(K)ein England

Manifestationen und Transformationen hybrider Identitäten am Beispiel von Hanif Kureishis 'My Beautiful Laundrette'


Studienarbeit, 2003
51 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. ‘My Beautiful Laundrette’
I.I Der Handlungsverlauf

II. Zwischen Individuum und Kollektiv—Identitätsdiskurse
II.I Identitätspolitik und die Konstruktion des Fremden.

III. Manifestationen und Transformationen hybrider Identitäten

Schlusswort

Literatur

Einleitung

Identität ist ein weit verwendeter Begriff. Er wird sowohl auf menschliche Individuen als auch auf abstrakte Gemeinschaften und Gebilde bezogen: so heißt es, wir alle hätten eine Identität, Kinder müssten ihre Identität erst finden, Heimatlose würden an einem Identitätsverlust leiden und so fort. Dem gegenüber steht die Identität einer Gruppe: hierin fallen besonders nationale und lokale Identitäten. Dies kommt besonders in der Frage nach gemeinschaftlichen Wesenszügen zum Ausdruck.[1] Was macht die Tschechinnen und Tschechen so unverwechselbar tschechisch? Oder die Britinnen und Briten so typisch britisch? Worin liegen die Unterschiede zwischen den West- und Oststaaten? Was macht die Schwulen zu den Schwulen, die Indigenen zu den Indigenen und dergleichen?

Identität hat also mit dem Wissen um sich selbst und über andere zu tun. So definiert der Duden Identität etymologisch als „Selbigkeit“[2], als das Wissen von sich selbst. Identität ist demnach nicht mit Identischsein, letztlich Austausch- und Verwechselbarkeit, gleichzusetzen. Dieses Wissen um sich selbst ist sowohl im Fall der individuellen als auch der kollektiven Identität ein historisches: hier sind es die lebensgeschichtlichen Aspekte[3], dort die als gemeinsam angenommenen Vergangenheiten[4]. Beide, Individuum wie Kollektiv, wissen sich als solche erst durch die Erzählungen der jeweiligen Geschichte, die sie in der Gegenwart positionieren, um in der Zukunft Orientierung zu bieten.

Trotz aller Parallelen ist die Aufrasterung des Identitätsbegriffes in eine personale und eine Gruppenidentität jedoch nicht völlig unproblematisch. Dies vor allem deshalb, weil durch die Betonung des jeweiligen Singulars die Vielgestaltigkeit sowohl der politischen, wie auch der personalen Identitäten häufig überdeckt wird. Immerhin hat niemand nur eine einzige Identität. Im Gegenteil, Individuen und politische Gemeinschaften haben verschiedene Dimensionen an Identitäten: Schwule sind nicht nur schwul, sondern können zusätzlich schwarz, weiß, arm, wohlhabend und so weiter sein. Ebenso wenig referieren die Charakteristika einer Nation bloß auf eine einzige kulturelle oder sozioökonomische Gruppe.

Das Problem der Homogenisierung von Identität trifft in besonderem Maße auf politische Praktiken zu. Denn mit Identität wird und wurde Politik gemacht. So läuft eine Identitätspolitik, die bestimmte Gruppen über Ab- und Ausgrenzungen sichtbar macht, leicht Gefahr, Differenzen zwischen den einzelnen Gruppenmitgliedern zu verwischen und andere, zumeist politisch schwächere Individuen aus der Gruppe auszublenden. Zum Beispiel wurden und werden die (afrikanischen) Mörder Lumumbas als ‚schwarze Europäer’ bezeichnet und erst durch eine solche Titulierung aus dem ‚echten’ Schwarzsein beziehungsweise aus dem Afrikanischsein ausgeschlossen.[5] Ähnliche Begriffe für die Annahme einer anderen Identität und den daraus resultierenden (partiellen) Identitätsverlust gibt es bei indigenen Gruppen: ‚coconut’ (innen weiß, außen schwarz) bei australischen Aborigines und ‚apple’ (außen rot, innen weiß) bei kanadischen Indigenen.[6] Identität, Identitätspolitik und die Erforschung beider Phänomene sind sensible und heikle Themen.

