Visuelle Re-Education im Zuge der Entnazifizierung 1945


Hausarbeit, 2008

17 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.) Einleitung

2.)Reaktion der Befreier und ihre Konsequenzen

3.) Bilder als Schuldbeweis

4.) Visuelle Re-Education

5.) Die Fotobroschüre „KZ“ und Aufklärungsplakate

6.) Reaktionen der deutschen Bevölkerung

7.) Fazit

8.) Literaturangaben:

1.) Einleitung

In meiner Hausarbeit befasse ich mich mit der Visuellen Re-education im Zuge der Entnazifizierung 1945.

Seit April 1945 bestimmten Fotografien und Berichte aus den nationalsozialistischen Konzentrationslagern die westliche Medienlandschaft. Aufgenommen wurden sie von Soldaten und Journalisten während und kurz nach der Befreiung der Lager. Es waren Bilder von unbeschreiblicher Grausamkeit. Sie zu zeigen, war Teil einer Aufklärungsstrategie, oder auch Re-Education genannt. Die deutsche Bevölkerung sollte über die begangenen Verbrechen und ihre eigene Schuld aufgeklärt werden.

Innerhalb weniger Wochen kam jeder Deutsche mit der Re-Education in Berührung. Doch welche Wirkung hatten die Plakate, Zeitungsartikel und Broschüren?

Sie klagten an, aber traf sie auch auf Reue?

Um die Reaktion der Bevölkerung besser zu erfassen, bildete nicht nur die Fachliteratur über Bilder aus den Konzentrationslagern meine Arbeitsgrundlage, sondern auch die Erfahrungsberichte von Beobachtern in Deutschland 1945. Eine Grundlage dafür ist das Buch „Zu Besuch in Deutschland“ von Hannah Arendt.

Nach der Klärung des Entstehens der Fotos und der damit verbundenen Aufklärungskampagne möchte ich auf die Bilder und ihre Symbolwirkung eingehen. Die Verbreitung der Fotografien werde ich zusätzlich an zwei Beispielen zeigen.

Hannah Arendt sprach in ihren Erinnerungen von einer geradezu „erdrückenden Allgegenwärtigkeit der Bilder“. Andere Beobachter wunderten sich über die paradoxen Reaktionen der Deutschen. Sie blieben kaum stehen, eilten vorbei und schauten nur kurz hin.

Die beiden Aspekte sollen die Grundlage für meinen Abschluss bilden, in dem ich genauer auf die Reaktionen der Deutschen auf die „visuelle Entnazifizierung“ eingehen werde.

2.) Reaktion der Befreier und ihre Konsequenzen

„Geschorene Köpfe und eingefallene Wangen […] es ist kaum möglich sie als Menschen anzusehen. Unter solchen Umständen versucht man zu vermeiden, sie zu viel zu sehen. Es ist zu schwer.“ George E. King

Die ersten Zeitungsberichte über die Konzentrationslager in der amerikanischen und englischen Presse fanden noch kaum Beachtung[1]. Zu sehr war die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf die aktuellen Frontberichte fixiert[2]. Auf Seiten der westlichen Alliierten waren es fast ausschließlich Berichte ohne Bilder. Aber auch die Befreiung der Vernichtungslager in Polen durch die Rote Armee, fand in den westlichen Medien kaum Resonanz. Im April 1945, als die ersten Bilder voller Waggons mit Leichen und halb verhungerten Überlebenden um die Welt gingen, ging ein Aufschrei des Entsetzens durch die Welt. Die Bilder stammten aus Ohrdruf, Nordhausen und Buchenwald. Aufgenommen wurden sie von Fotografen der alliierten Streitkräfte. Von da an hatte die Berichterstattung von den Konzentrationslagern Vorrang vor der Frontberichtserstattung. Selbst das Modemagazin „Vogue“ veröffentlichte die Bilder aus den Lagern.

Was die Befreier in den KZs vorfanden, übertraf selbst die schlimmsten Erwartungen. Die Zeugenberichte der Soldaten waren Beschreibungen voller Verwirrungen, Schrecken, Mitleid und Abscheu. Die unbeschreibliche Szenerie aus Bergen von Toten, verwesten Leichen und apathischen Überlebenden hatte nichts mit dem „normalen Kriegsalltag“ der Soldaten gemein.

Hier begegneten die alliierten Soldaten einem Tod ohne offensichtliche Logik oder Grund.

Wie unwirklich die Situation empfunden wurde und dass der Anblick der Häftlinge nicht nur auf Mitleid, sondern auch auf Ekel und Angst stieß, zeigen Zitate wie dieses:

„Hunderte Leichen lagen herum […] Zwischen ihnen saßen Frauen, die Kartoffeln schälten und Essensreste kochten. Sie waren recht teilnahmslos und als ich meine Kamera hob, um sie zu fotografieren, lächelten sie sogar.“

(Bericht eines englischen Sergeant über die Befreiung von Bergen-Belsen)[3]

Schnell war allen Beteiligten klar, dass dieses Schrecken festzuhalten sei. Als Zeugnis und Beweis, der es unmöglich macht diese Taten jemals abzustreiten. Die Weltöffentlichkeit musste über diese unvorstellbaren Verbrechen informiert werden[4]. Als unumstößlicher Beweis wurde die unwirkliche Szenerie fotografiert. Cornelia Brink sieht das Fotografieren als Möglichkeit für den Betrachter auf Distanz zu dem Schrecken zu gehen. Das Fotografieren wird zu einem Akt der Distanzierung um emotional und gedanklich mit dem Grauen fertig zu werden.[5]

