalters ziehen. Möglichkeiten zur Gruppierung werden im Folgenden angedeutet:[17]

a) Rahmung: Psalm 1 und Psalm 150 (der in 5.1.3 auch noch genauer analysiert wird) rahmen den Psalter und nehmen damit die Eckpositionen ein. Psalm 1 empfängt den Leser dabei wie folgt: „Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen noch tritt auf den Weg der Sünder noch sitzt, da die Spötter sitzen, sondern hat Lust zum Gesetz des HERRN und redet von seinem Gesetz Tag und Nacht!“ (Psalm1, 1f.). Dies stellt sowohl Begrüßung als auch Ermahnung des potenziellen Lesers des Gesetzes (der Tora) dar. Man kann den Psalm als Vorwort und Vorspruch für das Folgende ansehen, der in den Psalter hineinführen soll. Psalm 150, der den Psalter abschließt, ist ein Hymnus, also ein Lobgesang, der fordert: „Alles, was Odem hat, lobe den HERRN! Halleluja!“ (Psalm 150, 6). Der Psalm versteht damit den Psalter quasi als ein Buch des Lobpreises.[18] Inwieweit dies der Wahrheit entspricht, wird bei den Gattungsanalysen in Kapitel 5 noch genauer zum Tragen kommen.

b) Fünfteilung: Ein weiteres wichtiges Strukturmerkmal ist die späte Einteilung in fünf Bücher. Spät ist diese insofern, dass sie erst vorgenommen wurde, als die Texte schon komplett vorlagen. Sie ist ohne Zweifel „das auffälligste Merkmal des Gesamtgebäudes“[19] Psalter. Durch die Zahl fünf wird ein Bezug zum Pentateuch, also den fünf Büchern Mose, hergestellt. Es wird vermutet, dass diese Einteilung dazu dienen soll, den kanonischen Rang des Psalmenbuchs zu festigen und abzusichern.[20]

Die Gliederung ergab fünf unterschiedlich große ‚Bücher’, und zwar Psalm 1-41 (I), Psalm 42-72 (II), Psalm 73-89 (III), Psalm 90-106 (IV) und Psalm 107-150 (V). Während Buch I, II und V ungefähr den gleichen Umfang haben, gilt das nicht für die anderen beiden Bücher III und IV, die jeweils nur circa auf die Hälfte des Umfangs der zuerst genannten drei Bücher kommen. Die Fünfteilung basiert dabei auf Doxologien, die an bestimmten Stellen in den Psalmen eingebracht sind.[21]

Das Wort Doxologie kommt aus dem griechischen (δόξα = Herrlichkeit; λόγος = Wort/Rede) und meint die Lobpreisung der Herrlichkeit Gottes. Die Doxologien befinden sich dabei jeweils am Ende des letzten Psalms des jeweiligen Buches, also zunächst im ersten Buch in Psalm 41,14: „Gelobt sei der HERR, der Gott Israels, von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen! Amen!“. Im zweiten Buch steht eine Schlussnotiz, der die Doxologie vorangeht, in Psalm 72, 18-20: „Gelobt sei Gott der HERR, der Gott Israels, der allein Wunder tut! Gelobt sei sein herrlicher Name ewiglich, und alle Lande sollen seiner Ehre voll werden! Amen! Amen! – Zu Ende sind die Gebete Davids, des Sohnes Isais.“ Das dritte Buch endet mit der Doxologie „Gelobt sei der HERR ewiglich! Amen! Amen!“ in Psalm 89,53. Der Einschnitt nach dem vierten Buch ist nicht so eindeutig und stimmt weitgehend mit der Doxologie im ersten Buch überein, was auf eine nachträgliche Formulierung hindeutet. Sie erfolgt in Psalm 106,48: „Gelobt sei der HERR, der Gott Israels, von Ewigkeit zu Ewigkeit, und alles Volk spreche: Amen! Halleluja“. Die Einteilung in fünf Bücher durch die Doxologien soll eine Analogie herstellen und ist deshalb als formale Einteilung anzusehen.[22]

