Musik als Motivationsfaktor in der Arbeitswelt unter besonderer Berücksichtigung des Sportbereichs


Examensarbeit, 2008

111 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Musik
2.1 Begriffsbestimmung Musik
2.2 Überlegungen zu Ursprung, Entstehungsgeschichte und Herkunft von Musik
2.3 Musikperzeption nach psychologischer und neurophysiologischer Betrachtungsweise
2.3.1 Wie entstehen Geräusche im Kopf und wie werden sie nach neurophysiologischer Betrachtung wahrgenommen und in Musik verwandelt?
2.3.2 Das menschliche Ohr− wie es funktioniert und was es zu leisten imstande ist
2.3.3 Schwierigkeiten im Bereich der Neurologie
2.3.4 Wege der Musik durch das Gehirn
2.4 Wirkungsweise von Musik
2.4.f Abhängigkeit der Musikwirkung von außermusikalischen Faktoren
2.4.2 Emotionsauslöser Musik
2.5 Zusammenfassung des Kapitels

3 Musik als motivationaler ¢aktor in der Arbeitswelt
3.1 Einleitung
3.2 Begriffsbestimmung Arbeit
3.3 Historischer Einblick in die Arbeitsmusik: Arbeitsgesänge in Einzel− und Gruppenarbeit mit und ohne instrumentale Unterstützung
3.4 Veränderung der Arbeitswelt durch den Fortschritt der Werkzeugtechnik
3.5 Ergebnisse wissenschaftlicher Untersuchungen in Bezug auf die Wirkung funktioneller Hintergrundmusik bei der Arbeit
3.6 Einsatz von Hintergrundmusik kommerzieller Unternehmen
3.6.1 Lässt sich durch funktionelle Hintergrundmusik eine Leistungssteigerung erzielen?
3.6.2 Nachlassende Wirkung der funktionellen
3.7 Hintergrundmusik im Arbeitsbereich Die Wirkung von Musik im Wandel: Der Einfluss der Habituation auf die Musikwahrnehmung und −wirkung
3.7.1 Einsatz funktioneller Hintergrundmusik in Kaufhäusern
3.7.2 Funktionelle Hintergrundmusik in der Werbung
3.7.3 Funktionelle Hintergrundmusik in Bildungsfilmen
3.8 Selbstselektierte versus fremdselektierte Musik
3.8.1 Studie zum Musikeinsatz in englischen Büroeinrichtungen
3.9 Zusammenfassung des Kapitels

4 Musik als motivationaler ¢aktor im Sportbereich
4.1 Einleitung
4.2 Begriffsbestimmung Sport: Ist Sport Arbeit?
4.3 Differenzierung von Amateur− und Leistungssportlern
4.4 Höchstleistungen im Leistungsport
4.4.1 Sport als Arbeit: Was ist die Motivationsquelle für das Erreichen von Höchstleistungen?
4.4.2 Trainingsprozesse im Leistungssport 7f
4.5 Einsatz von Musik zur Bildung von Automatismen: Rhythmus als Hilfsmittel in der Lernoptimierung von Trainingsprozessen
4.5.1 Einleitung
4.5.2 Begriffsbestimmung Rhythmus
4.5.3 Das sensomotorische System
4.5.4 Vorstellung einer musikalisch−rhythmischen Lehrmethode zu motivationsfördernden und lernoptimierenden Zwecken
4.5.5 Wissenschaftliche Erkenntnisse bezüglich des Einsatzes von RhythmusƒMusik im Sportbereich
4.5.6 Umsetzung der musikalisch−rhythmischen Lehrmethode in die Praxis
4.6 Der Einsatz von Musik am Beispiel des mentalen Trainings von Leistungssportlern im Bereich des Laufsports
4.6.1 Einleitung
4.6.2 Begriffsbestimmung mentales Training
4.6.3 Der Einsatz des mentalen Trainings im Laufsport
4.6.4 Der Einsatz von Musik im Laufsport zu leistungssteigernden Zwecken
4.6.5 Einschränkung der Wirkungsweise von selbstselektierter Musik
4.6.6 Zukunftstrends der Sportartikelindustrie im Laufsport
4.7 Zusammenfassung des Kapitels

5 Resümee und Ausblick
5.1 Zukunftsperspektive f0f

6 Literaturverzeichnis

7 Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

Während meiner langjährigen Tätigkeit als Basketballtrainer im Kinder- und Jugendbereich war es mir möglich, die motivierende und inspirierende Wirkung von Musik über einen langen Zeitraum hinweg zu beobachten.

Wird beim Sport Musik gespielt, scheint die Begeisterung der Teilnehmer deutlich zu steigen. Fast unmittelbar setzten sich die Sportler in Bewegung, bei manchen scheint sich durch das Hören von Musik regelrecht ein „Knoten“ zu lösen. Während neue Techniken ohne den Einsatz von Musik oft unzählige Male eingeübt werden müssen, werden durch die Begleitung von Musik Bewegungsausführungen häufig nach kürzester Zeit (ohne bewusste Rücksicht auf die Technik) fehlerfrei ausgeführt.

Dabei scheint die Wirkung von Musik unabhängig von der jeweiligen Sportart zu sein: Fußball, Basketball, Tischtennis, Seilspringen und viele weitere Sportarten werden durch den Einsatz von Musik plötzlich mit einer völlig veränderten Motivation betrieben. Nach eigenen Beobachtungen scheint Musik dabei auf alle Altersgruppen gleichermaßen zu wirken: 6-10jährige, 10-14jährige und auch 14- 20jährige reagieren gleichermaßen stark motiviert auf den musikalischen Einfluss während der sportlichen Betätigung. Darüber hinaus scheint Musik sogar in der Lage zu sein, motorisch Schwächeren die Angst vor der jeweiligen Sportart zu nehmen, da sie möglicherweise von ihren Unsicherheiten abgelenkt werden.

Diese subjektiven Beobachtungen führten mich zu der Frage, ob sich eine Motivations- und daraus resultierende Leistungssteigerung durch den Einsatz von Musik wissenschaftlich belegen lässt. Sollte letzteres zutreffen, so meine Überlegung, könnten sich diese Erkenntnisse auch auf den Bereich der beruflichen Erwerbstätigkeit (Arbeit) anwenden lassen. Seit jeher scheint der Mensch von Musik fasziniert zu sein. Vor allem seit es technische Reproduktionsmöglichkeiten zulassen, ist sie nicht nur ein ständiger Begleiter bei Alltagstätigkeiten, Arbeiten im Haushalt, beim Reparieren des Autos oder bei der Gartenarbeit, sondern auch immer häufiger in Arbeitsbetrieben. Diese Omnipräsenz führt zu der Frage, ob Musik in der Lage ist, Arbeitstätigkeiten angenehmer zu gestalten und ob sie darüber hinaus sogar, durch eine motivationale Wirkung auf den arbeitenden Menschen, Leistungssteigerungen bewirken kann. Führt man diese Überlegungen zu Ende, könnte sich dies zum einen positiv auf die Arbeitszufriedenheit und -moral der Belegschaft auswirken, zum anderen könnte auch die ökonomische Seite davon profitieren.

Ein Musikeinsatz im Sportbereich würde ebenfalls eine interessante Perspektive darstellen. Lässt sich schon durch einen ungezielten Musikeinsatz bei Kindern und Jugendlichen eine große emotionale Wirkung feststellen, was vermag dann ein gezielter Einsatz im Bezug auf die Motivation und Leistungsfähigkeit von Hochleistungssportlern bewirken?

