Das Internet, ein Rekrutierungsmedium für Rechtsextreme?


Diplomarbeit, 2002

127 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

Inhalt

0. EINLEITUNG

I. SOZIALISATIONSBEDINGUNGEN, MEDIENERFAHRUNGEN UND POLITIKINTERESSEN VON JUGENDLICHEN
1. SOZIALISATION
2. MEDIENNUTZUNG UND –KOMPETENZ
2.1 DER INTERNETGEBRAUCH JUGENDLIC HER
3. POLITISCHES INTERESSE UND ENGAGEMENT JUGENDLICHER

II. RECHTSEXTREMISMUS IN DEUTSCHLAND
1. DEFINITION DES (RECHTS)EXTREMISMUSBEGRIFFS
2. RECHTSEXTREMISTISCHE EINSTELLUNGEN UND VERHALTENS-WEISEN
2.1 FREMDENFEINDLICHKEIT
2.2 PROTESTVERHALTEN UND GEWALT
3. DAS RECHTSEXTREMISMUSPOTENTIAL
3.1 DAS PERSONEN - UND GRUPPENPOTENZIAL
3.2 RECHTSEXTREMISMUS IM INTERNET

III. STRATEGIEN GEGEN RECHTSEXTREMISMUS IM INTERNET
1. RECHTLICHE GRUNDLAGEN
1.1 ÜBERLEGUNGEN ZUR MEINUNGSFREIHEIT
1.2 DAS INFORMATIONS- UND TELEKOMMUNIKATIONSDIENSTE- GESETZ UND DER MEDIENSTAATSVERTRAG
1.3 DAS GESETZ ÜBER DIE VERBREITUNG JUGENDGEFÄHRDENDER SCHRIFTEN UND MEDIENINHALTE
1.4 STRAFGESETZE
2. FILTERSYSTEME

IV. EIGENE FORSCHUNG .
1. AUF DER SUCHE NACH INFORMATIONEN
1.1 DAS EXPERIMENTIEREN MIT WEBADRESSEN UND DIE ERGEBNISSE
1.2 EINE SUCHMASCHNINENRECHERCHE
1.2.1 VORAUSGEHENDE ERKENNTNISSE UND EIGENE (VER-) SUCHE
1.2.2 ERGEBNISSE DER DATENERHEBUNG
1.2.3 ZUSAMMENFASSUNG UND BEURTEILUNG
2. EINE INHALTSANALYSE RECHTSEXTREMISTISCHER INTERNET- SEITEN
2. 1 DAS METHODISCHE VORGEHEN
2.1.1 VORSTELLUNG DES KATEGORIENSYSTEMS
2.2 ERGEBNISSE DER INTERNETSEITENANALYSE
2.2.1 ALLGEMEINE ANGABEN ZU DEN FUNDSTÜCKEN
2.2.2 ELEMENTE DES ATTRAKTIVITÄTSPOTENZIALS
2.2.3 ZUSAMMENFASSUNG
3. RESÜMEE

V. LITERATURVERZEICHNIS

(VI. ANHANG – EXTERNES LITERATURVERZEICHNIS)

1. EINLEITUNG

Das Internet gehört in der modernen Gesellschaft zu den viel umjubelten und gleichzeitig zu den häufig umstrittenen Dingen des Lebens. Während die einen die demokratischen Strukturen dieses weltweiten Netzwerkes loben, verurteilen es die anderen als rechtsfreien Raum, in dem sich Liebhaber von Pornographie, Perverse jeglicher Couleur oder bombenbauende Terroristen herumtreiben. Genau diesen Menschen kann man auch tatsächlich im Internet begegnen, sowie einigen Millio- nen anderer Menschen, die nicht zu diesen Gruppen gehören. Der Anteil der Internetnutzer weltweit wächst stetig und ebenso deren Anteil in der deutschen Bevölkerung. Für das Jahr 2002 weist die ARD/ZDF-Online-Studie einen Anteil von rund 44 % Internetnutzern aus (vgl. VAN EIMEREN/GERHARD/FREES 2002, S.347f). Damit sind es zur Zeit hochgerechnet 28,3 Millionen Erwachsene, die E- Mails versenden, surfen, chatten und verschiedensten anderen Tätigkeiten im In- ternet nachgehen. Bei den Auszubildenden, Schülern und Studenten beträgt der Anteil der Internetnutzer rund 81 %. Allerdings stellt die Gruppe derjenigen, die das Internet weder beruflich noch privat nutzen bzw. nicht mehr nutzen, mit 56 % immer noch die Mehrheit der Bevölkerung. Die Gründe hierfür sind zahlreich (vgl. GERHARDS/ MENDE 2002). Unter anderem scheint die Skepsis sowohl ge- genüber der Masse als auch gegenüber der Qualität der Inhalte des Internets gewachsen zu sein. Von immerhin 58 % der sogenannten Offliner wird die Gefahr der Verbreitung extremer politischer Inhalte gesehe n. Eine wohl nicht ganz unbe- gründete Angst, wenn man die immer mal wieder erscheinenden Ze itungsartikel über die Zunahme rechtsextremistischer Internetseiten verfolgt oder die Verfas- sungsschutzberichte der letzten Jahre vergleicht. Was die Gefahren durch rechts- extremistische Internetangebote betrifft, gehen die Meinungen auseinander. Teil- weise hört oder liest man von der "braunen Gefahr" oder dem "Netz des Hasses", welches sich weltweit ausbreite. An anderer Stelle ist eher die Rede von irregelei- teten Mitgliedern irgendwelcher Organisationen, in denen man unter sich bliebe und deren Seiten 'versteckt' und schwer auffindbar seien, oder es wird davon aus- gegangen, dass es zwar sehr viele rechtsextremistische Internetseiten gibt, man aber nicht per Zufall darauf stoßen würde. In Anbetracht der ständig steigenden

Internetauftritte von Rechtsextremen scheint es zumindest fraglich, ob diese Sei- ten tatsächlich schwer zu finden sind bzw. nicht die Möglichkeit besteht, per Zufall darauf zu stoßen. Weiter stellt sich die Frage, wofür das Internet benutzt wird. Dass es aufgrund seines öffentlichen Charakters ein hervorragendes Propa- gandamedium abgibt, darüber besteht eigentlich kein Zweifel. Aber, und damit bin ich bei der zugrundeliegenden Fragestellung dieser Arbeit, wird es von Rechtsextremisten auch als Rekrutierungsmedium eingesetzt? Oder gena uer, vor dem Hintergrund, dass immer mehr Jugendliche das Internet nutzen, sind die In- ternetangebote so gestaltet, dass speziell Jugendliche damit angelockt werden sollen, um diese letztendlich für die rechtsextreme Szene rekrutieren zu können?

Um diesen Fragen nachzugehen, soll im Kapitel I. der Focus zunächst auf die he u- tige Jugendgeneration gerichtet werden. Der erste Abschnitt beschreibt allgemein deren Sozialisationsbedingungen in der heutigen Gesellschaft: Welche Anforde- rungen werden an die Jugendlichen gestellt? Wie bewältigen sie die Ent- wicklungsaufgaben bzw. wie gehen sie damit um, wenn sie mit eventuellen Belas- tungen nicht fertig werden. Anschließend wird das Augenmerk auf die Medien gerichtet, eine, neben Elternhaus, Schule und Peers, der heute als wichtig gelten- den Sozialisationsinstanzen. Der Abschnitt beschreibt, wie Jugendliche mit den Medien umgehen und welche Kompetenzen diese den Jugendlichen abverlangen. Medien kommen verschiedene wichtige Funktionen zu, was am Be ispiel 'Musik' vertieft wird. Darüber hinaus wird in diesem Zusammenhang darauf aufmerksam gemacht, wie sich Rechtsextreme dieses zu Nutzen machen. Der abschließende Teil des Medienabschnitts befasst sich damit, wie Jugendliche das Internet nutzen, und was im Internet für Jugendliche attraktiv ist. Hieraus ergeben sich wichtige Analysekriterien dafür, was rechtsextremistische Betreiber auf ihren Internetseiten anbieten müssten, um damit Jugendliche anzulocken und im besten Fall zum Mitmachen zu bewegen. Dass politische Themen dazu nicht unbedingt geeignet scheinen, beschreibt der letzte Abschnitt des Kapitels. Hier soll das politische In- teresse und Engagement der heutigen jungen Generation näher betrachtet werden. Es wird herausgestellt, mit welchen Themen die Jugendlichen sich vor-dringlich beschäftigen, wo ihre Interessen liegen und ihre Bereitschaft sich (politisch) zu

engagieren. Als einer besonders aktuellen Form der gesellschaftlichen Beteiligung kommt hier der Nutzung des Internets eine spezielle Bedeutung zu.

