Heute ist ein Streben nach Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau zwar eine theoretische Selbstverständlichkeit, in der Praxis ist aber von einer Gleichstellung (noch) nicht zu sprechen. Sicherlich haben sich Frauen in gesellschaftlicher, politischer und wirtschaftlicher Hinsicht eine bedeutend bessere Stellung erarbeitet, aber wenn laut Statischem Bundesamt der Verdienstabstand in Deutschland zwischen Männern und Frauen im Jahr 2005 immer noch 29% betrug , zeigt sich, dass die Frauen auch weiterhin in der klar schwächeren Position sind.
Angesichts dieser Tatsachen ist es umso verwunderlicher, dass der italienische Dichter Carlo Goldoni bereits im Jahr 1753, in einer Zeit in dem nicht einmal die wenigen weiblichen Dichterinnen einen femininen Blickwinkel thematisierten, ausgerechnet eine Frau zur Protagonistin seines Stückes „La locandiera“ machte. Nicht nur, dass die Wirtin „Mirandolina“ den Titel des Werkes prägt, sie ist es auch, die als selbstständige Geschäftsfrau die Fäden der Handlung zieht. Neben der weiblichen Hauptfigur darf in Goldonis Bühnenstück das sogenannte starke Geschlecht aber nicht fehlen. Vier männliche Rollen, der Cavaliere, der Conte, der Marchese sowie der Diener Fabrizio, ergänzen das Geflecht um die junge Wirtin Mirandolina und die beiden Schauspielerinnen Ortensia und Dejanira.
Wie sich die Beziehungen zwischen den Geschlechtern in einem Stück gestalten, in dem eine Frau die Zügel in der Hand hält, und welche Gründe Carlo Goldoni dazu bewogen haben könnten, unkonventionellerweise eine Frau ins Zentrum seines Textes zu stellen, soll im Folgenden aufgezeigt werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Die Frau – seit jeher das „schwache Geschlecht“
2. Frauen und Männer im Stück und ihr Verhalten untereinander
2.1. Mirandolina zieht den Frauenfeind Cavaliere in ihren Bann
2.2. Conte und Marchese – die lächerlichen Aristokraten
2.3. Fabrizio - der standesgemäße Partner für Mirandolina
2.4. Ortensia und Dejanira – „kichernde Einfalt“ im Kontrast zu kühl kalkuliernder Mirandolina
3. Mögliche Gründe Goldonis für die Erschaffung der unkonventionellen Frauenfigur Mirandolina
3.1. Motivierten Goldoni persönliche Erfahrungen mit der Frauenwelt?
3.2. Die Locandiera als Symbol für ein aufgeklärtes Bürgertum?
3.3. Mirandolina als individueller Charakter in der neuen Theaterkonzeption Goldonis
4. Die besondere Figur der Locandiera fasziniert noch heute
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Geschlechterrollen in Carlo Goldonis Komödie „La Locandiera“. Dabei steht die Protagonistin Mirandolina im Fokus, die als selbstbewusste und strategisch handelnde Geschäftsfrau den Konventionen ihrer Zeit widerspricht und männliche Rollenbilder hinterfragt.
- Analyse der Interaktionen zwischen Mirandolina und ihren männlichen Gegenspielern (Cavaliere, Conte, Marchese, Fabrizio).
- Kontrastierung der Hauptfigur mit den komischen Nebenrollen (Ortensia und Dejanira).
- Untersuchung der biographischen und gesellschaftlichen Hintergründe Goldonis für die Rollengestaltung.
- Einordnung der Figur Mirandolina in den Kontext des aufgeklärten Bürgertums und der Theaterreform des 18. Jahrhunderts.
Auszug aus dem Buch
2.1. Mirandolina zieht den Frauenfeind Cavaliere in ihren Bann
Wenn Goldoni im 16. Kapitel seiner Memoiren auf sein Werk die „Locandiera“ zu sprechen kommt und dabei die Beziehung zwischen der Wirtin und dem Cavaliere di Ripafratta, ihrem Gast, in den Mittelpunkt seiner Beschreibung stellt, ist anzunehmen, dass dieses Verhältnis für ihn am bedeutungskonstitutivsten ist. Insofern bietet es sich an, diese Personen (-konstellation) besonders unter die Lupe zu nehmen.
Schon bei seinem ersten Auftritt im Stück wird der charakteristischste Wesenszug des Cavaliere, nämlich seine Geringschätzung des weiblichen Geschlechts, deutlich: „[…] Non le ho mai amate, non le ho mai stimate, e ho sempre creduto che sia la donna per l’uomo una infermità insopportabile.” Sofort wir dem Leser klar, mit dem Cavaliere auf einen notorischen Frauenfeind getroffen zu sein. Auch die Regieanweisungen Goldonis, als der Cavaliere zum ersten Mal im Stück die junge bürgerliche Wirtin persönlich anspricht, zeugen von der abschätzigen Meinung seiner Figur gegenüber Frauen. „Con disprezzo“ tritt er der hübschen Mirandolina entgegen.
Durch das brüske Verhalten des „grob[en]“ und „wilden, bäurischen“ Mannes fühlt sich Wirtin aber weniger beleidigt, als dass sie sich durch die Zurückweisung des selbsternannten Frauenfeindes herausgefordert sieht. Im Monolog in Akt I, Szene 9 gibt sie sich kämpferisch und spricht von ihrem Plan, den Ritter von sich überzeugen zu wollen: „E’ nemico delle donne? Non le può vedere? Povero pazzo! Non avrà ancora trovato quella che sappia fare. Ma la troverà, la troverà.”