Bereits die ersten Recherchearbeiten im Bereich der Musikforschung ließen eine sehr große Vielfalt von wissenschaftlichen Erkenntnissen und empirischen Studien in diesem Gebiet erkennen. Auch die beiden weiteren Bereiche Arbeit und Sport, die im Rahmen dieser Arbeit untersucht werden sollen, sind in der Forschung stark vertreten. Um den Musikeinsatz im Sportbereich zu untersuchen, ist es notwendig, eine Eingrenzung des Themas vorzunehmen. Daher soll sich in dieser Arbeit weniger auf die Bereiche konzentriert werden, in denen der Musikeinsatz traditionell einen elementaren Bestandteil darstellt; wie beispielsweise bei den Sportarten Tanz, Ballet, Eiskunstlauf oder etwa der Rhythmischen Sportgymnastik. Hierzu liegt bereits eine Vielzahl von Forschungen vor, die sich unterschiedlichsten Aspekten widmen.

Es erschien mir deshalb interessanter, stärker auf Bereiche einzugehen, die zunächst keine oder nur wenige Bezüge zur Musik gestatten. Sie bieten dennoch, oder gerade dadurch, eine neue und interessante Betrachtungsweise.

Im Rahmen dieser Arbeit sollen die Bereiche Arbeit und Sport aufgrund ihrer vielen Gemeinsamkeiten unter ähnlichen Gesichtspunkten und Fragestellungen behandelt werden.

Zum einen soll untersucht werden, ob eine motivationale Wirkung von Musik möglich und auf welche Prozesse dies zurück zu führen ist. Hierauf soll das Kapitel 2 verstärkt eingehen und eine Grundlage zu Theorien von Ursprung, Entstehungsgeschichte und Herkunft von Musik bieten. Darauf aufbauend soll eine Analyse der Musikwahrnehmung nach psychologischer und neurophysiologischer Betrachtungsweise erfolgen. Die Anatomie der menschlichen Gehörorgane sowie die wesentlichen Funktionen des Gehirns, die für die Perzeption von Geräuschen, Tönen und Musik zuständig sind, werden im Anschluss behandelt. So soll ein Verständnis von der Wirkungsweise von Musik entstehen und Grundlagen der Emotionsforschung vermittelt werden.

In Kapitel 3 wird die motivationale Wirkung von Musik eingehend untersucht. Während zu Beginn eine historische Betrachtung der Arbeitsmusik einen Überblick gewährt, soll daraufhin die Veränderung letzterer durch die fortschreitende Technologisierung der Arbeitswelt beschrieben werden. An dieser Stelle wird auf die Funktion der Hintergrundmusik näher eingegangen, die einen wichtigen Aspekt in der heutigen Arbeitswelt darstellt. In diesem Zusammenhang erfolgt eine Untersuchung bezüglich des Wirkungswandels von Musik in modernen Industriegesellschaften. Dabei wird die selbst- und fremdselektierte Musik betrachtet und ihre Wirkungsweisen mit Hilfe von wissenschaftlichen Studien analysiert.

Das Kapitel 4 untersucht die motivationale Wirkung von Musik im Sportbereich. Aufgrund einer Reihe von Gemeinsamkeiten mit dem Arbeitsbereich soll hier von den Erkenntnissen der vorangegangenen Untersuchungen profitiert werden.

Zu Beginn wird die Frage behandelt, inwiefern Sport als Arbeit verstanden werden kann, worauf eine Differenzierung der Bereiche von Amateur- und Leistungssport folgen soll. Welche Trainingsprozesse die enorme Leistungsfähigkeit von Profisportlern möglich machen, und welche Rolle dabei die Motivation spielt, wird anschließend behandelt. Eine Vorstellung des Musikeinsatzes im Sportbereich erfolgt anhand einer Lehrmethode, die die Verbindung von musikalischen Rhythmen und sportlichen Bewegungsabläufen zu leistungsoptimierenden Zwecken nutzt. Diesbezüglich wird vorerst eine Beschreibung des Rhythmusbegriffes erfolgen, bevor die Funktionen des sensomotorischen Systems untersucht werden können, das die Grundlage für eine Verbindung von Wahrnehmung und Motorik darstellt. Nachdem die Umsetzung der vorgestellten Lehrmethode anhand eines Praxisbeispiels geschildert wird, soll das Gebiet des mentalen Trainings behandelt werden. Da das mentale Training jedoch in einer Vielzahl von Bereichen eine Anwendung findet, wird an dieser Stelle ausschließlich ihr Einsatz im Laufsport thematisiert.

Aufgrund der rhythmischen Bewegungen (Schrittfolge) dieser Sportart bietet sich hier eine Untersuchung zum Musikeinsatz an. Anhand wissenschaftlicher Studien soll analysiert werden, ob durch Musik eine motivierende und/oder eine leistungssteigernde Wirkung erzielt werden kann. Im Anschluss dieses Abschnitts soll eine kritische Betrachtung des Musikeinsatzes im Sport erfolgen, die auch den Bereich der Arbeit miteinbezieht und die Bereiche Arbeit und Sport zusammenführt.

Im abschließenden Teil des Kapitels 4 soll der Zukunftstrend der Sportartikelindustrie im Laufsport vorgestellt werden, der ein technologisch unterstütztes Laufen zu motivationalen und leistungssteigernden Zwecken empfiehlt.

Als abschließender Teil der gesamten Arbeit soll die Schlussbetrachtung in Kapitel 5 dienen. Hier werden die Erkenntnisse, die in den drei unterschiedlichen Bereichen gewonnen werden konnten, zusammenfassend bewertet, worauf eine kritische Betrachtung des Musikkonsums folgen soll.

Um den Lesefluss bei der Lektüre dieser Arbeit nicht zu stören, werden Substantive lediglich in maskuliner Form aufgeführt, womit die feminine Begriffsbedeutung jedoch selbstverständlich eingeschlossen wird. Begriffe, die sowohl in femininer als auch in maskuliner Form gleichberechtigt aufgeführt werden sollten, werden nur maskulin geschrieben.

2 Musik

2.1 Begriffsbestimmung Musik

„If sounds are created or combined by a human being, recognized as music by some group of people and serve some function which music has come to serve for mankind, then those sounds are music.“ (Radocy und Boyle 1988, nach Hallam 2006, 19).

Das außergewöhnliche und besondere an der Musik ist, dass sie nichts Materielles darstellt. Ein Akkord bedeutet nichts, eine Melodie hat keinen Sinn und in ihrem Kern besteht die Musik aus reiner Mathematik- berechenbare Luftschwingungen, deren Frequenzen sich nach physikalischen Regeln überlagern. Durch Musik können verschiedenste und sehr intensive Emotionen ausgelöst und wahrgenommen werden. Doch warum hat Musik einen solchen Effekt auf Menschen? Wie kommt es, dass reine Mathematik eine so starke emotionale Wirkung auszuüben vermag? Ein Teil dieses „Wunders“ ist die Wandlung von Mathematik in Gefühl, denn Musik kann zutiefst berühren (Bethge 2003,130).

Obwohl Musik in jeder Kultur vorhanden ist, variieren das Verständnis von Musik und der Begriff „Musik“ zwischen verschiedenen Ethnien, Gruppen oder einzelnen Personen. Beispielsweise kann der Begriff nkwa bei den Igbo, einer afrikanischen Ethnie aus Nigeria, nicht einfach mit „Musik“ übersetzt werden, da er sich aus den Komponenten des Singens, Tanzens und Spielens von Instrumenten zusammen setzt (Gourley 1984, nach Hallam 2006). Eine allgemein gültige Definition zu finden, ist schwierig, da nicht nur jede Kultur, sondern auch jedes Individuum Musik anders rezipiert: „What may be music to the ears of one individual may not be to the ears of others.“ (Hallam 2006, 19). Diese Ansicht vertrat auch Darwin, der Begründer der modernen Evolutionstheorie:

„[Music] is present, though in a very rude condition, in men of all races, even the most savage; but so different is the taste of the several races, that our music gives no pleasure to savages, and their music is to us in most cases hideous and unmeaning.” (Darwin 1871, XIX, 570).

