Neuordnungsvorstellungen der Gewerkschaften und Parteien und Alliierte Deutschlandpolitik


Referat (Ausarbeitung), 1999

27 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhalt

1. Einführung

2. Alliierte Deutschlandpolitik und allgemeine Entwicklung

3. Entstehung der Parteien und ihre jeweiligen Vorstellungen

4. Bildung der Gewerkschaften

5. Literatur

6. Anhang: Zeittafel der entscheidenden Ereignisse 1945-1949

1.Einleitung

”Die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht, mit der am 8 Mai 1945 in Europa der Zweite Weltkrieg endet, besiegelt für das deutsche Volk einen ungleich tieferen politischen Sturz, als es ihn je zuvor in seiner Geschichte erlebt hat. Anders auch als nach dem Ersten Weltkrieg ist Deutschland nun vollständig von den Truppen der vier Siegermächte besetzt und jeder eigenen staatlichen Gewalt beraubt. Vor allem führt diese zweite Niederlage das Ende des deutschen Nationalstaates in seiner 1871 von Bismarck begründeten Form herauf. Preußen, Kernland dieses Reiches, wird aufgelöst, die Ostprovinzen werden abgetrennt, die nationale Einheit geht verloren.

Unter der Herrschaft der Besatzungsmächte fallen dann jene Entscheidungen, die die Entwicklung der Bundesrepublik in vielfacher Hinsicht bis heute bestimmen. Sie gehen vor allem darauf zurück, daß sich die politischen und sozialen Ordnungsvorstellungen der Siegermächte schon bald nach der Besetzung als unvereinbar erweisen. Deutschland wird seit der Jahreswende 1946/47 im Zeichen des Kalten Krieges zum Kampffeld des ideologischen und machtpolitischen Konflikts zwischen Ost und West, zwischen den Hauptkontrahenten Sowjetunion und USA. Dieser Gegensatz führt über eine Vielzahl von Stationen nicht nur zur Spaltung Deutschlands in zwei Staaten, die in sich in gegenüberstehende militärischpolitische Blöcke eingebunden werden. Er bestimmt letztendlich auch darüber, welche politischen Kräfte und welches politisch-soziale System diesseits und jenseits der innerdeutschen Grenze zum Zuge kommen” (Fragen an ..., 328)

Die wichtigsten Entscheidungen und entscheidenden Ereignisse bezüglich der Entwicklung Deutschlands fanden in den Jahren 1945 bis 1949 statt. Mit eben dieser Zeit beschäftigt sich das vorliegende Referat. Dabei geht es insbesondere um die sich wandelnden und oftmals doch recht unterschiedlichen Vorstellungen der vier alliierten Siegermächte bezüglich der Neuordnung und zukünftigen Behandlung Deutschlands, die nach der bedingungslosen Kapitulation in Deutschland zunächst die Regierungsgewalt übernehmen. Aber auch die gleichzeitig stattfindende Entstehung der Parteien, mit ihren unterschiedlichen Programmen, Forderungen und Entwicklungen bezüglich der zukünftigen Gestalt und Ordnung Deutschlands, sowie die Neugründung der Gewerkschaften werden thematisiert. Am Ende der Neugestaltung Deutschlands stand die Teilung in zwei Staaten, die Bundesrepublik Deutschland (BRD) und die Deutsche Demokratische Republik (DDR), die rund 40 Jahre existierte. Der kalte Krieg, welcher sich bereits während dem Ende des Zweiten Weltkriegs abzeichnete, war somit auf einem vorläufigen Höhepunkt angelangt.

Im Anhang des Referats befindet sich schließlich noch eine Zeittafel der entscheidenden Ereignisse in Deutschland und bezüglich dessen Entwicklung von 1945 bis 1949.