Hinzu kommt, dass beim Umgang mit marginalisierten Gruppen oft Gegensatzpaare an Verhaltensweisen und Einstellungen zu beobachten sind: Antisemitismus versus Philosemitismus, Homophobie versus Homophilie, Rassismus versus Antirassismus. Sie allesamt sind letztlich auf ‚böse’ versus ‚gut’ reduzierbar. Diese Dichotomien haben eine Essentialisierung von Identität zum Effekt.

Homogenisierung und Essentialisierung von Identität thematisiert Hanif Kureishi in ‚My Beautiful Laundrette’ auf bemerkenswert verständliche und zugleich niveauvolle Weise.

‚My Beautiful Laundrette’, zu Deutsch ‚Mein wunderbarer Waschsalon’, ist das Drehbuch zu einem gleichnamigen von Stephen Frears produzierten Film. Der Film spielt im London der 1980er Jahre. Der Hauptprotagonist Omar, Sohn eines pakistanischen Zuwanderers, leitet einen Waschsalon und stellt den arbeitslosen Johnny, Mitglied einer rechtsradikalen Gang, als Hilfsarbeiter ein. Omar ist schwarz, Johnny weiß. Omar ist finanziell besser situiert als Johnny und diesem überlegen. Beide verlieben sich ineinander, doch bleibt die Beziehung stets hierarchisch—Omar ist Unternehmer, JohnnyseinArbeiter.

Der Film spielt mit gängigen Klischees und populären Identitätszuschreibungen. Er stellt Identität als wandelbar und multidimensional dar. Diese Vielschichtigkeit wird in der sozialwissenschaftlichen Literatur häufig mit dem Terminus der ‚hybriden Identität’ umschrieben. Besonders die Schriften von Homi Bhabha (‚The Location of Culture’) und von Stuart Hall waren in diesem Kontext wegweisend.[7]

Anhand von Hanif Kureishis ‚My Beautiful Laundrette’ soll in der hier vorliegenden Arbeit nach Manifestationen und Transformationen hybrider Identitäten gefragt werden. Dabei werden zum einen die historischen Zusammenhänge der im Film dargestellten englischen Gesellschaft diskutiert. Zum anderen werden auf einer theoretischen Ebene die im Film relevanten Identitätsdiskurse behandelt. Unter Diskurs verstehe ich gemeinsame Erzählungen, die auf vielen Ebenen der privaten und öffentlichen Sphäre und Sprache zusammenhängen und bestimmte Bilder erzeugen. Die Technologie des Diskurses wird zwar durchaus von Machtstrukturen beeinflusst, doch bedeutet dies meiner Ansicht nach nicht, dass das Individuum im Diskurs nicht auch autonom sein kann. Kurz, die einzelnen Akteurinnen und Akteure sind den herrschaftlichen Diskursen nicht gänzlich unterworfen.[8]

Diese Arbeit ist im Kontext der Cultural Studies verortet und versteht den Kulturbegriff im Sinne der Cultural Studies. Denn für Identität ist nicht nur Geschichte sondern auch Kultur ausschlaggebend. Was bedeutet das im konkreten?

Cultural Studies haben—vereinfacht gesprochen—eine Kulturanalyse zum Inhalt. Die Geschichte dieser in Großbritannien entstandenen Disziplin ist selbst von Kontinuitäten und von Brüchen gekennzeichnet.[9] So wurde anfangs noch ein elitärer, den literarischen English Studies entlehnter Kulturbegriff verwendet, der erst durch die Thematisierung der Arbeiterkultur auch den Alltag als kulturrelevant erfasste. Dabei wurde als Analyseschema auf die Kategorie der Klasse fokussiert. Somit ergab sich das Dilemma, dass die Disziplin, die die Kultur und deren Mythen beschreiben und analysieren sollte, historisch gesehen, Mythen nicht hinterfragte, sondern bestätigte. Kultur wurde nicht analysiert, sondern definiert—sei dies nun in der Bestärkung einer nationalen Identität Englands oder einer Identität der Arbeiterschaft gelegen.

In den für die Cultural Studies einflussreichen Texten von Richard Hoggart und Raymond Williams wurde Kultur zunehmend als Summe geteilter Lebensweisen und Lebenserfahrungen verstanden.[10] Damit wurde der individuelle Definitionsrahmen zu Ungunsten einer von außen erfolgten Zuordnung gestärkt. Dennoch blieben die Kategorien der Klasse und der Community als die zwei bestimmenden Säulen von Kultur dominierend. Dies änderte sich erst ab den 1970ern mit dem Aufkommen feministischer Theorien und vor allem durch die Einflüsse der US-amerikanischen Cultural Studies. Letztere fokussierten vermehrt auf die Kategorien von Race und Geschlecht, über die Identität hergestellt wird.