Die beschriebenen Differenzen basieren jedoch maßgeblich auf ästhetischen Vorlieben, die Bedeutung von Musik verändert sich hiermit nicht, wie auch Blacking (1995, nach Hallam 2006, 19) beschreibt: „Despite the variability in what might constitute ‚music‘, there is a general agreement that musicality is a universal trait of humankind.”

Da aber eine gewisse Begriffsbestimmung unumgänglich ist, soll „Musik“ hier nach abendländischer Vorstellung verstanden werden, die nach Michels (1977) Definition, bis auf die griechische Antike, sowie auf antike Hochkulturen des vorderasiatischen und fernöstlichen Raumes zurückgeht.

Der Begriff „Musik“ leitet sich von dem griechischen Wort musiké ab , das den Begriff musa beinhaltet , die Muse. Das griechische Altertum verstand in ihren Anfängen darunter die musischen Künste und verband in ihr Dichtung, Tanz und Musik als eine Einheit. Diese verschiedenen Disziplinen spalteten sich später und entwickelten sich als eigenständige Kunstformen weiter.

Forschern blieb es bislang unmöglich, die Tonkunst bis zu Ihrem Ursprung zurückzuverfolgen. Völkische Mythen verliehen der Musik eine göttliche Bedeutung. So wurde sie in der Frühzeit im Kultbereich zur Beschwörung des Unsichtbaren und zur Verehrung von Umwelt und Mensch genutzt (Michel 1977).

2.2 Überlegungen zu Ursprung, Entstehungsgeschichte und Herkunft von Musik

Unabhängig davon, wie unterschiedlich Musik definiert werden kann, bleibt sie etwas Universelles in der Menschheitsgeschichte und kann in allen bisher untersuchten Kulturen gefunden werden (Bethge 2003). Jedoch gestaltet sich das Forschen nach den Ursprüngen der Musik schwierig, da sich Forscher der historischen Musikwissenschaft lediglich auf die frühesten Zeugnisse der Musik stützen können: Funde von Instrumenten und Aufzeichnungen. Nach Michel (1977) stammen die bisher ältesten gefundenen Musikinstrumente, die Phalangpfeifen, welche aus Rentierknochen bestehen, aus dem Ende der Altsteinzeit. Sie vermögen nur einen Ton zu produzieren, weshalb sie wahrscheinlich eher als Signalgeber und nicht als Musikinstrument genutzt wurden. Eine Weiterentwicklung dieses Instrumentes stammt vermutlich aus der letzten Eiszeit. Die ersten Spaltlochflöten, die ebenfalls aus Rentierknochen gefertigt wurden, wiesen erstmals drei, später auch fünf Grifflöcher auf und dienten wohl als reine Melodieinstrumente.

Wie alt Musik wirklich ist, kann kein Forscher feststellen. Möglicherweise ist in diesem Zusammenhang die Fragestellung nach der Herkunft der Musik von größerer Bedeutung. Thomas Geissmann, vom Anthropologischen Institut der Universität Zürich, ist folgender Ansicht:

„Da Musik auf fast alle Menschen einen überwältigenden, zuweilen hypnotischen Effekt ausübt, müssen wir annehmen, dass es sich hierbei um ein ursprüngliches Merkmal mit starker erblicher Komponente handelt.“ (Bethge 2003,133).

Die Forschung nach einer evolutionären Bedeutung der Musik unterliegt aufgrund fehlender Belege zwangsläufig einem spekulativen Charakter. Miller erkennt den Zusammenhang von Musik und Evolution darin, dass keine Kultur bekannt ist, die Musik nicht nutzte oder überhaupt nicht kannte (2000, nach Hallam 2006). Wenn Musik also eine evolutionäre Herkunft zugesprochen werden kann, stellt sich die unmittelbare Frage, welchem Zwecke sie hätte dienen können. David Huron, Professor an der Ohio State University, ermöglicht einen Überblick über die zentralen Aspekte dieser Fragestellung. Seiner Ansicht nach besteht die Möglichkeit, dass Musik beim Balzverhalten zur Partnerwahl genutzt wurde (nach Bethge 2003). Eine weitere Theorie betont die Möglichkeit, durch Gesang oder den Einsatz von Instrumenten, die soziale Zusammengehörigkeit zu stärken. Musik hat demzufolge einen positiven Einfluss auf die Nächstenliebe, Selbstlosigkeit und Zusammenhalt einer Gemeinschaft gehabt. Auch die Konfliktreduzierung innerhalb einer Gruppe hat, etwa durch gemeinsam ausgeführte Aktivitäten, von Musik profitiert (Hallam 2006). Huron hält die Entstehung der Musik als Konsequenz des menschlichen Bedürfnisses nach sozialen Beziehungen ebenfalls für möglich: Denn nur weil der Mensch gemeinsam handelte, konnten geschlossene Gemeinschaften bestehen und sich weiter entwickeln. Um seine These zu unterstützen, führt Huron die brasilianischen Mekranoti-Indianer an, die bis heute am Amazonas in ihrer ursprünglichen Form leben . Seine Forschungen ergaben, dass Musik eine wesentliche Rolle im Alltag dieses Stammes spielt. Mehrere Monate im Jahr singen die Mekranoti-Frauen und -Männer jeden Morgen und Abend ein bis zwei Stunden, da sich diese Zeiten besonders gut zu Angriffen eignen. Mit Hilfe der Musik, in diesem Fall in Form des Gesangs, signalisieren die Mekranoti ihre Verteidigungsbereitschaft und Geschlossenheit (Bethge 2003).

Auch Hajime Fukui, Evolutionsforscher an der Nara University of Education in Japan, unterstützt diese These und begründet sie mit eigenen Forschungsprojekten im Bereich der Neuroendokrinologie, in der die Wechselwirkungen von Hormonen und Gehirn untersucht werden. Nach Fukui wird die Konzentration des Aggressionshormons Testosteron durch gemeinsames Musizieren bei Männern nachweislich gesenkt, auch vermindert dies bei beiden Geschlechtern die Ausschüttung des Stresshormons Cortison. Hinzu kommt, dass neben der Verminderung von Aggressions- und Stresshormonen durch Musik die Produktion des Hormons Oxytocin erhöht wird (Fukui & Yamashita 2003). Oxytocin ist ein Hormon, welches soziale Bindungen fördert und so beispielsweise auch die Mutter- Kind-Bindung verstärkt.

Auch Arbeitslieder, Partymusik, Kriegsgesänge oder Nationalhymnen vermögen eine angstreduzierende und aktivierende Wirkung auszulösen und Spannungen zu reduzieren, woraufhin sich die Solidarität zwischen den musizierenden und musikkonsumierenden Personen steigern lässt. Bethge (2003) schließt daraus, dass Musik in allen Zeiten auf diese Weise wirkte:

„Zusammen zu singen und zu tanzen, selbst nur gemeinsam Musik zu hören schweißt Menschen zu Stämmen, zu Dörfern und zu Nationen zusammen. Zur Musik ziehen Menschen in den Krieg und begraben ihre Toten. Menschen singen, wenn sie sich Mut machen wollen und wenn sie trauern. Musik erklingt bei Triumphzügen, Hochzeiten und in Fußballstadien.“ (Bethge 2003, 140).

