Relationale Substantive


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Theoretische Grundlagen der Analyse
1.1 Zum Begriff Relationalität
1.2 Relationalität und Valenz

2. Semantische Felder von Substantiven, die relationale Begriffe bezeichnen

3. Possessivität als die häufigste semantische Funktion, die durch die relationale Substantive realisiert wird

4. Morphosyntaktische Mittel, die semantische Funktionen von relationalen Substantiven zum Ausdruck bringen

5 Relationalisierung und Derelationalisierung

Zusammenfassung

Verwendete Literatur

Einleitung

Der Gegenstand dieser Arbeit ist die Analyse der relationalen Substantive im Deutschen.

Der Klassifikation, nach der man innerhalb einer Wortart absolute und relative Lexeme unterscheidet, liegt eine Annahme zugrunde, dass zwischen den Wörtern Relationen bestehen, die dadurch entstehen, dass bestimmte Wörter Leerstellen eröffnen. Diese Beobachtung, die ursprünglich nur in Bezug auf Verben gemacht wurde, wurde später auf andere Wortarten, darunter auf Adjektive und relationale Substantive, erweitert. Die Theorie von Relationen ist durch neuere Forschungen im Bereich Relations- und Dependenzgrammatik vervollständigt worden.

Das Ziel dieser Arbeit ist die Kategorie der relationalen Substantive anhand der neuesten Forschungen zu beschreiben. Dabei sind folgende Fragen zu beantworten:

1. Lassen sich alle Substantive eindeutig in relationale und nicht-relationale (absolute) einordnen?
2. Was versteht man unter dem Begriff Relationalität ?
3. Wie verhalten sich die Begriffe Relationalität und Valenz zueinander?
4. Welche semantischen Felder unterscheidet man innerhalb der relationalen Substantive?
5. Mit welchen morphosyntaktischen Mitteln werden die semantischen Funktionen von relationalen Substantiven realisiert?
6. Kann man die lexikalisch vorgegebene Relativität oder Absolutheit mit kontextualen Mitteln rückgängig machen?

Im ersten Teil meiner Arbeit werden die theoretischen Grundlagen der Analyse dargelegt. In meinen Betrachtungen gehe ich vom Begriff Relationalität aus, mit Hilfe dessen die relationalen Begriffe definiert werden. Im Folgenden wird beschrieben, in welchem Verhältnis die Begriffe Relationalität und Valenz zueinander stehen.

Im zweiten Teil der Arbeit werden morphosyntaktische Mittel, die semantische Funktionen der relationalen Substantive zum Ausdruck bringen, analysiert und mit Beispielen aus verschiedenen semantischen Feldern illustriert. Die Ergebnisse der Analyse werden in der Zusammenfassung im Überblick vorgestellt.

1. Theoretische Grundlagen der Analyse

1.1 Zum Begriff Relationalität

Dem dependenzsyntaktischen Grammatikmodel liegt eine Annahme zugrunde, dass zwischen den einzelnen Wörtern im Satz Relationen bestehen. Eine Dependenzrelation setzt mindestens zwei Wörter voraus, die nach Tesniere Nuclei heißen (Weber, 22). Eine Dependenz-Relation besteht aus einem untergeordneten und übergeordneten Nucleus. Tesniere sieht das Verb als der oberste Knoten (Nucleus) im Satz, hält aber auch die verblosen Dependenzrelationen für möglich. In diesem Fall erfüllt eine andere Wortart (ein Substantiv, ein Adjektiv, ein Adverb) die Funktion des übergeordneten Nucleus. (Weber, 23)

