Agrammatismus bei Broca-Aphasie - Beeinträchtigung der Sprachproduktion am Beispiel englischer, deutscher und französischer Patienten -


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

17 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Dual-Mechanism-Theory
2.1 Grundlegendes
2.2 Annahmen des Modells

3. Erweitertes Modell nach Ullman
3.1 „Past-Tense“ Bildung bei englischsprachigen Aphasie-Patienten

4. Weitere neurolinguistische Untersuchungen
4.1 „Partizip“ Bildung bei deutschsprachigen Aphasie-Patienten
4.2 „Imparfait“ / „futur“ Bildung bei französischsprachigen Aphasie- Patienten

5. Zusammenfassung und Diskussion

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einführung

Kaum einem neurolinguistischen Untersuchungsgegenstand wird seit den 60er Jahren so viel Aufmerksamkeit geschenkt wie dem „Agrammatismus“. Dieser stellt eine spezifische Form der Sprachstörung dar, welche durch eine Schädigung des Gehirns im so genannten Broca-Areal der sprachdominanten linken Hemisphäre des Gehirns entsteht.[1] Die Sprachproduktion ist dabei durch das Fehlen grammatischer Strukturen je nach Ausprägung der Läsion mehr oder weniger stark beeinträchtigt, weshalb Sätze zwar gebildet werden können, dies jedoch mit vereinfachter Syntax geschieht. Man spricht hierbei auch vom so genannten „Telegrammstil“, der „Einwortsätze oder wenige Inhaltswörter (Substantive, Verben) in ihrer Grundform“[2] beinhaltet. Die Fähigkeit Sprache zu verstehen bleibt dabei weitgehend unberührt.

Eine besondere Bedeutung im Rahmen der Agrammatismusforschung kommt der Flexionsmorphologie zu. Das Dual-Mechanism-Modell von Pinker und Prince (1988)[3] als dualistisches Flexionsmodell geht dabei von zwei mentalen Repräsentationen bei der Verarbeitung von regulären und irregulären Flexionen aus und wendet sich damit gegen Ansätze, die von einer einheitlichen Repräsentation[4], also nur einem System zur Verarbeitung regulärer und irregulärer Flexionen, ausgehen.

Im Folgenden sollen anhand von Personen verschiedener Nationalitäten mit entsprechender Broca-Aphasie ausgewählte Beeinträchtigungen untersucht werden, um zu sehen welche Auswirkungen eine Störung im Bereich der sprachdominanten linken Hemisphäre des Gehirns mit sich bringen kann. Parallel hierzu soll mit Hilfe bereits bestehender Läsionsstudien nach Antworten gesucht werden, welche die Theorie unterschiedlicher kognitiver Mechanismen bei der Verarbeitung regulärer/irregulärer Flexionen untermauern und bestätigen können, um zur Schlichtung konkurrierender linguistischer Theorien beizutragen.

2. Dual-Mechanism-Theory

2.1 Grundlegendes

Das Dual-Mechansim-Modell von Pinker und Prince (1988) gilt als Spracherwerbsmodell nativistischer Prägung, dessen Grundannahmen auf Noam Chomskys Theorie der „Universalgrammatik“ aus dem Jahre 1965 basieren.[5] Dieser begreift Spracherwerb als etwas, das einem Menschen passiert und eine aktive Beteiligung derer nicht voraussetzt beziehungsweise benötigt.[6] Dementsprechend werden essentielle Aspekte der Grammatik als angeboren und damit genetisch bestimmt betrachtet. Da die zugrunde liegenden Prinzipien jedoch nur den Teilaspekt „Grammatik“ beinhalten, wird von einer so genannten „Modularität“ der Lernmechanismen ausgegangen, die sich mit den weiteren Teilaspekten von Sprache beschäftigen. Zu diesen lassen sich die Grundaspekte der Linguistik (Morphologie, Semantik, Syntax, Pragmatik, Phonologie) zählen. Von einem Einfluss durch Interaktion mit der eigenen Umwelt, in welcher sich erst durch Umgang mit Gegenständen und Personen „kognitive Strukturen“[7] unterschiedliche Niveaus des Denkens/der Sprache entwickeln wird weitgehend abgesehen. Dennoch geht die nativistische Spracherwerbstheorie nicht von einer vollkommenen Irrelevanz sprachlichen und umweltbedingten Inputs aus. In welchem Maße dies jedoch mit einzubeziehen ist, ist bislang umstritten und soll hier nicht weiter Beachtung finden.