2. Alliierte Deutschlandpolitik und allgemeine Entwicklung

Im Februar 1945, als die Lage für Deutschland bereits aussichtslos war, fand auf der sowjetischen Halbinsel Krim die "Konferenz von Jalta" statt. An ihr nahmen "die Großen Drei", Franklin D. Roosevelt (USA), Winston Churchill (GB) und Josef W. Stalin (UdSSR) teil. Auf dieser Konferenz erörterten sie die Nachkriegsordnung, die zukünftige Behandlung Deutschlands und die Frage der Reparationen. Als konkrete Beschlüsse fielen die Einberufung einer Gründungskonferenz der Vereinten Nationen nach San Francisco (USA) und die Aufteilung Deutschlands in vier Besatzungszonen (Frankreich erhält ebenfalls eine eigene Zone). In diesen beiden Punkten machte die UdSSR Zugeständnisse, wofür sie mit einigen japanischen Inseln entschädigt werden soll; Japan war als Verbündeter Deutschlands ebenfalls am 2. Weltkrieg beteiligt. Die Reparationsfrage blieb jedoch weiter ungelöst, da die USA die Verabschiedung konkreter Zahlen ablehnen; die Sowjetunion hatte 20 Mrd. Dollar, davon 10. Mrd. für die UdSSR, gefordert.

Am 7. Mai war es dann soweit, Deutschland unterzeichnete in Reims (Frankreich) in Gegenwart von ranghohen Militärs der Westalliierten die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht. Auf Wunsch der Sowjetunion wurde in der Nacht von 8. auf den 9. Mai 1945 der militärtechnischen Schule in Berlin-Karlshorst der Kapitulationsakt wiederholt. Der zweite Weltkrieg war somit offiziell in Europa zu Ende. Am 23. Mai wurde die geschäftsführende deutsche Regierung "Karl Dönitz" verhaftet; am 05. Juni übernahmen die vier Alliierten die oberste Regierungsgewalt in Deutschland.

In Berlin unterzeichneten General Dwight D. Eisenhower (für die Vereinigten Staaten), Feldmarschall Bernhard Montgomery (für Großbritannien), Marschall Georgi Schukow (für die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken) und General Jean-Joseph de Lattre de Tassigny (für Frankreich) eine Viermächte-Erklärung ”in Anbetracht der Niederlage Deutschlands und der Übernahme der obersten Regierungsgewalt”. Die wichtigsten Vereinbarungen sind: ”1. Deutschland wird nicht annektiert, sondern nur besetzt. Die vier Alliierten übernehmen die Verantwortung für die Aufrechterhaltung der Ordnung, für die Verwaltung des Landes und für die Ausführung der Forderungen der siegreichen Mächte [...] Deutschland unterwirft sich allen Forderungen, die ihm jetzt oder später auferlegt werden‘. 2. Deutschland wird nach dem territorialen Stand von 1937 in vier Besatzungszonen eingeteilt. Die endgültigen Grenzen sollen später festgelegt werden. 3. Berlin wird in vier Sektoren eingeteilt. Eine alliierte Kommandantur übernimmt die Regierung und Verwaltung der Stadt. 4. Die Oberste Regierungsgewalt übt der Kontrollrat der vier alliierten Oberbefehlshaber mit Sitz in Berlin aus: Jeder ist für die Geschehnisse in seiner Zone verantwortlich.” (Chronik der Deutschen, 930) In Fragen, die Deutschland im Allgemeinen betreffen, ist eine gemeinsame und einstimmige Entscheidung erforderlich. Die Einrichtung eines alliierten Kontrollrates war bereits auf der Konferenz von Teheran 1943 beschlossen worden; er tagt erstmals Ende August.

In wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht hatte die Bevölkerung mit großen Problemen zu kämpfen. Die Wirtschaft ist zusammengebrochen, ganze Städte sind zerstört. "Die Industrieproduktion ist auf nicht einmal ein Drittel des Vorkriegsstandes gesunken. Gleichzeitig hatte sich aber die Bevölkerungsdichte durch die fast zehn Millionen Vertriebenen und Flüchtlinge vor allen in der amerikanischen und britischen Zone deutlich erhöht. Die Situation auf dem Wohnungsmarkt war auf das Äußerste angespannt." (Fragen an ..., 348) Schwerer waren jedoch noch die Ernährungsprobleme, bedingt durch Ernteausfälle und eine u.a. daraus resultierende große Nahrungsmittelknappheit. Die zugeteilten Rationen mußten mehrfach gekürzt werden. Auch Kohle war nur sehr schwer zu bekommen; die Folgen waren ein blühender Schwarzmarkthandel und steigende Kriminalität.

Die Wirtschaftspolitik der Siegermächte war anfangs vor allem durch das Ziel beherrscht, das deutsche Kriegspotential zu vernichten und Entschädigungen für die eigenen Kriegsverluste zu erhalten.

