Der sokratische Dialog in der Sozialen Arbeit

Theoretische Reflexion einer Gesprächstechnik aus der Antike


Hausarbeit, 2019

13 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Entstehungsgeschichte des sokratischen Dialogs
Sokratischer Dialog bei Sokrates
Sokratischer Dialog im Wandel der Zeit
Die Weiterentwicklung der Methode nach Nelson und Heckmann
Abspaltung des Sokratischen Dialogs von der Philosophie

Der moderne Sokratische Dialog in der Verhaltenstherapie
Explikativer Sokratischer Dialog
Normativer Sokratischer Dialog
Funktionaler Sokratischer Dialog

Reflexion des Sokratischen Dialogs für die Sozialen Arbeit 7 Literaturverzeichnis

Einleitung

Dysfunktionale Schemata, Ansichten und moralische Überzeugungen begegnen

Sozialarbeiterinnen[1] und auch anderen Professionen im sozialen Bereich in regelmäßiger Häufigkeit. So ist es nicht verwunderlich, dass sich auch unter Sozialarbeiter*innen, die selbst in ihrem Berufsalltag traditionell keine direkten therapeutischen Maßnahmen ausüben, Gesprächstechniken aus dem (in diesem Fall verhaltens-)therapeutischem Methodenkoffer etabliert haben, um diese änderungsresistenten kognitiven Strukturen (s.u.a. Platon, 1986; Nelson, 1929; Mahoney, 1977; Linden & Hautzinger, 1993; Horster, 1994) umzustrukturieren. Der sokratische Dialog ist eine hierfür aus der antiken Philosophie entwickelte Gesprächstechnik, die - ursprünglich zu philosophischen Zwecken zum Abhandeln metaphysischer Fragestellungen, also Fragen nach den Prinzipien des Seins, von Sokrates entwickelt (z.B. Platon, 1986) - in ihrer Weiterentwicklung durch Philosophie und später Verhaltenstherapie - Einzug in die Soziale Arbeit gefunden hat. Diese Arbeit versucht, die Methode zu umschreiben und ihre Nützlichkeit für die Soziale Arbeit herauszustellen. Dafür ist es zu Beginn notwendig, den historischen Ursprung der Methode abzutasten und dabei den Punkt der Abspaltung von der Philosophie und das Einfinden der Methode in die moderne Verhaltenstherapie zu beschreiben, die drei Formen des Sokratischen Dialogs, den explikativen, normativen und funktionalen Sokratischen Dialog, zu benennen um darauf ihre möglichen Einsatzgebiete in der Sozialen Arbeit aufzuzeigen und diese abschließend vor einem professionstheoretischen Hintergrund kritisch zu reflektieren und ihre Einsetzbarkeit zu bewerten. Den Einstieg in dieses Vorgehen bildet im Folgenden der Philosoph Sokrates, der die Anfänge dieser Methode begründet hat.

Entstehungsgeschichte des Sokratischen Dialogs

Der Sokratische Dialog hat, trotz vieler literarischer Nachweise und Replikationen durch Philosophie und später auch Psychologie, keine klare einheitliche Definition in Sozialarbeiterischer Fachliteratur. Um seine funktionale Struktur zu verstehen ist es deshalb wichtig, seine Entstehungsstruktur zu kennen. Der Beginn der Entstehungsgeschichte des Sokratischen Dialogs ist das antike Griechenland. Die von Sokrates (469 - 399 v. Chr.) überlieferten Schriften stammen nicht

qAus Gründen der gendergerechten Sprache wird in dieser Arbeit das Gendersternchen verwendet sowie auf Personalpronomen verzichtet, um möglichst alle Geschlechtsidentitäten anzusprechen. So sind also immer alle Geschlechtsidentitäten gemeint, falls dies nicht explizit anders herausgestellt wird. Dabei wird sich am Leitfaden für geschlechtersensible und inklusive Sprache der Universität zu Köln (2013) orientiert. von ihm selbst, da er keine eigenen Schriften verfasst hat, sondern in erster Linie von seinen Anhängern und Schülern wie Platon und Aristoteles. Diese Tatsache entstammt der Überzeugung, dass er der Meinung war, man solle sich nicht auf Schriften verlassen, sondern die Wahrheit aus sich selbst heraus erarbeiten (Platon, 1986). Als Urvater der Sokratischen Methode überträgt er diese Einstellung nicht nur auf seinen Lebenswandel, sondern auch auf seine Methode zur Erkenntnisgewinnung.