Das Kapitel II. befasst sich mit dem Themenbereich Rechtsextremismus in Deutschland. Nach einer Definition des Rechtsextremismusbegriffs, wird auf rechtsextremistische Einstellungen und Verhaltensweisen eingegangen, wobei Fremdenfeindlichkeit und Gewalt die Schwerpunkte bilden. Danach erfolgt eine allgemeine Beschreibung des rechtsextremen Personen- und Gruppenpotenzials. Rechtsextremismus im Internet und die Diskussion über eventuell daraus resultie- renden Gefahren, bilden den abschließenden Teil des Kapitels.

Im Kapitel III. werden verschiedene rechtliche Grundlagen vorgestellt, die im Internet ihre Gültigkeit haben, und sowohl dem Schutz der Verfassung als auch dem Schutz von Kindern und Juge ndlichen dienen sollen. Der Einsatz von Filter- systemen soll technische Lösungen zur Umsetzung von Maßnahmen des Jugend- schutzes beim Zugriff auf das Internet bieten. Diese werden ebenfalls kurz vorge- stellt, sowie einige Besonderheiten des Mediums Internet, die diverse Schwierigkeiten bei der Umsetzung der rechtlichen und technischen Möglichkei- ten bedingen. Damit ist der theoretische Teil der Arbeit abgeschlossen.

Kapitel IV. umfasst schließlich die Konzepte der Datenerhebung und -analyse sowie die Ergebnisse meiner eigenen Forschung. Der erste Untersuchungsteil be- fasst sich mit den Möglichkeiten rechtsextremistische Angebote im Internet zu suchen, sowie deren tatsächlicher Auffindbarkeit. Nach einer allgemeinen Be- schreibung verschiedener Suchstrategien, wird mein Vorgehen beim Experiment- ieren mit Webadressen und der Suche in Suchmaschinen geschildert und die dar- aus resultierenden Ergebnisse vorgestellt. Die letztgenannte Strategie lehnt sich an einem Test von Caroline WELZEL (2000) an. Das bei der Recherche gefundene Datenmaterial, bildet die Grundlage für den sich daran anschließenden Untersu- chungsteil. Darin wird durch eine Analyse der verschiedenen Internetseiten- inhalte sowie deren Vergleich ermittelt, ob diese ein (gewisses) Attraktivitätspo- tenzial für Jugendliche beinhalten. Der Abschnitt beginnt zunächst mit der Erläuterung des methodischen Vorgehens bei der Datenanalyse. Hierbei wird der Aufbau einer Textdatenbank beschrieben, mit deren Hilfe ein Kategoriensystem erstellt und die Daten, im Sinne der "Grounded Theory" (vgl. STRAUSS/CORBIN

1996), analysiert wurden. Nach der Präsentation der Ergebnisse und einer Zusam- menfassung der Auswertung, bildet ein Resümee den Schluss dieser Arbeit.

Neben den inhaltlichen Angaben hier noch einige Bemerkungen zu formalen As- pekten: Die vorliegende Arbeit verzichtet der Einfachheit halber auf die häufig verwendete Form der 'In' und 'Innen'. Begriffe wie 'Politiker' beinhalten also so- wohl männliche wie weibliche Personen. Hervorhebungen und Rechtsschreib- fehler in Zitaten sind, soweit nicht anders angegeben, dem original Text entno m- men. Auslassungen oder Ergänzungen der Autorin sind [wie in diesem Beispiel] durch eckige Klammern kenntlich gemacht. Bei den Quellenangaben der rechtsex- tremern Inhalte gibt es eine Besonderheit: In Absprache mit Dr. Strobl wurden diese auf einer gesonderten externen Literaturliste angegeben, die nur den Prü- fungsberechtigten ausgehändigt wurde, um keine 'Top10 der besten rechts- extremistischen Websites' zu veröffentlichen. Wer diese Seiten trotzdem finden will, dem steht jederzeit die Möglichkeit einer eigenen Recherche im Internet of- fen, aber ich möchte sie nicht allgemein zugänglich machen. Die betreffenden Quellenangaben werden im weiteren Verlauf mit einem 'ex.' gekennzeichnet sein (vgl. BEISPIEL 2002ex.). Die Quellen aus dem Internet sind aufgrund ihrer 'Flüchtigkeit' und in Ermangelung an Seitenzahlen immer mit einem Abrufdatum versehen (vgl. BEISPIEL 2002, Stand: 22/11/02). Hier zeigt sich auch das Haupt- problem bei einer Internetrecherche: Dadurch dass das Internet sozusagen immer in Bewegung ist, können bereits einen Tag später Seiteninhalte verändert oder nicht mehr existent sein. Bereits während des Verfassens der Arbeit sind einige Webseiten komplett aus dem Netz verschwunden. Diese Arbeit kann also nur eine Momentaufnahme vom Erhebungsbeginn bis zum Abgabetermin darstellen, die schon jetzt von neuen Entwicklungen überholt worden sein kann. Aber trotz des schnellen 'Alterns' der Informationen, lassen sich aufgrund ähnlicher Momentauf- nahmen, die bereits von anderen Autoren vorliegen, durchaus gewisse Entwicklungen und Trends ablesen (vgl. z.B. BUNDESAMT FÜR VERFASSUNGS- SCHUTZ 2000b; BUNDESMINISTERIUM DES INNERN 2000-2002; FROMM/ KERNBACH 2001; STIFTUNG DOKUMENTATIONSARCHIV DES ÖSTER- REICHISCHEN WIDERSTANDES 1997).

I. SOZIALISATIONSBEDINGUNGEN, MEDIENERFAHRUN- GEN UND POLITIKINTERESSEN VON JUGENDLICHEN

1. SOZIALISATION

Bevor ich im weiteren Verlauf auf die Lebensbedingungen und Anforderungen an Jugendliche heute eingehe, möchte ich voranstellen, dass es 'die' Jugend als ein- heitliche soziale Gruppe nicht gibt. 'Jugend' existiert vielmehr in einer Fülle von sozialen Differenzierungen, beispielsweise nach dem jeweiligen Sozialstatus (Schüler der Hauptschule, Student, Arbeitsloser etc.), nach Organisationsformen (Vereinsjugend, kirchliche Jugendgruppen, politisch / parteilich organisierte Ju- gend etc.) oder nach subkulturellen Merkmalen (Punk, Skinhead, Raver etc.) (vgl. HURRELMANN 1994, S.51f).

'Jugend' stellt neben der vorangehenden Phase 'Kindheit' und der nachfolge nden Lebensphase 'Erwachsenenalter' eine eigenständige Phase im Lebenslauf dar (vgl. HURRELMANN 1994). Der Beginn der Lebensphase Jugend wird mit der Ge- schlechtsreife angesetzt. Diese kennzeichnet mit ihren weitreichenden hormonel- len, physiologischen, psychischen und mentalen Umbrüchen und Turbulenzen das Ende der Kindheit. Die Lebensphase Jugend beginnt für die Mehrzahl der jungen Menschen im Durchschnitt mit 11½ Jahren beim weiblichen Geschlecht und mit 12½ Jahren beim männlichen (vgl. HURRELMANN 1994, S.31ff; HURRELMANN

u.a. 2002, S.31). Die Abgrenzung zwischen Jugend und Erwachsenenalter ist schwierig, denn die Grenzen sind fließend und es ist nicht möglich, eine Alters- spanne für das Passieren des Übergangspunktes zwischen den beiden Lebens- phasen zu nennen. Der Eintritt in das Erwachsenenalter gilt als erreicht, wenn alle Entwicklungsaufgaben des Jugendalters abgeschlossen sind und die volle Selb- ständigkeit als Gesellschaftsmitglied erreicht ist. Die zu bewältigenden Ent- wicklungsaufgaben sind die jeweiligen Statusübergänge zum Erwerbstätigen und wirtschaftlich Selbständigen, zum Lebenspartner und Mitglied einer eigenständ i- gen Familie, zum Freizeit- und Konsumbürger sowie zum politisch Mitbestim- menden (vgl. HURRELMANN 1994, S.34f/42ff; HURRELMANN u.a. 2002, S.32). Die unterschiedlichen Grade von Selbständigkeit werden in den verschiedenen Status-

passagen zu unterschiedlichen Zeitpunkten erworben. So werden die Jugendlichen in modernen Gesellschaften heute in der Regel schon sehr früh zu selbständigen Konsumbürgern, bleiben aber gleichzeitig, aufgrund der verlängerten Bildungs- zeiten und beruflichen Unsicherheiten, lange ökonomisch von den Eltern abhä n- gig (vgl. HURRELMANN 1994; HURRELMANN u.a. 2002).

