Beat in der DDR

Musik und Politik in der Grauzone - 1964 bis 1974


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008
22 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Index

1. Einleitung

2. Kultur und Jugend in der DDR
2.1. Kultur und die sozialistische Persönlichkeit
2.2. Der Kulturimperialismus des Westens
2.3. Beatmusik als Kunst

3. Der Aufstieg des Beat – 1949 bis 1965
3.1. Rock N’ Roll und Brauselimonade - Die 1950er Jahre
3.2. Der Beat kommt! – Die erste Hälfte der 1960er Jahre
3.3. Arbeit mit Gitarrengruppen - Jugendpolitische Liberalisierung
3.4. Klare Köpfe und wackelnde Hintern - Beat in den Medien

4. Der Beat als Politikum – 1965 bis 1967
4.1. Beat in der Kontroverse
4.2. Auf offenem Anti-Beatkurs
4.3. Die Monotonie des yeah, yeah, yeah - Die 11. Tagung des ZK der SED
4.4. Die Druckwelle der 11. Tagung

5. Tanzmusikalisches Tauwetter – 1967 bis 1972
5.1. Die Pilzkopfstudien – das Ende der Restriktionen
5.2. Die Rückkehr des Beat
5.3. Die Profilierung des DDR-Rock
5.4. Rock und Politik in den 1970er Jahren

6. Zusammenfassende Schlussbetrachtung

7.1. Literatur
7.2. Weitere Quellen

1. Einleitung

Es ist heutzutage kein Geheimnis mehr, dass nahezu alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) mehr oder weniger der staatlichen Kontrolle unterlagen. Die Bereiche der so genannten Unterhaltungskunst und somit der populären Musik stellten keine Ausnahme dar. Ganz im Gegenteil: die DDR-Führung hat bald begriffen, dass die vom Westen überschwappenden Beatmusik[1] nicht (wie anfangs angenommen) als temporäre Modeerscheinung abgetan werden konnte, sondern tiefe Spuren in den Alltag ganzer Scharen von Mädchen und Buben gegraben hatte.

Gerade die Jugend, für deren Erziehung zur „sozialistischen Persönlichkeit“ schon immer große Anstrengungen unternommen wurden, verfiel zusehends dem neuen Lebensgefühl, das die „kapitalistisch-feindliche“ Beatmusik aus dem Westen propagierte - ein herber Schlag für die DDR-Führungsriege. Man erkannte, dass es nicht genügt „die kapitalistische Dekadenz in Worten zu verurteilen, […] gegen die ‚Hotmusik’ und die ekstatischen Gesänge eines Presley zu sprechen. Wir müssen besseres bieten.“[2] Das offizielle Verhältnis zur Musik ist zwiespältig: So wurde Beatmusik in der DDR zwar einerseits gefördert, jedoch gleichzeitig durch eine Vielzahl an Regelungen und kontrollierenden Institutionen an die sozialistische Ideologie gebunden, zeitweise sogar vollends verboten. Dieser politische Zick-Zack-Kurs der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) sollte zu schweren Komplikationen mit einer sich immer mehr emanzipierenden Jugend führen.

Die Leitfrage der vorliegenden Arbeit beschäftigt sich mit den politischen Handlungen, die die SED im Bezug auf den Anfang der 1960er Jahren aufkommenden Beatboom setzte und versucht herauszustreichen, wie und warum es letztlich zu einem ständigen Auf und Ab zwischen staatlicher Förderung und massiver Ablehnung gekommen ist. Ich versuche im Hauptteil der Arbeit den politischen Zick-Zack-Kurs der SED einigermaßen chronologisch, im Fokus die Jahre 1964 bis 1972, herauszuarbeiten und zu begründen, warum einer Musikkultur wie dem Beat eine derart hohe politische Brisanz beigemessen wurde. Um die Handlungen der Führungsriege verständlicher zu machen, stelle ich zuvor im ersten Teil das ideologische Kulturverständnis der DDR sowie, im Konsens dazu, ihre Haltung zur Jugend vor.

