Der 11. September kam und alles lag in Scherben. Die Welt – man verstand sie nicht mehr. Dann hieß es nur noch „wir“ und „sie“. Den Menschen in den westlichen Staaten war mit einem Schlag klar geworden, dass sie die arabische Kultur nicht verstanden, sie ihnen fremd war. „Sie“ stand repräsentativ für alle Araber, sogar alle Muslime, von denen man sich nun bedroht fühlte und sich abgrenzen wollte. Doch warum kann der Westen eine Kultur nicht verstehen, deren Gedankengut seit Hunderten von Jahren den lateinischen Sprachraum in Form von Übersetzungen infiltriert? Hatte man womöglich den Geist der Übersetzungen nicht verstanden? Was heißt es also zu verstehen?
Laut Pierre Bourdieu bedeutet verstehen „sich gedanklich in (den anderen) hineinzuversetzen“ und „Partei für ihn zu ergreifen .“ Dies beinhaltet die Kenntnis der Existenzbedingungen des Anderen, seines Sozialraums, gesellschaftlicher Mechanismen und Dynamiken. Bourdieu betrachtet das Individuum als Produkt äußerer Determinanten, wie Tradition, Gesellschaft, Religion und Geschichte. Demnach ist ein Verständnis der arabisch sprechenden Menschen eng mit der Einsicht in historische Bedingungen heutiger „sozialer und psychischer Prägungen“ verstrickt. Wie kann also das gegenseitige Verständnis der unterschiedlichen Kulturen gefördert werden, um zu einem respektvollen Miteinander zu finden?
Diese Hausarbeit versucht zu einem interkulturellen Dialog beizutragen. Angesichts der bestehenden Unsicherheit vieler Deutscher gegenüber dem arabischen Gedankengut, möchte ich hiermit zu einem bessern Verständnis der reichen arabischen Kultur- und Literaturgeschichte verhelfen und vielleicht einige neue Aspekte und Zusammenhänge aufwerfen. Es lohnt sich bis in frühislamische Zeiten zurückzugehen, denn gegenwärtige Verhaltensmuster und arabische, ethische Vorstellungen gründen im Altarabischen. Besonders das Adab dient der Entschlüsselung altarabischer Lebensbedingungen, der Sozialräume und des Verhaltens. Doch was genau ist Adab?
Inhaltsverzeichnis
I. Adab – als Verstehenshilfe
1. Einleitung
1.1 Begriff, Definition und Bedeutungswandel von Adab
II. Adab- Geschichte, Charakteristika und Werke
2. Die Evolution der Adab-Literatur
2.1 Verschriftlichung
2.2 Sesshaftwerdung
2.3 Gesellschaft
2.4 Politik
3. Pioniere der Adab-Literatur
4. Adab-Werke
4.1 Charakteristika von Adab-Werken
4.2 Standarisierte Textsorten
4.3 Narrative Textsorten
4.4 Appellative Textsorten
4.5 Adab der Hofsekretäre und Fürstenspiegel
5. Al-Ğāhiẓ und al-Ma̒arri – Zwei herausragende Adab-Autoren
5.1 Al-Ğāhiẓ- der Glotzäugige
5.2 al-Ma̒arrī – Der Dichter-Asket
III. Adab - eine vergessene Literaturgattung?
Zielsetzung & Themen
Die Hausarbeit untersucht die Bedeutung der Adab-Literatur als Schlüssel zum Verständnis altarabischer Lebensbedingungen, Sozialräume und Verhaltensmuster, um einen Beitrag zum interkulturellen Dialog im Lichte der heutigen Unsicherheit gegenüber arabischem Gedankengut zu leisten.
- Historische Entwicklung und soziokulturelle Kontexte der Adab-Literatur
- Die Evolution der Adab-Werke und ihre verschiedenen Textgattungen
- Analyse prägender Autoren wie al-Ğāhiẓ und al-Ma̒arrī
- Vergleich der abbasidischen Zeit mit modernen gesellschaftlichen Herausforderungen
Auszug aus dem Buch
5.1 Al-Ğāhiẓ- der Glotzäugige
Einer der zelebriertesten und produktivsten Adab-Autoren war ̒Amr Ibn Baḫr ̒Uthmān, besser bekannt unter seinem Spitznamen al-Ğāhiẓ, der Glotzäugige11. Er wurde um ca. 776 n. Chr. in Basra als Sohn eines Kameltreibers geboren. Seine Mutter war Tochter eines freigelassenen Sklaven des abessinischen Kināna-Stammes. Bereits in jungen Jahren soll er wissensdurstig Dichtern, Rednern und Philologen am Beduinenmarkt gelauscht haben. Auch in den Kreisen der religiös-philosophischen Gelehrsamkeit der basrischen Moschee soll sich al-Ğāhiẓ bewegt haben. Auf Grund seiner Begabung und Lernbegierde fand er immer wieder Lehrer und Mäzene in Philologen, Richtern, Wesiren und Beamten. Sein bekanntester Förderer war der Kalif al-Manṣūr, der al-Ğāhiẓ 817 an seinen Hof nach Bagdad holte, dann 836 bei der Verlegung des Hofes mit nach Samarra nahm.