Als weitere mögliche These wird nach Hallam (2006) die Verbesserung der Wahrnehmungsfähigkeit angeführt. Durch Musik, so die Theorie, hätte sich eine generelle Verbesserung der Wahrnehmungsorgane entwickeln können. Auch die Verfeinerung und Verbesserung der Motorik des Menschen hat möglicherweise von Musik profitieren können, vermutlich ist diese Entwicklung durch die gleichzeitige Ausführung von Bewegung und Singen oder Musizieren vorangetrieben worden. Als abschließende These wird der Einsatz von Musik als Mittel der Kommunikation von aufeinander folgenden Generationen aufgeführt. Durch das „Verpacken“ von Information in Musik, so Hallam, ließen sich möglicherweise mnemonische Brücken schlagen, also „Merkhilfen“ in Form von Liedern und Reimen, die der Informationsüberlieferung haben dienen können.

Aufgrund der vielen Erklärungsversuche und Theorien zu Herkunft und Zweck von Musik fällt es Forschern schwer, eine eindeutige Erklärung zu finden. Nach Hallam (2006) sind trotz der großen Anzahl von Vertretern der evolutionären These, die Forscher Barrow (1995), Pinker (1997) und Sperber (1996) der Auffassung, dass Musik zu keiner Zeit einen evolutionären Zweck erfüllt hat. Nach Ansicht dieser Forscher habe Musik, wie andere Kunstgattungen, keine praktische Funktion, sondern sich lediglich als evolutionäres Nebenprodukt entwickelt. Einziger Zweck der Musik sei es demnach Vergnügen zu bereiten: „From this perspective music exists simply because of the pleasure that it affords, its basis is purely hedonic.“ (Hallam 2006, 5). Eckart Altenmüller, Professor am Institut für Musikphysiologie und Musikermedizin in Hannover, widerspricht jedoch dieser Ansicht: „Musik kann nicht nur einfaches Beiwerk des Menschen sein. Wenn man etwas hat, das in jeder bekannten Kultur und zu jeder Zeit vorkam, dann muss man sich fragen, warum das so ist.“ (nach Bethge 2003, 132).

Andere Theorien stellen hingegen eine sexuelle Wirkungskomponente in den Vordergrund und sind überzeugt, dass sich der Ursprung von Musik anhand der „sexual selection theory“ erklären lässt. Dieser Theorie zufolge, hat sich das musikalische Balzgebaren der Männer positiv auf die Partnerwahl der Frauen ausgewirkt (Hallam 2006). Diese Theorie basiert auf den Erfahrungen Darwins, der eine Parallele zum Gesang der Vögel zog (vgl. Bethge 2003). Er vermutete, dass vormenschliche Männer und Frauen zwar noch nicht über Sprache verfügten, sich daher aber möglicherweise „mit Noten und Rhythmen umworben“ hätten:

„Musical notes and rhythm were first used by our half-human ancestors, during the season of Courtship, and were acquired by the male or female progenitors of mankind for the sake of charming the opposite sex.” (Darwin 1871, XIX, 572).

Gaston liefert einen anderen Erklärungsversuch (1968, nach Hallam 2006). Nach seinen Forschungen ist Musik das Resultat einer ausgeprägten Mutter-Kind- Beziehung. Diese entstand besonders aus der physischen Nähe aber auch durch das verbale und nonverbale, sowie besänftigende Verhalten der Mutter. Gaston zufolge entwickelten sich auf diese Weise Schlaf- und Wiegelieder. Diese Theorie wird zusätzlich dadurch gestützt, dass der Gesang der Mutter nachweislich zu einer spezifischen Senkung der Cortisolproduktion des Speichels bei Säuglingen führt. Der mütterliche Gesang kann bei Säuglingen mit niedriger Vigilanz, der elektroenzephalographisch registrierbare Zustand der Wachheit, aktivierend wirken, während solche mit hoher Vigilanz durch den Gesang beruhigt werden können (Shenfield et al., 2003, nach Altenmüller 2006).

Aus welchen Gründen Musik wirklich entstand, wird wohl immer einen spekulativen Charakter behalten. Ein Großteil der bisherigen Erkenntnisse beruht auf Vermutungen und Annahmen, denen Wissenschaftler jedoch mit modernster Technik und Studien versuchen näher zu kommen.

Es wird allerdings davon ausgegangen, dass eine Kombination der genannten Elemente zu unserer heutigen Fähigkeit geführt hat, Musik wahrnehmen und verstehen zu können. Warum der Mensch aber als einziges bekanntes Lebewesen hierzu in der Lage ist und welche Prozesse dabei in seinem Inneren ablaufen, soll im Weiteren behandelt werden.

2.3 Musikperzeption nach psychologischer und neurophysiologischer Betrachtungsweise

2.3.1 Wie entstehen Geräusche im Kopf und wie werden sie nach neurophysiologischer Betrachtung wahrgenommen und in Musik verwandelt?

Wie ist Musik, die nach rein physikalischer Betrachtung simple Aneinanderreihung von Tönen, dazu fähig, eine Fülle von komplexen Reaktionen auszulösen? Musik kann emotional zutiefst berühren und ist sogar in der Lage, Menschen in Ekstase zu versetzen (Bethge 2003). Doch welche Prozesse muss Musik durchlaufen, damit es zum Hervorrufen von Emotionen kommen kann? Im Folgenden soll unter neurophysiologischer Betrachtungsweise erläutert werden, wie das Ohr Geräusche empfängt und welche Teile des menschlichen Gehirns an der Entstehung und dem Erleben von Gefühlen beteiligt sind.

Will man das komplexe Gebiet der Musikwahrnehmung betreten, so ist es notwendig Geräusche aus mehreren Blickwinkeln zu betrachten. Vereinfacht dargestellt, wird ein Geräusch oder Klang in der Physik als Grundlage für Musik definiert, nämlich als „mechanische Schwingungen und Wellen eines elastischen Mediums im Frequenzbereich des menschlichen Hörens (16-20 000 Hz)“ (Michels, 1977,12). Diese berechenbaren Luftschwingungen entstehen beim Hin- und Herbewegen von Luft; die Frequenzen überlagern sich nach physikalischen Regeln (Bethge 2003).

Jourdain (1998) befasst sich mit der Frage, inwiefern ein Klang unterschiedlich aufgefasst und interpretiert werden kann. Zwar ist der Physiker in der Lage die exakte Lautstärke von Schall zu messen, jedoch hätte dieser Wert noch keinen weiteren Nutzen in Hinblick auf die Wahrnehmung des Klangs. Nach physikalischen Gesichtspunkten sind alle Schwingungen der Luftmoleküle gleich und es ist nebensächlich, wer das Geräusch wahrnimmt. Dabei spielt es aber nach psychologischen Überlegungen eine entscheidende Rolle, ob diese besagten Schallschwingungen nun von einem Hund, einer Kuh oder einem Menschen wahrgenommen werden. Fällt beispielsweise in der Natur ein Baum um, so klingt dieses Geräusch für jeden Organismus anders, da sich aus bloßen Schallschwingungen, die in einem komplexen Prozess verarbeitet werden, ein Geräusch im Kopf entwickelt, welches von jedem Individuum, je nach Bedeutung und Verwertbarkeit, unterschiedlich registriert wird (Jourdain 1998).

