Albert Speer, Untersuchung zu seinen Utopien

Germania, Nürnberg, Vergleich mit Ernst Sagebiels Flughafen Tempelhof, Fazit über seine Utopien


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

29 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Architektur im Nationalsozialismus

3. Biografie Albert Speer

4. Exemplarische Werke Speers
4.1. Germania
4.1.1. Große Halle
4.2. Reichsparteitagsgelände Nürnberg
4.2.1. Allgemein
4.2.2. Zeppelinfeld
4.2.3. Deutsches Stadion

5. Der Flughafen Berlin Tempelhof als weiteres Beispiel Nationalsozialistischer Architektur

6. Fragestellung: Sind die Utopien bei Speer konkretisierbar?
6.1. Inszenierung
6.2. Generalplan für das Tausendjährige Reich
6.3. Der Nationale Stil

7. Schluss

8. Quellen (verwendet)

9. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Die Thematik rund um die Eigeninszenierung der Nationalsozialisten beschreibt ein äußerst weites Feld, das nicht besonders einfach zu handhaben ist. Mit ein Kern dieser Eigeninszenierung stellt die Baukunst dar, die sich durch Architekten wie Albert Speer, Ernst Sagebiel[1] oder Hans Freese[2] voll in den Dienst des Regimes stellte. Ich möchte mich in dieser Ausarbeitung besonders dem Architekten, Reichsminister und persönlichen Freund Hitlers, Albert Speer, widmen. Seine Planungen, die nur zu einem sehr geringen Teil verwirklicht wurden, sollten das Gesicht des „Tausendjährigen Reiches“ bedeutend mitprägen.

Zunächst möchte ich eine Biografie Speers voranschicken. Diese soll nur einige wichtige Fakten voranschicken und keine Bewertung der Funktionen Speers im Dritten Reich beinhalten. Das wäre an dieser Stelle ein zu weites Feld. Es geht hier vielmehr um eine bauhistorische und architekturtheoretische Ausleuchtung seiner Tätigkeiten als Architekt.

Um eine Einordnung in die gesamte nationalsozialistische Architektur zu ermöglichen, möchte ich, bevor ich exemplarisch auf einzelne Werke Speers eingehen werde, noch einen kurzen Überblick über diese gesamte Architektur geben.

Anschließend möchte ich an Hand zweier Beispiele Speers Planungsarbeit erläutern. Zum einen stelle ich seinen Plan für den Ausbau Berlins zur Welthauptstadt Germania vor und werde hier noch konkreter auf das größte Element dieser Planung, der so genannten „Großen Halle“, eingehen.

Des Weiteren werde ich auf die Planungen für das Gelände der Reichsparteitage in Nürnberg eingehen. Nach einigen allgemeinen Erläuterungen gehe ich noch näher auf das so genannte Zeppelinfeld und die Pläne für das „Deutsche Stadion“ ein, welches nie errichtet wurde.

Um das Feld etwas zu erweitern stelle ich noch ein Werk Ernst Sagebiels vor, den Flughafen Tempelhof in Berlin, der auch ein Teil der Gesamtplanung für die Welthauptstadt Germania war. An diesem Beispiel erkennt man ebenso wie bei Speers Werken die generellen Aspekte der Architektur des Nationalsozialismus.

Nach all den genannten Erläuterungen möchte ich endlich auf die Fragestellung eingehen, ob man besonders Speers Utopien konkretisieren kann. Hierzu gibt es selbstverständlich auch in Verbindung mit anderen Architekten des Dritten Reiches einige Aspekte, die nicht so einfach beantwortet werden können.

2. Architektur im Nationalsozialismus

Auf Basis von angeblichen Stilvorbildern in der klassischen europäischen Architektur begannen die Nationalsozialisten sehr schnell mit einer Entwicklung eines neuen, eigenständigen Stils ihrer Zeit.

Ein weiterer wichtiger Aspekt war die vollkommene Ablehnung des Neuen Bauens, die sich bereits sehr schnell im Verbot des Bauhauses äußerte. Es wurde unter anderem als „kulturbolschewistisch“ und „undeutsch“ bezeichnet.

Die architektonischen Konzepte weisen zunächst eine starke Reduzierung, Schlichtheit und Nüchternheit, gepaart mit Funktionalismus auf. Im Rahmen dieser Reduktion auf wenige Elemente finden sich Zitate auf diverse traditionelle Baugedanken wieder. Besonders die Funktionalität rückt zum Zwecke der Zur-Schau-Stellung von technischen Errungenschaften deutlich in den Vordergrund.