Für die Ausarbeitungen des Hauptteils dienten vorrangig die Literatur von Michael Rauhut und Peter Wicke, für den Kultur-und-Jugend-Teil insbesondere die Arbeiten von Katharina Silo und Brigitte Leißner. Weiters stellte in medienpolitischen Fragen auch das Buch „Zwischen Pop und Propaganda“, herausgegeben von Klaus Arnold und Christoph Classen, eine große Hilfe für das Verständnis der sozialistischen Agitation der DDR dar.

2. Kultur und Jugend in der DDR

2.1. Kultur und die sozialistische Persönlichkeit

Die Förderung von Kunst und Kultur wurden in der DDR seit jeher als eine bedeutende Aufgabe des Staates angesehen. Sowohl die „hohe Kunst“ als auch die „Unterhaltungskunst“ hatten eine ideologische Funktion zu erfüllen (vgl. Meyer 1994, 53). Kunst sollte „zur allseitigen Ausgestaltung der entwickelten sozialistischen Gesellschaft“ beitragen, „die Triebkräfte des Sozialismus“ freisetzen und „die Rolle der sozialistischen Kultur in den internationalen Klassenauseinandersetzungen erhöhen“ (Dolz 1988, 193). Dabei wurde im Speziellen der Unterhaltungskunst „eine unersetzbare Funktion bei der Formung des Denkens und des Fühlens der Menschen“ (Ziermann 1988, 186) beigemessen. Kunst sollte also das sozialistische Menschenbild bilden bzw. die sozialistische Persönlichkeit formen, um so letztlich als „Waffe im Klassenkampf“ (vgl. Wicke 1999, 1872) zu fungieren. So galt beispielsweise sogar für den Rundfunk, dass „auch die Musiksendungen in geschickter Weise unserem Kampf dienen müssen“[3] (vgl. Arnold/Classen 2004, 90).

„Die sozialistische Persönlichkeit wurde durch einen festen Klassenstandpunkt, das Streben nach einer höheren Kultur im täglichen Leben, Freundschaft zur Sowjetunion und die Liebe zum sozialistischen Vaterland charakterisiert.“[4]

Nicht zuletzt sollte selbst die Unterhaltungskunst bei der „Reproduktion der Arbeitskraft“ mitwirken, da sie ja die sozialistische Persönlichkeit erzog, die ihrerseits wiederum zu „erhöhter Leistungsbereitschaft“ führte (vgl. Ziermann 1988, 185f).

Empirische Untersuchungen über das Freizeitverhalten und die Freizeitinteressen von (jungen) DDR-Bürgern ergaben, dass der allgemeine Bedarf an „Unterhaltung, Geselligkeit und zwangloser Kommunikation“ ebenso stetig anstieg wie das Bedürfnis nach „kulturellen Gemeinschaftserlebnissen, […] dem Austausch und der Vermittlung sozialer Erfahrungen, […] Tanz und Vergnügen“ (Ziermann 1988, 182). Die SED erkannte die allgemein hohe und stetig steigende Akzeptanz von Unterhaltungskunst bei der Jugend und schloss folgerichtig weiters daraus, dass durch die Kunst sozialistische Werte breiten Massen vermittelt werden können. Eine „freie“ Entwicklung wurde den Jugendlichen aber nur soweit zugestanden, wie „es zum so genannten Wohl der sozialistischen Gesellschaft beträgt.“ (Leißner 1984, 26).

2.2. Der Kulturimperialismus des Westens

Der westlichen, kapitalistischen Kunst und Unterhaltung wurde freilich keine ideologiefördernde Wirkung zugeschrieben; demzufolge versuchte man die Auswirkungen des so genannten „Kulturimperialismus“[5] so weit als möglich einzuschränken. Man war der Meinung, dass westlicher Kulturbetrieb die kulturelle Vielfalt überdecke und standardisierte Produkte liefere. Außerdem galt Populärmusik als ein Mittel der imperialistischen Kriegsführung, nicht von ungefähr wurde selbst der Prager Frühling 1968 mit der westlichen Musik in Verbindung gebracht.