Hierzu paßt auch die "Direktive der Vereinigten Amerikanischen Generalstäbe an den Oberkommandierenden der amerikanischen Besatzungstruppen in Deutschland" (ICS 1067), welche im April 1945 erlassen wurde. Sie enthielt die grundlegenden Ziele der Militärregierung in Deutschland und Leitlinien der zukünftigen Besatzungspolitik. Darin heißt es unterer anderem "Das Hauptziel der Alliierten ist es, Deutschland daran zu hindern, je wieder eine Bedrohung für den Weltfrieden zu werden. Wichtige Schritte zur Erreichung dieses Zieles sind die Ausschaltung des Nazismus und Militarismus in jeder Form, [...] die industrielle Abrüstung und Entmilitarisierung Deutschland mit langfristiger Kontrolle des deutschen Kriegspotentials [...]." (Kleßmann, 353) Die Militärregierung wird angewiesen, "... keine Maßnahmen (zu) ergreifen, die a) dem wirtschaftlichen Wiederaufbau Deutschlands dienen, oder b) das Ziel haben, die deutsche Wirtschaft zu erhalten oder zu stärken" (E. Schmidt, 16). Die Direktive ICS 1067 enthielt z.T. fast wortgleiche Formulierungen wie der, nach dem US- Finanzminister Henry Morgenthau jr. benannte, Morgenthauplan.

Dieser wurde von Morgenthau im Oktober 1944 auf einer Konferenz zwischen Churchill und Roosevelt in Quebec vorgestellt und sah vor, "Deutschland in einen politisch und wirtschaftlich bedeutungslosen Agrarstaat" (Schlüsseldaten, 368) zu verwandeln. Da]rüber hinaus sollte Deutschland in zwei "kleine" Teilstaaten aufgespalten werden.

Obwohl Roosevelt, der diesem Plan zunächst zugestimmt hatte, nach entrüsteten öffentlichen Reaktionen seine Zustimmung zurückzog, war er von 1945 bis Juli 1947 offizielle Richtschnur der Politik der amerikanischen Militärregierung in Deutschland. Der Morgenthauplan wie auch die Direktive ICS 1067 wurde jedoch zunehmend fallengelassen. Lucius D. Clay, US-Militärgouverneur in Deutschland, "tat, was das Kriegsministerium vom ihm erwartete, er ließ die undurchführbaren Bestimmungen von ICS 1067 in der Praxis Stück für Stück fallen.” (E. Schmidt, 17)

Bei den Amerikanern gab es deutliche Widersprüche zwischen offiziell proklamierter Politik und tatsächlich praktizierter, da Clay, so der ehemalige Chefhistoriker beim U.S. Hochkommissar für Deutschland, Harold Zink, ”in Deutschland mehr oder weniger tun konnte, was ihm beliebte, solange er die Formalitäten einhielt und ICS 1067 als allgemeine Richtlinie akzeptierte” (Zink, 95) Ein entscheidender Grund hierfür war u.a. der Amtsantritt von US- Präsident Harry S. Truman als Nachfolger von Roosevelt, welcher im April 1945 verstarb. Truman, ebenfalls Demokrat, vertrat deutlich konservativere Ansichten und stand für eine härtere Haltung gegenüber der Sowjetunion. "Deutschland gegenüber rieten seine Berater eher zu einer gemäßigten Politik der wirtschaftlichen Unterstützung und des Wiederaufbaus der Wirtschaft nach dem Vorkriegsmuster, damit das sowjetische Übergewicht in Europa ausgeglichen würde.” (.E. Schmidt, 16-17)

Am 17. Juli begann die "Potsdamer Konferenz", die bis zum 2. August andauerte. An ihr nahmen US-Präsident Truman, der britische Premier Churchill und der sowjetische Staatschef Josef W. Stalin teil. Auf der Konferenz ging es vor allem um die Fragen der zukünftigen Behandlung Deutschlands in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht. Hierüber besaßen die vier Siegermächte jedoch sehr unterschiedliche Vorstellungen, so daß es nur zu "relativ allgemeinen und unpräzisen Zielformulierungen" (Kleßmann, 32) kam. Daraus resultiert auch die Tatsache, daß das Abkommen später oftmals recht unterschiedlich von den einzelnen Alliierten ausgelegt und interpretiert wurden.