Eine darüber hinausgehende Fragestellung beschäftigt sich daher mit der Überlegung, inwiefern verschiedene Organismen Schall unterschiedlich wahrnehmen. Zur Verdeutlichung seiner Überlegung wählt Jourdain folgendes Beispiel. Er beschreibt die Mechanismen, die einsetzen, wenn eine Grille das Zirpen eines Artgenossen wahrnimmt. Die Grille besitzt ein Hörorgan, welches aus dünnen „Häutchen“ besteht und sich an den Vorderbeinen befindet. Diese dünnen Häutchen geraten nur bei bestimmten Frequenzen in Schwingung, zum Beispiel wenn eine andere Grille zirpt. Hierbei ist jedoch nicht relevant, ob Grillen das gleiche Geräusch hören können wie Menschen. Der wirklich entscheidende Punkt ist die Wahrnehmung: Grillen rezipieren und interpretieren den Schall vollkommen anders.

So lösen gewisse Frequenzen, verursacht durch das Zirpen einer anderen Grille, bestimmte Verhaltensweisen aus:

„Könnte man mit einem Grillenkopf hören, dann würde man bestimmt nicht die Serenade Grillenzirpen wahrnehmen, wie wir es [...] tun. Statt dessen würde ein Impuls auftauchen, sich auf ganz bestimmte Weise zu bewegen, und sobald er stark genug wäre, würden Beine und Flügel reagieren. Kein Hintergrundgeräusch vom Wind, der durch das Gras streicht, kein Plätschern eines nahen Baches, eine Grille kann zwar hören, aber ihre Erfahrung ist nach unseren Maßstäben arm an Geräuschen.“ (Jourdain 1998, 21).

Im Gegensatz zu Tieren kann der Mensch weitaus komplexere Klangmuster wahrnehmen und verarbeiten. Das liegt nicht etwa daran, dass sein Hörorgan besser ausgebildet ist, denn ein Großteil der Tiere verfügt über ein weitaus besser entwickeltes Gehör. Vielmehr bildet ein leistungsstarkes Gehirn die Grundlage Musik hören zu können. Während die grundlegendsten Mechanismen für das Erkennen individueller Klänge angeboren sind, eignet sich der Mensch andere Aspekte des Musikhörens im Laufe des Lebens an. Das menschliche Gehirn ist in der Lage in der Musik enthaltene Muster zu analysieren und in einzelne Bestandteile zu zerlegen. Zunächst setzt das Gehirn aufeinander folgende Töne zu Melodienabschnitten zusammen, diese dann zu ganzen Melodien, Phrasen und Symphonien, bis es schließlich zu längeren Passagen gelangt. Es fasst gleichzeitig erklingende Töne zu Intervallen zusammen, wandelt Intervalle in Akkorde um und kann Akkorde zu harmonischen Abläufen zusammenfassen. Das Gehirn des Menschen empfindet Muster bestimmter Betonungen als Rhythmus und durch Veränderungen der Lautstärke werden Crescendi und Decrescendi gebildet, das allmähliche Anwachsen, bzw. Abfallen der Tonstärke.

„In dem Maße, in dem unser Gehirn solche Beziehungen entschlüsselt, entsteht die Wahrnehmung von Klang. Unser Gehirn bildet nicht ein Netz von akustischen Beziehungen, das wir dann „hören“; vielmehr ist das Hören selbst jener Akt, Beziehungen in den Klängen herzustellen.“ (Jourdain 1998, 22).

Eben jene Beziehungen lassen das menschliche Gehirn Muster erkennen und verarbeiten, denn erst wenn es dazu in der Lage ist, können Töne als Musik erkannt werden. Spielt man einem Tier ein Musikstück vor, so würde sein Ohr zwar alle wesentlichen Frequenzen wahrnehmen können. Das Gehirn würde ähnlich wie das des Menschen versuchen, die einzelnen Noten in eine Reihenfolge zu bringen. Da aber zwei aufeinanderfolgende Töne für das Tier zwei unabhängige Ereignisse darstellen, kann die Beziehung zwischen den Tönen nicht hergestellt werden:

„Diese Beziehungen sind die eigentliche Musik, nicht die Schwingungen der Luftmoleküle, die von Musikinstrumenten erzeugt werden. Die Schallwellen, die die Musik eines Orchesters zu unseren Ohren transportieren, beinhalten keine Empfindung, nur Muster. Nur in einem Gehirn, das diese Muster verarbeiten kann, entstehen bedeutungsvolle Empfindungen.“ (Jourdain 1998, 23).

Das tierische Gehirn ist nicht weit genug entwickelt, die Beziehungen zwischen den Tönen zu entdecken, daher wird das Tier beziehungslose Töne wahrnehmen, während der Mensch in der Lage ist, eine Melodie zu hören.

2.3.2 Das menschliche Ohr- wie es funktioniert und was es zu leisten imstande ist

Das oft als Hörorgan bezeichnete menschliche Ohr ( Auricula ) ist nur nach dem äußeren Erscheinungsbild das Hörorgan des Menschen. Das „äußere“ Ohr, die Ohrmuschel, hat lediglich die Aufgabe den Schall zu bündeln, in den Hörkanal zu leiten und zum Mittel- und Innenohr zu lenken, welches das eigentliche Gehör des Menschen darstellt. Es ist von außen nicht zu sehen, da es sich tief im Inneren des Kopfes befindet. Sobald Geräusche, Musik eingeschlossen, die Ohrmuschel erreichen, werden bestimmte Frequenzen verändert und durch die Eigenschwingung der Ohrmuschel verstärkt. Trifft nun Musik am Ende des Gehörgangs auf das Trommelfell, verändert sich ihr Charakter schlagartig. Besteht sie bis dahin aus Druckwellen, welche sich durch die Luft verbreiten, so verwandeln sie sich nun in mechanische Bewegungen.

Direkt am Trommelfell liegt das Mittelohr, in dessen mit Luft gefülltem Inneren sich drei an Bändern befestigte Gehörknöchelchen befinden. Ähnlich wie die Luftmoleküle die Musik zum Trommelfell transportiert haben, geraten nun auch die kleinen Knochen im Mittelohr in Schwingung und bilden ein komplexes Muster, welches permanent alle Frequenzen jedes einzelnen Tons abbildet. Die Gehörknöchelchen haben die Aufgabe, die beim Trommelfell ankommende Energie zu konzentrieren und den Schalleitunswiderstand zwischen Luftleitung im Gehörgang und Wasserleitung im Innenohr so gering wie möglich zu halten. Das Trommelfell versetzt also hier die Gehörknöchelchen in Schwingung, die wiederum auf eine Membran drücken, das „ovale Fenster“, welchem sich das mit Flüssigkeit gefüllte Innenohr anschließt. Hier befinden sich die Neurone (Nervenzellen) des Ohrs. Dank des Mittelohrs wird die Schwingungsenergie, mit welcher das Trommelfell in Berührung kommt, fast vollständig auf die Flüssigkeit des Innenohrs übertragen, womit die Hauptaufgabe des Mittelohrs, Musik ohne Reibungsverlust vom äußeren zum inneren Ohr zu leiten, erreicht wird.

Wenn die Musik nun von der Ohrmuschel über Gehörgang, Trommelfell und Gehörknöchelchen bis hin zum flüssigkeitsgefüllten Innenohr gelangt ist, hat sie das eigentliche Ohr erreicht. Hier werden die Schallschwingungen der Musik in für das Gehirn verwertbare Informationen verwandelt: „bis zu diesem Punkt wurde der Schall nur umgeformt, jetzt wird er wahrgenommen“ (Jourdain 1998, 31).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Aufbau des menschlichen Hörorgans (Jourdain 1998,27)

Da Schall das mechanische Zusammenstoßen von Molekülen darstellt, ist es erforderlich, dass auch der Übertragungsweg von der Ohrmuschel zur Rezeptorstelle mechanisch verläuft. Dort ist nun eine Vorrichtung notwendig, die Schwingungen in Nervenimpulse übersetzen kann. Diese Vorrichtung nennt sich Schnecke oder lateinisch Cochlea und befindet sich neben dem Vestibularapparat (Gleichgewichtsorgan) im sogenannten Felsenbein (Jourdain 1998).

