Lord Peter Wimsey. Ein Inter-War Gentleman. Der Wandel des Gentlemanbegriffes während der Zwischenkriegszeit


Hausarbeit (Hauptseminar), 1998

36 Seiten, Note: 1-2


Leseprobe

Inhalt:

Einführung

Enter Lord Peter Wimsey

Der Romantext

Das Gentleman-Agreement

Lord Peter als Sonderfall - der ´Inter-War Gentleman´

Bibliographie

Einführung:

Dass die literarische Figur Lord Peter Wimsey ein Aristokrat und ein Gentleman ist, steht natürlich fest, darüber muss nicht diskutiert werden. Interessant ist allerdings die Frage, was für eine Art Gentleman er ist, ob und inwiefern er den Normen entspricht, die die Gesellschaft - und somit auch die Leser eines Romans wie Gaudy Night - an jene scheinbar im Aussterben begriffene Gattung anlegt. Wie sich schon bei der ersten Lektüre des Buches herausstellt, gibt es eine ganze Reihe von Reibungspunkten zwischen dem allgemein anerkannten und tradierten Stereotyp des ´English Gentleman´ und der von Dorothy L. Sayers entwickelten Figur des Lord Peter Wimsey. In vielerlei Hinsicht entspricht er den Erwartung, die die Leser an ihn stellen, häufig genug aber bricht er aus dem alten Stereotyp aus und überrascht mit einem eigenständigen Verhalten, das keinesfalls in die Normen und Regeln der klassischen englischen Gentleman-Tradition passt. Die Ursachen hierfür liegen wohl in erster Linie in seiner Erfinderin und deren ganz persönlichem Erfahrungsschatz, sie sind aber auch wesentlich allgemeinerer Natur und hängen zusammen mit der Zeit, in der die Romane mit den beiden Helden Harriet Vane und Lord Peter Wimsey entstanden. Die Zeit nach dem ersten Weltkrieg nämlich, der nicht nur das Wertesystem der englischen Gesellschaft gehörig ins Wanken gebracht, sondern der auch ganz persönlich auf Dorothy L. Sayers gewirkt - und das Leben ihres Lord Peter Wimsey sogar maßgeblich mitgeprägt hatte. Es soll in vorliegender Arbeit darum gehen, die Figur des Lord Peter Wimsey detailliert und möglichst nahe am Text herauszuarbeiten. Der Fülle der Textzeugnisse wird anschließend die allgemein übliche Gentleman-Definition gegenüber gestellt, um aus der so entstehenden Schnittmenge, bzw. den Diskrepanzen, einige Erkenntnisse über den Wandel des Gentlemanbegriffes während der sogenannten Zwischenkriegszeit zu gewinnen.

Enter Lord Peter Wimsey

Der Ursprung von Lord Peter Wimsey liegt im Frankreich des Jahres 1920. Dorothy L. Sayers hatte ihre Ausbildung in Oxford abgeschlossen und hielt sich in Verneuil in Eure im Süden der Normandie auf, wo sie an der Ecole des Roches ein Jahr lang als Assistentin im Schüleraustausch und als Englischlehrerin arbeitete. Die Stelle war ihr von Eric Whelpton vermittelt worden, in den sie sich im Laufe ihres Arbeitsverhältnisses unglücklich verliebte. Dieser jedoch verlobte sich anderweitig und zog sich - nach anfänglich engerer Freundschaft - allmählich von Dorothy zurück. In dieser für sie deprimierenden Zeit erkrankte sie zusätzlich an Mumps und war zu einer 21tägigen Quarantäne verurteilt. In ihrer Isolation bat sie ihre Freundin Muriel Jaeger, ihr sämtliche Sexton Blake Kriminalromane zu schicken, derer sie habhaft werden könne, damit sie sich beschäftigen und ablenken konnte. Dorothy hatte schon vorher ein Faible für detective stories gehabt und zusammen mit einigen Freunden daran gedacht, selbst ein „syndicate“[1] zu gründen wie das, welches die Sexton Blake Krimis schrieb, um ebenfalls in Kooperation solche Bücher zu verfassen. Nun hat sie die nötige Muße und schreibt eine Kurzgeschichte, die ursprünglich als Beitrag für jenes Syndikat gedacht war, die sie aber niemals veröffentlichen ließ. In dieser short story erscheint Lord Peter Wimsey zum ersten Mal, allerdings als Nebenfigur im Schatten des großen Sexton Blake. Dort wird über ihn gesagt:

„I looked him up in the Who’s Who. Younger son of the Duke of Peterborough. Harmless sort of fellow, I think. Distinguished himself in the war. Rides his own horse in the Grand National. Authority in first editions. At present visiting the Duchess in Herts. I’ve seen his photo somewhere. Fair-haired, big nose, aristocratic sort of man whose socks match his tie. No politics.“[2]

Er residiert in einer Wohnung in Piccadilly. Nachdem dort ein Mord geschehen ist, assistiert er dem eigentlichen Helden Sexton Blake bei der Jagd nach dem Verbrecher Jean Renault, den er durch halb Europa verfolgt.

Eric Whelpton hat geäußert, dass „... he had the impression that the figure of a detective (as yet unnamed) was taking shape in her mind at Verneuil, based partly on Charles Crichton and partly on himself.“[3] Dies bezog sich allerdings eher auf die charakterlichen Grundzüge bzw. die Bestandteile aristokratischen, gehobenen Lebensstils, die die beiden verkörperten, und die die aus einfachen Verhältnissen stammende Dorothy L. Sayers bei ihnen erfahren und beobachten konnte, als sie sie in Oxford kennenlernte. Whelpton selbst hatte nicht wenige Gemeinsamkeiten mit Lord Peter: „He bought his suits in Savile Row, his shirts from Hall, his shoes in Jermin Street. He was widely travelled and knew the world of high society in London and Paris. He was a connoisseur of food and wine.“[4] Außerdem besaß er einen aristokratischen Familienhintergrund mütterlicherseits, inklusive eines „Elizabethan family manor house near Ruthin, in Wales, which had a mile-long drive“[5]

Das Äußere ihres Lord Peter hat Dorothy L. Sayers allerdings anderweitig entliehen. Bereits im Jahre 1913 besuchte Dorothy L. Sayers in Oxford die Verleihung des Newdigate prize für Poesie. Der Preisträger ist ein gewisser Maurice Roy Ridley, der soeben vom Balliol College abgegangen ist. Seine Stimme und sein Gedichtvortrag faszinieren Dorothy derart, dass sie sich spontan in teenagerhafte Schwärmerei für den jungen Mann stürzt, auch wenn sie sich der Aussichtslosigkeit jeglicher weitergehenden Bemühungen bewusst ist.

„His name is Maurice Roy Ridley – isn’t that a killing name, like the hero of a six-penny novelette? He has just gone down from Balliol, so I shall see him no more. My loves are always unsatisfactory, as you know.“[6]

Tatsächlich hat Dorothy L. Sayers ihn wiedergetroffen, allerdings erst 1935, als er als Chaplain in Balliol angestellt war. Und erst bei diesem Wiedersehen erkennt sie erschrocken, dass sie unbewusst ihren Jugendschwarm Roy Ridley als reales Vorbild für Lord Peter Wimsey genommen hatte, den sie 1920 ins Leben treten ließ - also sieben Jahre nachdem sie Ridley ein einziges Mal gesehen hatte.