Generell ist die „Strukturierung eines Werkes in fünf Bücher“[23] in der jüdischen Überlieferung häufig anzutreffen. Dazu muss man nur an die Tora, also die fünf Bücher Mose, oder an das Buch der Klagelieder denken. Der Vergleich mit der Tora wird häufiger gezogen und der Psalter wird sogar teilweise als Tora Davids betitelt, da David als Verfasser gilt.[24] Zwar wird David hier nicht in der Überschrift als Urheber explizit gemacht, wie es zum Beispiel bei den Psalmen Salomos aus den Apokryphen der Fall ist, „doch liegt es in der Folge der Verfasserangaben der Einzelpsalmen nahe, das Buch als sein Werk zu begreifen.“[25]

c) Psalmensammlungen/-gruppen: Aus dem Gesamtzusammenhang des Psalters kann man verschiedene kleinere Sammlungen isolieren. Alle anzuführen würde an dieser Stelle zu weit führen. Es werden stattdessen nur einige Anhaltspunkte genannt. Man kann dabei verschieden große Gruppen unterscheiden. Mittlere Sammlungen sind die Psalmen 3-41, die zu den Davidpsalmen zu zählen sind, und 42-83, die so genannte elohistische Sammlung. Die letztgenannte Sammlung hat ihren Namen daher, dass in den ihr zugehörigen Psalmen der Name JHWH (Herr) durch Elohim (Gott) ersetzt worden ist. Einige kleinere Sammlungen wurden nach Sängergilden benannt. Dazu gehören die Korachpsalmen 42-49, die Asaphpsalmen 73-89 und zusätzlich sind die Wallfahrtspsalmen 120-134 zu nennen. Kleine Gruppen weisen auf das früheste Stadium hin, in dem inhaltlich oder formal gleiche bzw. ähnliche Psalmen zusammengeordnet wurden. Dazu zählt man die Jahwe-Königspsalmen in 93-99, die Lobpsalmen 103-107 (zu Psalm 103 siehe 5.1.1), Halleluja-Psalmen 111-118 (zu Psalm 113 siehe 5.1.2) oder die Davidpsalmen 138-145.[26]

2.6 Die Entstehung und das Alter der Psalmen und des Psalters

„Jeder Psalm hat seine eigene ‚Biographie’“.[27] Das bedeutet, dass alle Einzelpsalmen ihre eigene Geschichte, Herkunft und Zeit haben, was die Annahme unterschiedlicher Verfasser mit einschließt. Außerdem kann man Psalmen auf ihre Entstehung, also die Abfassung und die Erstgestalt, sowie die Verwendung, die auch Bearbeitung und eine veränderte Gestalt beinhalten kann, untersuchen. Vor allem die Untersuchungen zur Entstehung bleiben jedoch zumeist wenig erfolgreich, da häufig keine Angaben dazu erfasst sind.[28] Auch die Datierung von Einzelpsalmen ist schwierig. Man geht jedoch davon aus, „dass die meisten Psalmen aus nachexilischer Zeit stammen oder zumindest ihre nunmehr vorliegende Textfassung erst in dieser Zeit erhalten haben.“[29]

Die Entstehung des Psalters als Gesamtkonstrukt nachzuvollziehen fällt etwas leichter. Wie in Abschnitt 2.5 schon angedeutet, begann sie mit dem Zusammenfassen von Teilsammlungen zu Teilpsaltern. Daraufhin wurden diese verschiedenen Teilpsalter wieder miteinander verbunden und redaktionell bearbeitet, bis schließlich die uns bekannte Endgestalt der 150 Psalmen vorlag. Genaue Datierungen dieser Prozesse sind schwierig, man kann sich jedoch danach richten, dass die Abfolge der Teilsammlungen im jetzigen Psalmenbuch in etwa ihrem Alter entspricht und zwischen dem 6. und dem 2. Jahrhundert v. Chr. von statten ging.[30] Wann der Psalter schließlich in seiner Endgestalt vorlag, ist in der Forschung umstritten. Früher gab es sehr viele unterschiedliche Meinungen, die von der Perserzeit bis in die Makkabäerzeit reichten (5.-2. Jh. v. Chr.). Heute geht man aus verschiedenen Gründen, die jedoch in dieser Arbeit zu weit führen würden, von einer Datierung zwischen 200 und 150 v. Chr. aus.[31]

