"Dora Bruder" von Patrick Modiano. Die Arbeit mit Fiktion und Realität im Werk


Seminararbeit, 2020

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Patrick Modiano
2.1 Biografie
2.2 Intention und Recherche zu Dora Bruder

3. Das metonymische Verfahren
3.1 Was ist Metonymie?
3.2 Metonymie in Dora Bruder

4. Stilistische Gestaltung und ihre Funktion
4.1 Stimme und musikalische Konzepte
4.2 Tod als Leitmotiv

5. Fazit

6. Bibliographie

1. Einleitung

Dora Bruder ist wohl eines der bekanntesten Werke von Patrick Modiano. Der Autor, welcher sich in fast allen seiner Werke mit der NS-Zeit in Frankreich, dem Holocaust und deren Folgen auseinandersetzt, greift dieses Thema hier erneut auf. Das Werk erzählt die Geschichte eines jungen, jüdischen Mädchens, welches die deutsche Besetzung Frankreichs miterleben und darunter leiden musste. Modiano bezieht sich dabei jedoch auf eine reale Person und versucht durch Recherchearbeit ihr Leben literarisch zu rekonstruieren.

Die Inszenierung von Leerstellen ihrer Geschichte durch das metonymische Verfahren sowie diverser stilistischer Mittel ermöglicht es Modiano, einen Roman aus Fiktion und Realität zu verfassen. Dadurch versucht er einerseits, die Leserschaft zur kollektiven Erinnerung des Holocausts aufzurufen, und andererseits, um seine eigenen Empfindungen bezüglich dieses Themas zu verarbeiten.

2. Patrick Modiano

2.1 Biografie

Patrick Modiano wurde am 30. Juli in Boulogne-Billancourt bei Paris geboren. Seine Mutter, Louisa Colpeyn, war eine Schauspielerin flämischer Abstammung. Sein Vater, Albert Modiano, entstammt einer jüdischen Familie aus Italien, welche vor seiner Geburt nach Frankreich emigrierte. Albert und Louisa lernten sich während der Okkupation in Paris kennen und heirateten 1944. Da sich Albert, entgegen der Vorschrift, nicht im Oktober 1940 als Jude registrieren ließ, trug er demnach in den Folgejahren auch keinen Judenstern. Er überlebte die Okkupationszeit im Untergrund und war unter anderem verwickelt in Schwarzmarktgeschäfte im Umkreis einer Bande der Rue Lauriston. Patrick selbst wuchs zunächst mit seinen Eltern und seinem zwei Jahre jüngeren Bruder Rudy in Paris auf, zu welchem er ein enges Verhältnis pflegte. Da seine Eltern aus beruflichen Gründen immer weniger anwesend sein konnten, schickten sie Patrick und seinen Bruder zunächst in ein kleines Dorf zu seiner Patin, und später in verschiedene Internate. Patrick’s Bruder Rudy verstarb bereits 1957.

2.2 Intention und Recherche zu Dora Bruder

[…] j’ai besoin d’un tas d’achives, vieux journaux, plans des villes, pour situer ce que j’invente. Comme und acteur, je dois m’accrocher à des points de repère, à des détails précis, pour me mettre dans la peau du rôle.1

So beschreibt Patrick Modiano seine Vorgehensweise in der Recherche für seine Werke. Als er 1988 einige alte Zeitschriften und Telefonbücher der Stadt Paris durchblätterte, stieß er dabei auf eine Suchmeldung in einem Paris-Soir von Dezember 1941:

On recherche une jeune fille, Dora Bruder, 15 ans, 1m55, visage ovale, yeux gris-marron, manteau sport gris, pull-over bordeaux, jupe et chapeau bleu marine, chaussures sport marron. Adresser toutes indications à Mme Bruder, 41 Boulevard Ornano, Paris.2

Er erklärt daraufhin auch bereits einige Verbindungen seines Lebens zu Doras Schicksal. Das genannte Viertel, Boulevard Ornano, war auch für ihn ein oft besuchter Ort in seiner Kindheit. ( DB, S.7)

Aber auch sein Vater, wie bereits erwähnt, war en Jude im Frankreich des zweiten Weltkrieges. Dies ist wohl eine der wichtigsten Verbindungen Modianos zu dieser Zeit, wodurch er sich einerseits als Opfer, aber auch als Mittäter fühlt.3

Damals begab er sich auf die Suche nach mehr Informationen über dieses Mädchen, konsultierte ebenfalls das „Mémorial de la déportation des juifs de France“ von Serge Klarsfeld und fand ihren Namen in einer Liste für einen Transport nach Auschwitz, ausgehend von Drancy am 18. September 1942.4