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die Frau – seit jeher das „schwache Geschlecht“: Diese Einleitung beleuchtet den historischen Kontext der Unterdrückung der Frau und kontrastiert diesen mit der ungewöhnlichen Stärke der Titelfigur in Goldonis Werk.
2. Frauen und Männer im Stück und ihr Verhalten untereinander: Das Kapitel analysiert die konkreten Interaktionen zwischen Mirandolina und ihren verschiedenen männlichen Verehrern sowie die Abgrenzung zu den anderen weiblichen Rollen im Stück.
2.1. Mirandolina zieht den Frauenfeind Cavaliere in ihren Bann: Hier wird der strategische Umgang der Wirtin mit einem notorischen Frauenfeind untersucht, der durch Mirandolinas listiges Vorgehen geläutert wird.
2.2. Conte und Marchese – die lächerlichen Aristokraten: Diese Analyse widmet sich der komischen Funktion der beiden adeligen Verehrer, die durch ihre Versuche, Mirandolina zu beeindrucken, ihre eigene soziale Obsoletheit offenbaren.
2.3. Fabrizio - der standesgemäße Partner für Mirandolina: Das Kapitel begründet, warum der Diener Fabrizio als der einzig logische und standesgemäße Partner für die Wirtin angesehen wird.
2.4. Ortensia und Dejanira – „kichernde Einfalt“ im Kontrast zu kühl kalkuliernder Mirandolina: Hierbei werden die beiden Schauspielerinnen als Kontrastfiguren zur berechnenden und klugen Hauptfigur Mirandolina beleuchtet.
3. Mögliche Gründe Goldonis für die Erschaffung der unkonventionellen Frauenfigur Mirandolina: Dieses Kapitel hinterfragt die Intentionen des Autors, von biographischen Motiven bis hin zu literarischen Einflüssen.
3.1. Motivierten Goldoni persönliche Erfahrungen mit der Frauenwelt?: Untersucht die Vorrede des Autors und die Theorie eines biographischen Bezugs zwischen Goldoni und einer Schauspielerin.
3.2. Die Locandiera als Symbol für ein aufgeklärtes Bürgertum?: Analysiert das Werk als Spiegel der aufklärerischen Ideen und den Wandel zur bürgerlichen Identität.
3.3. Mirandolina als individueller Charakter in der neuen Theaterkonzeption Goldonis: Diskutiert die Abkehr von starren Commedia dell'Arte-Typen hin zur individuellen Charakterdarstellung.
4. Die besondere Figur der Locandiera fasziniert noch heute: Ein Fazit zur anhaltenden Popularität und zeitlosen Bedeutung der Figur Mirandolina in der Theatergeschichte.
Schlüsselwörter
Carlo Goldoni, La Locandiera, Mirandolina, Geschlechterrollen, Frauenbild, Aufklärung, Theaterreform, Komödie, Venezianische Gesellschaft, Emanzipation, Theater des 18. Jahrhunderts, Charakterdarstellung, Literaturanalyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse der Geschlechterrollen in Carlo Goldonis berühmtem Theaterstück „La Locandiera“ und untersucht, wie die Protagonistin Mirandolina traditionelle Rollenbilder des 18. Jahrhunderts bricht.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit behandelt die soziale Stellung der Frau, das Verhältnis zwischen Adel und Bürgertum, die Dynamik zwischen den Geschlechtern und die literarische Bedeutung von Charakterindividualität im Theater.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Mirandolinas Handlungsweise zu entschlüsseln und zu begründen, warum Goldoni eine solch unkonventionelle Frauenfigur ins Zentrum seines Stückes stellte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die das Stück im Kontext von Goldonis Werk, dessen Vorreden sowie zeitgenössischer gesellschaftlicher Philosophie interpretiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die Interaktionen Mirandolinas mit den verschiedenen männlichen Figuren, vergleicht sie mit den anderen weiblichen Rollen und beleuchtet die Entstehungsgründe der Figur.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Carlo Goldoni, Mirandolina, Geschlechterrollen, Aufklärung und die Theaterreform des 18. Jahrhunderts.
Warum lässt Goldoni Mirandolina am Ende Fabrizio heiraten?
Die Wahl Fabrizios wird als Bestätigung ihrer bürgerlichen Werte gedeutet; er verkörpert Treue und berufliche Tüchtigkeit und ist somit das logische Pendant zur unabhängigen Wirtin.
Gibt es einen biographischen Hintergrund für die Figur?
Ja, es gibt Hinweise darauf, dass Goldoni die Figur unter dem Eindruck seiner persönlichen Erfahrungen mit der Schauspielerin Maddalena Marliani entworfen hat, wenngleich das Werk über eine rein persönliche Abrechnung hinausgeht.
Wie wird die Rolle der Schauspielerinnen Ortensia und Dejanira bewertet?
Sie dienen als bewusster Kontrast zu Mirandolina; durch ihre Einfältigkeit und ihr offensichtliches Taktieren heben sie Mirandolinas intellektuelle Überlegenheit und ihre kalkulierte Vorgehensweise hervor.
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- Katharina Petzi (Author), 2008, Geschlechterrollen in Carlo Goldonis „Locandiera“, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113644