Ebbo Demant: Lagerstraße Auschwitz (1979)

Struktur und filmische Gestaltung


Seminararbeit, 2006

18 Seiten, Note: 0,7


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Struktur

3 Filmische Gestaltung
3.1 Berichtinstanz Autorenkommentar
3.2 Interviews
3.3 Bildebene
3.3 Tonebene

4 Szenenanalyse

5 Zusammenfassung

6 Quellen- und Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die 60minütige, im Herbst 1978 im Auftrag des Südwestfunks entstandene Fernseh- Reportage Lagerstraße Auschwitz des Autors Ebbo Demant, wurde als zweite Sendung der Sendereihe Menschen und Straßen am 22.April 1979 in der ARD ausgestrahlt. Sie thematisiert mit dem Anspruch einer subjektiven, durch die persönliche Sicht des Autors geprägten Reportage, anhand des Einzelbeispiels einer Straße im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz und den mit ihr verbundenen Schicksalen, die Ausmaße des Holocaust. Dabei wird eine gesellschaftspolitische Tendenz aufgezeigt, bei der dieser Teil der deutschen Geschichte aus dem gesellschaftlichen Gedächtnis zu verschwinden droht, gar verleugnet wird. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, wird über die Darstellung von Geschichte anhand visueller Aufbereitung von historischen Dokumenten und Zeugenberichten an diese Taten erinnert und eine Verbindung zur Gegenwart geschaffen, dem Zuschauer die Vergangenheit vergegenwärtigt.

Ziel dieser Hausarbeit ist es dabei, Struktur und filmische Gestaltung der Reportage Lagerstraße Auschwitz zu untersuchen und dabei im Hinblick auf die Darstellung von Zeitzeugen, den Aktualitätsbezug zur Gegenwart, die Verknüpfung von Geschichte und Gegenwart zu betrachten.

Hierbei kann auf eine umfangreiche Magisterarbeit[1] rekurriert werden, die zur Sendereihe Menschen und Straßen existiert und in ihrem Rahmen auch die Reportage Lagerstraße Auschwitz analysiert, sowohl deren subjektive Darstellung mit filmischen Mitteln, als auch deren Wirkung inhaltlich untersucht, jedoch die musikalische Tonebene nicht berücksichtigt. Eine weitere Analyse[2] der Reportage liegt von Judith Keilbach vor, deren Untersuchung sich vor allem auf die Inszenierung von Zeitzeugen in bundesdeutschen Fernsehdokumentationen richtet. Weitere Veröffentlichungen, die die Darstellung von Geschichte, insbesondere des Holocaust, innerhalb von Film und Fernsehen thematisieren, beschäftigen sich jedoch nicht mit der zu untersuchenden Reportage.

2 Die Struktur

Die eigentliche Reportage über die grausamen und menschenverachtenden Zustände des Konzentrationslagers Auschwitz, anhand einer Straße und ihrer Menschen, dem Zuschauer mit aufklärender und erinnernder Intention nahe gebracht, wird durch einen betont subjektiven Gegenwartsbezug gerahmt. Dieser, formal über Inserts getrennte äußere Rahmen stellt nicht nur eine aktuelle Verbindung zur Vergangenheit her, sondern zeigt ebenso die Notwendigkeit zur schonungslosen Aufklärung über den Nationalsozialismus mit all seinen katastrophalen Folgen. Er kritisiert den verantwortungslosen Umgang mit deutscher Geschichte sowie die fehlende Bereitschaft der Generationen, sich mit dieser Geschichte auseinanderzusetzen. Über die einleitenden Gegenwartsaufnahmen eines Gymnasiums auf dem Weg zur Straße kritisiert der Autor offen die beschönigende Verbreitung nationalsozialistischen Gedankengutes durch Lehrkräfte dieses Gymnasiums und deren gleichzeitige Verleugnung des Holocausts mehr als 30 Jahre nach Kriegsende in einer anonymen Stadt in Deutschland, „mitten unter uns“, im Herbst 1978. Die gegenwartsbezogene Rahmung schließt sich über den fragwürdigen Umgang von amtlicher Seite mit deutscher Geschichte, nämlich den im Abspann gezeigten, eher entsorgten als aufbewahrten Prozessakten, wobei die Frage nach dem bundesdeutschen Bewusstsein für diese Verantwortung und den bis in die Gegenwart reichenden Auswirkungen aufgeworfen wird.