Die Bewältigung der Entwicklungsaufgaben ist im Kontext mit den jeweiligen Lebenslagen sowie den damit verbundenen Lebensmöglichkeiten und Lebenssitu- ationen zu sehen. Diese sind auch die Grundlage und der Ausgangspunkt für die Bildung der Identität sowie dem damit verbundenen Selbstbild. HURRELMANN (1986/1994) betont hierbei den wechselseitigen Zusammenhang zwischen indivi- dueller und gesellschaftlicher Entwicklung. Der gesellschaftliche und ökologische Kontext wird einerseits subjektiv aufgenommen und verarbeitet, wirkt in diesem Sinne also auf das Individuum ein, andererseits wird er aber auch durch das Ind i- viduum beeinflusst, verändert und gestaltet (vgl. HURRELMANN 1994, S.72). Das Zusammentreffen der Prozesse Individuation (Entwicklung zur unverwechselba- ren Persönlichkeit) und Integration (Übernahme verantwortlicher sozialer Rollen) birgt ein erhebliches positives Stimulierungspotenzial, aber zugleich auch ein ho- hes Belastungspotenzial in sich. Die jeweiligen Anforderungen der Individuali- sierung und der Integration müssen von den Jugendlichen aufeinander bezogen und miteinander verbunden werden. Um das Spannungsfeld abzuarbeiten, sind neben individueller Bewältigungsfähigkeiten auch soziale Unterstützungen durch Bezugsgruppen (Familie, Schule, Freunde u.a.) wichtig (vgl. HURRELMANN 1994, S.73ff). Der Sozia lisationsprozess gilt dann als gelungen, "wenn eine Syn- these von Individuation und Integration erreicht wird, die sich in der Kompetenz zu autonomen Handeln und einer zwischen personaler und sozialer Identität aus- gewogenen Ich-Identität niederschlägt" (HURRELMANN 1994, S.74).

Die Annahme, dass sich die Sozialisation in Auseinandersetzung mit der Umwelt entwickelt, verlangt ein Vorhandensein von Sozialisationsinstanzen, die unter- schiedlich in ihrer Ausprägung, Intensität und Länge auf die Jugendlichen wirken. Als die wichtigsten Sozialisationsinstanzen, die auf die Jugendlichen einwirken, sind die Familie, Freunde bzw. Gleichaltrigengruppen, Schule und Medien zu nennen. Gleichzeitig sind es nicht allein die Sozialisationsinstanzen, die die He-

ranwachsenden erziehen und prägen, "sondern auch die Kinder und Jugendlichen konstituieren durch ihre Aktivitäten und Handlungen die Phasen des Aufwach- sens" (SANDER 2001, S.94). Jugendliche heute sind mehr denn je Gestalter ihrer eigenen Entwicklung. Sie verfügen früher über Möglichkeiten ein 'eigenes' Leben zu führen, sie werden früher als eigene Person wahrgenommen und es wird ihnen eine höhere Kompetenz zur Eigenverantwortung zugestanden. Dieser Zugewinn an Selbständigkeit und Wissen, schafft für die Jugendlichen eine Vielfalt an Ges- taltungsspie lräumen und Wahlmöglichkeiten. Dies beinhaltet auch gewisse Chancen, die eigene Entwicklung und die persönliche Biographie relativ frei von sozialen Zwängen und unabhängig von der sozialen Herkunft gemäß den indivi- duellen Interessen und Ansprüchen, Bedürfnissen und Zielvorstellungen zu planen und zu realisieren (vgl. BARTHELMES/SANDER 2001; HURRELMANN u.a. 2002). Hierfür benötigen Jugendliche in modernen Gesellschaften eine hohe Flexibilität und ausgeprägte Kapazität der Selbststeue rung, mit der Fähigkeit, das eigene Handeln selbstwirksam zu beeinflussen (vgl. HURRELMANN u.a. 2002). "Soziali- sationstheoretisch lässt sich diese Anforderung als Selbstorganisation bezeichnen, auf der Akteursebene können wir hierfür den Begriff der »egotaktischen Lebens- führung« verwenden" (HURRELMANN u.a. 2002, S.34).

Mit dem mehr an Gestaltungsspielräumen und Wahlmöglichkeiten sind die An- forderungen an die Jugendlichen, durch den Zwang sich selbständig entscheiden zu müssen, auch gestiegen. In Anlehnung an den Ansatz von BECK (1986), in dem die gesellschaftlichen Entwicklungslinien zum Typ der "Risikogesellschaft" verdichtet sind, machen HEITMEYER u.a. immer wieder auf die "Schattenseiten der Individualisierung" aufmerksam (vgl. HEITMEYER 1992/1995; HEITMEYER

u.a. 1992). Diese "Schattenseiten", "deren durchdringendes Kennzeichen das der Vereinzelung ist", stehen "den scheinbaren "Sonnenseiten" von Individualisierung, etwa die Verfügbarkeit über eigenes Geld, eigene Zeit, eigenen Wohnraum, eige- nen Körper", gegenüber (HEITMEYER 1992, S.65). HEITMEYER und OLK (1990) heben hervor, dass die Auseinandersetzung mit einer individualisierten Gesell- schaft für Jugendliche ein subjektives Orientierungsproblem darstellt und Einflüs- se auf die Identitätsbildung des Einzelnen hat. Jugendliche finden sich oft mit dem erheblichen Maß an "Überkomplexität" schwer zurecht. Dies betrifft besonders

diejenigen Jugendlichen, die über ungünstige familiäre, soziale, wirtschaftliche und bildungsmäßige Vo rraussetzungen verfügen (vgl. HURRELMANN 1994; HURRELMANN u.a. 2002). "Auch von den sozial schwachen Jugendlichen werden die Zielvorstellungen der souveränen Selbstorganisation und der flexiblen Egotak- tik verfolgt, sie scheitern aber an diesen hohen Ansprüchen" (HURRELMANN u.a. 2002, S.36). Dieses Scheitern kann den Verlust von Selbstvertrauen und des Selbstwertgefühls zur Folge haben, und in Reaktion darauf zu Störungen der Per- sönlichkeitsentwicklung im sozialen und gesundheitlichen Bereich führen. Fehlen die entsprechenden Problembewältigungskompetenzen und sozialen Bezugsgrup- pen, die diese Probleme auffangen könnten, liegen hier die Ausgangsbedingungen für psychosoziale Störungen, Drogenkonsum und gesundheitliche Beeinträchti- gungen. Aggressivität, Gewalttätigkeit und extremistische politische Orientie- rungen stellen ebenfalls eine Strategie Jugendlicher dar, um mit den Belastungen der Überkomplexität und den möglicherweise daraus resultierenden subjektiven Orientierungsproblemen fertig zu werden (vgl. HURRELMANN 1994, S.193-228). Mehrere Untersuchungen bestätigen, dass extremistische Orientierungen auf den subjektiven Eindruck von Jugendlichen verweisen, die Kontrolle über die Gestal- tung wichtiger Lebensbereiche verloren zu haben und in soziale Isolation geraten (vgl. bspw. HOPF u.a. 1995; HEITMEYER u.a. 1992; MÖLLER 2000; WAHL 2001;

WILLEMS u.a. 1993; WILLEMS/WÜRTZ/ECKERT 1994). Demnach können auch politische Interessen und politisches Engagement Jugendlicher als Antwort auf Lebensbedingungen und -erfahrungen verstanden werden, denn sie "werden stark vom Selbstbild, Lebensstil und den dahinter liegenden Anforderungen des Alltags beeinflusst" (HURRELMANN u.a. 2002, S.40).