1936 veröffentlichte Sayers einen Artikel mit dem Titel ´ How I came to Invent the Character of Lord Peter Wimsey ´, in dem sie schrieb, sie könne sich nicht erinnern, ihn überhaupt erfunden zu haben, vielmehr habe sie daran gedacht, eine Kriminalgeschichte zu schreiben, „...and he walked in, ´complete with spats´, and applied for the job.“[7] Allerdings sei er damals der Bruder des Earl of Denver gewesen, und erst später habe sie ihn zum Bruder eines Duke erhoben. Es sieht also danach aus, als habe Dorothy L. Sayers bis zum Jahre 1936 ihre Sexton Blake Geschichte vergessen (oder aber verdrängt), in der Peter Wimsey ja bereits der Sohn eines Duke - nämlich des Duke von Peterborough - war. Wie dem auch sei, dass sie sich nicht daran erinnern konnte ihn erfunden zu haben, liegt vor allen Dingen daran, dass sie zumindest sein Äußeres fast im Verhältnis 1:1 von Roy Ridley übernahm.

Im wesentlichen kann man also sagen, dass Dorothy L. Sayers ihren Lord Peter anhand verschiedener lebender Vorbilder zusammengesetzt hat - der Lebensstil von Whelpton und Crichton und das Äußere von Ridley. Dazu kommt nun der Name, der ebenfalls etwas über den Charakter der Figur aussagt. Wimsey beinhaltet sowohl ´ Whimsy ´ als auch ´ whim ´, wobei die Betonung wohl eher auf Laune denn auf Schrulle liegt. Peter Wimsey ist zwar ein launenhafter Mensch, aber keineswegs ein launischer - er ist zwar manchmal etwas unkonventionell, aber stets um Höflichkeit und Etikette bemüht. Das Familienmotto „As my whimsy takes me“ bringt das vielleicht zum Ausdruck. Als reicher Mann kann er es sich sehr wohl leisten, sich gelegentlich von seinen Launen treiben zu lassen, nicht aber als Aristokrat und öffentliche Persönlichkeit. Das „as my Whimsy takes me“ funktioniert also immer nur im Rahmen gewisser sozialer Konventionen.

Dies in etwa sind Wimseys erste grobe Züge, die Dorothy L. Sayers im September 1920 aus Frankreich mitbringt. Anfang 1921 baut sie ihn in eine Theater-Skizze ein, betitelt The Mousehole. Die erste Regieanweisung für ihn lautet:

„Enter R. Lord Peter Wimsey, sleek, fair, monocle, dressed in a grey suit, with the exception of his coat, whose place is taken by a luxurious dressing-gown.“[8]

Etwas später stellt er selbst sich der Polizei folgendermaßen vor:

„Lord Peter Wimsey. Thirty-two, unmarried; no occupation; residence, first floor; hobby, other peoples’ business.“[9]

In Whose Body hat er 1923 seinen ersten Auftritt als Hauptfigur. Inzwischen sieht sein Eintrag im Who is Who so aus:

„WIMSEY, PETER DEATH BREDON, D.S.O.; born 1890, 2nd son of Mortimer Gerald Bredon Wimsey, 15th Duke of Denver, and of Honoria Lucasta, daughter of Francis Delagardie of Bellingham Manor, Hants. Educated: Eton College and Balliol College, Oxford (1st class honours, Sch. of Mod. Hist. 1912); served with H.M.Forces 1914/18 (Major, Rifle Brigade). Author of: ´Notes on the Collecting of Incunabula`, ´The Murderer’s Vade-Mecum`, etc. Recreations: Criminology; bibliophily; music; cricket. Clubs: Marlborough; Egoists’. Residences: 110A Piccadilly, W.; Bredon Hall, Duke’s Denver, Norfolk.

Arms: Sable, 3 mice courant, argent, crest, a domestic cat couched as to spring, proper; motto: As my Whimsy takes me.“[10]

Sein Erscheinungsbild war von Anfang an mit einiger Ironie gezeichnet. Dorothy L. Sayers hatte eine relativ distanzierte Sicht auf ihren Helden. Ihr selbst ging es bei weitem nicht so gut wie ihm,. Zu der Zeit als sie ihn erfand, hatte sie kaum Geld und nach der Rückkehr aus Frankreich auch keine Arbeit mehr. Deshalb betrachtete sie den Manierismus und die Dekadenz der englischen Upper-class stets mit einer Mischung aus Verachtung und Amüsement. Das bekommt auch Peter Wimsey zu spüren.