Aus dieser Information heraus entstanden später zwei Texte: „Voyage de noces“ (1990), ein Roman welcher zwar durch Dora Bruder inspiriert ist, dessen Charaktäre und Handlungen jedoch frei erfunden sind. 1997 erscheint dann Dora Bruder, welcher sich weder als „typischer“ Roman, noch als historischer Bericht zu erkennen gibt.5

Das Ziel Modianos bei Dora Bruder ist die Befreiung Doras aus der Situation des anonymen Shoa-Opfers. Er dokumentiert dabei seine eigene Spurensuche.

Das der Autor als Erzähler identifiziert werden kann wird u.a. durch die Erwähnung Modianos ersten Werkes deutlich:

, ,[…]j’avais apporté au docteur Ferdière un exemplaire de mon premier livre, La place de l’Étoile, et il avait été surpris de titre.’’ ( DB, S. 100)

Sein Text ist ein „livre contre l’oubli“6, ein Buch gegen das Vergessen. Er widmet sich in seinem Werk nämlich nicht nur Dora Bruder, sondern ebenfalls anderen, anonymen Mädchen sowie der Zerstörung offizieller Dokumente und Archive. Die Bezeichnung „livre contre l’oubli“ trifft jedoch nicht nur auf Dora Bruder, sondern auf viele Texte Modianos und andere der Shoa-Literatur zu.7

Trotz jahrelanger Recherche erfährt Modiano lediglich einige Eckdaten aus Doras Leben. So dauert es zum Beispiel 4 Jahre bis er ihr Geburtsdatum, den 25. Februar 1926, herausfindet, und weitere zwei Jahre, bis er ihren Geburtsort in Erfahrung bringt, das Hôpital Rothschild im 12. Arrondissement. (vgl. DB, S.14)

Weiterhin lässt sich ihr Leben folgendermaßen zusammenfassen:

Am 9. Mai 1940 wird sie von ihren Eltern in das Internat Saint-Coeur-de-Marie geschickt. Am 14. Dezember 1941 flieht sie aus dem Internat und wird am 27. Dezember 1941 von ihrem Vater als vermisst gemeldet. Die Suchmeldung im Paris-Soir erscheint am 31. Dezember 1941, und erst am 17. April 1942 kehrt Dora zu ihrer Mutter zurück. Bald darauf reißt sie erneut aus und wird am 15. Juni von der Polizei zurück an Doras Mutter übergeben. Es folgt die Internierung in das Lager Tourelles in Paris am 19. Juni 1942 und am 13. August wird sie nach Drancy gebracht, wo sie ihren Vater wieder trifft, welcher bereits am 19. März in Drancy interniert wurde. Am 18. September deesselben Jahres werden sie im gleichen Transport nach Auschwitz deportiert, Doras Mutter erst am 11. September des Folgejahres. Ab da verliert sich ihre Spur.8

3. Das metonymische Verfahren

3.1 Was ist Metonymie?

Als Metonymie beschreibt man eine Stilfigur, welche neben der Metapher eine der bedeutendsten Formen der Uneigentlichkeit darstellt. Der Begriff Metonymie entstammt dem griechischen Begriff metonomázein und bedeutet so viel wie umbenennen, oder Namen vertauschen.9

Der Ko- oder Kontext eines Ausdrucks (Wort- und Wortverbindung) „konterdeterminieren“ einen Ausdruck als Initialsignal der Uneigentlichkeit und fordern dadurch gleichzeitig als Transfersignal der Uneigentlichkeit zu einem entschematisierten, aber rational bestimmten Neuverstehen des somit metonymischen Ausdrucks in seinem Ko- oder Kontext und im Zusammenhang mit seinem morphosemantischen Feld auf.10

3.2 Metonymie in Dora Bruder

Dieser Metonymie bedient sich Modiano, um die gesammelten Informationen zu Be- und Verarbeiten. Er füllt die Leerstellen in Doras Geschichte mit fiktiven Texten oder indirekten historischen und örtlichen Fakten, wie Parallelschicksale, Ortsbeschreibungen oder Eckdaten der NS-Zeit. Durch die beigefügte Fiktion handelt es sich nun nicht mehr um einen rein historischen Text.