Der Publizist war Rationalist und Mu'tasilit, d.h. er glaubte an Gottes Vernunft und Gerechtigkeit. Dazu gehörte existentiell die Entscheidungsfreiheit des Individuums zwischen Dualismen wie gut und böse, schön und hässlich. Wichtigstes Doktrin der mu'tasilitischen Strömung war aber die Erschaffenheit des Koran und somit seine Anfechtbarkeit. Diese Doktrin konsolidierte die Machtbasis des Kalifen, da die Interpretation des Koran dem geistigen Führer, d.h. dem Kalifen zustand. Ğāhiẓ wird als der Schriftsteller der ʿAbbasiden schlechthin gewertet, da er deren zentralistischen Führungsanspruch theoretisch untermauerte und propagierte.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Adab – als Verstehenshilfe: Einleitung in die Thematik der interkulturellen Verständigung und Begriffsdefinition von Adab.
II. Adab- Geschichte, Charakteristika und Werke: Detaillierte Analyse der Entstehung von Adab durch Urbanisierung und neue Technologien sowie Untersuchung der typischen Werke und Autoren.
III. Adab - eine vergessene Literaturgattung?: Reflexion über den heutigen Nutzen der Adab-Studien für den interkulturellen Dialog und das Verständnis moderner Gesellschaftsprozesse.
Schlüsselwörter
Adab, arabische Literatur, Abbasidenzeit, Kulturgeschichte, al-Ğāhiẓ, al-Ma̒arrī, Makāmen, Fürstenspiegel, interkultureller Dialog, Sozialgeschichte, arabische Sprache, Reimprosa, Wissensvermittlung, Identität, Regionalisierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der altarabischen Adab-Literatur und deren Potenzial, als Schlüssel für ein besseres Verständnis arabischer Kulturgeschichte und gegenwärtiger gesellschaftlicher Entwicklungen zu dienen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die historische Entwicklung der Adab-Literatur, ihre verschiedenen Textgattungen wie die Makāmen oder Fürstenspiegel, sowie die gesellschaftspolitischen Bedingungen ihrer Entstehung in der Abbasidenzeit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, durch die Analyse historischer Wertesysteme und Verhaltensnormen innerhalb der Adab-Literatur einen Beitrag zum interkulturellen Dialog zu leisten und Parallelen zur heutigen globalisierten Welt aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literatur- und kulturwissenschaftliche Herangehensweise, indem sie historische Primärquellen analysiert, die Bedeutung von Schlüsselbegriffen etymologisch herleitet und die Texte in ihren soziopolitischen Kontext einbettet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der Evolution der Adab-Literatur, den Pionieren des Genres, den Charakteristika von Adab-Werken, einer detaillierten Betrachtung bedeutender Autoren sowie einer Klassifizierung der verwendeten literarischen Textsorten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen zählen Adab, Abbasidenzeit, interkultureller Dialog, al-Ğāhiẓ, al-Ma̒arrī und die verschiedenen erzählerischen sowie appellativen Textformen des Genres.
Welche Rolle spielt die Person al-Ğāhiẓ in der Adab-Literatur?
Al-Ğāhiẓ gilt als einer der produktivsten und einflussreichsten Autoren der Abbasidenzeit, dessen Werke sowohl theoretische Grundlagen des Adab als auch kritische Auseinandersetzungen mit gesellschaftlichen und ethnischen Konflikten enthalten.
Wie unterscheidet sich das Werk von al-Ma̒arrī von dem des al-Ğāhiẓ?
Während al-Ğāhiẓ stark politisch agierte und den abbasidischen Führungsanspruch unterstützte, zeichnet sich al-Ma̒arrī durch eine zurückgezogene, asketische Lebensweise und einen tiefen Pessimismus aus, wobei er durch Sarkasmus und eine komplexe Sprache besticht.
Warum wird die „Jenseitsreise“ aus al-Ma̒arrīs Werk als beispielhaft genannt?
Die Jenseitsreise aus dem „Sendschreiben über die Vergebung“ dient als anschauliches Beispiel für die Kreativität, den Sarkasmus und die Vielschichtigkeit des Adab, da sie religiöse Vorstellungen durch menschliche Streitigkeiten im Paradies humoristisch und kritisch hinterfragt.
Inwiefern ist die Adab-Literatur für die heutige Zeit relevant?
Die Adab-Literatur bietet Aufschluss über vergangene Moralvorstellungen und Sittenkataloge, was helfen kann, heutige kulturelle Identitätssuche und den interkulturellen Dialog besser zu verstehen und Missverständnisse zu minimieren.
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- M.A. Sandra Calkins (Author), 2005, Adab - Alt-Arabische Literatur als Schlüssel zum gegenwärtigen Verständnis, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113584