Am Anfang des Romans Whose Body beschreibt sie ihn folgendermaßen:

„His long amiable face loked as if it had generated spontaneously from his top hat, as white maggots breed from Gorgonzola.“[11]

Als er sich jedoch etwas später umzieht, verwandelt er sich in einen Detektiv, ausgestattet mit der als Monokel getarnten Lupe, einer Taschenlampe und einem Multifunktionsspazierstock mit Messlatte, Kompass und Stockdegen. Seine Kleidung hat also maßgeblichen Einfluss auf Lord Peter, sie ist seiner jeweiligen Tätigkeit angepasst und mit ihrem Wechsel vollzieht sich auch stets ein Wechsel in seinem Verhalten. So vollzieht sich die Verwandlung vom madengesichtigen, oberflächlich schwafelnden Dandy zum um- und weitsichtigen Detektiv, der alles ernst nimmt, was mit seinem Fall zusammenhängt. Was immer gleich bleibt, ist seine enorme Gesprächigkeit, die vermutlich auch dazu dient, eventuelle Unsicherheiten zu überspielen. Und ebenfalls immer gleichbleibend ist seine Eleganz und Gewandtheit, die er in jeder Kleidung an den Tag legt. Daran tut auch seine Blässe und seine hagere Gestalt keinen Abbruch, denn diese entsprechen beide durchaus dem damals üblichen Idealbild für einen Upper-class-Gentleman, sofern es sich dabei nicht um eine kränkliche Blässe und Magerkeit handelt.

Seine vielzitierte flapsige Art zeigt zwar ebenfalls die Distanz, die die Erzählerin zu ihrer Figur wahrt, stellt jedoch genauso wenig einen Widerspruch zu diesem Idealbild dar, denn bei genauerem Hinsehen verbirgt sich hinter dieser „Flippancy“ ein „vulnerable social conscience“[12]. Seine Gabe zur Lösung von Kriminalfällen liegt nicht allein in der Logik, sondern in der Fähigkeit, Ungereimtheiten instinktiv aufzuspüren und sich mental in andere Menschen (nicht zuletzt auch in den Verbrecher) hineinversetzen zu können. Vieles davon passiert unbewusst. Bei aller Distanz jedoch beschreibt Dorothy L. Sayers ihren Lord Peter als durchgehend positive Figur - allerdings mit der einen oder anderen Eigenheit. Immer wieder, in emotional aufreibenden Fällen, werden wir Zeugen, wie ihn „a relapse of a nervous malady caused by war-time experience“[13] heimsucht. All diese Details verleihen seiner Person die so wichtige, weil menschlich interessante und glaubhafte Vielschichtigkeit.

„Lord Peter’s uncertainties and sensitivity, masked by a flippant nonchalance, make him, from the beginning, a potentially interesting character.“[14]

Vielleicht wirkt er ja auch deshalb so lebendig und echt, weil er viele Erfahrungen, Gedankengänge und Gefühle mit seiner Schöpferin teilt.

Der Romantext

Bei der Charakterisierung von Lord Peter Wimsey soll versucht werden, möglichst nah am Originaltext von Gaudy Night zu bleiben. Es gibt eine ganze Reihe von Passagen, die Aussagen über ihn zulassen, ein Teil davon stammt von ihm selbst, etwa seine Reaktionen und Handlungen bzw. seine wörtlichen Reden, ein anderer Teil besteht aus den Aussagen, die andere Figuren über ihn machen.