Anscheinend existierte allerdings keine Angleichung von sämtlicher Architektur der Zeit, sondern eine Art Gleichschaltung wurde einfach durch Nichtbeachtung von Architekten erzielt, die ihr Werk nicht den allgemein gültigen Regeln unterwarfen.

Jedoch ist das weitläufige Bild, dass die Bauten der Nationalsozialisten lediglich durch breite Freitreppenanlagen, wuchtige Säulen, lange und schnurgerade Achsen und gigantomanische Gebäude- und Ruhmeskomplexe charakterisiert werden können, obsolet und erfordert eine genauere Einteilung.

Es wurden nämlich für verschiedene Zwecke der Bauten nach heutiger Sicht[3] verschiedene Stile definiert:

Für Propaganda-, Staats- und Parteibauten verwendete man hauptsächlich einen neu definierten Klassizismus. Dieser „NS-Klassizismus“[4] wies die bereits erwähnten schlichten und reduzierten Formen auf, schmückte sich aber dennoch mit einigen klassischen Zitaten wie Säulenvorhallen oder Saalanordnungen. Als Beispiel wäre hier die Reichskanzlei Speers in Berlin zu erwähnen, die mit ihren langen Korridoren und Raumanordnungen ein deutliches Zitat von barocken Schlossanlagen darstellt. Ebenso kann hier das Reichsluftfahrtministerium in Berlin von Ernst Sagebiel genannt werden[5].

Charakteristisch sind bei diesen Bauten vor allem ebenfalls breite Freitreppen und große Freiflächen. Für Siedlungs- und Wohnbauten, wie auch für die Ordensburgen[6] entwickelte man einen ebenso neuartigen Heimatschutzstil, je nach der Bausubstanz der Region. So wurden im Schwarzwald beispielsweise weiterhin Häuser mit Fachwerkoptik, im Umland von Bremen weiter strohgedeckte Wohnhäuser errichtet. Die Ordensburgen orientierten sich an Burganlagen im näheren Umland.

Weitere Wohnbauten, eher Bauten des Geschoßwohnungsbaus, wurde dann eine reduzierte Moderne eingesetzt. Häufig findet man hier klassische Elemente wie Walmdächer vor, jedoch oftmals in Einheit mit neuen Erkenntnissen bei Raumaufteilungen oder Grundrissgestaltungen, die gegen die Aussagen der Nationalsozialisten Zitate des Neuen Bauens aufweisen.

Bei Bauten wie Sport- oder Stadienbauten reduzierte man meist die gesamte Formgebung auf einen Funktionalismus, der oftmals nur spärlich verkleidet wurde. Beispiel hierfür sind neben Teilen des Olympiageländes in Berlin[7] sicherlich auch die „Thingstätten“[8].

Ebenso verhält es sich bei Industrie- oder Technikbauten, die auch eine so genannte „Neue Sachlichkeit“ aufweisen und somit sofort als Bauwerke ihrer Art erkannt werden können. Auch das Seebad Prora[9], obgleich kein Industriebau, kann hier als Stilbeispiel dienen. Es fingiert als eine Art „Urlaubsmaschine“, die nahezu vollständig auf gestalterische Elemente verzichtet.

Diesen neuen Stilen sollten von nun an sämtliche Neubauten unterworfen werden. Hitler selbst war es, der den Plan fasste, das gesamte Land müsse innerhalb von 15 Jahren umgebaut werden, um seinen Plänen eines tausendjährigen Reiches gerecht zu werden.

Diese Pläne sahen vor, jeder Großstadt im Reich eine bestimmte Funktion zuzuweisen. So sollte Berlin zur „Reichshauptstadt Germania“ ausgebaut werden, während München die Funktion der „Stadt der Bewegung“ erhalten sollte. Diese Bezeichnung bezieht sich auf die Tatsache, dass die Anfänge der NSDAP in München lagen. Nürnberg sollte die „Stadt der Reichsparteitage“ werden und Linz zum „Kulturzentrum Deutscher Nation“. Hier wollte Hitler sich selbst zu Lebzeiten eine Grablege errichten lassen. Hamburg sollte den Auftrag erhalten eine Welthandelsstadt zu werden.

Für alle diese Planungen wurden die führenden Architekten der Zeit, unter anderen natürlich Albert Speer, herangezogen.

