Systemische Beratung und Therapie

Ihre historische Entwicklung, theoretischen Grundlagen und die Anwendung in der Förderschule


Seminararbeit, 2008

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Von der Psychoanalyse zum System

2. Theoretische Grundlagen der Systemtherapie
2.1 Konstruktivismus und Konstrukttheorie
2.2 Kybernetik erster Ordnung
2.3 Kybernetik zweiter Ordnung
2.4 Harte vs. Weiche Realität

3. Theoretische Grundlagen der Systemtheorie
3.1 Das systemische Problemverständnis
3.2. Systemisch-lösungsorientierte Beratungshaltung
3.2.1 Hypothetisieren
3.2.2 Zirkularität
3.2.3 Neutralität
3.2.4 Reframing
3.3 Die Rolle des Therapeuten

4. Systemische Beratung und Unterricht im Kontext Schule

5. Reflexion

Literaturverzeichnis

1. Von der Psychoanalyse zum System

Der heutige systemisch-lösungsorientierte Ansatz ist eine Weiterentwicklung der Familientherapie, deren Wurzeln in der Biologie, Psychiatrie, Psychologie und Sozialpsychologie liegen.

In den 1970er Jahren wurde in der Familientherapie überwiegend ein psychoanalytischer Ansatz angewendet, der bei der Behandlung von schwer gestörten Kindern allerdings relativ erfolglos war.[1]

So schloss sich eine Gruppe von Analytikern zusammen und suchte nach alternativen Behandlungsmethoden, die den Beziehungskontext, in dem ein Problem auftritt, einbezieht, da sie davon ausgingen, dass sich durch eine Veränderung von familiären Interaktionsmustern auch das Problemverhalten verändern lässt. Diese Analytiker-Gruppe begann eine Familientherapie innerhalb eines systemischen Rahmens durchzuführen und gründete in Mailand das ‚Centro per lo studio della famiglia’, so dass das dort entwickelte Therapiemodell auch den Namen ‚Mailänder Modell’ trägt.

Ebenfalls bedeutend für die Theoriebildung der Systemtherapie besonders auf dem Gebiet der Familientherapie ist das ‚Mental Research Center (MRI)’ in Palo Alto, welches bereits 1959 entstand.

Die Kernannahmen des Mailänder Modells lauten:[2]

1.) Familien mit schizophrener Transaktion … sind in uneingestandene Familien ‚Spiele’ verwickelt.
2.) In diesen Spielen versucht jedes Familienmitglied einseitig das Verhalten jedes anderen zu kontrollieren.
3.) Die Aufgabe des Therapeuten besteht darin, diese Spiele zu erkennen und zu durchbrechen.

Ein Therapieziel besteht darin, die Art und Weise, wie eine Situation oder ein Ereignis von der Familie ausgelegt wird, zu verändern.[3]

Mit der Entwicklung dieses Modells erfolgte eine Änderung der Fokussierung vom Individuum hin zum System.[4]

Nimmt man das Individuum als Ausgangspunkt für die familientherapeutische Arbeit, so stellt man das ‚Ich’ bzw. ‚Selbst’ in den Vordergrund.

Man geht davon aus, dass sich das Individuum mit anderen Individuen austauscht, eine persönliche Identität entwickelt und sich als Zentrum seiner eigener Bedürfnisse, Ziele, Interessen und Rechte wahrnimmt.

Das Individuum ist der Initiator seiner Aktivitäten, trägt die Verantwortung für seine Lebensführung und gestaltet seine individuelle Beziehungswirklichkeit. Wenn nun diese Beziehungswirklichkeit von einem Therapeuten verändert werden möchte, muss dieser das Individuum als Initiator und aktiven Gestalter der Veränderung wahrnehmen, ansprechen und motivieren.

Wird hingegen das System als Ausgangspunkt für eine familientherapeutische Arbeit genommen, so ergibt sich daraus die Sichtweise, dass ein Glied eines Systems die anderen beeinflusst und von diesen wiederum ebenfalls beeinflusst wird. Das System wird als Ganzheit, Gefüge und Prozess wahrgenommen und somit verliert hier das ‚Ich’ bzw. ‚Selbst’ seine Funktion, da nun eine ökosystemische, ganzheitliche Sicht von menschlichen Beziehungen entstand.