Zum erstenmal ist von Lord Peter die Rede als die ehemaligen Studentinnen Miss Schuster-Slatt, Mary Stokes und Harriet Vane sich beim Dinner unterhalten. Man erfährt zunächst nur zweierlei über ihn. „He has very nice manners.“[15] sagt Harriet. Miss Schuster-Slatt hat ihn ebenfalls schon kennengelernt und ihn bei dieser Gelegenheit offensichtlich über seine „thrilling detective cases“[16] auszufragen versucht. „ ... but he was much too modest to say anything.“

Ansonsten wird er augenscheinlich von den anwesenden Damen in erster Linie nach seinem Äußeren beurteilt. „He must be perfectly charming, if he’s at all like his photographs.“[17], meint jedenfalls Mary Stokes. Alle sind begierig, möglichst viel über diese geheimnisvolle und schillernde Persönlichkeit zu erfahren, bis Harriet Vane das Thema wütend und mit der Bemerkung „seeing, that he got me out of prison and probably saved me from being hanged, I’m naturally bound to find him delightful.“[18] abbricht. Schon hier zeigt sich ihr ambivalentes Verhältnis zu Lord Peter. Ganz offensichtlich ist sie ein wenig stolz auf seine Bekanntschaft, andererseits aber spricht sie auch nicht gerne über ihn. Nicht zuletzt, weil sie mit dem Beginn ihrer gemeinsamen Bekanntschaft eine unangenehme Erfahrung verbindet. Als sie seinerzeit des Mordes an ihrem ehemaligen Geliebten beschuldigt wurde, half Lord Peter ihr, indem er ihre Unschuld bewies. Dabei lernten sie sich kennen und schätzen.

Ein wenig später kommt in einer anderen Runde das Gespräch wiederum auf Wimsey, und diesmal liefert Dorothy L. Sayers dem Leser gleich eine ganze Serie von Aussagen über Wimsey, die diesmal als ernsthafte Einführung der Figur gelten dürfen. Auf den Vorwurf, Lord Peter sei hochgradig albern und dekadent, reagiert Harriet mit dem Einwand, das sei eine Tarnung, derer er sich gelegentlich bediene. „I know that frivolous mood, and it’s mostly camouflage.“[19] Miss Barton meint, er sei „obviously very intelligent.“, bezweifelt aber, dass er auch über „genuine feeling“ verfügt. Woraufhin Harriet Vane ihren Lord Peter erneut verteidigt. „I shouldn’t [...] accuse him of any lack of feeling [...] But he is really rather reserved.“[20] Dies veranlasst wiederum Phoebe Tucker zu der Vermutung, „Perhaps he is shy“, aber auch hier widerspricht Harriet. „Well, hardly. Nervy, perhaps - that blessed word covers a lot.“ Auch Lord Peters Alter erfährt der Leser an dieser Stelle: „He’s forty-five“, erklärt Harriet den anwesenden Damen. Und schließlich räumt Harriet noch mit einem weiteren Vorurteil auf; nämlich dem, dass Lord Peter Wimsey durchaus kein „dilettante gentleman“ ist, der nichts ernstzumehmendes tut außer „detecting crimes and collecting books, and, [...], playing cricket in his off-time“ (wie Mis Barton meint). Vielmehr sei die Wahrheit, dass „Chasing murderers isn’t a soft job, or a sheltered job. It takes a lot of time and energy, and you may very easily get injured or killed. [...] You can’t call that nothing.“[21]

Diese ersten Erwähnungen von Wimsey erfüllen zweierlei Aufgabe. Zum einen wird er hier als Roman-Figur in absentia eingeführt, zweitens wird deutlich, wie viele falsche Meinungen über ihn in der Öffentlichkeit kursieren. Beides zusammen ergibt den interessanten Effekt, dass der Charakter und die Persönlichkeit der Figur von Anfang an wenig greifbar sind. Die Erwähnung der „camouflage“ (s.o.) legt die Vermutung nahe, dass es womöglich sogar seine Absicht ist, für weite Teile der Gesellschaft rätselhaft und nicht-greifbar zu bleiben, denn auf diese Weise ist er auch für seine kriminellen Gegner nur schlecht berechenbar. Andererseits kommt ein solches Verhalten wohl auch seinem ursprünglichen, leicht exaltierten Charakter am nächsten. Als Miss de Vine und Harriet nach dem Dinner zusammen in Richtung ihrer Schlafquartiere gehen und sich unterhalten, wird noch einmal deutlich, wie widersprüchlich das Verhältnis zwischen Harriet und Peter Wimsey sein muss. Nach dem Abschied von Miss de Vine wird ihr klar, dass „All [her] own tragedy had sprung from ´persuading herself into appropriate feelings´ towards a man whose own feelings had not stood up to the test of sincerity either.“[22]