2. MEDIENNUTZUNG UND –KOMPETENZ

In der heutigen Kindheit und Jugend gelten neben Elternhaus, Schule und Gleic h- altrigengruppe die Medien als wichtige Sozialisationsinstanzen. Hinter der Sammelbezeichnung 'Medien' verbergen sich sehr unterschiedliche Dinge: Bü- cher, Tonkassetten, Fernsehen, Radio u.a. Auch die Neuen Medien gehören inzwischen als selbstverständliche Bestandteile dazu. Diese erweitern nicht ein- fach nur die bestehende Fernseh- und Bilderkultur, sondern bringen eine neue Qualität ein, indem sie visuelle (computerberechnete) Oberflächen auf dem Bild- schirm interaktiv zugänglich machen (vgl. FROMME/VOLLMER 1999, S.200). Charakteristisch für die heutige Zeit ist das Nebeneinander der verschiedensten Medien. VAN EIMEREN, GERHARD und FREES (2002, S.358) weisen in bezug auf das Internet darauf hin, dass dieses die bereits bestehenden Medien nicht ver- drängt, sondern in ihrer Nutzung komplementär ergänzt. Hieraus ergeben sich natürlich eine Vielzahl von (fiktiven und symbolischen) Erfahrungs- und Erleb- niswelten, die hinzukommen. Entgegen häufiger Befürchtungen, dass die fortschreitende Medialisierung im Leben der Juge ndlichen zu einer Verarmung ihrer Alltagsgestaltung oder ihrer sozialen Beziehungen führt, kommen BARTHELMES und SANDER (2001, S.294) zu dem Schluss, dass "im Gegenteil, eine entsprechende Nutzung der Medien [...] für die soziale Integration sowohl innerha lb der Familie als auch in den Gleichaltrigen-Gruppen bzw. in den Freund- schaftsbeziehungen behilflich und unterstützend [ist]". Die Korrespondenz zwischen Real- und Medienwelten ist für Jugendliche bzw. junge Erwachsene mittlerweile selbstverständlich gewo rden (BARTHELMES/SANDER 2001, S.297). Die Medienerfahrungen sind nicht von dem Alltag und der Identität der Jugendli- chen abgehoben. Sie sind Alltagserfahrungen und somit Realerfahrungen. Zudem ist im Rahmen der Medienforschung deutlich geworden, dass die jungen Nutzer durchaus aktiv und zum Teil sehr kompetent mit den Medien umgehen (vgl. bspw. BAAKE/SANDER/VOLLBRECHT 1990; BARTHELMES/SANDER 2001; FROMME

u.a. 1999). Im Umgang mit Medien sozialisieren sich die Heranwachsenden in einem gewissen Umfang selbst und leisten damit Arbeit am Selbstbild, und somit an ihrer Autonomie und Kompetenz (vgl. BARTHELMES/SANDER 2001, S.58f). Mediensozialisation versteht sich demnach nicht mehr nur als "Sozialisation durch

Medien", sondern auch als "Sozialisation zur Mediennutzung", d.h. die Heran- wachsenden eignen sich selbst im Prozess der Mediennutzung die Medien- kompetenz an (SANDER 2001, S.94).

Um die Reichweite und den Umfang des neuen Medienlernens deutlich zu ma- chen, hat BAAKE (1998, Stand: 04/03/02 u. 2001, S.6ff) folgende vier Dimensionen als Teilaspekte von Medienkompetenz vorgeschlagen:

- Medienkritik (die ein Individuum befähigt, reflexiv über Medienphänomene urteilen zu können),
- Medienkunde (sachliches Wissen über Medien, ihre Inhalte sowie das gesamte Mediensystem),
- Mediennutzung (als im Idealfall selbst gesteuerte Rezeption) und
- Mediengestaltung (als im Idealfall aktiver Umgang mit Medien bis zur eige- nen Medienproduktion).

Kompetenz, im Sinne von BAAKE, meint also nicht nur die Fähigkeit, eine neue Technik (etwa den vernetzten Computer) handhaben zu können. Diese technisch- praktische Fertigkeit ist vielmehr mit dem Vermögen der Menschen, sich Gedan- ken über etwas zu machen, kritische Argumente zu formulieren, produktiv zu arbeiten, sowie Spass, Genießen und sinnliches Erleben im Umgang mit Medien zu kultivieren, verbunden. Betont wird dabei die Tatsache, dass alle Menschen grundsätzlich mit der Fähigkeit ausgestattet sind, sich in der Welt erfolgreich und sozial zu bewegen, allerdings muss diese Ausstattung gefördert werden (vgl. BAAKE 1998, Stand: 04/03/02).

Betrachtet man beispielsweise das Medium Internet, wird deutlich: Es erschließt sich "nur in einem eher langwierigen Lern- und Erfahrungsprozess, der Eigenakti- vität, Ausprobieren und eine gewisse Frustrationstoleranz erfordert" (OEHMICHEN/SCHRÖTER 2002, S.376). Die Onlinenutzung verlangt den aktiven Rezipienten, von dem relativ hohe Aufmerksamkeit und Abstraktionsvermögen sowie technische Fertigkeiten gefordert werden. Hinzu kommt, dass Enttäuschun- gen erfolgreich verarbeitet werden müssen, wenn mal wieder der Computer abstürzt, Links veraltet sind oder die Suchmaschine nur Treffer ausgibt, die nicht zu gebrauchen sind. OEHMICHEN und SCHRÖTER weisen darauf hin, dass sich typische Einstiegsphasen der Onlinenutzung erkennen lassen, die oftmals zugleich

durch übergroße Erwartungen, Euphorie sowie Naivität und Ernüchterung ge- kennzeichnet sind (vgl. OEHMICHEN/SCHRÖTER 2002, S.376f). Dies macht den "Stellenwert und die Bedeutung von Medienkompetenz als erfahrungsgesättigter Fähigkeit des Umgangs mit den technischen und inhaltlichen Tücken des Medi- ums [...] überdeutlich" (OEHMICHEN/SCHRÖTER 2002, S.386).

Selbstbildung über Medien bedeutet, sich der eigenen Themen bewusst zu wer- den, die Themen in den Medien mit Absicht zu suchen sowie durch das Medien- erleben für sich selbst Medienerfahrungen zu machen (vgl. BARTHELMES/ SANDER 2001, S.297). "Der innere Dialog bei der Auseinandersetzung mit dem Mediengeschehen ist ein entscheidender Moment der Selbstbildung über Medien" (BARTHELMES/SANDER 2001, S.297). BARTHELMES und SANDER (2001,

S.288f/297) weisen aber auch darauf hin, dass die Selbstbildung über Medien kein abgehobener Vorgang ist. Dieser Prozess findet genau so wie die Bildung der Le- bensführungskonzepte in der Familie statt und hängt auch vom kulturellen Kapital der Eltern ab. Es entstehen gemeinsame Geschmackskulturen sowie ein "kulturel- les Erbe", von dem sich die Jugendlichen mit zunehmender Selbständigkeit immer mehr absetzen. Obwohl in der Adoleszenz die Gleichaltrigengruppen zunehmend an Bedeutung gewinnen, bleiben die Familienerfahrungen prägend (vgl. BARTHELMES/SANDER 2001, S.288f/297).

Durch den Umgang mit Medien erwerben die Jugendlichen für sich einen persön- lichen Gewinn sowie einen sozialen Nutzen. Dies geschieht zum einen auf der Beziehungsebene in Familie und Gleichaltrigengruppe und zum anderen auf der Inhaltsebene (vgl. BARTHELMES/SANDER 2001, S.297f). MÖLLER (1999) macht dies anhand der musikalischen Selbstsozialisation deutlich, die eine wichtige Ro l- le bei der Identitätskonstruktion Jugendlicher darstellt. Indem die Jugendlichen die Zugehörigkeit bzw. Abgrenzung zu bestimmten Gruppierungen signalisieren, die sich unter anderem über verschiedene Kleidungsstile, ritualisierte Verhaltens- formen oder musikalische Stile definieren, konstruieren sie ihre Identität. Die Jugendlichen erwerben hier die kulturelle Kompetenzen, mit denen sie ihren Le- bensstil von anderen Lebensstilen unterscheiden (vgl. MÖLLER 1999). "Die

Umgehensweisen mit Musik [hängen] weniger von Merkmalen der rezipierten oder produzierten Musik als von Merkmalen der soziokulturellen Kontexte ab [...], in denen mit Musik umgegangen wird und in denen musikalischen Symbolen soziale Bedeutung zugeschrieben wird" (MÖLLER 1999, S.117). Dies kann exe m- plarisch anhand der Bedeutung von Musik in rechtsextremen Skinheadszenen1 verdeutlicht werden. Zahlreiche Liedtexte rechtsextremistischer Bands prägen die typischen Feindbilder (politische Gegner, Ausländer, Juden u.a.) der rechtsextre- men Skinheadszene, thema tisieren in ihren Texten die "Unterdrückung" durch den Staat und fordern zum Widerstand gegen das "System" auf. "Die provozierenden Inhalte bilden für viele Jugendliche den Anreiz zum Einstieg in die rechtsextre- mistische Szene. Musik wirkt hier als Einstiegsdroge. Ihr kommt aber auch als verbindendem subkulturellem Element eine wichtige Rolle bei der Entstehung und Verfestigung von Gruppen rechtsextremistischer gewaltbereiter Jugendlicher zu" (BUNDESAMT FÜR VERFASSUNGSSCHUTZ 2000a, S.3). Konzerte haben

hierbei eine besondere Bedeutung. Sie bilden ein wichtiges Element zur Identifi- kation, stärken als Treffen Gleichgesinnter das Gemeinschaftsgefühl, dienen der Kommunikation und als Forum zum Knüpfen von Kontakten und Austausch von Informationen (vgl. BUNDESAMT FÜR VERFASSUNGSSCHUTZ 2000a, S.2ff; INNENMINISTERIUM DES LANDES NORDRHEIN-WESTFALEN 2001, S.59ff).