Die Tesnieres Dependenztheorie scheint auf den ersten Blick nur im syntaktischen Bereich anwendbar zu sein und ist insofern für diese Arbeit ungeeignet. Doch führen die weiteren Untersuchungen zu den modifizierten Dependenztheorien, die vermuten, dass die Relationalität auch auf der lexikalischen Ebene realisiert werden kann. Es wurde festgestellt, dass gewisse Lexeme eine Leerstelle eröffnen, durch deren Besetzung eine grammatische Relation entsteht. „Eine Leerstelle ist die grammatische Eigenschaft eines Sprachzeichens, eine grammatische Relation zu anderen Zeichen eingehen zu können. Diese grammatische Eigenschaft gehört zu der lexikalischen Ausstattung eines Zeichens ähnlich wie das Genus eines Substantivs “ (Lehmann, 7). Aufgrund dieser Überlegungen versucht Lehmann relationale und absolute Lexeme zu definieren. „Ein Zeichen mit einer unbesetzten Leerstelle“ betrachtet er als relational und „ein Zeichen, das keine Leerstelle hat oder dessen sämtliche Leerstellen besetzt sind“ sieht er als absolut (Lehmann, 7). Aus der Definition folgt, dass sich die Relationalität eines Sprachzeichens mit der Besetzung der Leerstellen ändert. Diese Behauptung scheint der Ausgangsthese zu widersprechen, laut deren die Relationalität auf der Ebene des Lexems realisiert wird. In dem Moment, in dem die Leerstellen eines relationalen Zeichens besetzt werden, geht das Zeichen eine grammatisch-syntaktische Relation ein. Dabei wird seine lexikalische Bedeutung modifiziert. Aus der Relation entsteht ein neues Zeichenkomplex, das aufgrund seiner anderen Bedeutung als absolut gesehen werden kann. Das Ausgangszeichen bleibt dabei relational, da die Relationalität ein Teil seiner lexikalischen Bedeutung ist. Zum Beispiel, eröffnet das relationale Zeichen der Vater (A) eine Leerstelle, die durch ein absolutes Zeichen das Mädchen (B) besetzt wird. Dabei entsteht ein Zeichenkomplex der Vater des Mädchens (AB), das absolut ist, weil es keine Leerstellen mehr eröffnet. Das Zeichen A bleibt aber relational, da die Bedeutungen von A und AB verschieden sind. Aus diesem Grunde werde ich im Folgenden auf den letzten Teil von Lehmanns Definition verzichten und die Zeichen, die Leerstellen eröffnen als relational betrachten, und die Zeichen, die keine Leerstellen eröffnen als absolut. Aus dieser Definition folgt, dass zwei absolute Zeichen keine Relation bilden können, da sie beide keine Leerstellen eröffnen. Typischerweise wird ein absolutes Zeichen mit einem relationalen kombiniert.

Lehmann unterscheidet zwei Arten von Leerstellen. „Wenn das Element eine rektive Leerstelle hat, regiert es das Element, das in die Stelle tritt. Hat das Element eine modifikative Leerstelle, modifiziert es das Element, das in die Stelle eintritt“ (Lehmann, 8). Lehmann macht die Relationalität von verschiedenen Wortarten von der Art der Leerstelle abhängig. Beispielsweise „eröffnen die relationalen Substantive die rektiven Leerstellen“(Lehmann, 8). Diese Behauptung wird als erwiesen angenommen und nicht weiter unter Beweis gestellt. Da relationale Substantive der eigentliche Gegenstand meiner Untersuchungen ist, verzichte ich auf die Beschreibung von modifikativen Leerstellen und konzentriere mich auf rektive Leerstellen. Wenn ein relationales Substantiv das Element, das die Leerstelle besetzt, regiert, dann erfüllt es die Funktion des übergeordneten Nucleus in der syntaktisch-grammatischen Relation, die durch die Besetzung der Leerstelle entstanden ist. Die Zeichen, die die Leerstellen besetzen, sind als untergeordnete Nuclei anzusehen. Auf diese Weise geht die Idee der semantischen Relationalität doch in gewisser Hinsicht auf die Tesnieres Dependenztheorie zurück.

Eine andere Bezeichnung von Entitäten einer Relation ist auf die Logik zurückzuführen. Nach dieser Benennung spricht man von Argumenten und Prädikaten. „Argument ist in der formalen Logik Terminus zur Bezeichnung der Leerstellen eines Prädikats“ (Bußmann, 96). Ein relationales Substantiv wäre laut dieser Terminologie ein nominales Prädikat, das Leerstellen für eine gewisse Anzahl von Argumenten eröffnet. Im Folgenden werden diese Termini verwendet.

Die Anzahl der Argumente, die ein Prädikat verlangt, ist sein kombinatorisches Potential. Dieses kombinatorische Potenzial wird durch die Relationalität eines Zeichens bestimmt.

Aus dem oben Gesagten kann man die Relationalität als eine lexikalisch vorgegebene Kategorie, die das kombinatorische Potenzial eines relationalen Zeichens bestimmt, definieren.

1.2 Relationalität and Valenz

Im Zusammenhang mit dem zuvor Gesagten stellen sich zwei Fragen, die in diesem Kapitel zu beantworten sind. Erstens, muss festgestellt werden, ob relationale Substantive als Valenzträger gesehen werden können; und zweitens, muss geklärt werden, in welchem Verhältnis die Relationalität zur Valenz steht.

