Ver- und Bearbeitung von Homosexualität in Klaus Manns Roman "Der fromme Tanz" (1926)


Hausarbeit, 2006

18 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

Einführung

1. Homosexualität in der Weimarer Republik

2. Literarische Vorbilder Klaus Manns

3. Die Darstellung von Homosexualität Klaus Manns im Roman Der fromme Tanz (1926)
3.1. Homosexuelle Figuren
3.2. Darstellung des Themas Homosexualität

4. Resümee

5. Literaturverzeichnis
5.1 Primärliteratur
5.2 Sekundärliteratur

6. Anhang

Einführung

Das Interesse für das Thema „Ver- und Bearbeitung von Homosexualität in Klaus Manns Roman Der fromme Tanz (1926) wurde bereits im Seminar, Klaus Mann und die Literatur der ‚Jungen Generation’ geweckt.

Die zentrale Frage, die ich versuchen werde, im Verlauf dieser Arbeit zu beantworten, lautet: Ist Klaus Manns Darstellung von Homosexuellen und deren Alltag zur Zeit der Weimarer Republik realistisch? Da Klaus Mann, der 1906 geboren wurde, seine homosexuellen Neigungen genau zu dieser Zeit entdeckte und sich mit der damaligen Gesetzgebung und den Problemen - wie der Diskriminierung und Benachteiligung Homosexueller sowie mit der erstmaligen öffentlichen Thematisierung von Homosexualität - auseinandersetzen musste, scheint mir diese Fragestellung äußerst interessant.

Zuerst möchte ich einen Überblick über die gesellschaftliche Situation und soziale Lage Homosexueller während der Zeit der Weimarer Republik geben. Besonders werde ich dabei auf den Paragraphen 175, der sexuelle Handlungen zwischen männlichen Personen unter Strafe stellt, und auf das im Laufe der Zeit ständig modifizierte Strafgesetz eingehen.

Im darauf folgenden Arbeitsschritt werde ich einen kurzen Überblick über Klaus Manns literarische Vorbilder, die sicherlich Einfluss auf seine Frühwerke genommen haben, geben. Schon bei der Betrachtung seiner Lieblingsautoren wird deutlich, dass Homosexualität im Leben und Werk Klaus Manns eine große Rolle spielte.

Anschließend werde ich mich der Romananalyse widmen und nach einer kurzen Zusammenfassung des Romans Der Fromme Tanz (1926) auf die homosexuellen Figuren des Romans eingehen.

Zuletzt werde ich das Thema der Homosexualität und dessen Darstellung im Roman beleuchten.

Neben dem Roman Der fromme Tanz, werde ich Klaus Manns zweite Autobiografie Der Wendepunkt (dt. EA 1952) hinzuziehen.

1. Homosexualität in der Weimarer Republik

Die Situation Homosexueller änderte sich zur Zeit der Weimarer Republik ständig. Je nach Machtverhältnissen im Parlament der jungen Republik konnten sich die Gesetze zugunsten oder gegen die Schwulen richten. Vor allem konservative und rechtsradikale Parteien befürworteten eine Verschärfung des §175. Dieser Paragraph stellte sexuelle Handlungen zwischen männlichen Personen unter Strafe. Er existierte von 1871 bis 1994, allerdings in immer wieder modifizierten Formen. Zu Beginn der Weimarer Republik wurden ‚beischlafähnliche’ Handlungen als Vergehen gewertet und strafrechtlich verfolgt. 1925 wurde der Paragraph durch eine Mitte-Rechts-Regierung verschärft und die „beischlafähnlichen“ Handlungen wurden nicht mehr nur als Vergehen angesehen, sondern als Verbrechen eingestuft. Ebenfalls stellte der Paragraph ab dieser Zeit weitere homosexuelle Betätigungen, wie die gegenseitige Masturbation, unter Strafe.

Die linken Parteien hingegen strebten eine Abschaffung dieses Paragraphen an, scheiterten allerdings, wie auch schon im Kaiserreich, an den fehlenden Mehrheitsverhältnissen.