Zur Entstehung der Bücher kann noch gesagt werden, dass bei der Formierung der letzten beiden Bücher etwas anders gewesen sein muss als bei den Büchern I-III, was in erster Linie daran zu erkennen ist, dass das Überschriftensystem sich von da an ändert. Ab Psalm 90 gibt es viele Psalmen ohne Überschriften und auch Melodieangaben sind nicht mehr vorzufinden. Ebenso kommt ab dem vierten Buch häufig das Wort Halleluja als Rahmung oder Überschrift vor, was einen deutlichen Unterschied zu den vorigen Psalmen bedeutet, in denen es überhaupt nicht vorkommt. Des Weiteren nimmt der Gebrauch des zuvor häufig gesetzten musikalischen Terminus Sela, dessen Bedeutung unklar ist (möglich sind Deutungen als Zäsur, Signal zum musikalischen Zwischenspiel oder Pausenzeichen[32] ), ab Psalm 90 rapide ab; er taucht nur noch in zwei Psalmen auf. Auf der Gattungsebene kann man festhalten, dass zahlenmäßig die Klagepsalmen in den letzten beiden Büchern nicht mehr so stark vertreten sind wie in den Büchern I-III und die hymnischen Psalmen einen starken Zuwachs erfahren.[33] Davon wird beim Vergleich der Gattungen in Abschnitt 5.3 noch die Rede sein.

2.7 Bemerkungen zu Zählung und Psalmen außerhalb des Psalters

Die Zahl der 150 Psalmen wird zwar in allen Bibelübersetzungen beibehalten, jedoch gibt es Unterschiede in der Zählung der Psalmen. Die Septuaginta (die griechische Übersetzung des Alten Testaments) und die Vulgata (die lateinische Übersetzung des Alten Testaments) zählen anders als die hebräische Bibel; sie fassen Psalm 9 und 10 sowie 114 und 115 zu je einem Psalm zusammen. Im Ausgleich dazu werden jedoch Psalm 116 und 147 beide je in zwei Teile zerlegt, so dass der Umfang des Psalters der hebräischen Bibel wieder hergestellt ist.[34]

Diese 150 Psalmen sind keineswegs die einzigen der Bibel, sondern nur eine Sammlung ihrer innerhalb eines Buches. Auch in anderen Büchern haben Psalmen ihren Platz, jedoch nicht gesammelt wie im Psalter; sie nehmen aber häufig strukturell wichtige Stellen ein. Dazu zählen u. a. das Siegeslied am Schilfmeer (Ex 15, 1-18), das Lied des Mose (Dtn 32), das Lied der Debora (Ri 5) und das Magnificat der Hanna (1 Sam 2,1-11). Bisweilen sind auch ganze Bücher mit Psalmensprache durchzogen (z. B. Hiob).[35] Welche Besonderheiten die hier angesprochene Sprache des Psalters mit sich bringt, wird im folgenden Abschnitt vertieft und erklärt.

2.8 Die Sprache des Psalters

Der Psalter beinhaltet eine bestimmte Sprache, die sich von anderen Sprachformen im AT abhebt. Die Psalmen werden als Dichtung verstanden, weil ihre Sprache die Kennzeichen der hebräischen Poesie annimmt. Neben lautlichen Phänomenen wie Reimen und Assonanzen gilt der so genannte parallelismus membrorum (Parallelismus der Glieder) als das wichtigste Strukturmerkmal der Psalmensprache.[36]