Die Erklärung für diesen seelischen Instabilitätszustand, der die Beziehung der beiden prägt, folgt erst später, als wir erfahren, dass Peter Harriet schon mehrfach mit Heiratsanträgen bedrängt hat, die sie allesamt ablehnte. Die Heiratsfrage wird auf den Seiten 46 bis 49 behandelt. Harriet hat sich auch deshalb nach Oxford zurückgezogen, weil sie hofft, es „would offer a respite from Peter Wimsey and the marriage question.“[23] Sie ist sich der Vorteile bewusst, die eine Heirat mit Lord Peter bringen würde (vgl. Seite 49), aber sie hat auch Angst um ihre Unabhängigkeit als Persönlichkeit, welche sie durch die traditionelle Form der Ehe - mit der ´schwachen´ Frau als Anhängsel des starken Mannes - gefährdet sieht. (Siehe auch Seite 53) Die Meinungen der gelehrten Frauen in Oxford bestätigen Harriet in dieser Haltung. Dem Leser wird allerdings weitestgehend vorenthalten, welche Auffassung Peter Wimsey hinsichtlich des Ehekonzepts vertritt. Es entsteht jedoch der Eindruck, dass er Harriet in jeder Hinsicht die größtmögliche Freiheit zugesteht (somit also kein Verfechter des klassischen Chauvinismus sein kann). Beinahe unterwürfig befolgt er auch ihren Wunsch, für eine Weile auf jeglichen Kontakt zu verzichten. Sein Auftritt im Roman verzögert sich weiter. Statt dessen glaubt Harriet ihn beim Pferderennen in Ascot zu sehen, und an dieser Stelle erfährt man in Gaudy Night zum erstenmal etwas über sein Äußeres.

[...]


[1] Barbara Reynolds. Dorothy L. Sayers - Her Life and Soul. Seite 171

[2] ebd.

[3] Reynolds. Seite 93

[4] Barbara Reynolds. Seite 93

[5] ebd.

[6]..Reynolds. Seite 56

[7]..Reynolds. Seite 173

[8] Barbara Reynolds. Seite 174

[9] ebd.

[10] ebd.

[11] Barbara Reynolds. Her Life and Soul. Seite 180

[12] Reynolds. Seite 181

[13] Reynolds. Seite 182

[14] Reynolds. Seite 183

[15] Gaudy Night. Seite 27

[16] ebd.

[17] ebd.

[18] Gaudy Night. Seite 28

[19] Gaudy Night. Seite 34

[20] ebd.

[21] Gaudy Night. Seite 35

[22] Gaudy Night. Seite 37

[23] Seite 46

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Lord Peter Wimsey. Ein Inter-War Gentleman. Der Wandel des Gentlemanbegriffes während der Zwischenkriegszeit
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (FB Anglistik)
Veranstaltung
Kulturwissenschaft: Englishness
Note
1-2
Autor
Jahr
1998
Seiten
36
Katalognummer
V11354
ISBN (eBook)
9783638175357
Dateigröße
445 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gentleman
Arbeit zitieren
Gerald Brandt (Autor), 1998, Lord Peter Wimsey. Ein Inter-War Gentleman. Der Wandel des Gentlemanbegriffes während der Zwischenkriegszeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/11354

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