Jedoch brachte die neue Zeit ab 1919 ohne Kaiser und Klassenwahlrecht grundlegende demokratische Rechte, Freiheit der Meinungsäußerung und der Presse für alle deutschen Bürger. „Die homosexuelle Minderheit machte davon eifrig Gebrauch.“[1] Um ihre soziale und gesellschaftliche Lage zu verbessern, schlossen sich Homosexuelle in so genannten „Freundschaftsvereinen“ zusammen. 1922 wurde der ‚Bund für Menschenrechte’ gegründet, der bis dahin größte Verein Homosexueller in Deutschland. „Auf der Gründungsversammlung legte sich der Bund auch auf politische Forderungen fest und konzentrierte die Ziele des Verbandes vor allem auf folgende Punkte: Kampf für die Abschaffung des Paragraphen 175 StGB, Kampf gegen die gesellschaftliche Ächtung der Homosexuellen, Kampf gegen Erpresser und kostenloser Rechtsbeistand.“[2]

Eine weitere, bereits 1897 gegründete Organisation, die für die Abschaffung des Paragraphen 175 kämpfte, war das ‚Wissenschaftlich- humanitäre Komitee’, welches von Magnus Hirschfeld[3] gegründet worden ist. Das ‚Wissenschaftlich-humanitäre Komitee’ war eng mit Hirschfelds ‚Institut für Sexualwissenschaft’ verbunden. Deshalb übernahm es einige seiner wissenschaftlichen Theorien, die allesamt darauf hinausliefen, Homosexuelle als ein biologisches „drittes Geschlecht“[4] zwischen Mann und Frau zu konstruieren. Das Ziel des Komitees war es, durch den Nachweis der genetischen Dispositionen zur Homosexualität das Strafrecht für unanwendbar zu erklären.

Nachdem gegen Ende des 19. Jahrhunderts die ersten Zeitschriften für Schwule veröffentlicht wurden, füllten in den 1920er Jahren immer mehr davon die Regale. Die Zeitschriften standen nicht mehr so stark wie zuvor unter Beobachtung. Auch der ‚Bund für Menschenrechte’ publizierte für diese Szene und verzeichnete sogar im Jahre 1930 eine Rekordauflage von 150.000 Exemplaren.[5]

Ebenso wie die Zeitschriften entstanden immer mehr Schwulenlokale, die für Shows, Feste und zum Kontakteknüpfen genutzt wurden. Neben den üblichen Treffpunkten an Bahnhöfen, auf öffentlichen Toiletten oder in Badehäusern boten sie eine etwas angenehmere Möglichkeit, andere schwule Männer kennen zu lernen.

Auch in der Filmwirtschaft fand das Thema der homoerotischen Sexualaufklärung kommerziellen Erfolg. 1919 erstand der erste Film, der sich mit der Homosexuellen-Problematik auseinandersetzt; er hieß ‚Anders als die Anderen’ und handelte von einem schwulen Mann, der von seinem Sexpartner erpresst wird und letzten Endes wegen der gesellschaftlichen Intoleranz Selbstmord begeht. „Am Ende des Films wurde der Paragraph 175 symbolisch mit einem Pinsel aus dem Strafgesetzbuch gestrichen.“[6] Allerdings wurde die öffentliche Vorführung des Films 1920, nach nur einem Jahr, auf Grund der wieder eingeführten Filmzensur verboten.

Der Höhepunkt des Kampfes gegen den Paragraphen seitens der Schwulen- und Lesbenbewegungen ist wohl am Ende der Weimarer Republik zu benennen, denn mit einer knappen Mehrheit wurde die Aufhebung der Bestrafung von Homosexualität unter Erwachsenen beschlossen. Gleichzeitig jedoch wurde ein neuer Paragraph[7] in das Strafgesetzbuch aufgenommen, der eine Verschärfung und deutliche Ausweitung des bisherigen Tatbestands implizierte. Dieser Paragraph bezog sich auf den Missbrauch von Abhängigkeitsverhältnissen, die männliche Prostitution und Verführung von Männern unter einundzwanzig Jahren. Ein Verstoß gegen diesen Paragraphen in schlimmstem Falle bedeutete fünf Jahre Gefängnis.[8] Folglich bedeutete das neue Strafrecht für die homosexuelle Szene einen immensen Erfolg, der auch entsprechende gefeiert wurde, da Homosexualität im gegenseitigen Einvernehmen unter Erwachsenen nun endlich ausgelebt werden konnte und lediglich, die auch heute noch in großen Teilen strafbaren Praktiken, wie z. B. Verführung Minderjähriger, rechtlich geahndet wurden.