Zwischen den tonlosen Einblendungen der Inserts von Titel, Autor und Team, entwickelt sich das Thema der Lagerstraße. Anhand dieser Straße, mit ihren Tätern und Opfern werden stellvertretend die an den Menschen begangenen national- sozialistischen Verbrechen aufklärend, bezeugend und erinnernd thematisiert. Dabei auf ein bereits vorhandenes Wissen des Adressaten aufbauend, wird nicht über die Ursachen, sondern die menschenunwürdigen Bedingungen und deren Auswirkungen informiert. Dem Zahlen- und Faktenmaterial, über diverse historische Dokumente verbildlicht, folgen drei Täterinterviews, welche wiederum durch unterschiedliche bildliche Darstellungen unterbrochen werden. Diese Interventionen verknüpfen sowohl in ihrer reflektierenden als auch fundierenden und komplettierenden Weise Vergangenheit und Gegenwart. Eine Verknüpfung wird auch durch den einheitlichen Ort[3], das Lager Auschwitz in seinem gegenwärtigen Zustand erreicht, an dem die ehemaligen Häftlinge aus der Gegenwart rückblickend berichten. Dabei kulminiert diese Vernetzung von Historie und Gegenwart in der Befragung von Besuchern vor Ort über ihre persönlichen Empfindungen. Dem Zuschauer werden jedoch über die sich intensivierende personifizierte Darstellung der Schicksale innerhalb der Lagerstraße die Menschen als wahrnehmbare Individuen emotional nahe gebracht. Mit welcher filmischen Gestaltung der Autor Zeitzeugen befragt, Vergangenheit mit Gegenwart verknüpft und beim Adressaten eine empathische Rezeptionshaltung erreicht, zeigt sich bei der Untersuchung einzelner Interpretationsebenen.

3 Filmische Gestaltung

3.1 Autorenkommentar

Als Berichtinstanz tritt der Autor Ebbo Demant als Person selbst nicht in Erscheinung, jedoch kommt seine persönliche Haltung über die Gestaltung des ausschließlich aus dem OFF erscheinenden Kommentars zum Ausdruck. Dabei changiert er zwischen kommentierender Erläuterung der Bilder und intendiertem Schweigen sowie zurückhaltender Interviewtechnik und direkter Ansprache des Zuschauers. Die Sprache des Autors ist rational, demonstrativ einfach, von zahllosen pointierten Wortwiederholungen und Reihungen in kurzen, teils elliptischen Sätzen gekennzeichnet[4], aber auch kritisierend und scharfzüngig, dabei erhält der Zuschauer in emotionslosem Tonfall sachliche Informationen über abstraktes Zahlenmaterial, wie u.a. die Ausmaße der Straße und der Blöcke, Entfernung von der Rampe zur Straße, ebenso wie die exakt notierten Sterbefälle in einem, von penetrantem Ordnungssinn geführten Totenbuch. Gleichzeitig arbeitet der Autor mit sprachlichen Versatzstücken wie „ Schaftstiefel über Leben und Tod“, dabei auf das bereits vorhandene Wissen des Zuschauers aufbauend, auf kausale Ausführungen verzichtend.[5] Jedoch erreicht diese Sprache über ihre sachliche Distanz eine Eindringlichkeit, die den Zuschauer auf rationaler und emotionaler Ebene einbindet und ihn eine Beziehung zum filmischen Gegenstand aufbauen lässt.[6] Die kommunikative Integration des Zuschauers beginnt bereits in der einrahmenden Gegenwartssequenz, „Auf dem Weg zu unserer Straße“. Den Adressaten einbindend, nimmt ihn der Kommentator mit auf die Reise zu „unserer Straße“ und verdeutlicht hier die aktuelle Auswirkung gemeinsamer Geschichte auf die gemeinsame Gegenwart. Dabei adressiert die Berichtinstanz den Zuschauer im Verlauf der Reportage zunächst über rhetorische Fragen, wie „Hast du schon einmal Haut an Haut, Knochen an Knochen neben einem Menschen gelegen […]?“, gegen Ende jedoch mit einer direkten Aufforderung, „Schau dir diese Koffer an!“. Diese Zuspitzung der dialogischen Ansprache des Zuschauers bewegt ihn zur empathischen Anteilnahme und fordert ihn zur Reflexion auf. Das gleiche Ziel wird über die tonlosen und unkommentierten Bilder verfolgt. Bilder, „zu denen man nichts sagen darf“, weil jeder Kommentar die Gefahr der Verharmlosung in sich birgt[7], auch weil sie eine sprachliche Beschreibung schier unmöglich machen, allein über die Stille und ihre Emotionalität wirken, deren Wirkung jedoch trotz bewusstem Schweigen beabsichtigt ist. Über diese Bilder wird der Zuschauer empathisch eingebunden, zur bewussten Auseinandersetzung angeregt und aufgefordert.