Levi-Strauss beschrieb dies wie folgt:[5]

„Ich habe nie ein Gefühl meiner persönlichen Identität gehabt, habe es auch jetzt nicht. Ich komme mir vor wie ein Ort, an dem etwas geschieht, an dem aber kein Ich vorhanden ist. Jeder von uns ist eine Art Straßenkreuzung, auf der sich Verschiedenes ereignet. Die Straßenkreuzung selbst ist völlig passiv, etwas ereignet sich darauf.“

Die deutlichsten Unterschiede zur klassischen Psychoanalyse liegen zum einen im unterschiedlichen Menschenbild, da die Systemtherapie die Prozesshaftigkeit, die therapeutische Beziehung und die Eigenverantwortung des Klienten in den Vordergrund stellt. Zum anderen unterscheidet sich auch die therapeutische Haltung, da der Therapeut in der Systemtherapie dem Klienten als reale Person gegenübersitzt und nicht als ‚Spiegel’ fungiert.[6]

2. Theoretische Grundlagen der Systemtherapie

Ein System ist eine Menge von Elementen, zwischen denen Wechselbeziehungen bestehen.

Ein System wird nicht nur über seine Innenwelt definiert, sondern es wird erst als solches erkennbar, wenn es von seiner Umwelt unterschieden werden kann. Somit entsteht ein System erst dadurch, dass ein Unterschied besteht zwischen den Elementen innerhalb des Systems und denen außerhalb des Systems in der Umwelt.[7]

2.1 Konstruktivismus und Konstrukttheorie

Der Konstruktivismus geht von der Annahme aus, dass die Wirklichkeit ein soziales Konstrukt ist und unsere Vorstellung von der Welt beobachterabhängig ist. Die soziale Realität wird also durch Kommunikation konstruiert.

Somit konstruiert auch ein Klient in einer Beratungs- oder Therapiesituation seine Wirklichkeit und davon ausgehend konstruieren Klient und Therapeut gemeinsam eine therapeutische Realität.[8]

Ein Konstrukt besteht aus Wahrnehmung, Erkennung und Interpretation, d.h. es basiert auf Erfahrungen mit ähnlichen Ereignissen. Teile von Konstrukten können beispielsweise Werthaltungen oder Glaubenssätze sein. Jeder Mensch baut sich sein eigenes System von Konstrukten auf und gestaltet es nach seiner persönlichen Hierarchie. Die Gesamtheit der Konstrukte ist aber nicht in sich geschlossen oder widerspruchsfrei, da sich die Konstrukte gegenseitig durchkreuzen oder überschneiden können. Die Unterschiede in den Konstrukten von verschiedenen Menschen beruhen auf deren individuellen Lebensgeschichte und den darin gemachten Erfahrungen.[9]

Für die beraterische/therapeutische Praxis ist es daher von großer Bedeutung, dass der Berater/Therapeut die Fähigkeit besitzt, die Konstruktionen der Klienten nachzukonstruieren. Dies geschieht, indem der Therapeut versucht, sich durch gezieltes Fragen in die Konstruktwelt des Klienten einzufühlen.

2.2 Kybernetik erster Ordnung

Als Kybernetik erster Ordnung bezeichnet man eine Form des Systemdenkens, bei der das Individuum nicht losgelöst von seiner Umgebung betrachtet wird, sondern dieser Kontext miteinbezogen wird. Eine wichtige Erkenntnis der Kybernetik erster Ordnung war, dass die nonverbalen Beiträge in der zwischenmenschlichen Kommunikation zur Beziehungsdefinition zentral beitragen.[10] Durch diese Sichtweise erfolgte ein Paradigmenwandel weg von der Kausalität (Wenn-dann-Zusammenhänge) hin zur Zirkularität, denn wenn zwei Individuen miteinander in Beziehung treten, kann ihr Verhalten als Folge von zuvor gezeigtem Verhalten des jeweils anderen betrachtet werden.

Die Kybernetik erster Ordnung basiert noch auf der Annahme, dass Systeme vom Beobachter getrennt beobachtet werden können.

