Der personalisierte MacGuffin

Spannung, Suspense und unechte Agenten in North by Northwest


Zwischenprüfungsarbeit, 2007

24 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Alfred Hitchcock – Master of Suspense
2.1 Was ist Spannung?
2.2 Spannungsstärke und Spannungsverlauf
2.3 Was ist Suspense?

3 Der personalisierte MacGuffin in North by Northwest
3.1 „Tötet die Löwen in den schottischen Highlands!“ – Der MacGuffin, Wirkung und Bedeutung für die Filme Hitchcocks
3.2 Das leere „O.” – Themen und Motive in North by Northwest
3.3 Der personalisierte MacGuffin

4 Schluss

Bibliographie

Anhang

1 Einleitung

Man nehme einen gewöhnlichen Durchschnittsbürger aus der oberen Mittelschicht, der auf einmal, ohne besonderen Grund oder eigene Schuld in eine hoch verzwickte Lage gerät. Man füge eine kühle Blondine hinzu, geheimnisvoll, nie ganz unschuldig, eben eine Frau mit dunkler Vergangenheit und unklarer Zukunft. Je nach Geschmack reiche man dazu eine dominante Mutterfigur und ein halbes Dutzend überforderter Polizisten, die sogar noch unwissender erscheinen als der Durchschnittsbürger und dekoriere dies mit einer Hand voll klassischer Schurken, darunter nicht nur psychisch gefestigte Charaktere. Heraus kommt eine absurde Masse und doch ist der Filmklassiker geboren.

„Ich fand immer, man soll auf der Leinwand ein Minimum tun, um ein Maximum an Publikumswirkung zu erzielen. Ich finde, das Publikum soll mitarbeiten.“ So zitiert man heutzutage den jüngsten Sohn des britischen Gemüsehändlers William Hitchcock aus Leytonstone, der zu einem der berühmtesten und einflussreichsten Regisseure aller Zeiten werden sollte – und nicht grundlos wird Sir Alfred Hitchcock auch als „Master of Suspense“ bezeichnet.

Zwar wurden Techniken der Spannungssteigerung und -erzeugung bereits lange vor dem „Meister“ in narrativen Medien benutzt, doch nur Hitchcock verfeinerte sie in diesem Maße und prägte durch sein Werk die gesamte Filmgeschichte.

Eines seiner, an Suspense kaum zu übertreffenden, filmischen Werke ist North by Northwest. Auch hier arbeitet Hitchcock mit einer, für ihn, typischen Methode der Spannungserzeugung, dem Einsatz von MacGuffins. Aber was genau sind eigentlich Suspense oder MacGuffins und welche Rolle spielen sie in Hitchcocks Filmklassiker über den unschuldig verfolgten Durchschnittsbürger Roger O. Thornhill?

2 Alfred Hitchcock – Master of Suspense

2.1 Was ist Spannung?

Spannung beginnt im Zuge der Erwartung, welche schon beim bloßen Lesen des Titels geschürt wird, wie zum Beispiel bei The Man Who Knew Too Much[1] oder Dial M For Murder[2].

Aber auch Hinweise auf das Genre können den Reiz und die Spannung vor dem Sehen steigern. So ist die Wahrscheinlichkeit bei einem Krimi hoch, dass letztendlich ein komplizierter (Mord-)Fall aufgelöst wird, der Verbrecher aufgedeckt und von dem oder den Helden der Geschichte geschnappt wird.

So wirkt auch die Informationsvergabe auf den Spannungsgehalt, je nachdem wie viel Informationen gegeben werden und wie sie unter den Protagonisten verteilt sind. Dem Publikum kann eine Information gegeben werden, von welcher der Held allerdings nichts erfährt, sodass durch diesen deutlichen Informationsvorsprung, die Art von Suspense entwickelt wird, welche den Zuschauer nun um den Helden fürchten und bangen lässt und mit ihm auf einen guten Ausgang hofft.[3]

Ausschlaggebend ist aber immer der Konflikt zwischen dem Protagonisten und dem Antagonisten oder der innere Konflikt des Protagonisten. Diese setzen nämlich eine Entscheidung voraus und der Zuschauer steht dem Ausgang gespannt gegenüber. So können ebenso überraschende Vorfälle, wie z.B. ein Mord, das so genannte "Whodunit"[4] eintreten, die nach langsamer Entwicklung die Spannung anheizen, weil der Zuschauer daraufhin auf eine Lösung hofft.

Darüber hinaus spielen im Hitchcockschen Film auch mantische Elemente wie Träume, Ahnungen, Sinnbilder, Vorhersagen, aufziehendes Wetter oder verheißende Musik eine entscheidende Rolle; treten sie auf, kann man sich eines spannungsgeladenen Ereignisses sicher sein.

2.2 Spannungsstärke und Spannungsverlauf

Je nach Bedeutsamkeit der angekündigten Ereignisse für Protagonisten und Zuschauer variiert auch die Spannungsstärke. Des Weiteren hängt dieses Gefühl von dem speziellen Interesse des Zuschauers ab, aber auch von dem Unterschied zwischen dem Besten und dem Schlimmsten, was er erwartet hat und letztendlich eingetroffen ist.

Der Spannungsverlauf beginnt stets mit dem Moment der Anspannung, in der man sich ein bevorstehendes Ereignis vorstellt oder es erahnt. Darauf folgt die Überraschung darüber, ob das Erahnte tatsächlich eingetroffen oder genau diese Entwicklung ausgeblieben ist. Wenn Erwartungen sich nacheinander erfüllen, wird dies oft durch zwiespältige und Skepsis aufwerfende Begebenheiten unterbrochen. Die so genannten Verwicklungen treten hier in den Spannungsverlauf, bevor die ungeklärten Ereignisse aufgelöst werden. Im letzten Teil der Spannungskurve tritt somit die Lösung in Kraft, in der notwendige Erwartungen endlich erfüllt werden.