Mit dieser Wende wurde die Geschlechterblindheit in den britischen Cultural Studies aufgeweicht. Dieses Amalgam ermöglichte eine Dekonstruktion von Geschlechts- und Identitätskonstruktionen, ohne auf die Kapitalismuskritik der britischen Schule zu verzichten.

Kultur im Sinne der Cultural Studies ist demnach als Ausfluss gemeinsam geteilter Lebensweisen zu verstehen. Kulturen setzen sich aus individuellen und kollektiven Erfahrungen zusammen und können in Abgrenzung zu anderen Kulturen eine fiktive Gemeinschaft bilden. Rassismus und Neoliberalismus beispielsweise können Bestandteil einer oder mehreren Kulturen sein, womit ersichtlich wird, dass Kultur nicht zwangsläufig positiv konnotiert sein muss.

Als Analysegrundlage dient hier zum einen der Film als audiovisuelle Quelle, zum anderen das von Kureishi redigierte Drehbuch ‚My Beautiful Laundrette’.[11] Die Sekundärliteratur zum Film ‚My Beautiful Laundrette’ ist breit gestreut. Die meisten Arbeiten wie jene von Susanne Knittel] und Bettina Saarela entstammen literaturwissenschaftlichen Perspektiven.[12] Kenneth Kaleta und Corinna Hein theoretisieren Kureishis Schriften im Kontext post-kolonialer Theorien.[13] Viele Autorinnen und Autoren wie Silke Voithofer, Ines Böhner und Linda Chan-Shun et al. analysieren ‚My Beautiful Laundrette’ im Kontext anderer von Hanif Kureishi herausgegebener Schriften.[14]

Obwohl die Frage nach Identität in vielen Studien dominiert, wurden hybride Identitätskonstruktionen bislang oftmals ausgeblendet. Historische Analysen sind ebenfalls rar.

Diese Arbeit schlägt mit der Thematisierung hybrider Identitätstheorien einen anderen Weg ein. Ebenfalls finden die gesellschaftspolitischen Zusammenhänge Englands nähere Berücksichtigung.

I. ‚My Beautiful Laundrette’

Hanif Kureishis Drehbuch wurde 1985 im pakistanischen Karachi verfasst. Der darauf basierende Film wurde noch im selben Jahr unter der Regie von Stephen Frears am Edinburgh Film Festival vorgeführt. Dem Filmprojekt lagen ein geringes Budget und eine weitgehende Eigenfinanzierung zugrunde.[15] Dies ermöglichte eine von Marktvorgaben unberührte Gestaltungsfreiheit—ein Umstand, der die Qualität des Films zweifelsohne optimierte.

Obwohl ‚My Beautiful Laundrette’ in den 1980ern angesetzt ist, beruht der Film auf breiteren historischen Zusammenhängen. Dies lässt sich anhand der Unterschiede zwischen den ersten Manuskripten und der Endfassung des Drehbuchs ablesen. Dominierten in den anfänglichen Entwürfen noch historische Szenen, so wurden diese in der Endversion aufgrund des Filmumfanges dezent in die Gegenwart integriert:[16] Zum einen hätten die lebensgeschichtlichen Phasen einiger Hauptcharaktere in tieferer Dimensionen dargestellt werden sollen—von Kindheit bis Adoleszenz. Zum anderen waren einige der Handlungen im England der 1950er Jahre geplant.

Die Fünfziger wählte Hanif Kureishi meines Erachtens sehr bewusst: einerseits wurde Indien 1947 in die staatliche Unabhängigkeit entlassen, andererseits wurde noch im selben Jahr Pakistan gegründet. Die Immigration aus den ehemaligen, zum Teil von Unruhen erfassten Kolonien wurde in England durchaus als beängstigend empfunden.[17] Eine von vielen Reaktionen darauf war die Verabschiedung des Commonwealth Immigration Act von 1962. Dieser schränkte den freien Zuzug aus den Commonwealth-Staaten massiv ein.[18] Allerdings bewirkte gerade die öffentliche Diskussion über die Migration aus Indien und Pakistan einen Anstieg der Zuwanderungszahlen. Die 1950er waren für Kureishi also durchaus wichtig. Zwar spielte der Film letztlich doch gänzlich im England der 1980er, blendete allerdings die Relevanz der Vergangenheit nicht aus:

We soon decided it was impossible to make a film of such scale. That film is still to be made. Instead I set the film in the present, though references to the past remain.[19]

Der Film führt folglich die geschichtliche Tiefenwirkung von Identitäten und deren Diskurse vor Augen. In vielfacher Hinsicht spiegelt ‚My Beautiful Laundrette’ auch autobiographische Elemente wider: Hanif Kureishi baute an einigen Stellen seine persönlichen Erfahrungen als Sohn eines pakistanischen Zuwanderers in das Drehbuch ein. Die teils autobiographisch gefärbten Kategorien von pakistanischen Zuwanderinnen und Zuwanderern, von Rassistinnen und Rassisten, sowie von Kapitalistinnen und Kapitalisten machen ein wesentliches Charakteristikum des Films aus.

Allerdings vermeidet ‚My Beautiful Laundrette’ homogene Kategorien, ja stellt diese sogar auf den Kopf. Dennoch tappen zahlreiche Filmbeschreibungen immer wieder in die Falle einseitiger Identitätszuschreibungen. Dies ist vor allem bei der Vorstellung der Protagonistinnen und Protagonisten augenfällig. Das Problem der Kategorisierung und Klassifizierung von Menschen, sprich die Konstruktion von Menschentypen haftet in der Tat vielen Texten an: Wie sollen die handelnden, in Realität nicht existierenden Personen, deren Eigenschaften sich nicht unwesentlich aus sozialen Zugehörigkeiten zusammensetzen, vorgestellt werden? Was macht die beiden Protagonisten Johnny und Omar zu den an sich markant gegensätzlichen Figuren, die den Beginn einer Personenvorstellung ausmachen?

[...]


[1] Vgl. etwa die Monographien von Ernst Bruckmüller (²1996), 19 zu Österreich und von Patricia Grimshaw et al. (1996) zu Australien.

[2] Vgl. Duden, Herkunftswörterbuch Bd. VII (³2001), s.v. Identität, 357, Sp. II.

[3] Vgl. Erdheim (1984), VIIf.

[4] Vgl. Assmann (1992), 132.

[5] Vgl. Ki-Zerbo (1993), 587f.; Klicker (1993), 17.

[6] Vgl. Heiss (2003), 196.

[7] Vgl. Bhabha (1994); Hall (1994); Hall (1996a); Hall (1996b).

[8] Vgl. Fairclough (1995), 92.

[9] Zur Geschichte der Cultural Studies vgl. zusätzlich Lutter/Reisenleitner (1998), 18ff., 119- 121, 125f.; Chambers (1993), 154.

[10] Vgl. Hoggart (1972); Williams (1958).

[11] My Beautiful Laundrette, (1985); Kureishi (1986b).

[12] Vgl. Knittel (2001); Saarela (2004).

[13] Vgl. Kaleta (1998); Hein (2007).

[14] Vgl. Voithofer (2003); Böhner (1996); Chan-Shun (1998).

[15] Vgl. Tönnies/Viol (1999a), 3-8; Armstrong (2002), 42

[16] Vgl. Kureishi (1986), 42f.

[17] Vgl. dazu Kluxen (³1985), 751ff., 831; Ende/Steinbach (41996), 330-358, 556-569.

[18] Zur Einwanderungsrestriktion von 1962 vgl. Solomos (²1993).

[19] Kureishi (1986a), 43.

Ende der Leseprobe aus 51 Seiten

Details

Titel
(K)ein England
Untertitel
Manifestationen und Transformationen hybrider Identitäten am Beispiel von Hanif Kureishis 'My Beautiful Laundrette'
Hochschule
Universität Wien  (Zeitgeschichte)
Veranstaltung
Forschungsseminar
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
51
Katalognummer
V113673
ISBN (eBook)
9783640141517
ISBN (Buch)
9783640141630
Dateigröße
650 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
2-zeiliger Zeilenabstand
Schlagworte
England, Forschungsseminar, Hanif Kureishi, Mein Wunderbarer Waschsalon, Identität, Homosexualität
Arbeit zitieren
Oliver Haag (Autor), 2003, (K)ein England , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113673

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