Diese Arbeit befasst sich mit der Frage: Inwiefern lassen sich Radikalisierungstheorien, welche für den religiös-motivierten Terrorismus ausgelegt sind, auf sozialrevolutionäre Vereinigungen anwenden?
Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 steht der religiös-motivierte Terrorismus im Zentrum der wissenschaftlichen Forschung, während andere Ausprägungen, wie zum Beispiel der sozialrevolutionäre Terrorismus, sich "auf dem Abstellgleis" befinden. Zahlreiche Radikalisierungstheorien bieten Ansätze, um diesen Prozess bei religiös-motivierten Aktivisten zu erklären. Der Takbir "Allahu akbar" ist eine arabische Redewendung, welche die Größe Gottes widerspiegelt. Der gebräuchliche arabische Ausdruck wird in verschiedenen Kontexten von Muslimen und Arabern auf der ganzen Welt verwendet. Beim formellen Salah (Gebet), beim Adhan (islamischer Gebetsruf) als informeller Ausdruck des Glaubens, in Zeiten der Not, Freude aber auch um Entschlossenheit oder Trotz auszudrücken. Während dieser Ausruf Glücksmomente im arabischen Sprachraum prägen, erlangt diese Formel in der westlichen Welt vermehrt traurige Bekanntheit, da sie wiederholt von Terroristen verwendet wird. Doch wie kommt es zur extremen Gewaltbereitschaft?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretischer Rahmen
2.1. Sozialrevolutionärer Terrorismus
2.2. Radikalisierung
2.2.1.Französische Soziologie
2.2.2.Theorie des Framings
3. Anwendbarkeit von Radikalisierungstheorien
3.1. Der Untersuchungsgegenstand: Die Rote Armee Fraktion (RAF)
3.2. Radikalisierung aufgrund soziologischer Faktoren
3.2.1.Sozioökonomische Marginalisierung
3.2.2.Nachbarschaftliche Solidarität der Ummah
3.2.3.Mangelnde Bildung und Gruppenzwang
3.3. Radikalisierung mittels Framing
3.3.1.„Die Rote Armee aufbauen!“
3.3.2.„Das Konzept Stadtguerilla“
3.3.3.Radikalisierung innerhalb der Gruppe?
4. Zusammenfassung und Fazit
4.1. Radikalisierung gemäß französischer Soziologie
4.2. Radikalisierung mittels Framing
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Anwendbarkeit gängiger Radikalisierungstheorien, die primär für religiös-motivierten Terrorismus entwickelt wurden, auf sozialrevolutionäre Gruppierungen am Beispiel der ersten Generation der Roten Armee Fraktion (RAF). Die zentrale Forschungsfrage lautet, inwiefern diese theoretischen Ansätze – insbesondere die französische Soziologie und die Framing-Theorie – das Entstehen und die Radikalisierung der RAF erklären können.
- Analyse sozialrevolutionärer Terrorismusformen und ihrer theoretischen Einordnung.
- Untersuchung soziologischer Faktoren (Marginalisierung, Identitätssuche, Gruppendynamik) auf ihre Übertragbarkeit.
- Anwendung der Framing-Theorie auf zentrale RAF-Publikationen ("Die Rote Armee aufbauen!", "Das Konzept Stadtguerilla").
- Vergleich der ideologischen Entwicklung der RAF während ihrer Zeit im Untergrund.
- Kritische Reflexion der Divergenzen zwischen sozialrevolutionärem und religiös-motiviertem Terrorismus.
Auszug aus dem Buch
3.3.1. „Die Rote Armee aufbauen!“
In „Die Rote Armee aufbauen!“ beschreibt die RAF in einer kurzen Verlautbarung, anlässlich der Baader-Befreiung, sich als Teils einer gerechten sozialen Bewegung, die weltweit gegen den amerikanischen Imperialismus zu Felde zieht. Dabei wird Gewalt zu einem legitimen Mittel des Widerstands umfunktioniert und der Aufbau einer illegal aus dem Untergrund operierenden Truppe als Akt der Notwehr gerechtfertigt (vgl. Pürer 2021:29).