Die Sowjetunion war, "was die wirtschaftlichen Probleme anbetraf, von Anfang an nahezu ausschließlich an der Frage deutscher Reparationen interessiert.” (E. Schmidt, 18) Sie wollte die ”vollständige Entmilitarisierung Deutschlands. Die deutsche Wirtschaft solle nach diesem Krieg eine sehr straff gelenkte sein, denn sonst könnte sie keine Reparationszahlungen leisten.” (E. Schmidt, 19)

Die Politik der britischen Regierung wurde ebenfalls eindeutig von der finanziellen Notlage bestimmt, in die GB durch den Krieg und seine Folgen hineingeraten war. ”Großbritannien war an einer möglichst raschen Ingangsetzung der deutschen Produktion interessiert, soweit sie ein Niveau betraf, daß die Selbstversorgung der Bevölkerung nicht überschritt. Churchills Unterhausrede vom 16.08.45 gab dieser Ansicht Ausdruck: ‚In der Zwischenzeit ist es nach meiner Meinung überaus wichtig, daß die Verantwortung tatsächlich von den dt. lokalen

Körperschaften wahrgenommen wird, um unter alliierter Oberaufsicht die für die Erhaltung des Lebens einer riesigen Bevölkerung nötige Produktion und Verwaltung weiterzuführen [...] Die deutschen Massen dürfen uns nicht zur Last fallen und erwarten, jahrelang von den Alliierten ernährt, organisiert und erzogen zu werden.” (E. Schmidt, 20)

Frankreich war von Anfang an daran interessiert, eine Abtrennung des Ruhrgebietes und des Saargebietes vom Deutschen Reich durchzusetzen. Wirtschaftliche Bedürfnisse, die Ersetzung der Kriegsverluste und militärisches Sicherheitsstreben gegenüber deutscher Aggression waren die Hauptmotive der französischen Politik gegenüber Nachkriegsdeutschland.” (E. Schmidt, 20)

Die Konferenz im Potsdamer Schloß Cecilienhof ließ bereits erste Risse in der Siegerkoalition erkennen. Streit gab es vor allem in der Reparationsfrage, wo die Sowjetunion weiter auf 20 Mrd. US-$ beharrte und der zukünftigen Größe Deutschlands. Bei letzterem hatte Stalin allerdings bereits vollendete Tatsachen geschaffen, indem er Polen die Gebiete östlich von Oder und Neiße zur Verwaltung überlassen hatte. Einig war man sich lediglich darüber, daß Deutschland weiterhin als eine wirtschaftliche Einheit zu behandeln und zu entnazifizieren sei.

Das "Potsdamer Abkommen" erhielt u.a. folgende Vereinbarungen und Zielsetzungen:
- Dezentralisierung und Entflechtung der Wirtschaft; Förderung der Landwirtschaft
- Verbot der Produktion von Waffen und Kriegsausrüstung
- Überwachung der Herstellung von Chemikalien und Metallen durch die Alliierten
- Ausrottung des Militarismus und Nazismus; Verhinderung einer erneuten Bedrohung der Welt durch Deutschland
- Entnazifizierung Deutschlands; Gerichtliche Verfolgung der Kriegsverbrecher
- Dezentralisierung Deutschlands (= Aufteilung in vier Besatzungszonen) und Stärkung der lokalen Selbstverwaltung
- Sicherung der Existenz des Deutschen Volkes ohne Hilfe von außen
- Verwaltung der Gebiete östlich der Oder-Neiße-Linie durch Polen bis zum Abschluß eines endgültigen Friedensvertrag
- Ausweisung der Deutschen Bevölkerungsteile aus Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn
- Entnahme der Reparationen durch die Siegermächte aus ihrer jeweils eigenen Zone; die Sowjetunion sollte zusätzlich 25% der in den Westzonen demontierten Industrieanlagen erhalten, davon 15% im Austausch gegen Kohleund Nahrungsmittellieferungen.

Trotz der Übereinkunft, Deutschland als wirtschaftliche Einheit zu behandeln und der deutschen Bevölkerung in allen Zonen grundsätzlich die gleiche Behandlung zukommen zu lassen, wurden schnell unterschiede zwischen den Politiken der einzelnen Besatzungsmächte deutlich. Durch den Grundsatz der zonengebundenen Reparationsentnahme wurde das Unterlaufen der Übereinkunft noch verstärkt. So erlaubte die Sowjetunion die Bildung von Parteien auf zonaler Ebene bereits im Juni 1945, während in der US-Zone Zusammenschlüsse auf Länderebene erst im November möglich waren. Die Westmächte wollten eine Gründung der Parteien von unten nach oben.

