Die vorliegende Arbeit geht der Frage nach, welche Chancen und Risiken verschiedene Formen digitaler Lebensprotokollierung für Mensch und Gesellschaft mit sich bringen. Neben einer begrifflichen Annäherung an den Ausdruck „Selbstvermessung“ werden deren Ursprung, betroffene Lebensbereiche des Menschen sowie deren Motivation näher beleuchtet. Im Speziellen werden die damit verbundenen Vor- und Nachteile solcher Selbstvermessungspraktiken anhand der beiden Plattformen Runtastic und WW aufgezeigt.
Die Praktiken digitaler Selbstvermessung fanden ihren Ursprung in der sogenannten Quantified-Self-Bewegung, die im Jahr 2007 in den USA entstanden ist und die ihren Teilnehmern Selbsterkenntnis durch Zahlen verspricht. Doch es geht längst nicht nur um Selbsterkenntnis, es geht um Selbstoptimierung. Während der Körper früher noch als etwas Natürliches angesehen wurde, ist er heute etwas Veränderbares, das man nach seinen Vorstellungen gestalten und verbessern kann. Und die Sorge um sich wird langsam zum verzweifelten Ringen nach Perfektion, mit ungewissen Folgen.
„In einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist“. Dieses abgewandelte Sprichwort des römischen Satirikers Juvenal erscheint heute aktueller denn je. Die körperliche Gesundheit des Menschen wird an erste Stelle gestellt und ist Voraussetzung für seelische Gesundheit, Zufriedenheit und Glück. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass sich Menschen seit Jahrhunderten mit ihrem Körper beschäftigen. Der Wunsch danach, sich selbst kennen zu lernen, war wohl immer schon vorhanden.
Inhaltsverzeichnis
1. Selbstsorge in Zeiten der Digitalisierung
2. Selbstvermessung
2.1. Begriffsbestimmung und Formen der Selbstvermessung
2.2. Eine Geschichte des Selbstvermessens
2.3. Motivation der Selbstvermesser
3. Chancen und Risiken von Lifelogging‐Anwendungen
3.1. Sport: Runtastic
3.1.1. Kurzvorstellung und Leistungen von Runtastic
3.1.2. Diskussion der Chancen und Risiken von Plattformen wie Runtastic
3.2. Diät‐Tracking: WW – Das neue WeightWatchers
3.2.1. Kurzvorstellung und Leistungen von WW
3.2.2. Diskussion der Chancen und Risiken von Plattformen wie WW
4. Selbstvermessung als Weg in ein gutes Leben?
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die ambivalenten Auswirkungen digitaler Lifelogging-Anwendungen auf den Menschen und die Gesellschaft. Dabei wird analysiert, inwieweit die Selbstvermessung als Instrument zur Optimierung und Selbsterkenntnis dient und welche Gefahren hinsichtlich Leistungsdruck, Privatsphäre und Selbstentfremdung bestehen.
- Grundlagen und Geschichte der Selbstvermessung
- Motivationen und psychologische Aspekte des Self-Trackings
- Analyse der Sport-App "Runtastic" hinsichtlich Chancen und Risiken
- Analyse der Diät-Plattform "WW" (WeightWatchers) im Vergleich
- Ethische Reflexion von Datenverwertung und Selbstoptimierungszwängen
Auszug aus dem Buch
3.1.2. Diskussion der Chancen und Risiken von Plattformen wie Runtastic
Wie bereits in der theoretischen Einführung deutlich wurde, nutzen viele Menschen Selbstvermessungs-Apps um körperliche Prozesse oder Leistungen sichtbar zu machen. Ein konkreter medizinischer Grund dafür, mehr Sport zu treiben, ist dafür selten vorhanden. Statistiken über sich selbst wie bei Runtastic können eine sportliche Leistung attestieren und dienen als weitere Informationsquelle neben dem eigenen Körpergefühl und medizinischer Messung. (Duttweiler et. al., 2016, S. 241) Fitness-Apps stellen sich meist als Trainer dar, der am eigenen Leben mitwirken und es verbessern kann. (Duttweiler et. al., 2016, S. 93) In erster Linie können sie also dazu anregen, den inneren Schweinehund zu überwinden und sich zu mehr körperlichen Leistungen zu motivieren. Runtastic versucht – wie viele andere Fitness-Apps – durch die Kombination aus Sport und Technik, Spaß am Sport zu vermitteln. (Runtastic GmbH, 2019b)