Birgit Schlachter bemerkt dazu:

Modiano nähert sich viel mehr der Abwesenden an, indem er ausgehend von den historischen Fakten einen nichtfiktiven Text schreibt und durch metonymische Verlagerung und Verschiebung Doras Person „eingrenzt“.11

Er umkreist also Doras Leben und bildet Geschichten, welche sich alle in einem Berührungspunkt mit Doras Schicksal wiederfinden. Somit wird ein metonymischer Bezug zur abwesenden Person, Dora, aufgebaut.12

Zur detaillierten Rekonstruktion Doras Daseins nutzt Modiano oft besonders ausführliche, eingehende Ortsbeschreibungen von Orten, an welchen Dora sich während ihrer Geschichte ebenfalls aufhielt. Dabei sucht er sie entweder direkt bei seiner Spurensuche auf und erklärt deren aktuellen Zustand oder rekonstruiert die Geschichte um diesen Ort:

Je suis retourné dans ces parages au mois de mai 1996. Un magasin a remplacé le cinéma. On travers la rue Hermel et l’on arrive devant l’immeuble du 41 boulevard Ornano, l’adresse indiquée dans l’avis de recherche de Dora Bruder. Un immeuble de cinq étages de la fin du XIXe siècle. […] ( DB, S.11)

Jurt Joseph äußert sich dazu folgendermaßen:

„So wird der Schriftsteller zu einer Art Archäologe. Er versucht, hinter oder unter den Fassaden von heute Spuren der Vergangenheit aufzudecken.“13

Modiano nutzt also die Ortsbeschreibungen, um den Eindruck zu erwecken, diese Orte würden das Gedächtnis von seinen ehemaligen Besuchern bewahren und deren Erinnerung durch eine detaillierte Beschreibung heraufbeschworen werden können.

Er nutzt eben diese Erinnerung, um eine Art Existenz von Dora Bruder heraufzubeschwören. Dabei geht er davon aus, dass deren Spuren in der Stadt eingraviert sind.14

Er bemerkt jedoch auch das die detaillierte Ortsbeschreibung von Paris in einem Kontrast zu Doras Leben steht, über welches es verhältnismäßig wenig Informationen gibt.

So bemerkt Birgit Schlachter:

Die Reaktualisierung der Vergangenheit durch die Beschwörung des Gedächtnisses der Orte gelingt insofern nur bedingt, als die Orte vor allem auf die Abwesenheit Doras und ihrer Eltern verweisen […].15

Dadurch wird die Metonymie in diesen Ortsbeschreibungen bewiesen, da diese das Leben Doras durch eine metonymische Verschiebung versuchen zu fassen bekommen.

Ein weiterer Versuch Modianos‘ Doras Existenz in einen metonymischen Bezug zu bauen ist die Aufzählung historischer Ereignisse und Daten.

Dabei beschreibt er die französische Judenverfolgen in einzelnen Etappen und bettet Doras Geschichte darin ein. Er spannt, zum Beispiel, einen Bogen von Doras Verschwinden aus dem Internat am 14. Dezember 1941 und der zu dieser Zeit geltenden Ausgangssperre ab sechs Uhr abends. (vgl. DB, S. 55f.)

Er zitiert außerdem offizielle Dokumente, die auch Dora betroffen haben müssen oder, um ein Bild ihres Lebens zu skizzieren.

Da viele Dokumente über ihr eigenes Schicksal nicht mehr vorhanden sind, bedient er sich jedoch auch Dokumente analoger Fälle, welche mit Doras Schicksal vergleichbar sind. Diese Parallelschicksäle benutzt er besonders im letzten Drittel des Romans und konzentriert sich dabei zum Beispiel auf Briefe an Polizeipräfekte von Paris, in welchen Angehörige der sich nach internierten Personen erkundigen.

So berichtet er beispielsweise über fünf Frauen, welche alle am 22. Juni 1942 von Tourelles nach Auschwitz deportiert wurden, und dementsprechend ihren Weg gekreuzt haben müssen.16

Er gelangt außerdem an einen Brief von einem Robert Tartakovys, welcher am selben Tag, am 22. Juni 1942, nach Auschwitz deportiert wurde. (vgl. DB, S.121-127)

Auch hierbei ist die Arbeit mit Metonymie festzustellen, wie Schlachter erklärt:

„Dieser Brief, der in voller Länge zitiert wird, steht wiederum metonymisch für ein subjektives Zeugnis, das von Dora fehlt.“17

Obwohl der Nutzen paralleler Schicksale zwar einerseits dazu führt, dass der Text sich zeitweise mehr von Dora entfernt, wird zeitgleich auch ein kollektives Denken der Leserschaft angeregt. Dadurch wird verdeutlicht, dass Dora zwar ein einzelnes, wichtiges Schicksal durchleben musste, sie aber auch repräsentativ für alle Opfer des Holocausts zu sehen ist.18

[...]