Sokratischer Dialog bei Sokrates

Als Sohn eines Steinmetzes und einer Hebamme beschäftigt sich Sokrates mit moralischen Themen und Problemen des menschlichen Zusammenlebens - der Arete, also der Tugend des guten, richtigen und gerechten Lebens (Stavemann, 2015). In seiner Suche nach einem moralischen Fundament, welches von neuen, objektiven, allgemeingültigen und verständnismäßig überprüfbaren Normen getragen wird (Fuhrmann, 1986), kommt er zu der Erkenntnis, dass sich Wissen nur über eigene Konstruktion und eigene Erkenntnis bilden kann. So entwickelt er also eine Methode, mit der neu erarbeitete Einsichten möglichst selbst gefunden werden können und nicht von außen introjiziert werden müssen. Das Bedürfnis, solch eine Methode zu entwickeln entsteht bei ihm aus dem Glauben, dass Menschen in erster Linie aus Unwissenheit heraus schlechte Dinge tun (Platon, 1994), man müsse sie also in einem Dialog zur Selbsterkenntnis begleiten, diese didaktische Methode zur Entwicklung eines strukturierten Dialogs ist die sogenannte Mäeutik bzw. Hebammenlehre (Einsle und Hummel, 2015), da wie bei einer hebammenbegleiteten Geburt nicht selbst neue Einsicht gebärt wird, sondern beim Hervorbringen einer eigenen, persönlichen Einsicht geholfen wird. In diesem Dialog nimmt Sokrates eine unwissende Haltung ein, um Gesprächspartner*innen in der mäeutischen Suche nach ihrer persönlichen Wahrheit und ihren eigenen moralischen Normen keine eigenen Vorstellungen zu übertragen (Stavemann, 2015). Aus dieser Position heraus prüft er sie mit seinen naiven Fragen so lange, bis sie ihr eigenes Nichtwissen erkennen und in den von ihm angestrebten Zustand innerer Verwirrung geraten. Auf diesem Zustand aufbauend versucht Sokrates nun, in seiner Methode der regressiven Abstraktion von den Folgen eines Sachverhaltes zu seinen Ursachen zu gelangen. Indem er konkrete Einzelbeispiele mit Gesprächspartner*innen betrachtet, versucht er, allgemeine Aussagen zu formulieren, welche dann zur moralischen Neuorientierung führen sollen. Als didaktische Hilfsmittel verwendet er dabei die Prüfung der logischen Konsistenz einer Aussage, die Bezugnahme auf Alltagserfahrungen und darauf ausgerichtete Tatsachenprüfung, der Einsatz von induktiven sowie deduktiven Schlussfolgerungen und das Verwenden praktischer Analogien und Syllogismen (Martens, 1992). Die von Sokrates entwickelten

Methoden enthalten jedoch einige inhaltliche Fehler, auf die Nelson erst 1929 hinweist. So kann Sokrates sein Postulat des Nichtwissens nicht halten, da er sonst seine eigene Methode nicht als überlegen hätte sehen können. Seine Annahme, dass niemand willentlich schlecht handle und Einsicht zum richtigen Verhalten führe lässt sich nicht beweisen, da man nicht direkt belegen kann, welche Einsicht die richtige ist. Sein Versuch, die Menschen zur Selbstbestimmung zu erziehen ist Satz paradox. Denn wie beeinflusst man Menschen dahin, sich nicht beeinflussen zu lassen? Die Antwort auf diese Frage lässt Sokrates offen, einige Philosophen versuchen noch zu seinen Lebzeiten, seine Methode zu verbessern, dazu zählt vor allem sein Schüler Platon, eine klare Verbesserung stellt sich aber erst über zwei Jahrtausende später ein.