Wie viele ähnliche Plattformen setzt Runtastic auf den Einsatz spielerischer Elemente, was durchaus positiv ist, da solche Gamification-Elemente in Lauf-Apps nachweislich das Bewegungsverhalten der Nutzer steigern können. (Wellmann & Bittner, 2016, S. 36) Auf virtuelle Belohnungen wie Medaillen wird bei der untersuchten App jedoch verzichtet. Stattdessen gibt es Elemente wie Fortschrittsbalken im Hinblick auf das gesetzte Ziel sowie wöchentliche und monatliche Ranglisten unter befreundeten Nutzern. In den Ranglisten, dem sogenannten Runtastic-Leaderboard, hat man die Möglichkeit, sich mit anderen Läufern, wie Freunden oder Arbeitskollegen zu vergleichen. Im Vergleich mit anderen stellt der Sportler fest, ob seine Werte normal oder unterdurchschnittlich sind. Das bringt wiederum Ungleichheiten hervor, es wird zwischen leistungsfähig und nicht leistungsfähig unterschieden, zwischen Gewinner und Verlierer. Wer nicht gut genug ist, fühlt sich als (digitaler) Versager. (Selke, 2016, S. 72) Durch die Messung von Puls und Herzfrequenz kann man zudem das Gefühl bekommen, ein Problem zu haben, falls sie unregelmäßig ausfällt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Selbstsorge in Zeiten der Digitalisierung: Einleitung in das Thema, welche die historische Entwicklung der Selbstsorge sowie den aktuellen Trend zur digitalen Selbstvermessung als Massenphänomen beschreibt.
2. Selbstvermessung: Umfassende theoretische Fundierung, die Begriffe definiert, die Geschichte der Selbstthematisierung aufarbeitet und die verschiedenen psychologischen Motive der Nutzer beleuchtet.
3. Chancen und Risiken von Lifelogging‐Anwendungen: Praktische Untersuchung anhand der Beispiele Runtastic (Sport) und WW (Diät), bei der die Vor- und Nachteile sowie die Auswirkungen auf den Nutzer diskutiert werden.
4. Selbstvermessung als Weg in ein gutes Leben?: Abschließende Reflexion, die das ambivalente Spannungsfeld zwischen persönlicher Freiheit zur Selbstoptimierung und gesellschaftlichem sowie technologischem Zwang zusammenfasst.
Schlüsselwörter
Selbstvermessung, Lifelogging, Self-Tracking, Quantified-Self, Selbstoptimierung, Fitness-Apps, Diät-Tracking, Runtastic, WeightWatchers, Datenschutz, Körperbild, Digitalisierung, Gesundheitsbewusstsein, Gamification, Selbstkontrolle.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beleuchtet die Ambivalenzen der digitalen Selbstvermessung und analysiert, welche Chancen und Risiken durch Lifelogging-Anwendungen für den Einzelnen und die Gesellschaft entstehen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die historische Entwicklung der Selbstbeobachtung, die Motivation der Nutzer zur Quantifizierung ihres Alltags sowie die ethischen und praktischen Konsequenzen der Nutzung von Tracking-Plattformen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie digitale Anwendungen zwar Orientierung und Unterstützung bieten können, gleichzeitig aber Leistungsdruck und Abhängigkeiten fördern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Aufarbeitung soziologischer Diskurse sowie einer vergleichenden Analyse zweier prominenter Anwendungsbeispiele.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden Runtastic (Sport-Tracking) und WW (Diät-Tracking) hinsichtlich ihrer Funktionen sowie ihrer positiven und negativen Folgen für die Nutzer detailliert untersucht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Selbstvermessung, Self-Tracking, Selbstoptimierung, Lifelogging und Datenschutz.
Warum wird bei Runtastic von einer Kombination aus Self- und Human-Tracking gesprochen?
Weil die App einerseits das körperliche Training protokolliert (Self-Tracking) und andererseits durch GPS-Daten den Aufenthaltsort sowie soziale Aktivitäten dokumentiert (Human-Tracking).
Welche Rolle spielt die finanzielle Hürde bei der Nutzung von WW?
Die monatlichen Kosten dienen laut Arbeit nicht nur als Barriere, sondern fungieren auch als zusätzlicher Anreiz für den Nutzer, das Programm diszipliniert durchzuhalten und Daten korrekt einzugeben.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2019, Ambivalenzen der Selbstvermessung. Chancen und Risiken digitaler Lifelogging-Anwendungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1134949