2.3 Kybernetik zweiter Ordnung

Ein bedeutender Einflussfaktor war die kybernetische Forschung von u.a Heinz von Foerster, Humberto Maturana und Francisco Varela.[11] Ihr besonderes Interesse galt der sog. ‚Kybernetik zweiter Ordnung’, bei der der Beobachter in die Beschreibung dessen, was er beobachtet, einbezogen ist, so dass eine Objektivität nicht mehr möglich ist. Da der Beobachter im Beobachteten enthalten ist, gibt es kein separates System mehr, das beobachtet wird. Somit besteht die Therapiesituation aus Beobachter und Beobachteten.

Aufgrund dieser Sichtweise erschafft also nicht das System das Problem, sondern das Problem erschafft das System, da das Problem nicht unabhängig vom beobachtenden System existieren kann.[12]

Die Schlussfolgerung für die psychiatrische Praxis lautet daher, Diagnosen existieren nur im Kopf des Beobachters und verstärken das Problem, weil sie Schuldzuschreibungen und Kausalattributionen enthalten.

2.4 Harte vs. Weiche Realität

Als harte Realität wird diejenige bezeichnet, über die sich relativ problemlos ein Konsens herstellen lässt, z.B. dass ein bestimmter Tisch aus Holz ist.

Hingegen ist bei der weichen Realität die Bedeutungszuweisung und somit der Konsens schwierig bzw. nicht herstellbar, z.B. bei Deutungen / Wahrnehmungen von menschlichen Absichten und Motivationen, also ob ein bestimmtes Verhalten krank oder verrückt ist. Hier eröffnet sich ein weites Feld für unterschiedlichste Auslegungen, Deutungen und Konstruktionen kausaler Zusammenhänge.

Somit muss in der weichen Realität ständig ein Konsens über Beziehungswirklichkeiten ausgehandelt werden. Dies erfolgt im Idealfall durch einen fortlaufenden Dialog, in dem jeder Beteiligte seine eignen Position, Sicht des Problems, Ziele, Werte und Regeln klar definieren muss und gleichzeitig die Position des Gegenübers möglichst genau erfassen sollte, um so eine Basis für einen gemeinsamen Austausch zu erlangen.[13]

[...]


[1] Vgl. Boscolo, Cecchin, Hoffman & Penn: Familientherapie – Systemtherapie, 1990, S. 14.

[2] Vgl. ebd. S. 17.

[3] Vgl. ebd. S. 25.

[4] Vgl. Reiter, Brunner & Reiter-Theil (Hrsg.): Von der Familientherapie zur systemischen Perspektive, 1997, S. 26ff.

[5] Zitiert nach Reiter, Brunner & Reiter-Theil (Hrsg.): Von der Familientherapie zur systemischen Perspektive, 1997, S. 28.

[6] Vgl. Hess, T.: Lehrbuch für die systemische Arbeit mit Paaren, 2006, S.35f.

[7] Vgl. von Schlippe & Schweitzer: Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung, 1998, S.54f.

[8] Vgl. Reiter, Brunner & Reiter-Theil (Hrsg.): Von der Familientherapie zur systemischen Perspektive, 1997, S. 290.

[9] Vgl. Hess, T.: Lehrbuch für die systemische Arbeit mit Paaren, 2006, S.29f.

[10] Vgl. Hess, T.: Lehrbuch für die systemische Arbeit mit Paaren, 2006, S.131.

[11] Vgl. Boscolo, Cecchin, Hoffman & Penn: Familientherapie – Systemtherapie, 1990, S.25.

[12] Vgl. ebd. S.26f.

[13] Vgl. Reiter, Brunner & Reiter-Theil (Hrsg.): Von der Familientherapie zur systemischen Perspektive, 1997, S. 20ff.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Systemische Beratung und Therapie
Untertitel
Ihre historische Entwicklung, theoretischen Grundlagen und die Anwendung in der Förderschule
Hochschule
Universität zu Köln  (Humanwissenschaftliche Fakultät)
Veranstaltung
Systemische Beratung und Therapie
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
20
Katalognummer
V113803
ISBN (eBook)
9783640151653
ISBN (Buch)
9783640154111
Dateigröße
428 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Systemische, Beratung, Therapie
Arbeit zitieren
Anja Schlepütz (Autor), 2008, Systemische Beratung und Therapie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113803

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