Man kann generell drei Kennzeichen hebräischer Poesie festhalten, auf deren Gesetzen der Sprachbau fast jedes Psalms basiert:

a) Versmaß (Metrum): Die Existenz des Versmaßes ist bewiesen. Man kann es auf verschiedene Weisen testen, jedoch nur annähernd bestimmen. In Bezug auf die rhythmische Gestaltung kann man festhalten, dass sie normalerweise ebenmäßig und konsequent, jedoch nicht unbeweglich und schematisch ist. Bei manchen Psalmen kann man schon an der Zeilenschreibung deutliche Strukturen ablesen (z.B. Psalm 13; 29). Die meisten Gebete weisen eine rhythmische Gestaltung auf und sind in gebundener Sprache verfasst.[37]

b) Parallelismus der Glieder: Der parallelismus membrorum ist eine Grundform der Psalmenpoesie. In der Poesie arbeitet man mit Verszeilen, die auf eine bestimmte Weise aneinandergereiht werden. Bei den Psalmen gehören oft zwei Verszeilen poetisch zusammen und bilden so einen Parallelismus. Seltener, aber möglich, sind auch die Zusammenstellung von drei Zeilen oder die isolierte Position einer einzigen Verszeile.[38] „Die durch Parallelismen zusammengeordneten zwei oder drei Verszeilen wollen als eine Sinneinheit verstanden werden.“[39] Das dargestellte Thema wird durch den parallelismus membrorum sozusagen in den aufeinander folgenden Versen von mehreren Seiten beleuchtet.

Es gibt drei unterschiedliche Techniken des Parallelismus. Diese Kategorisierung in drei Grundformen geht auf den britischen Wissen-schaftler und Bibeltheologen des 18. Jh.s Robert Lowth zurück:[40]

1) synonymer Parallelismus – Bei dieser Technik wird die Aussage des ersten Verses im zweiten leicht abgewandelt erneut wiedergegeben; diese Form ist im Psalter am häufigsten vertreten (Bsp. Psalm 8, 5f).

2) antithetischer Parallelismus – Bei dieser Form werden gegensätzliche Aussagen in den Zeilen verwoben. Die Zeilen gehören zwar zusammen, wollen aber auch eine innere Spannung hervorbringen (Bsp. Psalm 1, 6).

3) synthetischer Parallelismus – Hier bilden die beiden Verse nur die gewollte Aussage, wenn sie zusammen gelesen werden, also als Synthese. Die Verse vervollständigen sich demnach gegenseitig und können nicht ohne den jeweils anderen Vers verstanden werden (Bsp. Psalm 27, 1.10).[41]

Die Parallelsetzung kann demgemäß zusammenfassend bedeuten, dass zwei Größen, in diesem Fall Verse mit einer Aussage, ähnlich und vergleichbar oder aber gegensätzlich und im Grunde nicht vergleichbar sind. Der dritte genannte Parallelismus wurde als Restkategorie für die Fälle eingeführt, die man in den ersten beiden Hauptkategorien nicht unterbringen konnte.[42]

c) Assonanz, Alliteration:

Diese Formen der hebräischen Poesie sind in den Psalmen vielfältig realisiert. Die Alliteration von Konsonanten (also der gleiche Anlaut aufeinander folgender Wörter) und Assonanz (Gleichklang) der Vokale im Vers sind zwar als Kunstform der Psalmen weniger bekannt, „[d]och ist das Phänomen überaus häufig und eindrucksvoll.“[43]

3. Vorstellung der zu untersuchenden Psalmengattungen

3.1 Zum Gattungsbegriff und der Forschung

Da der Hauptteil dieser Arbeit sich vor allem mit der Gattungsanalyse beschäftigen wird, ist es erforderlich zunächst zu klären, was eine Gattung an sich und im Zusammenhang mit Psalmen ist, welche Gattungen es gibt und welche Forscher sich in der Vergangenheit schon mit Psalmengattungen auseinandergesetzt haben. Danach werden die verschiedenen Gattungen, die bereits von Forschern identifiziert wurden, vorgestellt. Besonderes Augenmerk wird dabei auf die Vorstellung von Lob- und Klagepsalmen gelegt, da Gegenüberstellung und Vergleich der beiden Gattungen Gegenstand der weiteren Beschäftigung mit Gattungen sein wird; einige andere werden der Vollständigkeit halber kurz angeschnitten.