HEITMEYER (1994b, S.185f) fasst die Funktion (den "Sinn") dieser Musik für Jugendliche wie folgt zusammen: Zu diesem "Sinn" gehört Musik als

- Provokationsmittel: Zur Sicherung der Aufmerksamkeit durch andere,
- Abgrenzungsmittel: Zur eigenen Identitätsbestätigung,
- Bindemittel: Für die eigene Zugehörigkeit zu Gruppen/"Gleich-Gestimmten",
- Aufputschmittel: Die emotionale Befriedigung der eigenen Person,
- Anreizmittel: Zum Handeln,
- Legitimationsmittel: Zur Entlastung bei auftretenden Folgen.

Darüber hinaus darf die mögliche Wirkung der Musik als Mittel zur Verbreitung neonazistischer Ideologien oder gewalttätiger und menschenverachtender Einstel- lungen nicht verkannt werden. Auch der 1993 verstorbene Neonazi Ian Stuart DONALDSON2 erkannte die Möglichkeit, Musik zu instrumentalisieren, um sei- ne Ideologie zu verbreiten: "Sie berührt die jungen Leute, die von den Politikern nicht erreicht werden. Viele finden die Politik, parteipolitisch gesehen langweilig, was teilweise stimmt. Es ist doch viel angenehmer, mit anderen ein Konzert zu

besuchen und Spaß zu haben, als in eine politische Versammlung zu gehen" (zi- tiert in: BUNDESAMT FÜR VERFASSUNGSSCHUTZ 2000a, S.2).

Aus den Gründen, dass Musik wichtige Funktionen für Jugendliche hat, und dass Jugendliche unter Umständen durch (rechtsextremistische) Musik indoktriniert werden können, werden eventuelle Musikangebote (Downloads, Liedtexte, Fanar- tikel, Versand usw.) einen wichtigen Kriterienpunkt bei den von mir aus- zuwertenden rechtsextremen Internetseiten darstellen. Ein weiterer Grund diesen Angeboten eine besondere Aufmerksamkeit zu schenken, ergibt sich aus der Tat- sache, dass Musik hören eine der beliebtesten und am häufigsten praktizierten Freizeitbeschäftigungen Jugendlicher ist, wie aus zahlreichen Forschungsergeb- nissen hervorgeht (vgl. bspw. FEIERABEND/KLINGLER 2002; ZINNECKER u.a. 2002).

Nach den Ergebnissen der Studie Jugend, Information, (Multi-) Media 2001 (JIM) liegt Musik bei den Themeninteressen der Jugendlichen im Alter zw ischen 12-19 Jahren mit 85 % an zweiter Stelle hinter Freundschaft (97 %) (vgl. FEIERABEND/ KLINGLER 2002, S.10f). ZINNECKER u.a. (2002, S.144) geben an, dass auf die Frage nach Musikvorlieben nur 2 % der Befragten Zehn- bis 18-Jährigen, von sich aus, also freiwillig und bewusst, keine Musik hören. Die Musik-Aktivitäten sind mehrheitlich stark medial vermittelt, d.h. aktiv Musik zu betreiben ist die Sache einer Minderheit. In der Studie von ZINNECKER u.a. (2002, S.66f) gaben 39 % der Kinder und Jugendlichen als Lieblingsbeschäftigung an, medial vermittelt

(CD, Kassette) Musik zu hören. Die in der JIM-Studie 2001 nach ihrer Medie n- nutzung befragten Jugendlichen gaben zu 91 % an, täglich bzw. mehrmals die Woche CD's und MC's zu hören (vgl. FEIERABEND/KLINGLER 2002, S.13).

Neben den Musik-Aktivitäten sind aber auch weitere Freizeitbereiche bzw. Lieb- lingsaktivitäten stark medial vermittelt (vgl. ZINNECKER u.a. 2002, S.65ff). Das verwundert nicht, denn Jugendliche haben einen immer breiteren Zugang zu Me- dien und Geräten der Unterhaltungselektronik. Es gibt kaum Haushalte mit Jugendlichen, wo kein Fernsehgerät, CD-Player, Mobiltelefon bzw. Handy, Vi- deorekorder, Computer oder keine Stereoanlage zu finden wären (vgl. FEIERABEND/KLINGLER 2002, S.12). Und auch dem Internet bzw. dem Internet- zugang kommt immer größere Bedeutung zu.

2.1 DER INTERNETGEBRAUCH JUGENDLICHER

Mittlerweile sind 91 % der Haushalte, in denen Zwölf- bis 19-Jährige aufwachsen, mit einem Computer und 65 % mit einem Internetzugang ausgestattet (vgl. FEIERABEND/KLINGLER 2002, S.12). Auch der persönliche Medienbesitz der Jugendlichen steigt kontinuierlich an. Jeder zweite gibt an, einen eigenen Comp u- ter zu besitzen und jeder vierte, einen eigene n Internetzugang zu haben (vgl. FEIERABEND/KLINGLER 2002, S.12f). Die Computernutzung (täglich bzw. mehr- mals die Woche) Jugendlicher lag 2001 bei 64 % (1999 : 52 %). Wird dieser Kreis der intensiven Computernutzer um diejenigen erweitert, die sich mindestens ein- mal im Monat mit diesem Medium beschäftigen, so zählten im Jahr 2001 83 % der Jugendlichen zu den Computererfahrenen (vgl. FEIERABEND/KLINGLER 2002, S.13).

Danach gefragt anhand welcher Informationen oder Referenzen sich die Jugendli- chen durch das Internet bewegen, gaben in der JIM-Studie 62 % der Befragten Suchmaschinen und 60 % Tipps von Freunden als die am häufigsten genutzten Quellen an. Weitere 32 % reagierten auf Webadressen, die Zeitschriften und Ze i- tungen entnommen wurden und 24 % hatten Anregungen aus dem Fernsehen erhalten (vgl. FEIERABEND/KLINGLER 2002, S.17).

Die jugendlichen Nutzer gebrauchen das Internet breiter und vielfältiger als die älteren und sie haben eine stärkere Affinität zu Unterhaltungsangeboten (vgl. VAN EIMEREN/GERHARD/FREES 2002, S.355). "Dabei ist für Jugendliche das Attrak- tive an diesen Websites, dass viele dieser Seiten gerade auf die Bedürfnisse jüngerer Zielgruppen zugeschnitten sind und sie sich selbst durch die gegebene Interaktivität einbringen können. Entsprechend haben sich für Jüngere Web- typische Formen der Unterhaltung herausgebildet, die alle rdings auch sehr schnelllebig sind, da sie "schnell langweilig" werden" (VAN EIMEREN/ GERHARD/FREES 2002, S.355). Um dies zu vermeiden, ergibt sich für die Anbie- ter die Anforderung ständig möglichst neue und aktuelle Angebote bereitzuhalten. Einen wicht igen Punkt in bezug auf die Attraktivität dieser Webseiten dürfte auch der eher lockere Umgangston darstellen, der nach meiner Erfahrung im Internet allgemein üblich ist. Wenn nicht sogar gänzlich auf eine Anrede verzichtet wird, gehört die Ansprache 'Du' zum Standard. Hinzu kommt, dass Regeln der Groß- und Kleinschreibung, der Grammatik und der Rechtsschreibung nicht so wichtig genommen werden. Dafür werden häufig Wortneuschöpfungen (z.B.: cu8er = see you later), Kürzel (z.B.: *g = grinsen) und sogenannte Emoticons (z.B.: ;-) = war nicht so ernst gemeint) oder Smileys (z.B.: [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] = lachen) verwendet.