Eine weitere Möglichkeit zur Aufklärung und Reflexion wird dem Zuschauer über die Interviews geboten. Auch wenn nicht alle Fragen des OFF- Kommentators während der Täterinterviews zu hören sind, kann sie der Zuschauer aus den Antworten heraus erahnen und als gleichberechtigter Beobachter dem Geschehen, folgen.[8] Einen noch intensiveren Wirklichkeitseindruck erhält der Zuschauer jedoch über die Interaktion des Kommentators mit der Besuchergruppe, dessen Fragen, für den Zuschauer zu hören, eine unmittelbare sprachliche Auseinandersetzung provozieren. Durch ihre fehlende anschließende Kommentierung geben diese Interviews zwar zusätzlich Raum für eigene Assoziationen, werden aber von den Fragen des Autors bestimmt.

Als analysierender Kommunikationspartner ist der Zuschauer am Ende der Reportage gefragt, beim Blick auf die eher entsorgten als aufbewahrten Prozessakten, hier wird ihm nach Rezeption der gezeigten Bilder schließlich rhetorisch die, einen weiteren Diskurs auslösende Frage gestellt, ob so wirklich das Ende unserer Straße aussähe. Diese sich über den Verlauf der Reportage intensivierende dialogische Ansprache des Zuschauers, bindet ihn über die Verknüpfung von Geschichte und Gegenwart in das Geschehen ein und evoziert die beabsichtigte Anteilnahme.

[...]


[1] Schnackenberg, Anke: Dokumentarfilm und Geschichte. Untersuchung ausgewählter Filme der SWF-Sendereihe „Menschen und Straßen“. Marburg 1992

[2] Keilbach, Judith: Zeugen der Vernichtung. Zur Inszenierung von Zeitzeugen in bundesdeutschen Fernsehdokumentationen. In: Die Gegenwart der Vergangenheit. Dokumentarfilm, Fernsehen und Geschichte. Berlin: Vorwerk 2003

[3] Schnackenberg, Anke: Dokumentarfilm und Geschichte. Untersuchung ausgewählter Filme der SWF-Sendereihe „Menschen und Straßen“. Marburg 1992, S.34.

[4] Schnackenberg, Anke: Dokumentarfilm und Geschichte. Untersuchung ausgewählter Filme der SWF-Sendereihe „Menschen und Straßen“. Marburg 1992, S. 24.

[5] Ebd., S.26.

[6] Ebd., S.30.

[7] Heller, Heinz-B.: Traumatische Vergangenheit- filmisches Präsens. Zur Vergegenwärtigung der Shoa im Film, S.334.

[8] Wie Demant seine zurückhaltende Interviewtechnik begründet, wird unter 3.2.1 berücksichtigt.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Ebbo Demant: Lagerstraße Auschwitz (1979)
Untertitel
Struktur und filmische Gestaltung
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Institut für Medienwissenschaft)
Veranstaltung
Reportagen im deutschen Fernsehen
Note
0,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
18
Katalognummer
V113843
ISBN (eBook)
9783640151714
ISBN (Buch)
9783640154166
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Reportagen, Fernsehen, Filmanalyse, Dokumentarfilm, Deutsches Fernsehen, Ebbo Demant, Konzentrationslager Auschwitz, Interviews, Sendereihe "Menschen und Strassen", Fernsehreihe SWF, Subjektive Filmreportage, Subjektive Reportage, Autorenkonzept, Autorenreportage, Sendereihe des Südwestfunks der ARD, Fernsehreportage 1979, Lagerstraße Auschwitz, Interviews von Opfern, Interviews von Tätern, Interviews von Angehörigen, Interviews von Besuchern der Gedenkstätte Auschwitz, visuelle Aufbereitung von historischen Dokumenten und Zeugenberichten, historische Dokumente, Zeugenberichte, Vergangenheit und Gegenwart, Oral History, Struktur und filmische Gestaltung, Rezeption, Inszenierung von Zeitzeugen in bundesdeutschen Fernsehdokumentationen, auditive Filmebene, Filmmusik, Filmmusikkomponist Christobal Halffter, Holocaust in Film und Fernsehen, Verknüpfung von Geschichte und Gegenwart, filmische Darstellung von Geschichte, mediale Vermittlung von Geschichte, Regisseur und Autor Ebbo Demant, mediale Darstellung von Geschichte, mediale Darstellung der Geschichte des Konzentrationslagers Auschwitz, Fernsehdokumentation über das Konzentrationslager Auschwitz
Arbeit zitieren
Mireille Murkowski (Autor), 2006, Ebbo Demant: Lagerstraße Auschwitz (1979), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113843

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