Im allgemeinen Verständnis sind Gattungen „typische Weisen der Kommunikation“[44], welche aus einem Sitz im Leben hervorgehen und sprachlich gefasst sein müssen. Mit Sitz im Leben wird die mutmaßliche Entstehungssituation bzw. Funktion eines Textes bezeichnet. Den unterschiedlichen Gattungen werden dabei verschiedene Sitze im Leben zugeordnet, es sind jedoch fast immer kultische Anlässe wie Bußtage des Volkes, Festprozessionen, Dankfeiern nach überstandenen Krankheiten Wallfahrtsrituale oder Bittgebete bei Unfruchtbarkeit.[45] Im Bezug auf die jeweilige Gattung der Psalmen kann festgehalten werden, dass sie „den Aufbau […], das Inventar seiner Motive und seine theologische Intention“[46] bestimmt. Dabei ist es dennoch wichtig, sich nicht zu sehr auf das jeweils vorgegebene Gattungsformular zu versteifen, denn „kein Einzelpsalm repräsentiert das Gattungsideal voll und ganz. Sie stehen in unterschiedlichem Abstand zum rekonstruierten Prototyp.“[47]

Man kann also zusammenfassen, dass die Gattungsfrage bei der Arbeit mit Psalmen einen großen Stellenwert hat, aber auch dass man das Gattungsformular nur als Anhaltspunkt nehmen sollte, um den eigentlichen Wert des Psalms nicht zu zerstören oder zu verbiegen. Daran wird sich meine Exegese der Psalmen in Kapitel 5 orientieren, doch zunächst folgt eine kurze Rückschau auf die bereits erfolgte Forschung.

Vorreiter in der Gattungsforschung der Psalmen war Herman Gunkel, der mit seinem Werk „Einleitung in die Psalmen: die Gattungen der religiösen Lyrik Israels“, das von Joachim Begrich nach Gunkels Tod zu Ende geführt und publiziert wurde, den ersten erfolgreichen Versuch machte die Psalmen mittels formgeschichtlicher Forschung zu differenzieren und gruppieren.[48] Er fordert in seinem Werk: „Ein literarischer Stoff muss zunächst nach Gesetzen seiner eigenen Art, also nach Gesetzen, die der Literaturgeschichte entnommen sind, geordnet werden[.]“[49] Danach beschreibt er, dass die Dichtungsart der Psalmen eine eigene Ordnung hat und dass Forscher genau diese „eingeborene, natürliche Gliederung“[50] wahrnehmen und heraushören müssen, um etwas zu den jeweiligen Gattungen sagen zu können. So kommt er also dazu, verschiedene Gattungen herauszustellen. Dabei führt er verschiedene Bedingungen an, die erfüllt sein müssen, damit man bei mehreren Psalmen von so etwas wie einer gemeinsamen Gattung sprechen kann. Die drei Bedingungen bzw. Voraussetzungen für eine Gruppierung innerhalb einer Gattung, die Gunkel festhält[51], sind im Folgenden zusammengefasst:

a) Zunächst nennt er, dass alle Psalmen, die einer Gattung angehören, eine gemeinsame Gelegenheit im Gottesdienst haben müssen oder wenigstens daraus entspringen sollen. Dieser kultische Anlass soll möglichst genau erfasst werden.

b) Die zweite Bedingung, die er nennt, ist ein gemeinsamer Schatz von Gedanken und Stimmungen in den Psalmen. Er bezieht sich dabei auf den ersten Punkt und sagt, dass dieser gemeinsame Schatz von Gedanken und Stimmungen aus dem Sitz im Leben schon vorgegeben ist oder leicht daran anknüpfen kann.

c) Die dritte und letzte Voraussetzung, um laut Gunkel von einer Gattung sprechen zu können, ist eine gemeinsame Formensprache, welche die Einzelpsalmen innerhalb einer Gattung miteinander verbindet. Wie diese Formensprache genau für verschiedene Psalmengattungen aussehen kann, wird hier noch nicht erwähnt.

Diese Regeln zur Gattungsbildung waren die ersten anerkannten der Forschung. Zwar hat Gunkels Klassifizierung über die Jahre hinweg auch Kritik erfahren, sein Ordnungsprinzip behält jedoch seine Gültigkeit mit einigen Verbesserungen und Verfeinerungen bis heute und wird daher auch in dieser Arbeit als Orientierung dienen.