Im Brief an die Genossen Agit 883, beschäftigte sich die RAF mit der Ausbeutung deutscher Bürger, welche keinerlei Entschädigung erhielten, durch den dekadenten Lebensstandard und Konsum (vgl. o.V. 1997: 24). Gleiches galt für die Ausbeutung der dritten Welt, „vom persischen Öl, Boliviens Bananen, Südafrikas Gold“ (ebd.:26). Diese sind in ihrer Ungerechtigkeit unterstrichen und folglich als grundlegende Problemzustände gekennzeichnet worden. Der angebliche Reformismus des eigenen Staats beschränke sich, auf „bessere Disziplinierungsmittel, durch bessere Einschüchterungsmethoden, bessere Ausbeutungsmethoden“ (ebd.). Dieser war in den Augen der RAF nicht zielführend, sodass eine Systemreformierung ohne „bewaffneten Kampf“, also kampflos, nicht möglich erschien.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt die Problemstellung der Terrorismusforschung dar und erläutert die Forschungsfrage hinsichtlich der Übertragbarkeit von Radikalisierungstheorien auf sozialrevolutionäre Gruppen.
2. Theoretischer Rahmen: Dieses Kapitel definiert den sozialrevolutionären Terrorismus und stellt die theoretischen Modelle der französischen Soziologie sowie der Framing-Theorie vor.
3. Anwendbarkeit von Radikalisierungstheorien: Der Hauptteil analysiert die RAF anhand der vorgestellten Theorien, untersucht soziologische Faktoren sowie die strategische Kommunikation der Gruppe mittels Framing.
4. Zusammenfassung und Fazit: Das Fazit bewertet die Anwendbarkeit der Theorien kritisch und kommt zu dem Ergebnis, dass sich diese nur teilweise auf die RAF übertragen lassen, während die Framing-Theorie signifikante Einblicke in deren Radikalisierung bietet.
Schlüsselwörter
Rote Armee Fraktion, RAF, Radikalisierung, Sozialrevolutionärer Terrorismus, Framing-Theorie, Politische Identität, Linksterrorismus, Ideologie, Stadtguerilla, Soziologische Faktoren, Baader-Meinhof Gruppe, Antiimperialismus, Gewaltlegitimation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Bachelorarbeit untersucht, ob Theorien zur Radikalisierung, die primär für religiös-motivierten Terrorismus entwickelt wurden, auch das Entstehen und Verhalten sozialrevolutionärer Organisationen wie der RAF erklären können.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit fokussiert sich auf die Schnittstellen zwischen Terrorismusforschung, politischer Radikalisierung, ideologischer Rechtfertigung durch Framing und soziologischen Erklärungsmodellen für Gewalt.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Prüfung der Anwendbarkeit gängiger Radikalisierungstheorien (französische Soziologie und Framing-Ansatz) auf die Rote Armee Fraktion, um zu klären, ob diese Erklärungsansätze für beide Typologien des Terrorismus valide sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Analyse, die auf einer umfassenden Literaturrecherche basiert und die Framing-Theorie gezielt auf historische Primärquellen (Manifeste) der ersten RAF-Generation anwendet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung der RAF, die Untersuchung soziologischer Faktoren wie Marginalisierung und Identitätssuche sowie die detaillierte Analyse der Framing-Prozesse in zentralen Schriften der Gruppe.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Rote Armee Fraktion, Radikalisierung, Framing-Theorie, sozialrevolutionärer Terrorismus, politische Identität, Klassenkampf und Antiimperialismus.
Warum ist die Framing-Theorie besonders für die RAF relevant?
Die Analyse zeigt, dass die RAF gezielt Frames nutzte, um Probleme zu konstruieren, Lösungen (wie den "bewaffneten Kampf") anzubieten und kollektives Handeln zu legitimieren, was die Theorie zur Analyse ihrer Propaganda besonders wertvoll macht.
Inwiefern unterscheiden sich die Ergebnisse bei der Anwendung der zwei Theorien?
Während die soziologischen Faktoren oft nur eine begrenzte Erklärungskraft für die RAF bieten (da die Mitglieder meist aus privilegierten Schichten stammten), erweist sich die Framing-Theorie als erfolgreiches Werkzeug, um die Radikalisierung der Ansichten innerhalb der Gruppe zu dokumentieren.
Welches Fazit zieht die Autorin bezüglich der Hypothese?
Die ursprüngliche Hypothese, dass die Radikalisierungstheorie der französischen Soziologie aufgrund unterschiedlicher ideeller Grundlagen nicht anwendbar sei, muss teilweise verworfen werden, da die Arbeit die Anwendung der Theorien kritisch nuanciert.
- Citar trabajo
- Nicole Brandlmeier (Autor), 2021, Die Heterogenität der Terrorismusforschung. Eine Analyse von Radikalisierungstheorien und Radikalisierungsprozessen in der "Roten Armee Fraktion" (RAF), Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1133827