Gekoppelt waren diese Vorstellungen mit der Idee, das „Tausendjährige Reich“ mit einem Netz an Breitspurbahnen[10] zu erschließen. Diese Eisenbahn sollte in die Architektur mit integriert werden, was besonders bei den Planungen für Germania deutlich wird. Die Breitspureisenbahn war es auch, die neue Siedler in die Ostgebiete bringen sollte, welche dort wiederum Siedlungen im Heimatstil errichten sollten.

Die Breitspurbahn gelangte nie über den Status von Planungen heraus, während man heut zu Tage noch zahlreiche Bauten aus der NS-Zeit in Deutschland vorfindet. Nahezu aus allen genannten Bereichen gibt es noch monumentale Rudimente ihrer Zeit. Zu nennen sind hier als prominenteste Beispiele sicherlich das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg, das zu einem großen Teil fertiggestellt wurde. In Berlin kam es zur Umsetzung eines Teils der Pläne für Germania. Beispielsweise sind Teile der Ausführungen der Zeit die Achse durch den Tiergarten, mitsamt dem Großen Stern, wo sich bis heute die Siegessäule befindet. Entlang der Achse im Tiergarten finden sich auch noch Straßenlaternen, die Speer extra für diesen Bereich Berlins entworfen hatte.

In Vogelsang in der Nordeifel befindet sich bis heute eine der erwähnten Ordensburgen. Sie ist vollständig erhalten und wurde bis vor kurzer Zeit von der Bundeswehr als Übungsgelände verwendet.

3. Biografie Albert Speer

Berthold Hermann Albert Speer wird am 19. März des Jahres 1905 in Mannheim geboren. Er entstammt einem großbürgerlichen und wohlhabenden Hause. Schon sein Vater und Großvater waren Architekten. Nicht verifizierten Quellen zu Folge war sein Großvater ein Schüler Schinkels. Zunächst studiert Albert Speer Architektur an der Universität in Karlsruhe und wechselt dann 1925 nach München. Nach einem weiteren Wechsel nach Berlin-Charlottenburg wird er Schüler Heinrich von Tessenows[11], dessen Assistent er nach seiner Diplomierung wird. In dieser Zeit erhält er im Jahre 1930 seinen ersten Auftrag. Seine Aufgabe war es, eine Villa in Berlin-Grunewald im Dienste der NS-Kreisleitung zu einem Quartier der Kreisorganisation umzubauen.

Speer lässt sich allerdings bald als selbstständiger Architekt in seiner Heimat Mannheim nieder, bleibt allerdings ohne Aufträge.

In dieser Zeit beginnt er sich intensiv mit der Ideologie des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen und tritt daraufhin 1931 der NSDAP bei. Schon 1933 macht er die persönliche Bekanntschaft zu Hitler, der ihn von nun an förderte. Nach dem Tod des bisherig favorisierten Architekten Hitlers, Paul Ludwig Troost[12], übernimmt Speer dessen bisheriges Tätigkeitsfeld. In der folgenden Zeit entwarf Speer bereits das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg, und die neue Reichskanzlei in Berlin. Hitler fühlte sich in seinen Vorstellungen von Speer verstanden und ernannte ihn 1937 zum Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt. Im Rahmen dieses Amtes entwarf Speer die umfassenden Umbauten Berlins zur Welthauptstadt Germania.

Als der bisherige Reichsminister für Bewaffnung und Munition 1942 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kommt, beruft Hitler Speer zu dessen Nachfolger. Des Weiteren wurde er 1943 zum Reichsminister für Rüstung und Kriegsproduktion. Diese Ämter wurden Speer offenkundig nur zugetragen, da Hitler zu ihm sehr viel Vertrauen schöpfte und er sich von ihm nicht nur in seinen architektonischen Visionen verstanden fühlte.

In den Nürnberger Prozessen ab Kriegsende 1945 wurde Speer neben Hermann Göhring, Rudolph Hess, Wilhelm Keitel und Anderen zu einem der Hauptkriegsverbrecher erklärt. In diesem Verfahren leugnete er seine Mittäterschaft bei der Errichtung und Ausbeutung der Gefangenen in den Konzentrationslagern, obgleich die meisten Standorte der Lager nah bei Granitsteinbrüchen lagen, um dort das Baumaterial für seine Bauten abzutragen. Es konnten aber keine konkreten Beweise für seine direkte Mittäterschaft gefunden werden. Speer hat sich nach eigenen Angaben sogar den Nerobefehl, also den Befehl bei Kriegsende das Reich zu zerstören, widersetzt. Er habe sogar einen Anschlag auf Hitler geplant, der unter ungeklärten Umständen allerdings misslang.