3.2 Psalmengattungen

Gunkel hält verschiedene Hauptgattungen und kleinere Gattungen fest. Zu den Hauptgattungen sind nach Gunkel zu zählen:

1) „Die Hymnen“
2) „Lieder von Jahwes Thronbesteigung“
3) „Die Klagelieder des Volkes“
4) „Königspsalmen“
5) „Die Klagelieder des Einzelnen“
6) „Die Danklieder des Einzelnen“
7) „Das Prophetische in den Psalmen“
8) „Weisheitsdichtung in den Psalmen“

Außerdem führt er kleinere Gattungen wie „Die Segens- und Fluchworte“, „Das Wallfahrtslied“, „Das Siegeslied, „Das Danklied Israels“, „Die Legende“ und „Die Tora“ sowie „Gattungsmischungen“, „Wechselge-dichte“ und „Liturgien“ ein .[52] Im Folgenden soll vor allem über die Begriffe der Hymnen, also Lobpsalmen, und Klagepsalmen Klarheit verschafft werden.

3.2.1 Lobpsalmen/Hymnen

Innerhalb der Gattung der Lobpsalmen sind Texte versammelt, die hymnische Züge aufweisen. Das bedeutet, dass sie „Gesang, Bekenntnis und Lobpreisung vereinen und ihren festen Platz im gottesdienstlichen Leben des ersten wie des zweiten Tempels gehabt haben“.[53] Ihre genaue Zahl steht nicht fest bzw. ist schwer zu bestimmen, weil viele Psalmen zu mehr oder weniger großem Anteil hymnisch sind. Zu den Lobpsalmen gehören aber mit Sicherheit die Psalmen 8; 19; 29; 33; 100; 103-105; 111; 113f; 135; 145f und 148-150. Außerdem kann man die von Gunkel festgelegten Thronbesteigungslieder (47; 93; 95-99), die auch JHWH-Königshymnen genannt werden, sowie die Zionspsalmen (46; 48; 76; 84; 87; 122) dazuzählen.[54]

Die Hymnen unterscheiden sich inhaltlich voneinander, indem beispielsweise manche Texte den Schöpfer und seine Schöpfung loben (z.B. Psalm 8; 104), während andere Gottes Taten in der Geschichte preisen (z.B. 68; 105). Wieder andere bewundern den Berg Zion als Gottes Aufenthaltsort (z.B. 46, 76) oder bejubeln seine gerechte Herrschaft.[55] Sie haben jedoch alle die Gemeinsamkeit, dass sie sich dabei an Gott richten; ihm gilt der Lobpreis, der vermittelt werden soll, sogar wenn vordergründig andere Personen oder Gegenstände gepriesen werden: “Yahweh, in fact, is the sole and real subject of praise, even if the hymn seems to glorify intermediate things or persons.“[56] Als Sitz im Leben des Hymnus an sich (nicht zu verwechseln mit dem Sitz im Leben von Einzelpsalmen, um den es bei der Exegese der exemplarischen Hymnen in Kapitel 5 noch gehen wird) wird deshalb auch „das Erfahren des Eingreifens Gottes in die Geschichte“[57] angenommen. Die Handlung Gottes an den Menschen und seine Hilfe werden für die Menschen zur Motivation, ihn zu loben.

Lob nimmt innerhalb des Psalters eine zentrale Stellung ein. Schon die hebräische Psalterüberschrift tehillîm (d.h. Lobpreisungen; siehe Abschnitt 2.1) zeigt, wie fundamental das Gotteslob im Psalter ist.[58] Man kann es als eine der beiden Grundkategorien des Psalters ansehen. Die zweite ist die Klage, weshalb sich diese beiden Gattungen auch für eine Gegenüber-stellung bzw. einen Vergleich anbieten. Die Hymnen sind „bis auf wenige Ausnahmen (Ps 8) Gemeinschaftspsalmen“[59], d.h. der Hymnus ist eine Gattung des offiziellen Kultes und kann daher als kollektiv und nicht individuell aufgefasst werden.