Bei den Aktivitäten im Internet steht der Versand oder Empfang von elektroni- scher Post mit 54 % bei den jugendlichen Nutzern an erster Stelle. An zweiter Stelle werden mit jeweils 38 % das Chatten und die Suche nach Informationen zu bestimmten Themen genannt. 30 % hören sich regelmäßig Sound- oder Musikda- teien im Internet an. Ebenso viele nutzen das Internet um sich Nachrichten oder aktuelle Informationen abzurufen. Gut ein Viertel (26 %) nutzt das Internet zum downloaden von Musikdateien. Der Download von Spielen (9 %) und anderen Dateien bzw. Anwendungen (14 %) wird dagegen nicht so häufig genutzt. Weite- re Aktivitäten im Internet sind Beiträge in Newsgroups zu lesen oder zu schreiben (9 %), die Suche in Datenbanken (9 %), Filme oder Videos anschauen (8 %), et- was bestellen, das kein Geld kostet (7 %), Internetradio hören (7 %), Bibliotheken nutzen (6 %), Onlinebanking (3 %) und etwas bestellen, das Geld kostet (2 %) (vgl. FEIERABEND/KLINGLER 2002, S.18f).

Den Jugendlichen dienen die Angebote im Internet also vorwiegend zur Kommu- nikation, Unterhaltung und Informationsbeschaffung. Wobei Möglichkeiten, sich selbst durch gegebene Interaktivität einbringen zu können (beispielsweise in Chats), besonders attraktiv erscheinen. Hier stellt sich die Frage, ob rechtsextreme Betreiber ebenfalls entsprechende Angebote machen, um damit Jugendliche auf ihre Internetseiten zu locken. Deswegen sollen die Seiten in meiner Untersuchung nicht nur anhand der dort eventuell propagandierten Ideologien beurteilt werden. Vielmehr sollen diese nach den angesprochenen, für jugendliche Nutzer interes- santen Angeboten beurteilt werden.

In der Annahme, dass Jugendliche und junge Erwachsene mögliche Unterha l- tungs- und Spaßangebote auf den Seiten rechtsextremer Anbieter nutzen, eröffnet sich ebenfalls die Frage, ob sie sich darüber hinaus auch für die dort 'verkauften' Ideologien (vgl. Kapitel II. 1.) interessieren, sich dafür engagieren und sich eve n- tuell politisch einbinden lassen. In Anbetracht der derzeit gerne in Funk und Fernsehen zitierten Ergebnissen der aktuellen Shell Jugendstudie (vgl. DEUTSCHE SHELL 2002), Stichwort 'Politikverdrossenheit', scheint dies auf den ersten Blick eher weniger wahrscheinlich. Deswege n soll im nächsten Abschnitt zunächst das allgemeine politische Interesse und Engagement (im Internet) der heutigen jungen Generation etwas näher betrachtet werden.

3. POLITISCHES INTERESSE UND ENGAGEMENT JUGEND- LICHER

Die 14. Shell Jugendstudie bietet wie angedeutet Hinweise auf eine Politikverd- rossenheit in der Jugend, die bereits seit den 90er Jahren als Trend weiter zunimmt. So äußerten nur 30 % der Jugendlichen im Alter zwischen 12 und 25 Jahren ein generelles Interesse an Politik, davon sind wiederum nur 4 % stark in- teressiert (SCHNEEKLOTH 2002, S.92f). Ähnlich findet sich in der JIM-Studie 2001 die Bundes- sowie Kommunalpolitik am Ende einer Interessenskala wieder. Nur 19 % der befragten Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren interessierten sich für Politik, aus ihrer Wohngegend, und noch weniger (14 %) für Politik, die in Bonn bzw. Berlin gemacht wird (FEIERABEND/ KLINGLER 2002, S.10f). Aller- dings steigt das Interesse an Politik mit zunehme nden Alter leicht an (vgl. FEIER- ABEND/KLINGLER 2002, S.11; SCHNEEKLOTH 2002, S.94). Entsprechend sche i-

nen Internetangebote, die aus dem Bereich Politik stammen (in der JIM-Studie exemplarisch an Parteien und Ministerien festgemacht), wenig relevant für die Jugendlichen zu sein. Aber immerhin hat jeder fünfte bzw. vierte Internetnutzer ab

16 Jahren bereits einmal Kontakt zu Angeboten dieser Art gehabt (vgl. FEIERABEND/KLINGLER 2002, S.17f).

Bei näherem Hinsehen erweist sich die Politikverdrossenheit allerdings eher als eine Parteienverdrossenheit. Auf die Frage welcher Partei die Jugendlichen am ehesten eine Lösung anstehender Probleme zutrauen, fällt auf, dass viele Befragte (37 %) ausdrücklich keiner Partei eine Problemlösungskompetenz zusprechen und 19 % machten keine Angabe. Den großen Parteien trauen nur 18 % (SPD) und 17 % (CDU/CSU) der Befragten die nötigen Kompetenzen zu. Für die kleineren Parteien spricht sich nur ein geringer Anteil der Jugendlichen aus. Für die Re- publikaner, DVU und NPD zusammen sind es 2 % (SCHNEEKLOTH 2002, S.99f). Auf die Frage, welche politische Gruppierung den Jugendlichen am nächsten steht, also mit der sie sich am ehesten persönlich identifizieren könnten, gaben fast ein Drittel (27 %) gar keine Partei an. Ansonsten liegen die großen Parteien mit 26 % (CDU/CSU) und 25 % (SPD) in etwa gleich auf, während sich nur ein geringer Anteil der Jugendlichen für eine der kleineren Parteien ausspricht. Für

die Republikaner, DVU und NPD zusammen sind es nur 1 % (1996/1999 : 2 %)

(SCHNEEKLOTH 2002, S.97f).

Die Antwort der Jugendlichen auf die Frage nach ihrer Wahlabsicht bei Bundes- tagswahlen spricht ebenfalls nicht für ein hohes Interesse an (Partei-) Politik. Zwar haben 72 % der wahlberechtigten deutschen Jugendlichen angegeben sich an der Bundestagswahl 2002 beteiligen zu wollen, davon war dies jedoch nur bei 35 % der Jugendlichen "ganz sicher" und bei 37 % alle nfalls "wahrscheinlich" (SCHNEEKLOTH 2002, S.106ff). Zudem schien es zweifelhaft, ob diese grundsätz- liche Bereitschaft das demokratische Grundrecht der Wahl auszuüben, letzt- endlich auch in die Praxis umgesetzt wird. Dies war angesichts der bisher niedri- gen und stetig sinkenden Wahlbeteiligung von Jungwählern (vgl. SCHNEEKLOTH 2002, S.107, Abb. 3.12) für die diesjährige Bundestagswahl eher nicht zu erwarten und kann anhand der aktuellen Ergebnisse nicht betätigt werden (vgl. WERNER

u.a. 2002, S.6-9). Die Wahlbeteiligung der 18 bis 24jährigen hat zwar im Vergleich zu den Bundestagswahlen 1990 zugenommen, im Vergleich mit der Beteiligung der Gesamtbevölkerung bei der Bundestagswahl 2002 (79,3 %), liegt sie immer noch deutlich darunter (vgl. Tab. 1). Bei den 18 bis 20jährigen lag die Wahlbetei- ligung bei 69, % und bei den 21 bis 24jährigen bei 68,0 %. Die Altersgruppe der 21 bis 24jährigen zeigte die niedrigste Beteiligung und lag 11,1 Prozentpunkte unter der Wahlbeteiligung aller Altersgruppen (vgl. WERNER u.a. 2002, S.6f).

Tab. 1: Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl 2002 in Deutschland nach Ge- schlecht und Altersgruppen*)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(in: WERNER u.a. 2002, S.6, Tab. 3)

Die Stimmabgabeergebnisse der Bundestagswahl nach Parteien (vgl. Tab. 2) ver- deutlichen, dass die hohe Politikverdrossenheit zumindest nicht zu einem Protest- wahlverhalten zu Gunsten extremer Parteien geführt hat. Die große Mehrheit der 18 bis 24jährigen gab ihre Stimme für eine Partei ab, die der demokratischen Mit- te (vgl. Kapitel II. 1.) zuzuordnen ist. Für die eher rechts verorteten Parteien stimmte nur eine Minderheit. So scheiterten die Republikaner mit knapp 1 % der Stimmen und die Partei Rechtsstaatlicher Offensive (Schill) mit 0,8 % deutlich an der Fünf-Prozent-Hürde (vgl. WERNER u.a. 2002, S.8f).