Im September 1945 begann man unter der Losung ”Junkerland in Bauernhand” in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) mit der Bodenreform, die eine Umstrukturierung der Gesellschaftsordnung darstellt. Rund 7.000 Großgrundbesitzer, vor allem östlich der Elbe, werden entschädigungslos enteignet. Der Besitz, rund 2.1 Mio. Hektar wird in kleine Parzellen zu einem halben Hektar bis 10 Hektar aufgeteilt und an 500.000 Personen verteilt. Die radikale Reform wird von allen politischen Parteien bis auf eine Gruppe der CDU begrüßt, wobei es aber durchaus Kritik an der Art und Weise der Durchführung gibt. Der Vorsitzende der KPD Wilhelm Pieck erklärt in einer Rede zum Auftakt der Reform das Ziel: Die alteingesessene Macht der Großgrundbesitzer östlich der Elbe soll ein für allemal ausgeschaltet werden.

Mitte 1945 wurde in allen Zonen mit der Entnazifizierung begonnen, um Nationalsozialisten aus verantwortlichen Ämtern in Kultur, Politik und Wirtschaft zu entfernen. ”In der amerikanischen Zone wird sie zunächst am präzisesten und umfassendsten betrieben." (Chronik der Dt., 938) Seit dem 5. März 1946 wurden Deutsche an der Durchführung beteiligt, ab 1948 fand sie völlig unter deutscher Verantwortung statt. ”Laxer verläuft die Entnazifizierung in der französischen Zone, wo Berufsverbote unwirksam sind, die in der britischen oder amerikanischen Zone gelten. In der sowjetisch besetzten Zone (SBZ) wird die Entnazifizierung am radikalsten verwirklicht" (Chronik der Dt., 938); Kriegsverbrecher und Naziaktivisten werden auch enteignet. "Die Besatzungsmacht will die Gesellschaft umstrukturieren und sieht in den Entnazifizierungen eine Gelegenheit, Schlüsselpositionen mit Kommunisten zu besetzen." (Chronik der Dt., 938) Auch hieran wird die unterschiedliche, nur durch die eigenen Interessen geleitete Besatzungspolitik, der einzelnen Alliierten und somit ungleiche Behandlung der Deutschen deutlich.

Die Briten verfolgten schon früh das Ziel der Begrenzung und Zurückdrängung des Einfluß- und Machtbereiches der UdSSR. Dies wird in einer Rede des ex. Premiers von Großbritannien Churchill anläßlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde des Westminster Colleges in Fulton vom 5. März 1946 deutlich: ”In seiner Dankesrede spricht Churchill von einem ‚eiserneren Vorhang‘ der sich durch Europa erstrecke und hinter dem die UdSSR Polizeistaaten errichte und Kommunisten in ihrer Zone fördere. Der Zweite Weltkrieg sei nicht für die gegenwärtige Gestalt Europas geführt worden. Neue Auseinandersetzungen könnten nur durch eine allgemeine Verständigung mit der UdSSR unter der Autorität der UNO verhindert werden. [...] Notwendig sei eine Enge brüderliche Allianz zwischen den USA und Großbritannien, um die UNO zu stärken und um für den Frieden zu arbeiten.” (Chronik des 20. Jh., 681) Die Äußerung Churchills erregten weltweites aufsehen und beeinflußten die Beziehungen zwischen Ost und West nachhaltig. Stalin nennt Churchill einen "Kriegsbrandstifter". (vgl. Schlüsseldaten, 388)

Das die Spannungen zwischen den Westmächten und der UdSSR immer größer und un- überbrückbarer wurden, zeigt auch die Entscheidung des amerikanischen Militärgouverneur Lucius D. Clay, der am 25. Mai 1946 die gerade angelaufenen Reparationslieferungen aus den Westzonen an die Sowjetunion stoppen ließ, da die UdSSR nicht die, im Potsdamer Abkommen vereinbarten Lebensmittel und Rohstoffe zum Austausch geliefert habe. Beide Seiten bezichtigten sich gegenseitig des Vorwurfs, gegen das Potsdamer Abkommen verstoßen zu haben.