Nicht nur die Soldaten griffen zu den Kameras, sondern auch viele professionelle Fotografen im Auftrag der Nachrichtenmagazine. Die Schwierigkeiten waren bei den Amateuren wie den Profis groß. Kaum jemand war in der Lage mit den Eindrücken von Tod und Leid „routinemäßig“ umzugehen. Besonders eindrucksvoll sind hierzu die Ausführungen der amerikanischen Starfotografin Margaret Bourke-White[6]. Über ihre Eindrücke und die Kamera als Distanzierung schreibt sie folgendes:

„Die Kamera zu bedienen war fast eine Erleichterung, es entstand dann eine schwache Barriere zwischen mir und dem Entsetzen, dass ich vor mir hatte. […], ich war zutiefst überzeugt, dass so eine Untat dokumentiert werden musste.“[7]

(Bourke-White Erfahrungen in Buchenwald)

Die Schwierigkeit für die Journalisten bestand vor allem darin, die Verbrechen in ihrem gesamten Umfang zu schildern, ohne die Glaubwürdigkeit ihrer Berichterstattung zu verlieren.[8] Die Ereignisse erschienen so grausam, dass viele Reporter sich außerstande sahen sachlich und gewohnt journalistisch zu berichten.[9] Doch eins war allen klar, für dieses „historische Ereignis“ musste Beweismaterial geliefert werden. Die Fotografien waren dafür, als ein allgemein anerkanntes Beweismittel, am Besten geeignet.

3.) Bilder als Schuldbeweis

„Wer es mit dem deutschen Volk gut meint, der muss dafür sorgen, dass jedem Deutschen diese von Gewalthabern ohne menschliches Fundament, von Verächtern aller Menschenwürde verübten Grausamkeiten in Herz und Hirn gehämmert werden […] Aus tiefster Scham muss Läuterung wachsen. […]Das ganze Volk wird dafür leiden müssen.“

(Aus einem Artikel Times 1945)

Schon wenige Tage nach den ersten Befreiungen zogen die Alliierten Konsequenzen aus dem Gesehenen und legten einen Plan zur Aufklärung der deutschen Bevölkerung vor.

Zuständig hierfür war die Psychological Warfare Division (PWD). In einer internen Mitteilung vom 16.April der PWD wurde das Vorgehen folgendermaßen festgelegt:

„Um die Unkenntnis der Deutschen zu bekämpfen, müssen solide Informationsprogramme organisiert werden, etwas wie der Krieg tatsächlich begann […], wie das Propagandaministerium die deutsche Bevölkerung getäuscht hat. Innerhalb dieses Rahmens streng objektiver Informationen[…] sollten den Verbrechen ein besonderer Platz eingeräumt werden, aber man muss daran denken, dass „atrocity propaganda“[10] ineffektiv sein wird, wenn die Verbrechen nicht kühl im Rahmen überzeugender und zuverlässiger Fakten behandelt werden.“[11]

Als harte Fakten galten neben Augenzeugenberichten hauptsächlich die Fotografien aus den befreiten Konzentrationslagern. Die Aufklärung über die Konzentrationslager sollte mit eben diesen unwiderlegbaren Fakten erreicht werden. Das Material für die schonungslose Aufklärung stammte von rund 558 Reportern[12], Kameramännern und Fotografen, die die Invasionstruppen seit dem Sommer 1944 begleiteten. Zu den Aufgaben der Journalisten gehörte nicht nur das Informieren der eigenen Öffentlichkeit und damit einhergehend eine gewisse Rechtfertigung des Krieges, sondern auch das Sammeln von Beweismaterial für Gerichtsverhandlungen und Prozesse[13]. Aber nicht nur Magazine, sondern auch die Armee selbst stellte Fotografen. Die Army Film und Photographic Unit (kurz: AFPU) war eine spezielle Einheit zur Sammlung von Foto- und Filmbeweisen.

[...]


[1] Brink, Cornelia: Ikonen der Vernichtung S.24

[2] Berenbaum, Michael: The World must know S.183

[3] Caiger-Smith, Martin: Bilder vom Feind S.12

[4] Kramer, Sven: Die Shoah im Bild. S.52

[5] Brink, Cornelia: Ikonen der Vernichtung S.28

[6] Bourke-White, Margaret: Deutschland, April 1945. München 1979

[7] Bourke-White, Margaret: Deutschland, April 1945. S.90ff

[8] Caiger-Smith, Martin: Bilder vom Feind S.11ff

[9] Brink, Cornelia: Ikonen der Vernichtung S.35

[10] „atrocity propaganda“ deutsch: Greuelmeldung, Greuel-/Schreckenpropaganda

[11] Kramer, Sven: Shoah im Bild. S.54

[12] Caiger-Smith, Martin: Bilder vom Feind. S.8

[13] mehr zur Verwendung von Fotos als Beweisen vor Gericht Brink, Cornelia: Ikonen der Vernichtung ab S.101

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Visuelle Re-Education im Zuge der Entnazifizierung 1945
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Konzeption und Bedeutungsmuster von NS-Gedenkstätten
Autor
Jahr
2008
Seiten
17
Katalognummer
V113442
ISBN (eBook)
9783640137886
Dateigröße
456 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Visuelle, Re-Education, Zuge, Entnazifizierung, Konzeption, Bedeutungsmuster, NS-Gedenkstätten
Arbeit zitieren
Birk Grüling (Autor), 2008, Visuelle Re-Education im Zuge der Entnazifizierung 1945, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113442

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