1 Rolin, Gabrielle: “Patrick Modiano le dernier enfant du siècle. In: Lire 120, 1985, S. 63.

Zitiert nach: Schlachter, Birgit: „Schreibweisen der Abwesenheit. Jüdisch-französische Literatur nach der Shoa“, in: Bodenheimer, Alfred/Picard, Jaques (ed.), Reihe Jüdische Moderne, vol. 4, Köln/Weimar/Wien: Böhlau 2006.

2 Modiano, Patrick: Dora Bruder. Paris: Éditions Gallimard, 1999, S. 7. Im Folgenden wird das Werk mit DB abgekürzt.

3 Vgl. Amar, Ruth: „Patrick Modiano’s Voice: from La Place de l’étoile to Dora Bruder”, in: Praisler, Michaela (ed.), Cultural Intertexts, vol. 5: Editura Casa Cărții de Știință, 2015, S. 9-10.

4 Vgl. Schlachter, Birgit: „Schreibweisen der Abwesenheit. Jüdisch-französische Literatur nach der Shoa“, in: Bodenheimer, Alfred/Picard, Jaques (ed.), Reihe Jüdische Moderne, vol. 4, Köln/Weimar/Wien: Böhlau 2006, S. 196.

5 Vgl. Schlachter: Schreibweisen der Abwesenheit. Jüdisch-französische Literatur nach der Shoa, S.

6 Czarny, Nobert: „Contre l‘oubli”, in: La Quinzaine littéraire 714, 1997, S. 8.

Zitiert nach: Schlachter: Schreibweisen der Abwesenheit. Jüdisch-französische Literatur nach der Shoa, S.

7 Vgl. Schlachter: Schreibweisen der Abwesenheit. Jüdisch-französische Literatur nach der Shoa, S. 197.

8 Vgl. Schlachter: Schreibweisen der Abwesenheit. Jüdisch-französische Literatur nach der Shoa, S.197-198.

9 Vgl. Burdorf, Dieter/Fasbender, Christoph/Moenninghoff, Burkhard (ed.): Metzler Lexikon der Literatur. Begriffe und Definitionen, J.B. Metzler’sche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH 20073, S. 497.

10 Burdorf, Dieter/Fasbender, Christoph/Moenninghoff, Burkhard (ed.): Metzler Lexikon der Literatur. Begriffe und Definitionen, J.B. Metzler’sche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH 20073, S. 497.

11 Schlachter: Schreibweisen der Abwesenheit. Jüdisch-französische Literatur nach der Shoa, S. 198.

12 Vgl. Schlachter: Schreibweisen der Abwesenheit. Jüdisch-französische Literatur nach der Shoa, S. 198.

13 Jurt, Joseph: “Patrick Modianos “Dora Bruder”. Wie der Schriftsteller Licht in die Besatzungszeit bringt“, in: Neue Luzerner Zeitung Nr. 176 vom 2.8.1999.

Zitiert nach: Schlachter: Schreibweisen der Abwesenheit. Jüdisch-französische Literatur nach der Shoa, S. 201.

14 Vgl. Schlachter: Schreibweisen der Abwesenheit. Jüdisch-französische Literatur nach der Shoa, S.201.

15 Vgl. Schlachter: Schreibweisen der Abwesenheit. Jüdisch-französische Literatur nach der Shoa, S. 202.

16 Vgl. DB: „J’ai pu identifier quelques femmes, parmi celles qui sont parties le lundi 22 juin, à cinq heures du matin, et que Dora a croisées en arrivant le jeudi aux Tourelles.”, S.115-116.

17 Schlachter: Schreibweisen der Abwesenheit. Jüdisch-französische Literatur nach der Shoa, S.205.

18 Vgl. Schlachter: Schreibweisen der Abwesenheit. Jüdisch-französische Literatur nach der Shoa, S.205.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
"Dora Bruder" von Patrick Modiano. Die Arbeit mit Fiktion und Realität im Werk
Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
16
Katalognummer
V1135195
ISBN (eBook)
9783346509475
ISBN (Buch)
9783346509482
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Patrick Modiano, Dora Bruder, Frankoromanistik, Literatur, Literaturwissenschaft
Arbeit zitieren
Laura Schmidt (Autor:in), 2020, "Dora Bruder" von Patrick Modiano. Die Arbeit mit Fiktion und Realität im Werk, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1135195

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