Das Single-Dasein als moderne Lebensform

Ein interkultureller Vergleich der pädagogischen Beeinflussung und Wirkungen in Deutschland und Frankreich


Essay, 2008

6 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung

1. Anliegen

2. Aktuelle Phänomene
2.1 Der Märchenprinz
2.2 Die zwei Ausprägungen des „ICH“

3. Fazit

1. Einleitung

Aktuell ziehen es immer häufiger Menschen vor, ihr Leben allein[1] zu verbringen. Vorteile für ein Solo-Leben sind gegeben. Welche gesellschaftsspezifischen Werteverschiebungen damit verbunden sind, möchte ich in dieser Arbeit aufzeigen. Als Referenz ziehe ich zwei typenspezifische Gesellschaften heran, die Französische und die Deutsche.[2]

Gerade für Frauen war das Solo-Dasein untypisch. Sie besaßen ein Zuneigungsbedürfnis und sind familiär orientiert. Bei Männern ist das Zärtlichkeitsverlangen weniger intensiv.[3] Das Hauptanliegen ist die zunehmende Autonomie der Frauen.

2. Aktuelle Phänomene

In der Evolution zur Dienstleistungsgesellschaft wird eine Vereinbarung von beruflicher Karriere und Familienleben schwerer. Frauen entscheiden sich für die Karriere zu Lasten einer Familiengründung, vor allem Deutsche. Das Zuneigungsbedürfnis wird kompensiert. Viele alltägliche Gegenstände oder Handlungen gewinnen eine neue Bedeutung.

Exemplarisch steht ein Spiegel, das Bett, die Badewanne oder der Esstisch. Diese Utensilien werden von den Solo-Frauen als Ersatz für den Mann betrachtet. Sie kompensieren damit ihr Zuneigungsbedürfnis. Der Spiegel ist Zuhause immer gegenwärtig. Er hilft zur Selbstfindung und gibt ein Feedback über das eigene Aussehen[4]. Bett und Badewanne stehen in einer komplexen, intimen Beziehung zur Dame. Sie geben Nähe, Wärme und Zärtlichkeit. Das Bett erhält zudem einen zentralen Platz, da in ihm viele Aktivitäten[5] ausgeführt werden. Es ist problematischer als die Badewanne, denn es wird unbewusst zweckentfremdet. Ursprünglich ist es für zwei geplant, aber die Frau als Single schläft allein darin. In dieser Situation regt es die Frau zum Denken an und verdeutlicht ihr ihre Einsamkeit. Singles verlangen Zuneigung. Es geht nicht um die Anwesenheit eines Mannes, sondern nur um die Möglichkeit[6], „Bis Morgen“ sagen zu können. Die Wohnungseinrichtung ist bei Alleinstehenden intensiver ausgestattet und verfügt über mehr Zubehör zur Ausschmückung. Tendenziell gleicht die Wohnungseinrichtung bei Singles einem Accessoiremaximalismus[7]. Eine weitere Kompensation der Beziehungslosigkeit erfolgt durch häufige One-Night-Stands oder kurzzeitige Bindungen.

Kaufmann spricht von einem „Drei-Phasen-Zyklus“ zum Erreichen des endgültigen Single-Lebens. Die „Vorwärts“-Phase (1) schafft die gesellschaftliche Akzeptanz für ein Solo-Dasein, da Frauen irgendwann auf den Traumprinzen stoßen. Die „Sturmwarnungs“-Phase (2) setzt die Alleinstehende unter Druck, bald ins Familienleben überzugehen. Anschließend folgt die Etappe des „Ruheankers“ (3), in dem der gesellschaftliche Druck zurückgeht. Die Singles sind zufrieden mit ihrem aktuellen Leben und genießen dieses.[8]

2.1 Der Märchenprinz

Der Märchenprinz für allein stehende Frauen ist ein verheirateter Mann. Dieser ist in der Lage, ihr die gewollte Zärtlichkeit und Liebe als auch den Sex zu geben. Die Frau erhält ihre Autonomie, denn ihr Geliebter hat andere Verpflichtungen an die er gebunden ist. Sobald eine solche Beziehung routinemäßig verläuft, wird sie abgebrochen.[9] Der Abbruch wird in Frankreich häufiger praktiziert, da hier ein gelockerteres Verständnis von Beziehungen existiert.

Die Intensität der Sehnsucht nach Zärtlichkeit hängt davon ab, wie zufrieden die Frau mit ihrem Single-Leben ist. Je unzufriedener, desto häufiger wird der Märchenprinz aufgesucht oder desto multipler ist der Beziehungsalltag der Frau.

2.2 Die zwei Ausprägungen des „Ich“

Bei weiblichen Singles sind zwei Formen des „Selbst“ charakteristisch, das Glaubende und das Zweifelnde.[10] Das Glaubende sucht nach Wahrheit und hat ein Bedürfnis nach klarer Zukunftsaussicht. Durch diese Form des „Ich“ gedrängt suchen die Frauen Wahrsagerinnen auf, die Ihnen den Fortgang ihres Lebens, bezüglich Liebe, Familie und Beruf, vorhersagen.[11] Das Zweifelnde geht davon aus, dass die wahre Liebe sich irgendwann fände, man müsse nur warten. Solange die Frau auf ihren echten Traumprinzen warte, könne sie die Vorzüge des Single-Dasein auskosten.