Indem die Gehörknöchelchen, wie oben beschrieben, an die Membran des „ovalen Fensters“ stoßen, wird eine Druckwelle erzeugt, die an das Cortische Organ weitergeleitet werden. Nach Jourdain stellt das Cortische Organ eine komplizierte Struktur dar. Im Vergleich zu den Quadratmeter großen Berührungsrezeptoren der Haut und dem Quadratzentimeter großen Bereich der Retina unseres Sehorgans leistet das Cortische Organ mit einer Größe von wenigen Quadratmillimetern Beachtliches: nur etwa 14 000 Rezeptorzellen bilden die 32 000 Nervenfasern, welche aus der Cochlea austreten und ins Gehirn ziehen und stehen beispielsweise den mehr als „[…] hundert Millionen Rezeptorzellen der Retina eines Augapfels gegenüber, deren Informationen über etwa eine Million Nervenfasern im Sehnerv weitergeleitet werden“ (Jourdain 1998, 33). Und trotzdem bewältigt dieses winzige Organ eine außerordentlich wichtige Funktion: nachdem die Musik schon so viele verschiedene Stationen durchlaufen hat, kann sie nun schließlich von physikalischen Schwingungen in Nervenimpulse umgewandelt werden. Die Musik, die hier ihr vorläufiges Ziel erreicht, wird sofort über sehr schnell leitende Nervenfasern in das Gehirn weitergeleitet.

2.3.3 Schwierigkeiten im Bereich der Neurologie

Nachdem beschrieben wurde, welche anspruchsvollen und komplizierten Aufgaben das menschliche Ohr übernimmt, soll nun darauf eingegangen werden, welche weiteren Wege Musik im Gehirn einschlägt. Erst seit Wissenschaftler die neuronale Rezeption von Musik erforscht haben, konnte zumindest ein ungefähres Verständnis über die emotionale Wirkung von Musik erlangt werden.

Jourdain weist darauf hin, dass die Hirnforschung Fortschritte erzielt und zunehmend in der Lage ist zentrale Fragen und Zusammenhänge zu beantworten. Jedoch ist sie dabei bis heute, beispielsweise bei der Untersuchung des Hirnstamms, fast vollständig auf die Erkenntnisse von Tierversuchen angewiesen. Mittlerweile sind viele Bereiche der Hirnforschung mittels elektroenzephalographischen (EEG), magnetoenzephalographischen (MEG) oder positronenemissionstomographischen (PET) Untersuchungsmethoden, die lokale Hirndurchblutungsänderungen erkennen können, möglich geworden. Auch neu entwickelte bildgebende Verfahren, die im Wesentlichen kortikale Durchblutungsveränderungen messen können, wie beispielsweise die funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT), erleichtern die Forschung (Jäncke 2006). Trotz dieser großen wissenschaftlichen Fortschritte, bleiben Forschern weiterhin jene Gehirnareale verschlossen, in denen nur durch die Zerstörung von Gewebeteilen neue Erkenntnisse errungen werden könnten. Dies würde Versuche an Menschen voraussetzen und schließt sich somit als Forschungsmethode aus.

Zudem stellt die Untersuchung der Aktivität von Nervenzellen tief im Gehirn, auch unter Laborbedingungen, eine schwierige Aufgabe dar. Es konnten bislang noch keine Forschungsmethoden entwickelt werden, die es vermögen Nervenzellen ohne störende Wechselwirkungen mit den umgebenden Nervenzellen zu untersuchen. So gehen Nervenzellen von der Größe einer Nadelspitze oft Verbindungen mit Hunderten von anderen Nervenzellen ein, die sich in weit entfernten Arealen des Gehirns befinden. Jourdain ist daher der Ansicht, dass Forscher auch in naher Zukunft kaum in der Lage sein werden, diese „Knäuel“ zu entwirren:

„Das Gehirn wurde immer als letzte Herausforderung bezeichnet, als letztes unerforschtes Gebiet auf Erden, und die ersten Forscher haben auf diesem riesigen Kontinent noch kaum Fuß gefasst. Hinter seinen Küsten stießen sie auf einen dichten, fast unzugänglichen Dschungel unklarer Konzepte und experimenteller Hindernisse- ein Ausmaß an Komplexität, dem der forschende Geist bis dahin noch nicht begegnet war. Dennoch haben sich Wissenschaftler tapfer vorangekämpft, oft ohne genau zu wissen, was sie eigentlich suchen, aber immer in der Gewissheit, dass sich vor ihnen ein El Dorado öffnet.“ (Jourdain 1998, 85).

2.3.4 Wege der Musik durch das Gehirn

Trotz der genannten Schwierigkeiten kann die Neurowissenschaft bereits auf beachtliche Errungenschaften zurückblicken. Anhand dieser Forschungsergebnisse soll nun erläutert werden, was nach der ersten Verarbeitung von Musik im Ohr geschieht.

Nachdem das Ohr also die Musik über die von der Cochlea ausgehenden Nervenströme in Richtung Gehirn geleitet hat, beginnt nun die Aufgabe des Gehirns, das Empfangene zu interpretieren. Musikproduktion- und wahrnehmung stellen spezielle Anforderungen und Aufgaben an verschiedene Gedächtnissysteme (Jäncke 2006). Akustische Reize entfalten sich über die Zeit hinweg und sind mehr als visuelle Reize auf Gedächtnisfunktionen angewiesen.

„Mittels dieser Gedächtnisfunktionen müssen Klänge und Geräusche über die Zeit hinweg integriert und zu einem kohärenten Perzept zusammengefügt werden.“ (Jäncke 2006, 89). Damit steht nun der Schall aber erst am Anfang seines Umwandlungsprozesses, denn das Verständnis erfolgt in den höheren Gehirnregionen, und erst dort wird er bewusst wahrgenommen (Jourdain 1998).

An dem Punkt der menschlichen Anatomie, an dem das Rückenmark aus dem obersten Halswirbel austritt, verdickt es sich und wird in seinem Aufbau komplexer. Dieser Teil des Gehirns wird als Hirnstamm bezeichnet und ist der aus evolutionärer Sicht älteste und am wenigsten klar strukturierte Teil des Gehirns. Neurowissenschaftler sind erst jetzt in der Lage, die Erforschung des Hirnstamms zu beginnen und versuchen sich in der extrem unübersichtlichen Struktur des Hirnstamms zurecht zu finden. Im Hirnstamm wird der Charakter eines Geräuschs eines Schalls analysiert, etwa ob die Lautstärke des Schalls ansteigt, sinkt, oder ob sich seine Frequenz verändert. Die Hauptaufgabe dieser „Station“ ist es jedoch den Schall zu orten, welches für unsere Vorfahren damals und für Tiere noch heute eine elementare und überlebenswichtige Funktion darstellt. Auch die Orientierungsfähigkeit des Menschen, beispielsweise im Straßenverkehr, wird durch diese Funktion verbessert. Im Hirnstamm werden Bewegungen von Schallquellen registriert, analysiert und verarbeitet, was beispielsweise ein Beutetier befähigt seinem Angreifer zu entkommen, oder einem Räuber ermöglicht ein Beutetier aufzuspüren. Dies erklärt auch, warum vom Hirnstamm zahlreiche Verbindungen zu jedem Teil des Gehirns eingegangen werden und sogar direkte Anknüpfungen an Gehirnstrukturen bestehen, die für die Muskelkontrolle verantwortlich sind: Die ursprüngliche Aufgabe und primäre Funktion des menschlichen Gehörs galt dem Wahrnehmen von Geräuschen, auf die rasch reagiert werden musste und nicht etwa dem genießenden Lauschen von Musik (Jourdain 1998).