In der Valenzforschung herrschte eine lange Zeit die Meinung, dass die Substantive über keine originäre Valenz verfügen, sondern die verbale Valenz durch die Ableitung übernehmen. „Die Substantivvalenz beruht auf einem Ableitungsverhältnis. Substantive verfügen über Valenz, weil sie durch Wortbildungstransposition bzw. grammatische Transposition von Verben oder Adjektiven abgeleitet sind und dabei von diesen die Valenzeigenschaften übernommen haben.“ (Welke, 130). Substantivierte Infinitive werden oft als Beispiele für diese Art von Substantivvalenz genannt. Das Problem der Substantivvalenz wurde aber damit nicht gelöst, da einige Substantive, die starke relationale Eigenschaften nachweisen und somit als Valenzträger betrachtet werden könnten, nicht von den Verben oder Adjektiven abgeleitet sind. Diese Beobachtung könnte man als ein hinreichender Anlass sehen, über die originäre Substantivvalenz zu sprechen. Doch wurde es in den Valenzdarstellungen anders erklärt. Diese Substantive wurden als „Sonderfälle“ gesehen, „zu denen es keine Verben gibt, die sich jedoch analog zu den abgeleiteten Substantiven verhalten“ (Welke, 131) In vielen Fälle ist es wirklich möglich die analogen Substantive zu erstellen. Welke führt folgende Beispiele an: „Nachbar – Anwohner; Freund – Geliebter; Feind – Angreifer usw. (Welke, 147). Dennoch stehen nicht alle relationalen Substantive in Analogien zu Substantiven, die auf Verben zurückführen. Beispielsweise, können für Substantive wie die Hälfte, die Mitte, das Drittel keine solchen Analogien erstellt werden. Auf diese Weise wurde deutlich, dass sich die Gesamtheit aller über die Valenz verfügenden Substantive nicht über die die Valenz der Verben und Adjektiven erklären lässt. Daraus folgt, dass Substantive über originäre Valenz verfügen. Diese Auffassung wurde von Wolfgang Teubert unterstützt und erläutert. Er differenziert valente Substantive in zwölf semantische Subklassen und unterscheidet siebzehn denominale Ergänzungsklassen (Teubert, 86). Diese Klassifikation stellt die Substantivevalenz als ein von verbaler Valenz unabhängiges System dar. Dabei stellt sich die Frage, ob man alle in Teuberts Klassifikation dargestellten Substantivklassen als relational betrachten kann. In diesem Falle würde man die Relationalität der Substantive als Basis für ihre semantische Valenz ansehen. „Relative Substantive verfügen, gleichgültig, ob sie Nominalisierungen sind und/oder Abstrakta sind, über eine offene semantische Valenz, die sich jedoch nicht immer in syntaktischer Valenz reflektiert“ (Helbig, 123). Diese Auslegung des Verhältnisses zwischen der Relationalität und der Valenz tritt in der Valenzforschung ziemlich häufig auf. In diesem Fall wäre der Begriff Relationalität viel umfangreicher in der Bedeutung als die Valenz. Auch Bondzio unternimmt einen Versuch die Valenz über „die natürliche Relationalität der Wörter“ zu erklären (Bondzio, 81). Dieser Ansicht liegt aber die allgemeine Relationalität zugrunde, die den Beziehungen zwischen den Dingen und Erscheinungen in der realen Welt ähnlich vorkommt. Natürlich kann man davon ausgehen, dass alle Wörter in gewisser Hinsicht relational sind, weil sie sich in der Regel auf andere Wörter im Kontext beziehen. Diese Deutung der Relationalität wäre für die Analyse der konkreten Substantivgruppen zu allgemein. Aus diesem Grunde besteht die Notwendigkeit, den Begriff Relationalität im Verhältnis zur Valenz enger zu definieren. Im Kontext dieser Arbeit werden nur die Substantive in Betracht gezogen, die das Semem der Relationalität ursprünglich in sich einschließen. Die Nominalisierungen, die die Relationalität von den Verben und Adjektiven übernommen haben, können zwar als relationsfähig betrachtet werden, verfügen aber über keine originäre Relationalität und gehören somit nicht zum Gegenstand dieser Arbeit. Dabei haben sowohl die Nominalisierungen als auch originäre Substantive die semantische Valenz. Auf diese Weise betrachten wir die Relationalität als eine semantische Kategorie, die nur für wenige semantische Gruppen von Substantiven charakteristisch ist. Nach dieser Ausfassung sind nicht alle Substantive, die über die semantische Valenz verfügen, relational.

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Relationale Substantive
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  ( Universität Hannover)
Veranstaltung
Syntaktische Dependenz- und Valenzmodelle
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
17
Katalognummer
V113589
ISBN (eBook)
9783640147489
Dateigröße
425 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Relationale, Substantive, Syntaktische, Dependenz-, Valenzmodelle
Arbeit zitieren
MA Anna Fedorova (Autor:in), 2004, Relationale Substantive , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113589

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