Was versteht Weber unter "Idealtypen"?


Essay, 2004

3 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Fragestellung: Was versteht Weber unter Idealtypen?

Textgrundlage: Weber, Max: Die Objektivität sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis, 1904

Max Weber entwickelt in seinem Werk grundsätzliche Herangehensweisen an die sog. Erfahrungswissenschaften und die mit dem Erfahren im Sinne des Forschens verbundenen methodischen Probleme. Als Hauptproblem identifiziert Weber die mangelnde Objektivität der Forschenden durch Einbringen von Werturteilen, persönlicher Prägung und spezifischen Erkenntnisinteressen. Weber macht klar, dass diese Einflussfaktoren nie gänzlich kontrolliert bzw. deren Auswirkungen nie zur Gänze vermieden werden können. Um dennoch ein Höchstmaß an Objektivität in den Sozialwissenschaften erreichen zu können, formuliert Weber folgende Vorschläge:

Weber verlangt insgesamt die Objektivierung der empirischen Wissenschaften. Dies sei durch die Trennung der Werturteile von Sachurteile, durch Logik und Widerspruchsfreiheit und durch die Benutzung sog. scharfer Begriffe zu erreichen. Insgesamt könnten diese Punkte, so Weber, zu einem relativ hohen Maß an Objektivität führen. Weiter formuliert Weber, dass die eigentlichen Ziele der Sozialwissenschaften nicht das Erklären der Zwecke, sondern lediglich das Aufzeigen von Mitteln sei. Wertungen der Forschenden müssten außer Acht gelassen werden; es könne nur die Machbarkeit der Dinge untersucht werden und nicht deren Sinnhaftigkeit.

Dieses Essay konzentriert sich auf die Darstellung des von Weber zur Auflösung des Problems der subjektiven beeinflussten Forschung entwickelten Werkzeugs des Idealtypus. Funktion, Bedeutung und Problematik dieses Begriffes sollen dargestellt werden.

Nach Weber ist ein Idealtyp eine gedankliche, einseitige Steigerung bestimmter typischer Elemente aus realen Zusammenhängen (Grenzbegriff) (Weber 1904:194). Idealtypische Zusammenhänge sind objektiv möglich, allerdings real nicht umsetzbar. Vielmehr ist ein Idealtyp eine Utopie, die in ihrer „Reinheit“ (Weber 1904:191) in der Wirklichkeit nicht zu finden ist. Diese Utopie dient Weber dem Wirklichen als Darstellungsmittel, indem typische, wesentliche Faktoren gesteigert hervorgehoben werden um die Unterschiede zur Realität stärker zu verdeutlichen. Ohne idealisierenden Maßstab ist die empirische Realität wissenschaftlich schwer zu fassen und hypothetisch einzuordnen. Für Weber sind idealtypische Darstellungen aber weder ein reales Abbild der Wirklichkeit, Entwicklungsziel oder Durchschnitt realer Faktoren[1], sondern einzig ein Idealbild zur Veranschaulichung der Realität. Weiterhin ist laut Weber das Ziel einer idealtypischen Begriffsbildung nicht die Aufstellung allgemeingültiger Normen. Idealtypen dienen als Mittel der Erkenntnis, welche ohne vorgegebenes Ziel, sich die idealisierendes Begriffe dem steten Wandel der gesellschaftlichen Verhältnisse unterwerfen.

Auch eine Hypothese ist der Idealtyp bei Weber nicht, kann aber als Mittel zur Hypothesenbildung herangezogen werden. Hierbei merkt Weber an, dass bei der Konstruktion von Idealtypen auf innere Logik und Nachvollziehbarkeit zu achten sei. So werde eine kulturelle Transferierbarkeit idealtypischer Modelle über Kulturgrenzen hinweg leichter ermöglicht. Das Modell der Idealtypen kann für Weber in den verschiedensten Bereichen Anwendung finden (Geschichtswissenschaften, in der Analyse von politischen oder wirtschaftlichen Systemen etc.). Wichtig sei bei der Analyse nur zu verstehen, dass der Idealtyp nur als Vergleichswerkzeug dienen kann und dass nicht die beobachteten Phänomene dem Bild des Idealtypus angepasst werden. Der Idealtypus und die Geschichte (bzgl. der Begriffsbildung in den Geschichtswissenschaften) dürften nicht miteinander verwechselt werden (Weber 1904:209). Geschichte sei in einer ständigen Entwicklung begriffen und Idealtypen müssten deshalb ständig neu konstruiert werden.