2.3 Was ist Suspense?

Das Wesen der Suspense ist in den Kulturwissenschaften als ein Gefühl der Spannung beim Leser oder Zuschauer definiert und leitet sich vom lateinischen

„Suspendere“ ab, das für „in Unsicherheit schweben“ steht.[5] Allerdings ist unter Suspense etwas anderes als Spannung zu begreifen.

Anders als in der deutschen Sprache, unterscheidet das Englische zwei Spannungskonzepte; wohingegen „Tension“ eine kurzzeitige, aber umso akutere Situation der Bedrohung bezeichnet, die auch nur begrenzt dehnbar ist, beschreibt Suspense einen weiteren Spannungsbogen. Für Tension sind Plot und Kontext nahezu bedeutungslos, wird zum Beispiel der Protagonist von einem Angreifer überrascht, ist dies förmlich in jedem Zusammenhang spannend, wobei das Moment der Überraschung eines der wichtigsten zur Erzeugung von Tension ist. Suspense dagegen, basiert auf dem Konzept der Vorhersehbarkeit und ist nur mithilfe des semantischen Zusammenhangs aufzubauen. Der Angreifer könnte nach seinem erfolglosen Angriff auf den Protagonisten entkommen sein, wodurch stets die Gefahr eines erneuten Angriffs bestünde. So wäre die Situation, selbst ohne jede weitere erkennbare Bedrohung, weiterhin spannend.

Wie sich nun Suspense von Überraschung unterscheidet, erklärt Hitchcock selbst an folgendem Beispiel:

Wir reden miteinander, vielleicht ist eine Bombe unter dem Tisch, und wir haben eine ganz gewöhnliche Unterhaltung, nichts besonderes passiert, und plötzlich, bumm, eine Explosion. Das Publikum ist überrascht, aber die Szene davor war ganz gewöhnlich, ganz uninteressant.[6]

So kann dem Zuschauer nach einer relativ belanglosen Szene ein Schockerlebnis bereitet werden, indem man ihn plötzlich mit einem unerwarteten Ereignis überrascht. Durch kleine Veränderungen ist es nun möglich, derselben Szene einen vollkommen anderen Effekt zu entlocken, wie Hitchcock in seinen weiteren Ausführungen vorführt:

Die Bombe ist unterm Tisch, und das Publikum weiß es. Nehmen wir an, weil es gesehen hat, wie der Anarchist sie da hingelegt hat. Das Publikum weiß, dass die Bombe um ein Uhr explodieren wird, und jetzt ist es 12 Uhr 55 – man sieht eine Uhr -. Dieselbe unverfängliche Unterhaltung wird plötzlich interessant, weil das Publikum an der Szene teilnimmt. Es möchte den Leuten auf der Leinwand zurufen: Reden Sie nicht über so banale Dinge, unter dem Tisch ist eine Bombe, und gleich wird sie explodieren! Im ersten Fall hat das Publikum fünfzehn Sekunden Überraschung beim Explodieren der Bombe. Im zweiten Fall bieten wir ihm fünf Minuten Suspense.[7]

Suspense setzt sich demzufolge aus der Erwartung an etwas in naher Zukunft Eintreffendes und dem Zweifel daran, ob diese Vorstellung erfüllt oder auch nicht erfüllt wird, zusammen. Die Erwartungshaltung des Zuschauers wird nun in einem Spannungszustand gehalten, indem er sich fragt, ob seine Erwartung erfüllt wird oder gar etwas ganz anderes eintrifft.

Hierbei ist noch zwischen Entscheidungs- oder Erklärungsspannung zu unterscheiden. Die Entscheidungsspannung läuft auf die Lösung eines inneren oder äußeren Konflikts zwischen dem Protagonisten und seinem Gegenspieler aus. Die Erklärungsspannung entsteht wiederum, wenn ein ungeklärter Fall, wie beispielsweise ein Mord, vorliegt und es nun um eine Aufklärung dieses undurchsichtigen Zustands geht. Beide Formen der Spannung bedienen sich unterschiedlicher Überraschungskonzepte.

[...]


[1] Hitchcock, Alfred. The Man Who Knew Too Much, 1956.

[2] Hitchcock, Alfred. Dial M For Murder. 1954.

[3] Vgl. Wikipedia - Die Freie Enzyklopädie. „Suspense“.‹ http://de. wikipe dia.org/wiki/Suspense ›

[4] Vgl. Wikipedia - Die Freie Enzyklopädie. „Whodunit“.‹ http://de. wikipe dia.org/ wiki/W hodunit ›

[5] Vgl. Wikipedia - Die Freie Enzyklopädie. „Suspense“.‹ http://de. wikipe dia.org/wiki/Suspense ›

[6] Truffaut, François. Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?. 64

[7] Truffaut. 64

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Der personalisierte MacGuffin
Untertitel
Spannung, Suspense und unechte Agenten in North by Northwest
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Kulturwissenschaftliches Seminar)
Veranstaltung
Hitchcocks Dinge
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
24
Katalognummer
V113595
ISBN (eBook)
9783640147601
ISBN (Buch)
9783640147724
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
MacGuffin, Hitchcocks, Dinge, ALfred Hitchcok, Hollywood, Filmtheorie, Slavoj Zizek, Lacan, Kulturwissenschaft
Arbeit zitieren
Irina Kirova (Autor:in), 2007, Der personalisierte MacGuffin, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113595

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