Tab. 2: Stimmabgabe bei der Bundestagswahl 2002 nach Parteien und Alters- gruppen*)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(in: WERNER u.a. 2002, S.9, Auszug aus Tab.4)

Diese Wahlergebnisse müssen allerdings nicht gleichzeitig bedeuten, dass die Jugendlichen keine rechtsextremen Einstellungen haben. Wie empirische Unter- suchungen belegen, ist das Einstellungs- und Wählerpotenzial des Rechtsextrem- ismus keinesfalls identisch (vgl. FALTER 1994; STÖSS/ NIEDERMAYER 1998). Demnach wählen rechtsextremistisch eingestellte Personen nur in bestimmten Phasen auch rechtsextremistische Parteien und stimmen zeitweilig sogar mehr- heitlich für die demokratischen Volksparteien. Obwohl nach der Studie von STÖSS und NIEDERMAYER (1998, 25f) die politische Unzufriedenheit unter der wahlberechtigten Bevölkerung weit verbreitet war, konnte nicht von einer Protest- wählerthese ausgegangen werden. FALTER (1994, S.157) betont, dass "Politikver- drossenheit alleine [...] ebensowenig zur Wahl von rechten Parteien [führt] wie die Existenz eines geschlossenen rechtsextremistischen Weltbildes. Vielmehr müssen

beide Faktoren zusammenkommen, eine politische Protesthaltung und rechtsradi- kale Einstellungen."

Bei den nach ihrer politischen Positionierung befragten Jugendlichen, scheinen extreme Positionen keine Konjunktur zu haben (vgl. SCHNEEKLOTH 2002, S.95ff). Auf der Skala der politischen Selbsteinstufung verortet sich die überwiegende Mehrheit der Jugendlichen in der Mitte, extrem linke als auch extrem rechte Posi- tionen wurden nur selten genannt. Bei der Befragung ist allerdings zu bedenken, dass das Antwortverhalten der Jugendlichen von dem Effekt der 'sozialen Er- wünschtheit' beeinflusst sein könnte, der in der Konsequenz dazu führt, dass der Anteil derjenigen, die sich extrem positionieren, tendenziell unterschätzt wird. Es gibt mit 30 % zudem einen hohen Anteil an Jugendlichen, die sich innerhalb des Links-Rechts-Schemas nicht positionieren können oder wollen (vgl. SCHNEEKLOTH 2002, S.95ff).

Ganz allgemein nach der Zufriedenheit mit der Demokratie gefragt, so wie sie in Deutschland besteht, geben 58 % der Jugendlichen an eher zufrieden bzw. sehr zufrieden zu sein, und 33 % eher unzufrieden bzw. sehr unzufrieden zu sein (SCHNEEKLOTH 2002, S.100f). SCHNEEKLOTH (2002, S.101f) macht aber darauf

aufmerksam, dass sich die kritische Beurteilung der Demokratie als Kritik an den Lebensverhältnissen bzw. als Reaktion auf fehlende Chancen in Beruf und Gesell- schaft entpuppt. Die eher Unzufriedenen sind häufiger Arbeitslose oder Jugend- liche, die mit der eigenen schulischen oder beruflichen Situation nicht zufrieden sind. Sowie diejenigen, die entweder ihren gewünschten Bildungsabschluss mö g- licherweise nicht erreichen werden oder aufgrund von fehlenden Bildungsvoraus- setzungen den gewünschten Beruf nicht ergreifen konnten und diejenigen, die eine ablehnende Haltung gegenüber dem elterlichen Erziehungsstil haben.

Im Allgemeinen erfreut sich die Demokratie als Staatsform mehrheitlich einer Zustimmung unter Jugendlichen. Etwa 10 % der Befragten halten die Demokratie für eine "nicht so gute Staatsform". Grundsätzliche Alternativen, sei es in Form eines sozialistischen Systems oder einer Diktatur, werden aber nicht bzw. nur von einer Minderheit genannt (vgl. SCHNEEKLOTH 2002, S.103).

Als ein weiterer Indikator der Haltung zum politischen System gilt das Vertrauen in die zentralen gesellschaftlichen Institutionen. Die in der Shell Studie befragten

Jugendlichen brachten denjenigen staatlichen Orga nisationen das größte Vertrau- en entgegen, die als parteipolitisch unabhängig wahrgenommen werden, wie die Gerichte und die Polizei. Ähnlich hoch werden auch nichtstaatliche Institutionen, wie etwa Menschenrechts- oder Umweltschutzgruppen eingeschätzt. Die Bundes- regierung liegt deutlich weiter unten und die Parteien liegen mit negativen Ver- trauenswerten auf dem letzten Platz (vgl. SCHNEEKLOTH 2002, S.105f). Kurz: Es gibt eine grundsätzliche Akzeptanz der institutionellen Formen, die für eine De- mokratie als politischem System charakteristisch sind, mit Ausnahme von denen, die mit Parteipolitik in Verbindung gebracht werden.

In der Untersuchung von ZINNECKER u.a. (2002, S. 57f) wurden die Kinder und Jugendlichen nach ihrem Vertrauen gegenüber verschiedenen Erwachsenengrup- pen, die eine "erwachsene Öffentlichkeit" und Autorität repräsentieren, befragt. Bei den 16 bis 18jährigen teilen sich der Bundeskanzler und Politiker mit jeweils nur 2 % auf der "Vertraue ich sehr"-Skala den vorletzten Platz. Den letzten Platz der Vertauenspersonen ne hmen Moderatoren im TV und Verkäufer (beide 1 %) ein. Auf dem ersten Rang findet sich die Gruppe der Ärzte (36 %), gefolgt von Polizisten (15 %), Sporttrainern (13 %), Tierschützern und Lehrern (je 10 %). "Es sieht so aus, als ob alle Erwachsenen, die einem etwas "verkaufen" wollen, sei es eine politische, eine Handels- oder eine Medien-Ware, schlecht bei Kindern und Jugendlichen abschneiden" (ZINNECKER u.a. 2002, S. 57).

Zusammenfassend kann wohl davon ausgegangen werden, dass das fehlende poli- tische Interesse nicht mit Demokratieverdrossenheit gleichgesetzt werden darf. "Kritik an der Politik und an der Gesellschaft korreliert vielmehr mit prekären Lebensverhältnissen bzw. mit subjektiv empfundenen geringeren Chancen zur gesellschaftlichen Partizipation" (SCHNEEKLOTH 2002, S.103f).

Es wird deutlich, dass sich die Jugendlichen vordringlich mit der Sicherung ihrer beruflichen Zukunft beschäftigen, und in diesem Zusammenhang sind immerhin 84 % der Jugendlichen der Meinung das "die Re gierung" nicht genug für Kinder und Jugendlichen tue (ZINNECKER u.a. 2002, S. 84). Ganz oben auf einer "Wunschliste", was die Regierung mehr für die Jugend tun kann, steht bei den 13 bis 18-Jährigen mit jeweils 39 % der Wunsch nach mehr Arbeits- und Ausbil-

dungsplätzen. Zu jeweils 34 % wünschen sich die Befragten, mehr Freizeit- angebote und dass mehr für die Zukunft der Jugend getan wird. Mehr Bildungs- angebote stehen für ein Viertel der Jugendlichen auf der Dringlichkeit sliste. Für mehr Beteiligung an Politik bzw. früheres Wahlrecht sprechen sich dagegen nur sehr wenige (3 %) aus (ZINNECKER u.a. 2002, S. 85f). Dies entspricht auch den Ergebnissen der vorliegenden Shell Studie: "Gefragt nach den wichtigsten gesell- schaftlichen Zukunftsaufgaben nennen Jugendliche [...] die Bereiche Arbeits- markt, Kinder und Familie sowie Bildung" (DEUTSCHE SHELL, S. 24).