[...]


[1] Vgl. Zenger: Das Buch, 351ff.

[2] Vgl. Seybold: Psalmen, 1366.

[3] Vgl. Seybold: Psalmen. Einführung, 11.

[4] Vgl. Hossfeld: Psalmen, 689.

[5] Vgl. Hartenstein/Janowski: Psalmen/Psalter, 1761f.

[6] Seybold: Psalmen. Einführung, 11.

[7] Vgl. ebd.

[8] Vgl. Seybold: Psalmen, 1366.

[9] Seybold: Psalmen, 1366.

[10] Westermann: Ausgewählte, 11.

[11] Vgl. ebd.

[12] Vgl. Seybold: Psalmen, 1369.

[13] Vgl. Westermann: Ausgewählte, 17f.

[14] Vgl. a.a.O., 24.

[15] Vgl. Seybold: Psalmen, 1366.

[16] Vgl. Seybold: Poetik, 48.

[17] Vgl. Seybold: Psalmen. Einführung, 21.

[18] Vgl. Seybold: Psalmen. Einführung, 22.

[19] Seybold: Poetik, 365.

[20] Vgl. Seybold: Psalmen. Einführung, 23.

[21] Vgl. Seybold: Poetik, 365.

[22] Vgl. Seybold: Psalmen. Einführung, 23f.

[23] Zenger: Das Buch, 355.

[24] Vgl. ebd.

[25] Seybold: Psalmen. Einführung, 14.

[26] Vgl. Westermann: Ausgewählte, 16.

[27] Seybold: Psalmen/Psalmenbuch, 614.

[28] Vgl. a.a.O., 615.

[29] Zenger: Das Buch, 362.

[30] Vgl. a.a.O., 363f.

[31] Vgl. Zenger: Das Buch, 366.

[32] Vgl. Hossfeld: Psalmen, 690.

[33] Vgl. Zenger: Das Buch, 363f.

[34] Vgl. Hossfeld: Psalmen, 690.

[35] Vgl. Zenger: Das Buch, 349.

[36] Vgl. Hartenstein/Janowski: Psalmen/Psalter, 1762.

[37] Vgl. Seybold: Psalmen, 1366.

[38] Vgl. Zenger: Das Buch, 360.

[39] Ebd.

[40] Vgl. Seybold: Poetik, 83f.

[41] Vgl. Zenger: Das Buch, 360.

[42] Vgl. Seybold: Poetik, 85f.

[43] Seybold: Psalmen, 1370.

[44] Utzschneider/Nitsche: Arbeitsbuch, 117.

[45] Vgl. Oeming: Das Buch. 36.

[46] Zenger: Das Buch, 361.

[47] Seybold: Psalmen. Einführung, 96.

[48] Vgl. Kraus: Psalmen, 37.

[49] Gunkel/Begrich: Einleitung, 9.

[50] A.a.O., 10.

[51] Vgl. a.a.O., 22f.

[52] Gunkel/Begrich: Einleitung, Inhaltsverz.

[53] Seybold: Psalmen. Einführung, 97.

[54] Vgl. Seybold: Psalmen. Einführung, 97.

[55] Vgl. Gerstenberger: Psalms I, 249.

[56] A.a.O., 17.

[57] Westermann: Lob und Klage, 17.

[58] Vgl. Hartenstein/Janowski: Psalmen/Psalter, 1765.

[59] Vgl. Millard: Psalter, 2.1.3.

Ende der Leseprobe aus 71 Seiten

Details

Titel
Der Psalter und seine Gattungen - Eine Untersuchung zum Verhältnis von Lob und Klage in den Psalmen
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
71
Katalognummer
V113343
ISBN (eBook)
9783640140275
ISBN (Buch)
9783640140510
Dateigröße
704 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Psalter, Gattungen, Eine, Untersuchung, Verhältnis, Klage, Psalmen
Arbeit zitieren
Katrin Zulauf (Autor), 2008, Der Psalter und seine Gattungen - Eine Untersuchung zum Verhältnis von Lob und Klage in den Psalmen , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113343

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