Sokratischer Dialog im Wandel der Zeit

Die Schüler Platons und auch einige ihm eher kritisch gegenüberstehende Philosophen verwenden oder überarbeiten seine Methode, darunter Platon und Aristoteles, aber auch Kyniker wie Diogenes, die Stoiker Stoa, Zeno, Chrysippus und Epiktet. Gerade die letztgenannten Stoiker werden auch heute noch oft mit Psychotherapie in Verbindung gebracht, mit der Verbreitung des Christentums verlieren die philosophischen Strömungen jedoch an Bedeutung und damit verliert sich auch die Verbindung zwischen den Stoikern und der Psychotherapie. Das liegt nach Spierling (2006) vor allem daran, dass die antike Philosophie die metaphysischen Fragen im diesseitigen glücklichen Leben versucht zu beantworten und die Kirche die höchste Glückseligkeit erst nach dem Tod sieht. So kann ein christlicher Neoplatonismus zwar Platons Idee der Seelenlehre (Platon, 1994) in den christlichen Glauben einweben, der Sokratische Dialog erfährt jedoch bis zum Aufkommen der Aufklärer keine Bedeutung. Erst Immanuel Kant (1724­1804) legt mit dem Einbringen empirischer Sichtweisen in die Metaphysik den Grundstein für einen psychotherapeutischen Sokratischen Dialog (Stavemann, 2015).

Die Weiterentwicklung der Methode nach Nelson und Heckmann

Leonard Nelson (1882-1927) erkennt das Potenzial des Sokratischen Dialogs als Lehrmethode. Er modelliert die Intention der Sokratischen Gesprächsführung in eine für seinen Philosophieunterricht geeignete um, systematisiert den Dialog, stellt einige theoretische und praktische Anforderungen für die Anwendung auf und treibt methodisch­kritische Zielsetzungen voran, die auch bereits Kant verfolgt hat (Nelson, 1929). Sein zentrales Ziel ist dabei, dem Menschen die Fähigkeit zur Selbstbestimmung zu vermitteln, er sieht hierfür Sokrates Methode der regressiven Abstraktion als gewinnbringendste Methode hierfür. Er arbeitet einige der Kritiken an Sokrates ursprünglicher Methodik um und entwickelt eine Methode, die auch in Gruppen verwendet werden kann. Außerdem beschreibt er technische und inhaltliche Regeln für den Ablauf eines Sokratischen

Dialogs, die von seinem Schüler Gustav Heckmann weiterentwickelt werden. Sein Regelwerk steht dabei klar in Einklang mit den Kritikpunkten, die an Sokrates Methodik gefunden wurden. Er postuliert, dass die Gesprächsleiter*in immer mit eigenen Aussagen zurückhalten sollte, stehts von konkreten Beispielen auszugehen sei, das Gespräch als Hilfsmittel des Denkens ausgenutzt werden solle, beim Thema und der gewählten Fragestellung zu bleiben sei, auf einen Konsens hinzuarbeiten sei und das Gespräch so zu leiten zu sei, dass optimale Bedingungen für die regressive Abstraktion bestünden (Heckmann, 2001). Ihm geht es dabei vor allem darum, die Fragestellung im Dialog durch gemeinsame Erwägungen zu bearbeiten, womit er in Kontrast zu seinen Vordenkern steht. Trotzdem schließt der die Behandlung von seelischen Problemen wie seine Vordenker klar aus und sieht den Sokratischen Dialog als philosophische und pädagogische Lehrmethode. So gelten Nelson und Heckmann heute in universitären Lehrveranstaltungen als Begründer des modernen Sokratischen Dialogs in den professionellen Sozialwissenschaften, eigentlich sind sie aber Philosophen, die Trennung der philosophischen Methode von der psychologischen Gesprächstechnik erfolgt erst nach ihnen.

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Details

Titel
Der sokratische Dialog in der Sozialen Arbeit
Untertitel
Theoretische Reflexion einer Gesprächstechnik aus der Antike
Hochschule
Hochschule Fresenius; Köln
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
13
Katalognummer
V1138089
ISBN (eBook)
9783346509901
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sokrates, Soziale Arbeit, Sozialarbeit, Sokratischer Dialog, Verhaltenstherapie, Methode, Methoden der Sozialen Arbeit, Philosophie
Arbeit zitieren
Andreas Ette (Autor:in), 2019, Der sokratische Dialog in der Sozialen Arbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1138089

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