Nach der ersten Verarbeitung wird die Musik, vereinfacht dargestellt, vom Hirnstamm an die Großhirnrinde (Cortex) weitergeleitet. Selbst das hochentwickelte menschliche Gehirn ist ohne die Hilfe der Großhirnrinde nicht in der Lage, einen Sinn in einer Folge einzelner Noten auszumachen, denn schon die einfachste Melodie erfordert den Einsatz des Cortex. Er ist die äußere Oberfläche des Gehirns, die sich im Laufe der Evolution über mehrere Millionen Jahre enorm vergrößert hat und für eine ständig zunehmende Intelligenz bei Säugetieren sorgt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Darstellung der Großhirnrinde (Jourdain1998, 79)

So hat der Mensch beispielsweise einen viel größeren Cortex als Primaten, seine stammesgeschichtlich nächsten Verwandten. Die Großhirnrinde, etwa fünf Millimeter dick, ist für unsere intellektuellen Leistungen verantwortlich und somit auch von großer Bedeutung für unser Musikverständnis. Sie ist vor allem an essentiellen Funktionen des Gehirns beteiligt: beispielsweise werden das Gedächtnis, die Aufmerksamkeit und das Lernen von hier gesteuert. Neurologen haben bei Untersuchungen des Cortex die wohl wichtigste Erkenntnis der letzten Jahre gewinnen können: „[…] ein Großteil des Cortex besteht aus wabenartig angeordneten Säulen aus jeweils Tausenden von Nervenzellen, die sich von oben nach unten durch die sechs Schichten erstrecken.“ (Jourdain 1998, 79). Diese Säulen reagieren am stärksten auf spezifische Frequenzen eines Schalls und stellen nach derzeitigen Erkenntnissen damit die vermutlich grundlegendste Einheit der Informationsverarbeitung dar. Diese Erkenntnisse verstärken die Annahme, dass Musik einen Effekt auf das menschliche Gehirn haben kann. So ergaben beispielsweise Studien, in denen der Cortex von Musikern mit dem von Nicht-Musikern verglichen wurde, dass strukturelle Veränderungen des Cortex (vergrößerte Volumina) und vergrößerte Dichtemassen durch häufiges Musizieren möglich sind (Jäncke 2006). Außerdem konnten ein größeres Corpus Callosum (Gehirnbalken), eine Vergrößerung sowie eine größere Symmetrie der linken und der rechten Hemisphäre des motorischen Cortex festgestellt werden (Schlaug 2003 nach Hallam 2006). Durch intensives Musiktraining, so neurophysiologische und neuroanatomische Forschungen, können viele musikrelevante Gehirnleistungen verbessert werden (Jäncke 2006).

Bestimmte Hirnareale sind in die Kontrolle von Funktionen involviert, die für die auditorische Wahrnehmung von Musikreizen zuständig sind, beispielsweise für die auditorischen Aufmerksamkeitsfunktionen, musikbezogenen aber auch verbalen Gedächtnisleistungen sowie für die motorischen Kontrollfunktionen. Auffällig ist dabei, dass all diese Hirnareale bei Musikern unterschiedliche Aktivitätsmuster sowie anatomische Besonderheiten im Vergleich zu Nicht-Musikern aufweisen. So lassen sich deutliche Anzeichen dafür erkennen, dass Reorganisationseffekte beim Menschen stattfinden können.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Wege der Musik durch das Hirn (modifiziert nach Bethge 2003, 135)

Es lässt sich zusammenfassend über das Hörorgan des Menschen feststellen, dass der Prozess des Herausarbeitens und Zerlegens von Schall in seine einzelnen Bestandteile von weit größerer Bedeutung ist, als die bloße Registrierung von Geräuschen durch das Ohr. Erst danach kann es zum eigentlichen Hören, der Weiterverarbeitung, Wahrnehmung und Interpretation durch das Gehirn kommen. Sind diese komplexen Vorgänge abgeschlossen, wird erst verständlich, inwiefern bedeutungsleeren Melodien, Harmonien und Rhythmen Sinn verliehen wird. Dafür ist nicht etwa die Musik selbst verantwortlich, sondern das wahre Hörorgan des Rezipienten: das menschliche Gehirn. Es erlaubt dem Menschen- als einziges bisher bekanntes Lebewesen- Musik zu verstehen.

Basierend auf den erläuterten elementaren Aspekten des menschlichen Gehirns, wie Aufbau, Struktur und Funktion, soll im nächsten Abschnitt behandelt werden, welche Faktoren für die sehr individuelle Musikperzeption jedes Menschen verantwortlich sind. Des Weiteren soll untersucht werden, wie Musik in der Lage sein kann den Menschen Emotionen spüren zu lassen, ihn zu entspannen, zu aktivieren oder zu motivieren.

2.4 Wirkungsweise von Musik

Nachdem die Vorgänge des Perzipierens von Musik beschrieben wurde, soll sich dieser Abschnitt mit der Frage beschäftigen, welche Eigenschaften der Musik dazu in der Lage sind, emotionale Wirkungen auszulösen.

Bereits im Jahre 1880 wurden Experimente veröffentlicht, die den Einfluss von unterschiedlichen Tonhöhen und Lautstärken auf Herzschlag und Blutdruck (des Hörers) untersuchten (Dogiel 1880, nach Gembris 2002). Seitdem ist die Anzahl von Untersuchungen in diesem Forschungsgebiet bedeutend gestiegen. Die Schwierigkeit, die Wirkung von Musik oder die mit ihr in Zusammenhang gebrachten emotionalen Reaktionen zu erforschen, stellt die moderne Forschung gelegentlich jedoch vor große Herausforderungen. Ein Problem besteht darin, „die durch Musik ausgelösten Gefühle, Stimmungsveränderungen oder sonstigen Wirkungen in zuverlässiger und aussagekräftiger Weise zu erfassen und zu messen“ (Gembris 2002, 11).

Wie bereits beschrieben, ist Musik ein ganzheitliches Gebilde, dessen einzelne Intervalle, Akkorde und Rhythmen nur schwierig aus dem Kontext gelöst werden können, um sie daraufhin isoliert auf ihre Wirkung zu untersuchen. Somit ist es für die Musikwissenschaft schwierig festzustellen, auf welche musikalischen Details und Elemente mögliche Wirkungen zurück zu führen sind. Es gibt nach Gembris (2002) dennoch bestimmte musikalische Parameter, die zumindest gewisse Wirkungstendenzen aufweisen, wie etwa beruhigende oder aktivierende Einflüsse. Die folgende Tabelle (1) soll eine Übersicht geben:

Tabelle 1: Musikalische Strukturmerkmale und ihre Wirkung (modifiziert nach Gembris 2002,11)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In diesem Zusammenhang sollen die wohl einzigen musikalischen Parameter erwähnt werden, die eine unmittelbare und erwiesene physiologische Wirkung auf den Hörer ausüben: Lautstärke und Tempo. Während bei anderen musikalischen Parametern, wie etwa Tonalität, Harmonik oder Klangfarbe, bisher kein direkter physiologischer Effekt nachgewiesen werden konnte, hängt die Wirkung der Lautstärke mit den neurophysiologischen Verschaltungen von Cochlea, Cortex und motorischen Nerven zusammen. Die Wirkung des musikalischen Tempos ist mit der bereits beschriebenen Verknüpfung von Nervenzellen der Hörbahn mit motorischen Bahnen verbunden. Letztere werden verschaltet und erzeugen so unwillkürliche, spontane rhythmische Bewegungen, die oft unterhalb der Bewusstseinsschwelle verlaufen. Gleichermaßen wie die Musiklautstärke resultiert das Tempo in einer „unmittelbaren physiologisch aktivierenden Wirkung, die sich in Steigerungen der Herzfrequenz und [Veränderungen der] Muskelspannung äußern kann“ (Gembris 2002, 11). Mit einer messbaren Reduzierung des elektrischen Hautwiderstands (psychogalvanischer Reflex) sowie der Intensivierung der Atmung nennt Bruhn (et al. 1993) weitere Indikatoren.