Auch die Art und das Ausmaß der Demontagen war in den einzelnen Zonen sehr unterschiedlich. In den Westzonen wurden lediglich ca. 8% demontiert, während die Verluste in Mitteldeutschland (Halle, Leipzig etc.) um so größer waren, in der SBZ wurden 45% demontiert. Nach dem alliierten Industrieplan vom 26.03.1946 sollte die Kapazität der deutschen Industrie auf 50% des Standes von 1938 eingefroren werden.

Im Frühjahr 1946 fand in Paris eine Konferenz der Außenminister der vier Besatzungsmächte statt. Der US-Außenminister James F. Byrnes schlug auf dieser vor, Deutschland für 25 Jahre zu entmilitarisieren und abzurüsten. Molotow (UdSSR) forderte eine Entmilitarisierung von mindestens 40 Jahren, da sonst keine ausreichende Sicherheitsgarantie gegeben sei. Ihm ging es vor allem aber um die Erfüllung der Reparationszahlungen. Die Franzosen forderten die Herausnahme des Ruhrgebietes aus Deutschland und lehnten die Bildung eines deutschen Bundesstaates ab.

Nach dem die zweite Konferenzrunde 1946 in Paris gescheitert war, sieht der US- Staatssekretär Byrnes die dringende Notwendigkeit zur Verbesserung der katastrophalen Wirtschaftslage in Deutschland und forderte deshalb offiziell alle Zonen zum wirtschaftlichen Zusammenschluß auf. Erwartungsgemäß reagierten nur die Briten positiv.

Am 05.09.1946 vereinbarten der amerikanische und der britische Militärgeneral, Lucius D. Clay und Brian H. Robertson, die Schaffung von fünf gemeinsamen Zentralstellen für ihre Zonen: Ernährung und Landwirtschaft in Bad Kissingen; Finanzen in Frankfurt; Wirtschaft in Minden; Transportwesen in Bielefeld und Verkehrswesen in Hamburg. An der politischen Dezentralisierung wurde allerdings festgehalten, die Zonen erhielten keine gemeinsame Hauptstadt. Bei Berührung von wirtschaftlichen Fragen mit politischen Problemen verblieb die Entscheidungsgewalt bei den jeweiligen Militärregierungen. Sie billigten auch einen von den Deutschen vorgelegten Plan, wonach die französische und die sowjetische Zone dem Wirtschaftsgebiet jederzeit beitreten können. Hiermit war die Bizone entstanden; ihre Gründung trat zum 01.01.1947 in Kraft. Mitglied im wirtschaftlichen Exekutivausschuß war u.a. Ludwig Erhard, späterer Wirtschaftsminister und Bundeskanzler, als einer der Vertreter aus der US-Zone.

Im Laufe des Jahres 1946 wurden in der Britischen und der US-Zone die heutigen Bundesländer gebildet, im Juni fanden erste Landtagswahlen in der US-Zone statt.

Am 06. September 1946 erläuterte der US-Außenminister Byrnes vor Vertretern der amerikanischen Militärregierung die Ziele der amerikanischen Deutschlandpolitik. In seiner 'Stuttgarter Rede' erklärt er, daß "Deutschland kein Armenhaus werden dürfe." (Chronik der Dt., 935) Die USA stehe dabei zu den Vereinbarungen von Potsdam und fordere gleichzeitig die Behandlung Deutschlands als einheitliches Wirtschaftsgebiet mit zentralen Verwaltungskörperschaften. Über die Endgültige Westgrenze Polen solle allerdings erst bei Abschluß eines Friedensvertrags gesprochen werden. Der sowjetische Außenminister Molotow hingegen sah die polnische Grenze als bereits endgültig festgelegt an. Am 12. September warnte US- Handelsminister Henry A. Wallace vor einer Politik, die zum Krieg mit den USA führen könnte; er wurde wenige Tage später von Truman entlassen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Neuordnungsvorstellungen der Gewerkschaften und Parteien und Alliierte Deutschlandpolitik
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Einführung in das sozialwissenschaftliche Studium Teil II
Note
2
Autor
Jahr
1999
Seiten
27
Katalognummer
V113736
ISBN (eBook)
9783640161751
ISBN (Buch)
9783640163731
Dateigröße
511 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Neuordnungsvorstellungen, Gewerkschaften, Parteien, Alliierte, Deutschlandpolitik, Einführung, Studium, Teil
Arbeit zitieren
Dipl. Geogr. Christian Momberger (Autor:in), 1999, Neuordnungsvorstellungen der Gewerkschaften und Parteien und Alliierte Deutschlandpolitik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113736

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