In der Praxis wirft die Technik des Idealtypus verschiedene nicht unproblematische Fragen auf. Nach der Konstruktion des Idealtypus ist Aufgabe des Wissenschaftlers der Vergleich, wie nah oder fern die Wirklichkeit der Idealtypus ist. Diese Differenz zwischen Idealtyp und „Wirklichkeit“ ermöglicht dann konkrete Fragestellungen, die mit anderen idealtypischen Zusammenhängen verglichen werden können und ggf. zu einer Antithese führen.

Allerdings löst der Idealtypus nicht das Problem der Subjektivität in den Sozialwissenschaften auf, sondern verlagert es. Denn die Subjektivität setzt bereits während der Konstruktion von idealtypischen. Der Forscher wählt die ihm typischen, steigerungswürdigen Elemente eines Zusammenhangs aus.

An diesem Punkt ergibt sich daher erneut das Ausgangsproblem der mangelnden Objektivität. Idealtypen steigern gewisse Merkmale eines Zusammenhangs, doch stellt sich die Frage, wie diese Merkmale bestimmt werden. Der Forscher nähert sich diesen Fragen mit einem subjektiv bestimmten Erkenntnisinteresse. Dieses Erkenntnisinteresse grenzt damit automatisch den Horizont der angestrebten Forschung eines Phänomens ein. Nur in diesem Rahmen kann der Wissenschaftler die Unterschiede zwischen Realität und Ideal auf der Basis der eigenen, für typisch befundenen Merkmale hin untersuchen.

Das Problem der Subjektivität kann als auch durch Idealtypen nicht aufgelöst werden. Jedoch wird klar, dass dieses Werkzeug zumindest eine Annäherung, wenn auch nur asymptotisch, an Objektivität ermöglicht. Jedoch verlagert sich das zu lösende Problem nicht völlig auf die Auswahl der Mittel der Forschung, da Weber der Sozialforschung das Bewusstsein geschärft und ihr jedenfalls mit der beschriebenen Technik einen Willen zur Objektivität mit auf den Weg gegeben hat, der heute als selbstverständliches Ideal sozialwissenschaftlichen Arbeitens gilt. Die Hypothese in den Wissenschaften ist ebenso wie die Umgangssprache vom Verwender im Verständnis subjektiv geprägt. In beiden Fällen kann das dem Verständnis zugrunde liegende subjektive „Erkenntnisraster“ zum unerwünschten Fehlschluss bzw. zur Fehlerkenntnis führen. Besonders in den Erfahrungswissenschaften können subjektive Raster zu erheblichen Missverständnissen führen, da die möglicherweise falschen Ergebnisse nicht a priori überprüft werden können. Die Soziologie als empirische Wissenschaft ist außerdem für Fehlhypothesen und Fehldeutungen von Ergebnissen anfällig, da ihr Thema Mensch/Gesellschaft zu moralbasierten Wertungen verleitet. In diesem Zusammenhang ist nochmals auf die nur begrenzt mögliche Objektivität des von Weber konstruierten Idealtypus hinzuweisen.

[...]


[1] Vgl. Weber 1904:191 und hierzu vergleichend den von Weber formulierten Gattungsbegriff auf S. 202.

Ende der Leseprobe aus 3 Seiten

Details

Titel
Was versteht Weber unter "Idealtypen"?
Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
Veranstaltung
Einführung in die Kulturwissenschaften
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
3
Katalognummer
V113642
ISBN (eBook)
9783640148608
Dateigröße
342 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Weber, Idealtypen, Einführung, Kulturwissenschaften
Arbeit zitieren
B.A. Philipp Appel (Autor), 2004, Was versteht Weber unter "Idealtypen"?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113642

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