Die meisten seiner Mitangeklagten wurden von den Richtern zum Tode verurteilt, Speer jedoch erhielt lediglich eine Haftstrafe von 20 Jahren, die er bis auf den Tag genau verbüßte.

Nach seiner Haftentlassung veröffentlichte er seine Tagebücher aus der Haftzeit und trat in diversen Talkshows in den USA auf. Hier erklärte er sehr souverän sein Handeln als Architekt zu jener Zeit. Auf die Fragen, ob er nun von den Umständen der Konzentrationslager bescheid wusste schwieg er bis zu seinem Tod im Jahre 1981 in London.

[...]


[1] Ernst Sagebiel, 2.10.1892 - 5.3.1970, deutscher Architekt, vor allem während der Zeit des Nationalsozialismus erlangte er zu Ruhm durch seine diversen Planungen für das Dritte Reich; u.a. Flughafen Berlin-Tempelhof und das Reichsluftfahrtministerium in Berlin. (deu.archinform.net 1.6.2008)

[2] Hans Freese, 2.7.1889 - 13.1.1953, deutscher Architekt und Hochschullehrer, Bauten vor 1933 u.a.: Haus der Gesundheit Karlsruhe, Max-Planck-Institut in Heidelberg, nach 1933 baut er im Dienste der Nationalsozialisten u.a. das Atelier von Arno Breker, und ein Konzentrationslager in Berlin. Nach dem Krieg als Hochschullehrer in Berlin tätig. (deu.archinform.net 1.6.2008)

[3] vgl. Weihsmann

[4] vgl. ebd.

[5] vgl. Abb.2

[6] Ordensburgen: Erziehungsschule für die Jugend im dritten Reich. Hier sollten sie in weltanschaulich perfektem Rahmen zu treuen Nationalsozialisten heranreifen. Diese Burgen wurden an verschiedenen Orten in ganz Deutschland errichtet, bekannteste Beispiele sind Vogelsang in der Nordeifel, Quedlinburg und Sonthofen im Allgäu. (vgl. Weihsmann)

[7] vgl. Abb.4

[8] Thingstätte: Meist im Wald gelegene amphitheaterähnliche Bühnenanlagen, in denen die Thingspiele abgehalten wurden. Die Thingspiele waren eine schauspielerische Umsetzung alter Germanensagen. Heute zu einem grossteil erhaltene Baukomplexe, Beispielsweise in Heidelberg (Architekt Hermann Alker). (vgl. Weihsmann)

[9] vgl. Abb.3

[10] Breitspurbahnen: Nie errichtetes Schienennetz von 3 Metern Spurbreite. Planungen ab 1934. Ein groß angelegtes Netz dieser Bahnen sollte wichtige Orte des 1000-Jährigen Reiches Verbinden. U.a. ein Breitspurbahnhof am Kopf der Ost-West-Achse in Berlin, wie am Reichsparteitagsgelände in Nürnberg. Ebenso geplante Erschließung der neuen Deutschen Siedlungsgebiete im Osten. (vgl. Anton Joachimsthaler: Die Breitspurbahn, München 1981)

[11] Heinrich Tessenow, 7.4.1876 – 1.11.1950, deutscher Architekt, bedeutender Vertreter des Reformgedankens, entwarf zahlreiche Gartenstädte, Wohnungsbauten und Industrieanlagen. (Ines Hildebrand, Magdeburger Biographisches Lexikon,. Magdeburg 2002)

[12] Paul Ludwig Troost, 17.8.1878 - 21.1.1934, prägender Architekt im beginnenden Nationalsozialismus, u.a. plant er das Kunsthaus und den Führerbau in München. Vorgänger Speers als Hitlers favorisierter Baumeister. (Ines Hildebrand, Magdeburger Biographisches Lexikon,. Magdeburg 2002)

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Albert Speer, Untersuchung zu seinen Utopien
Untertitel
Germania, Nürnberg, Vergleich mit Ernst Sagebiels Flughafen Tempelhof, Fazit über seine Utopien
Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)
Veranstaltung
Achitekturvisionen und Technikutopien
Note
2,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
29
Katalognummer
V113467
ISBN (eBook)
9783640138623
ISBN (Buch)
9783656206842
Dateigröße
2429 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Vollständige Hausarbeit mitsamt Abildungen, Literaturverzeichnis, Abbildungsverzeichnis
Schlagworte
Albert, Speer, Untersuchung, Utopien, Achitekturvisionen, Technikutopien
Arbeit zitieren
Peter Liptau (Autor), 2008, Albert Speer, Untersuchung zu seinen Utopien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113467

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