2.2 Annahmen des Modells

Das Dual-Mechanism-Modell unterscheidet zwischen regulären und irregulären Formen und geht dabei von zwei vollkommen getrennten kognitiven Systemen bei deren Verarbeitung aus. Reguläre Formen werden demnach über ein anderes System innerhalb des angeborenen Mechanismus verarbeitet, als irreguläre Formen (s.Abb1), worauf die Bezeichnung des Modells „Dual-Mechanism“ bereits schließen lässt.

Abb.1: Separate Systeme zur Verarbeitung von regulären und irregulären

Verben/Flexionen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Vgl. Smolka, 2008.

Die Bildung regulärer Formen basiert auf der Theorie angeborener Regelsysteme, welche zunächst für das englische Past-Tense erstellt und später in die deutsche Flexionsmorphologie übertragen worden sind. Die reguläre Past-Tense Bildung erfolgt durch Anhängen des Suffix –ed (look – look-ed) und folgt damit der Regel: Stamm + ed, während irreguläre Formen (take - took) als ganze Einheiten im Gedächtnis gespeichert werden.[8] Äquivalent dazu erfolgt die Bildung regulärer/irregulärer Formen im Deutschen. Mit Hilfe spezifischer Regeln können Verben in Form ihrer Stämme (kauf -en, lauf -en) gespeichert und nach Belieben abgerufen werden. Um beispielsweise das Partizip Perfekt im Deutschen regulär zu bilden erfolgt eine Morphemzusammensetzung gemäß der Regel: ge + Stamm + t (s.Abb.2). Dies wird auch als Defaultregel bezeichnet. Der Default ist frei generalisierbar und kann auf jedes beliebige Wort einer Kategorie angewendet werden. Er kommt immer dann zum Tragen, wenn kein im Gedächtnis gespeichertes irreguläres Verb zur Verfügung steht. Das liegt daran, dass irreguläre Formen wesentlich komplexer aufgebaut sind als reguläre Formen. Sie können nicht mit Hilfe bestimmter Regeln gebildet werden, sondern müssen als ganzes Wort im Gedächtnis abgespeichert werden. Die Partizipform könnte zwar in ähnlicher Weise wie bei den regulären Formen gebildet werden (ge + Stamm + en), jedoch weisen irreguläre Verben unterschiedliche Veränderungen in den Stämmen auf (s.Abb.2).

Abb.2: German Participle formation according to stem and suffix

combinations

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Vgl. Smolka, 2007, S.328.

Schauen wir uns einmal das Wort „brennen“ an. Würde man jetzt den Stamm „brenn“ regulär speichern, so würde man gemäß der Defaultregel daraus das Partizip „ge + brenn + t“ fehlerhaft produzieren. Um dies zu vermeiden speichern wir zunächst alle Sonderformen, die beispielsweise durch Vokaländerungen charakterisiert sind (brenn en- brann te-ge brann t) in unserem Gedächtnis. Wollen wir nun ein Partizip bilden werden zunächst alle gespeicherten irregulären Verben durchsucht. Ist das entsprechende Partizip dort nicht als ganze gespeicherte Einheit vertreten, bilden wir unser Partizip nach der bereits beschriebenen Defaultregel ganz regulär.

[...]


[1] Vgl. Penke, 1998, S.1.

[2] Holzapfel, 2007, S.7.

[3] Vgl. Pinker; Prince, 1988, S.73 ff.

[4] Vgl. u.a. Rumelhart; McClelland, 1986.

[5] Vgl. Chomsky, 1965.

[6] Ebenda, 1965.

[7] Piaget, 1981, In: Deissinger, 2008, S.54.

[8] Vgl. Pinker; Ullman, 2002, S.457.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Agrammatismus bei Broca-Aphasie - Beeinträchtigung der Sprachproduktion am Beispiel englischer, deutscher und französischer Patienten -
Hochschule
Universität Konstanz
Veranstaltung
Human language processing
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
17
Katalognummer
V113663
ISBN (eBook)
9783640141319
ISBN (Buch)
9783640141418
Dateigröße
656 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Agrammatismus, Broca-Aphasie, Beeinträchtigung, Sprachproduktion, Beispiel, Patienten, Human
Arbeit zitieren
Anna-Lena Walter (Autor), 2008, Agrammatismus bei Broca-Aphasie - Beeinträchtigung der Sprachproduktion am Beispiel englischer, deutscher und französischer Patienten -, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113663

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