Nichtsdestotrotz hielt er zu nicht unerheblichem Ausmaß Einzug in die sozialistischen Staaten. So galt es, sozialistische Unterhaltungskunst deutlich von der des Westens abzugrenzen und die qualitative Überlegenheit der hauseigenen Kulturprodukte sicherzustellen (vgl. Dolz 1988, 205ff). Denn immer wieder wurde auf die Gefahren unpolitischer Unterhaltungssendungen hingewiesen (Arnold/Classen 2004, 90f). Es ist durchaus interessant, dass westlicher Unterhaltung in der DDR offenbar selbst von offizieller Seite eine nicht unbedeutende Einflusswirkung zugerechnet wurde. Jedenfalls konnte somit der staatliche Anspruch auf Eingriffe in kulturelle Prozesse legitimiert werden (vgl. Silo 2005, 6).

2.3. Beatmusik als Kunst

Spätestens Mitte der 1960er Jahre sah sich die SED-Führung genötigt, sich mit Populärmusik eingehend auseinander zu setzen. Da sie auch als ein Teil der Unterhaltungskunst angesehen wurde, sollte sie nicht nur populär sein, sondern auch künstlerischen Ansprüchen genügen (vgl. Leißner 1984, 55). Beatmusik hatte also ihre gesellschaftliche Aufgabe zu erfüllen: sie sollte die Überlegenheit der sozialistischen Gesellschaft widerspiegeln und somit zur Erziehung zur „sozialistischen Persönlichkeit“ beizutragen – und nicht einfach vom Westen abgekupfert werden. So formulierte es später auch ein Positionspapier der Generaldirektion:

Rockmusik ist geeignet, die Schönheiten des Lebens in Frieden und Sozialismus zu propagieren, den Lebensmut zu stärken, Stolz auf Erreichtes zu zeugen, staatsbürgerliche Haltung und Aktivität zu fördern und auch Widersprüche transparent zu machen und mit ihren Mitteln Partei zu nehmen in den Kämpfen unserer Zeit .[6]

3. Der Aufstieg des Beat – 1949 bis 1965

3.1. Rock N’ Roll und Brauselimonade - Die 1950er Jahre

Die spezifischen Entwicklungslinien des Beats in der DDR sind ohne ihr historisches Vorfeld nur schwer begreiflich zu machen. Im ersten Jahrzehnt der DDR-Geschichte wurde das Feld „sozialistische Tanz- und Unterhaltungsmusik“ noch als kulturpolitisches Neuland wahrgenommen. Der eigentliche Aufbruch tanzmusikpolitischer Auseinandersetzungen folgte mit der Ausprägung von Jugendmusikkulturen (vgl. Rauhut 1993, 19).

In den 1950er Jahren preschten Musikrichtungen wie Boogie Woogie, Bebop, insbesondere aber der Jazz aus dem kapitalistischen Westen von den USA aus über die BRD hervor. Gerade das Phänomen des Jazz in der DDR lässt einen ersten Blick auf kulturpolitischen Maßnahmen der SED-Führung zu. „Die Geschichte des Jazz in der DDR der fünfziger Jahre belegt geradezu mustergültig den Balanceakt kulturpolitischen Effizienzstrebens, der Intention und Wirklichkeit zu tarieren trachtete. Sie stellt das Auf und Ab zwischen staatlicher Anerkennung bis partieller Förderung (Medienproduktionen, Foren, Veranstaltungen u.v.a.m.), und offizieller Ablehnung bis massiver Repression (Diffamierung, Verbot, Kriminalisierung etc.)“ dar (Rudorf 1964; zit. nach Rauhut, 20).

Die aufkommenden, westlichen Musikkulturen erreichten schließlich mit dem Rock N’ Roll den vorläufigen Gipfel der „amerikanischen Unkultur“[7] (vgl. Rauhut 1993, 7). Lederjackentragende Halbstarke mit Pomadefrisuren erhoben die kapitalistisch-feindliche Musik zu ihrem Symbol und passten so gar nicht ins Bild der Parteiführung von der sozialistischen Jugend - denn Rock N’ Roll war dekadent, manipulativ und vor allem amerikanisch. So sahen das auch die Medien in der DDR. Eines der damals üblichen Urteile über die musikalische Substanz des Rock N’ Roll war am 23. Januar 1959 in der „Nationalzeitung“ zu lesen.