Das fehlende politische Interesse bedeutet ebenfalls nicht, dass Jugendliche keine Interessen hätten bzw. nicht bereit wären, sich dann, wenn sie sich persönlich an- gesprochen fühlen, zu engagieren. Die Prioritäten der Jugendlichen verschieben sich allerdings weg von übergreifenden Zielen der Gesellschaftsreform zur per- sönlichen Bewältigung konkreter und praktischer Probleme. Die Shell Jugend- studie verwendet dafür den Begriff der "Pragmatisierung" (vgl. GENSICKE, S.152). In der Studie von ZINNECKER u.a. (2002, S. 82) wird ebenfalls deutlich, dass sich die Jugendlichen, obwohl sie der (Partei-) Politik fern stehen, in ihrem näheren und weiteren Lebensumfeld gesellschaftlich aktiv sind. Bei den 13 bis 18jährigen nimmt der Einsatz für die eigene Familie mit 59 % den ersten Rangplatz ein. Mit einigem Abstand dazu geben die Jugendlichen an, sich gegen Drogen (39 %) und für Tierschutz (36 %), Menschenrechte (34 %), Sport (32 %), Rechte der Kinder / Jugendlichen (30 %) sowie gegen Gewalt unter Gleichaltrigen (28 %) und für Umweltschutz (27%) einzusetzen. Für die soziale Integration von Minderhe iten (Behinderte, Homosexuelle, Ausländer) treten jeweils zwischen 13 und 18 % der Jugendlichen ein. Politik, internationale Verständigung, Kirchengemeinde oder soziales Engagement in der Altenpflege bzw. für sozial Bedürftige bilden mit je- weils unter 10 Prozent die Schlusslichter.

Um besonders aktuellen Formen der gesellschaftliche n Beteiligung nachzugehen, kam in der Shell Jugendstudie 2002 der Nutzung des Internets eine spezielle Be- deutung zu (vgl. PICOT/WILLERT 2002). Die Bandbreite der darin präsentierten Aktivitäten von Jugendlichen reicht von einer engen Einbindung an politische

Strukturen bis zum reinen Internetengagement. Hierbei wurde sichtbar, dass sich im Zusammenhang mit der Nutzung des Internets auch neue Formen und neue Zugänge zur gesellschaftlichen Teilhabe junger Menschen entwickelt haben. "Bei jugendlichem Engagement steht im Vordergrund »nicht nur zu meckern«, sondern

»was zu tun« [...]. Entsprechend häufig ist der Impetus, aktiv zu werden, auch an Eigeninitiative geknüpft, und hierbei erweist sich das Internet als brauc hbares Hilfsmittel" (PICOT/WILLERT 2002, S.231). Dabei werden meist hierarchiearme, vernetzte Organisationsstrukturen bevorzugt. Spezifisch am Engagement der in der Studie befragten Jugendlichen "ist die hohe Bedeutung von Informations- und Öffentlichkeitsarbeit bzw. der Öffentlichkeitscharakter des Engagements" (PICOT/ WILLERT 2002, S.240). Engagement im und mit Hilfe des Internets ist auf Brei- tenwirkung angelegt, denn das Internet ist immer öffentlich. Hieraus ergeben sich nicht nur praktische Aspekte, wie die Erleichterung der organisatorischen Zu- sammenarbeit und ein rasches Funktionieren der Kooperation mit Hilfe der elektronischen Kommunikationsmedien, sondern vor allem auch die Möglichkeit für sein Anliegen Unterstützung zu erhalten. Denn gerade kleine, selbst organi- sierte Initiativen, die nicht über nennenswerte Mittel verfügen, erha lten so die Möglichkeit auf sich aufmerksam zu machen und Gleichgesinnte zu finden. Ne- ben dem Aspekt der Publicity verbinden viele Jugendliche mit dem Internet auch die Chancen, sich gut und unabhängig informieren zu können, sowie selbst Infor- mationen zu verbreiten, über Missstände aufzuklären und andere wachzurütteln. Insbesondere der Wert unabhängiger Informationen wird hoch geschätzt, denn der Presse und dem politischen Geschehen wird im Allgemeinen ein gewisses Miss- trauen entgegengebracht (vgl. PICOT/WILLERT 2002, S.242f). Neben aller Funk- tionalität ist es aber auch der Spaßfaktor und das Interesse am Erfolg ihrer Sache, was die Jugendlichen am Internetengagement begeistert (vgl. PICOT/WILLERT 2002, S.237). PICOT und WILLERT (2002, S.247) räumen allerdings auch ein, dass das Engagement im Internet noch nicht alltäglich ist, obwohl der Anteil der Ju- gendlichen, die das Internet auf irgendeine Art und Weise nutzen, sehr hoch ist.

Das größte Problem des Internetengagements liegt darin, dass Aktionsformen (Vereinsarbeit, Protest- und Bürgerinitiativen, politische Initiativen oder Organi- sationen, Parteien usw.) öffentlich bekannt sein müssen, um zu wirken. "Wenn es

keine Koppelung zwischen der realen und der virtuellen Welt gibt, ble iben die Interne tengagierten letztendlich allein vor ihren PCs sitzen" (PICOT/WILLERT 2002, S.258). Die befragten Jugendlichen scheinen sich aber durchaus dieses Sach- verhaltes bewusst zu sein (vgl. PICOT/WILLERT 2002, S.258f).

Die engagierten Jugendlichen versuchen pragmatisch und wenig ideologiegela- den, aber mit zum Teil hohen gesellschaftlichen Ansprüchen und globaler Per- spektive, mit ihren Anliegen Gehör zu finden (vgl. PICOT/WILLERT 2002, S.233ff). So schaffen es beispielsweise die Globalisierungskritiker von Attac 3, sich in welt- umspannenden Netzwerken zu koordinieren. Ähnliches gilt allerdings auch für die rechtsradikale bzw. rechtsextreme Szene, die ebenfalls versucht sich in diesem Sektor zu profilieren.

Dies verdeutlichen auch die Ansichten des Robert R. (21 Jahre), dessen Portrait in der Shell Studie vorgestellt wird (vgl. PICOT/WILLERT 2002, S.332-252). Robert engagiert sich unter anderem auf der Neonazi-Website Störtebeker Net für eine nationale Wende. Seiner Überzeugung nach, ist das Internet "das einzige Forum, was Rechte im Moment haben. [...] Und solange es noch keine Internetzensur gibt, auch wenn man daran jetzt arbeitet, sollte man dieses Instrument ausnutzen" (zitiert in: PICOT/WILLERT 2002, S.334). Für Robert ergibt sich die Nützlichkeit des Internetengagements vor allem aus dem Fehlen von Geldern und technischen Mitteln ("Das einzige Problem, was die Rechten allgemein haben"), um bei- spielsweise eine Zeitung herausgeben zu können. "Wenn wir andere Mittel hätten, würden wir sicherlich lieber auf die zurückgreifen als aufs Internet. [...] Was auf dem Papier steht, das festigt sich mehr [...]. Und deswegen wäre eine Zeitung be- deutender für uns, als wenn wir nur im Internet arbeiten. So ist es billiger [...]" (zitiert in: PICOT/WILLERT 2002, S.349). Zusätzlich sieht er derzeit keine Mög- lichkeit etwas auf Parteiebene (NPD, REP) zu erreichen. "Da muss man dann auf Kameradschaftsschiene und auf bürgerlicher Ebene weiterarbeiten, in Schulen aufkreuzen, im Internet unseren Standpunkt vertreten" (zitiert in: PICOT/WILLERT 2002, S.335).

[...]


1 Innerhalb der Skinheadszene sind verschiedene Strömungen zu unterscheiden, zum Beispiel Hammerskins, White-Power-Skins, Fascho-Skins. Neben diesen rechtsextremistischen Strömu n- gen gibt es auch unpolitische Skinheads und politisch eher links orientierte wie die antirassistischen S.H.A.R.P.-Skins (vgl. FARIN 1998; INNENMINISTERIUM DES LANDES NORDRHEIN-WESTFALEN 2001).

2 DONALDSON gilt als Gründer der Skinheadbewegung Blood & Honour. Als Sänger der Skin- band Skrewdriver setzte er die Musik unter dem Slogan "white power" ein, um einen paneuropäisch verstandenen Rassismus zu verbreiten (vgl. BUNDESAMT FÜR VER- FASSUNGSSCHUTZ 2000a, S.2; INNENMINISTERIUM DES LANDES NORDRHEIN- WESTFA LEN 2001, S.25-32).

Ende der Leseprobe aus 127 Seiten

Details

Titel
Das Internet, ein Rekrutierungsmedium für Rechtsextreme?
Hochschule
Universität Bielefeld  (Fakultät für Pädagogik)
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2002
Seiten
127
Katalognummer
V11365
ISBN (eBook)
9783638175449
Dateigröße
2031 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Empirische Arbeit
Schlagworte
Sozialisation, Jugendliche, Medienkompetenz, politische Sozialisation, Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit, Gewalt, jugendgefährdende Schriften, Strafgesetz, Multimediagesetz, Filterprogramme, Su
Arbeit zitieren
Tanja Zielewski (Autor), 2002, Das Internet, ein Rekrutierungsmedium für Rechtsextreme?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/11365

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