3. Fazit

In Deutschland sind moderne Frauen mehr Abteilungsleiter als Mütter. Frauen handeln zunehmend karriereorientiert. Der Einklang von Berufserfolg und Familie lässt sich schwer vereinbaren. Singlefrauen haben sich für eine erfolgreiche berufliche Vita zu Ungunsten einer Familie entschieden, wenn sie sich im deutschen Sinne für das Single-Leben entscheiden. In Frankreich hingegen sind die Frauen auf eine vielseitigere, abwechslungsreichere Gestaltung ihres Beziehungslebens aus, wenn sie Single bleiben . Weniger Französinnen verfolgen den Autonomiegedanken aus beruflicher Sicht. Die, welche allein leben, begehren einen oder mehrere Märchenprinzen. Sie denken seltener laufbahnorientiert. Die Differenz liegt in der Offenheit der französischen Gesellschaft und der einhergehenden Fluktuation innerhalb von Beziehungen. Darin begründet sehe ich auch den Fakt, dass es in Deutschland mehr erwerbslose Frauen als erwerbslose Männer gibt. In der BRD existiert noch ein Bild der traditionellen Hausfrau[12], weshalb viele Frauen als erwerbslos erfasst werden. In Frankreich hingegen besteht nur ein marginaler Unterschied bezüglich der Erwerbslosigkeit.[13]

Die Tatsache, dass in Frankreich (8,1%) mehr binationale Ehen geschlossen werden als in Deutschland (5,8%)[14], führe ich ebenso auf die größere gesellschaftliche Offenheit zurück. Französische Frauen sind demnach öfter bereit eine ungewisse oder sittenfremde Beziehung einzugehen.[15] Eine weitere Schlussfolgerung meinerseits aus den gegebenen Tendenzen, impliziert die Erziehung. In Deutschland wird die pädagogische Beeinflussung noch mehr institutionell[16] gesteuert. So erhält die Gesellschaft weniger Freiheiten sich zu entfalten. Der institutionelle Einfluss auf die Erziehung in Frankreich hingegen ist geringer, wodurch die pädagogische Prägung durch die Gesellschaft erfolgt.[17] Meine Essenz aus diesem Argument ist eine „kleinkarierte“, durch Teilelemente (z. B. die Schule), gesteuerte Erziehung in Deutschland. Das französische System ist weniger strukturiert. Die Erziehung erfolgt durch das übergeordnete System, die Gesellschaft.

Nach Kaufmanns „Drei-Phasen-Zyklus“ interpretiere ich, dass die zweite Periode der „Sturmwarnung“ in Deutschland intensiver ausgeprägt ist und tendenziell länger anhält. Meine Ansicht begründe ich auf der begrenzten, offenen Einstellung der deutschen Gesellschaftsform gegenüber innovativen Formen des Zusammenlebens.

Abschließend möchte ich als Begründungszusammenhang eine Prognose der Gesellschaftsevolution geben. Die bereits eingesetzte Werteverschiebung, das heißt einer Öffnung der gesellschaftlichen Toleranz bezüglich Singles, wird sich noch verstärken. Deutsche und Franzosen zeigen differenzierte Gründe für diese Tendenz. Ich meine, die Deutschen leben um zu arbeiten, Franzosen arbeiten um zu leben.[18]

[...]


[1] Der Terminus klassifiziert, dass keine feste Bindung an einen Partner mehr erfolgt. Offene, ungezwungene Beziehungen treten anstelle von Ehen oder eheähnlichen Lebensgemeinschaften auf (vgl. Statistisches Bundesamt: Bevölkerung nach Altersgruppen, Familienstand und
Religionszugehörigkeit [http://www.destatis.de/basis/d/bevoe/bevoetab5.php, gefunden am 08.01.07] und Statistisches Bundesamt: Eheschließungen, Ehescheidungen. [http://www.destatis.de/indicators/d/lrbev06ad.htm, gefunden am 08.01.07].

[2] Meine Kenntnisse der französischen Lebenswelten basieren auf Kaufmann, J. C. 2006: Singlefrau und Märchenprinz. Warum viele Frauen lieber allein leben. Aus dem Französischen von Daniela Böhmler, München, Goldmann. Er zeigt darin Erkenntnisse über allein stehende Frauen auf und versucht, Beweggründe zu klären. Seine Analyse beruht auf Leserbriefen, die ihm nach einem Magazinaufruf zugesandt wurden. Da ich selbst Zeit meines Lebens in Deutschland gewohnt habe, behaupte ich die deutsche Gesellschaft aufgrund eigener Erfahrung und Erfahrungsberichten von Freunden sowie einigen Statistiken einschätzen zu können.

[3] Männer sind eher rational eingestellt, Frauen hingegen emotionaler Natur. Die Rolle der Männer hat sich kaum verändert, die der Frauen hingegen stark (Emanzipation). Aus diesem Grund wird hier mehr auf die Gründe der Frauen eingegangen. Ein Vergleich beider Geschlechter geht über den Rahmen dieser Arbeit hinaus.