„Der Kontrabassist bekommt gläserne Augen und rutscht in einer Pose vollendeter Geistlosigkeit am langen Hals seines Instrumentes entlang in die Knie. Dieses Stadium höchster Ekstase ist vom Schlagzeuger, der mit souveräner Stupidität über ein oder zwei Dutzend Krawallinstrumente herrscht, schon mit den ersten Takten erreicht worden. Heisere Schreie, verkrampfte Zuckungen, wirres Haar, verrutschte Krawatten sind die Begleiterscheinungen dieses entsetzlichen Infernos, das sich tagtäglich in den westlichen Ländern abspielt: Das aufgepeitschte Publikum hebt an, das Mobiliar zu zerkleinern […]. Der melodische Verflachungs- und Zerstörungsprozess erreicht mit ihr [der Rock N’ Roll-Musik] eine kaum noch zu überbietende Stufe. Die Komponisten verwenden kurzatmige, abrupte Motivfetzen an Stelle eines schöpferisch konzipierten Melodieaufbaus. Die monotone Wiederholungsmanier und die primitiven rhytmischen Wendungen kennzeichen die Zerstörung jeglicher nationaler Intonation.“[8]

Man erkannte, dass man reagieren muss. Dass man Alternativen bieten muss, um die Jugend für sich zu gewinnen. Sehr treffend formulierte das Problem der DDR-Jugendkultur Hans Kahle, ein Schauspieler der Volksbühne.

„Die [nach] drüben gehen und sich das ganze Geheul von Haley oder Presley anhören, sind an heißen, scharfen Schnaps gewöhnt, jetzt kommen wir und wollen ihnen Brauselimonade anbieten. […] Wenn wir uns einen Karl-Marx-Bart umhängen und predigen, damit erreichen wir gar nichts.“[9]

[...]


[1] „Beatmusik“ bezeichnete im offiziellen Sprachgebrauch der DDR frühe Spielarten des Rock. Der Begriff „Rockmusik“ setzte sich in der DDR erst in der zweiten Hälfte der Siebziger Jahre durch und wurde dann im nachhinein auf zu Beginn jenes Jahrzehnts aufbrechende Entwicklungslinien übertragen. (vgl. Rauhut 1993, S.299)

[2] Walter Ulbricht 1959 auf der 1. Bitterfelder Konferenz. In: Rauhut 1999, S.1790

[3] Rede auf der 16. Tagung des ZK der SED im September 1953

[4] In: Silo 2005, S.5

[5] Der Begriff „Kulturimperialismus“ meint die kulturelle Expansion imperialistischer Staaten bzw. transnationaler Konzerne, die die kulturelle Identität anderer Länder und Völker bedroht (vgl. Dolz 1988, S.204).

[6] Das Positionspapier ist zwar erst 1984 erschienen, es darf jedoch angenommen werden, dass der Anspruch der DDR-Führung an Beatmusik gegen Ende der 1960er Jahre der Gleiche war. Anhand des Auszugs aus dem Positionspapier soll die Vorstellung der SED von einer sozialistischen Populärmusik verdeutlicht werden. In: Rauhut 2002, S.5

[7] Walter Ulbricht 1965 bei der 11. Tagung des ZK der SED über den wachsenden Einfluss der amerikanischen Lebensweise. In: Rauhut 1993, S.7

[8] [8] Zwischen Exzeß und Illusion. In: Nationalzeitung 23.01.1959, S.5

[9] Hans Kahle am 5. November 1958 auf dem Groß-Berliner Komitee der Kulturschaffenden. In: Rauhut 1993, S.32

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Beat in der DDR
Untertitel
Musik und Politik in der Grauzone - 1964 bis 1974
Hochschule
Universität Wien  (Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Seminar
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
22
Katalognummer
V113656
ISBN (eBook)
9783640141104
ISBN (Buch)
9783640141197
Dateigröße
546 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Beat, Seminar, DDR, Deutsche Demokratische Republik, Rock, Musik in der DDR
Arbeit zitieren
Gerhard Paleczny (Autor), 2008, Beat in der DDR, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113656

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