Letztendlich wurde weder die Aufhebung der Bestrafung von Homosexualität noch die Einführung des neuen Paragraphen endgültig durchgesetzt, da sich zu der Zeit um 1929 die deutsche Republik mit auftretenden wirtschaftlichen und politischen Katastrophen auseinandersetzen musste[9]. Auf Grund dieser immensen und für die Republik wichtigeren politischen Probleme gelangte der Entwurf des neuen Strafrechts nicht zur Abstimmung in den Reichstag.

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 wurden ohnehin alle Erfolge der Homosexuellenbewegungen zunichte gemacht.

Insgesamt sind während der Zeit der Weimarer Republik ca. 140.000 Menschen nach den verschiedenen Fassungen des Paragraphen 175 verurteilt wurden.[10]

Obwohl die Zahl der Verurteilungen im Verlauf der ersten deutschen Republik stetig anstieg, lässt sich zusammenfassend festhalten, dass die Zeit der Weimarer Republik für die homosexuelle Minderheit insgesamt eine günstige war. Die demokratische Verfassung zu dieser Zeit gestand den Schwulen und Lesben erstmals grundlegende bürgerliche Rechte zu.[11] Weiterhin hatten Homosexuelle erstmals die Möglichkeit als homosexuelle Individuen am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben.

Somit prägte die Zeit der Weimarer Republik mit ihrer liberalen Einstellung der Homosexuellenszene gegenüber sicherlich den heranwachsenden Klaus Mann, der seine homosexuelle Orientierung auf Grund der Verhältnisse leichter ausleben konnte.

[...]


[1] STÜMKE, Hans-Georg: Homosexuelle in Deutschland. Eine politische Geschichte. München: Beck 1989, S. 53.

[2] STÜMKE, Hans-Georg: Homosexuelle in Deutschland. Eine politische Geschichte. München: Beck 1989, S. 54.

[3] Magnus Hirschfeld lebte von 1868 bis 1935 und war deutscher Arzt, Sexualforscher und Vordenker der Homosexuellen-Bewegung.

[4] Magnus Hirschfeld beschäftigt sich ebenfalls mit der Thematik in seinem Werk Berlins dritte Geschlecht (1905) .

[5] Vgl. STÜMKE, Hans-Georg: Homosexuelle in Deutschland. Eine politische Geschichte. München: Beck 1989, S. 54.

[6] STÜMKE, Hans-Georg: Homosexuelle in Deutschland. Eine politische Geschichte. München: Beck 1989, S. 63.

[7] Der Paragraph 296 wurde „schwere Unzucht mit Männern“ genannt.

[8] Vgl. STÜMKE, Hans-Georg : Homosexuelle in Deutschland. Eine politische Geschichte. München: Beck 1989, S. 82.

[9] Die deutsche Republik musste sich um 1929 mit auftretenden Katastrophen, wie der Weltwirtschaftskrise, einer hohen Arbeitslosigkeit, dem Zusammenbruch der Koalition aus SPD, DDP und VP und dem Aufstieg der NSDAP auseinandersetzten.

[10] Eine tabellarische Zusammenfassung der Verurteilungen dieser Zeit ist im Anhang als Anlage 1 zu finden.

[11] Vgl. STÜMKE, Hans-Georg: Homosexuelle in Deutschland. Eine politische Geschichte. München: Beck 1989. S. 91.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Ver- und Bearbeitung von Homosexualität in Klaus Manns Roman "Der fromme Tanz" (1926)
Hochschule
Universität zu Köln  (Deutsche Sprache und Literatur II)
Veranstaltung
Klaus Mann und die Literatur der jungen Generation
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
18
Katalognummer
V113453
ISBN (eBook)
9783640138166
ISBN (Buch)
9783640667024
Dateigröße
470 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ver-, Bearbeitung, Homosexualität, Klaus, Manns, Roman, Tanz, Mann, Literatur, Generation, Weimarer Republik, Wendepunkt
Arbeit zitieren
Linda Schmitz (Autor), 2006, Ver- und Bearbeitung von Homosexualität in Klaus Manns Roman "Der fromme Tanz" (1926), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113453

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