[4] Frauen erwarten es von ihren Männern in gewissen Abständen, eine Bestätigung ihrer Schönheit zu hören.

[5] So wird das Bett neben der Schlafgelegenheit und dem Geschlechtsverkehr zum Essen, Fernsehen, Telefonieren, Lesen, Briefe schreiben und anderen Handlungen genutzt.

[6] Ob die Ausführung stattfindet, ist nicht entscheidend. Schon wenn Chance besteht, ist die Begierde gebannt.

[7] Der Accessoiremaximalismus ist eine stilbewusste Modetendenz, bei der besonders viele Einzelheiten und Details Beachtung finden. Diese Richtung ist in der französischen Gesellschaft stark verbreitet. Bei Frauen ist der Accessoiremaximalismus intensiver ausgeprägt, als bei Männern. Die Ausstattung liegt jedoch bei allein Lebenden generell über dem Durchschnitt relativ zu Familienwohnungen.

[8] Vgl. Kaufmann 2006, S. 76ff.

[9] Dies ist in den meisten Fällen so. Es existieren Ausnahmen, in denen die Beziehung routiniert weitergeführt wird. In dieser Situation, verliert die Frau an Selbstständigkeit und es handelt sich nicht mehr um den klassischen, hier betrachteten Fall einer emanzipierten, autonom lebenden Frau.

[10] Auch dieser Fakt bezieht sich auf die Mehrheit der Solo-Frauen. Individuell dominiert eine der beiden Ausprägungen.

[11] Die Aussicht auf Klarheit hat bei vielen Frauen einen hohen Stellenwert. Kaufmann (2006, S. 134) berichtet von Arbeitslosen, die hungern, um eine Wahrsagerin bezahlen zu können.

[12] Sie ist verantwortlich für den Haushalt, die Wäsche und die Kindeserziehung. Ein Herauslösen aus dieser Rolle geschieht selten.

[13] Vgl. Franco, A/Winqvist, K. 2002: Mehr Frauen als Männer leben in Haushalten ohne Erwerbstätige. [http://www.beruf-und-familie.de/files/dldata/588605c92ba03fd192423ca98967f39c/statistik_kurz_gefasst_02_15.pdf, gefunden am 08.01.07].

[14] Vgl. Brainworker’s Onlinejournal & Internetverlag des Wissens: Von Acker- und Waldbauern zu Stadt-, Export- und Kapitalwirtschaft: Welche Faktoren bestimmen die Zufriedenheit mit dem Leben in der Schweiz – und anderswo. [http://www.brainworker.ch/Irak/happyness.htm, gefunden am 08.01.07]

[15] Dies verstärkt den Faktor einer vielseitigen, abwechslungsreichen Gestaltung des Beziehungslebens nach dem französischen Gedanken.

[16] Als Institutionen sehe ich hier Schulen, Universitäten u. a. Bildungseinrichtungen. Entscheidend ist, dass die Erziehung durch einen kleinen Gesellschaftsteil im direkten, persönlichen Umfeld erfolgt. Die erziehende Wirkung erfolgt somit zielgerichteter als in Frankreich. So sind in Deutschland Institutionen als Mittler zwischen das Individuum und die Gesellschaft geschalten. Die Pädagogik ist demnach individuell abgestimmt.

[17] Der Erziehung durch das direkte persönliche Umfeld, verkörpert durch Institutionen, wird weniger Bedeutung beigemessen. Die Gesellschaft wiederum entwickelt sich durch die Handlungen ihrer Individuen. Übertragen auf den Aspekt des vermehrten Solo-Lebens heißt dies, dass innerhalb der französischen Gesellschaft weniger Hemmungen bestehen, innovative Lebensformen auszuprobieren. Frankreich steht mehr für einen legeren Lebensstil i. S. einer unkontrollierten, ungehemmten Erziehung. Die Individuen sind den gesellschaftlichen Wirkungen unmittelbar ausgesetzt.

[18] Fragt man einen Deutschen, wird dieser die Behauptung nie zugeben, ein Franzose hingegen schon. Auch wenn die deutsche Bevölkerung dieser Behauptung widerspricht, so ist sie doch war, wenn man es in Relation zu Frankreich betrachtet.

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Das Single-Dasein als moderne Lebensform
Untertitel
Ein interkultureller Vergleich der pädagogischen Beeinflussung und Wirkungen in Deutschland und Frankreich
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Veranstaltung
Männerblicke – Frauenkörper – Familiensachen. Über die interkulturelle Konstruktion erzieherischer Wirklichkeiten zwischen Frankreich und Deutschland
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
6
Katalognummer
V113506
ISBN (eBook)
9783640143764
Dateigröße
365 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Single-Dasein, Lebensform, Männerblicke, Frauenkörper, Familiensachen, Konstruktion, Wirklichkeiten, Frankreich, Deutschland
Arbeit zitieren
Etienne Pflücke (Autor), 2008, Das Single-Dasein als moderne Lebensform, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113506

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