Diese Anzeichen sind jedoch keine musikspezifischen Phänomene, sondern treten unabhängig von Musik immer dann auf, wenn Schallreize oder Lärm größerer Lautstärke erreicht werden.

2.4.1 Abhängigkeit der Musikwirkung von außermusikalischen Faktoren

Die Wirkung von Musik auf den Menschen ist sehr komplex und hängt nicht nur von musikspezifischen Kriterien ab, sondern auch von einer Vielzahl und Kombination außermusikalischer Faktoren.

Dazu zählen nicht nur die Einstellung des Hörers zur Musik, sondern auch unter anderem die Vertrautheit mit der Musik, die momentanen Bedürfnisse, das Wissen über Musik und der situativ-soziale Kontext (Gembris 2002). De la Motte-Haber (1985) ergänzt die Liste der ausschlaggebenden Faktoren mit der musikalischen Vorbildung und Offenheit gegenüber fremder Musik, des Bekanntheitsgrads der Musik, sowie der Sensibilität und Feinfühligkeit der musikhörenden Person. Die genannten Faktoren, die sich größtenteils selbst erklären, sollen noch um zwei weitere, besonders wichtige Aspekte ergänzt werden.

So ist zum einen der subjektive musikalische Geschmack hervorzuheben. Das menschliche Gehirn lässt in der Regel nur eine Wirkung der Musik zu, die in irgendeiner Weise dem Geschmack des Rezipienten entspricht: „[...] our expectations about the nature of music are important [and] we are likely to experience an emotional response.“ (Meyer 1956, nach Hallam 2006, 25). Auch de la Motte-Haber (1985) bestätigt die Wichtigkeit des Musikgeschmacks. Nach Ansicht der Wissenschaftlerin kann Musik nicht nur „höchste Freude“ und „tiefste Trauer“ auslösen, sondern auch ein „[…] Gegenstand heftiger Ablehnung sein, wenn sie das Kategoriensystem des Hörers verletzt“ (de la Motte-Haber 1985, 169). Zum anderen ist die psychophysiologische Aktivierung von Bedeutung, die die Stimmungsabhängigkeit und momentane Gefühlslage der Musikhörenden betrifft. Sie ist deshalb bedeutend, weil die gegenwärtige Stimmung des Hörers seine Reaktion auf Musik entscheidend beeinflussen kann:

„Stellen wir uns beispielsweise vor, eine Person sei sehr erregt, nervös und angespannt, vielleicht auch etwas aggressiv. Wenn man dieser Person nun eine sehr langsame und ruhige Musik vorspielt, um sie zu beruhigen, dann wird sie wahrscheinlich nicht mit Entspannung reagieren, sondern mit Aversion gegen die Musik, mit einer Steigerung der Erregung, Anspannung und möglicherweise sogar erhöhter Aggression.“ (Gembris 2002, 11).

Wird der Person in einer vergleichbaren Situation jedoch anstatt ruhiger eine eher rhythmisch schnellere Musik geboten, ist es wahrscheinlich, dass die Musik als entspannender und angenehmer empfunden wird, da sie der momentanen Stimmung eher entspricht. Auch Pekrun (1985 nach Harrer 1993) betont die Bedeutung der psychophysiologischen Aktivierung und ist der Ansicht, dass der emotionale Zustand des Musikhörers nicht nur die Wahrnehmung von Musik beeinflusst, sondern auch die emotionalen Effekte von Musik bestimmen kann. So kann die vorherrschende Stimmungslage nach dem Kongruenz- beziehungsweise Kontrastprinzip durch Musik verstärkt oder entkräftet werden.

Auf diesen Ansichten aufbauend nennt Gembris (2002) verschiedene Umfragen, die dokumentieren, dass zwischen 70 und 80 Prozent der Musikhörer Musik wegen ihrer entspannenden Wirkung hören. Auch hier scheint der Grad der psychophysiologischen Aktivierung von Bedeutung zu sein: In den Untersuchungen wurde deutlich, dass nicht etwa das umfangreiche Angebot von sogenannter „Entspannungsmusik“ genutzt wird, sondern dass jede Musik zur Entspannung gehört werden kann. Von Bedeutung ist allein, ob der Musikkonsument die jeweilige Musik persönlich als entspannend und angenehm empfindet oder sie ablehnt. Laut Gembris haben diese empirischen Untersuchungen ergeben, dass auch „[…] laute und schnelle Musik und Musik mit markanten Rhythmen, die in Diskotheken oder auf Techno-Partys gespielt werden, [...] zur Entspannung gehört werden können“ (Gembris 2002, 15). Dies verdeutlicht erneut, wie stark die Wirkung von Musik auf den Rezipienten je nach subjektiven Präferenzen, individuellen Gesamtzuständen, sowie dem Grad der psychophysiologischen Aktivierung variiert.

2.4.2 Emotionsauslöser Musik

In den vorangegangenen Kapiteln konnte festgestellt werden, dass die Wirkungsweise der Musik von verschiedenen musikpsychologischen und außermusikalischen Faktoren abhängig ist. Dieser Abschnitt soll vorrangig verdeutlichen, inwiefern das Hören von Musik Veränderungen im Fühlen, Erleben, Denken und Handeln bewirken kann.

Bezüglich dieser Fragestellung beschrieb schon Darwin in seinem 1871 veröffentlichtem Werk The decent of man, and selection in relation to sex die Macht von Musik folgendermaßen: „Music arouses in us various emotions, but not the more terrible ones of horror, fear, rage, etc. It awakens the gentler feelings of tenderness and love, which readily pass into devotion.” (Darwin 1871, XIX, 571).

Nach Gembris (2002) stimmt Musik traurig oder heiter, erleichtert die Arbeit, motiviert, schafft Gemeinschaftsgefühle und weckt Erinnerungen. Darüber hinaus kann sie einen aktivierenden, euphorisierenden Charakter haben, sie ist in der Lage Aggressionen zu verstärken oder verschiedene physische Reaktionen wie zum Beispiel eine Gänsehaut zu erzeugen. Nach Bethge (2003) ist Musik sogar in der Lage, den Menschen in Ekstase zu versetzen.

Hallam beschreibt den Effekt von Musik wie folgt: „Human beings respond to music in a variety of different ways. Responses can be physiological, motor, intellectual, aesthetic, emotional or in relation to mood or arousal.” (Hallam 2006, 60). Auch Sloboda attestiert der Musik eine emotionale Wirkung: „There is a general consensus that music is capable of arousing deep and significant emotion in those who interact with it.” (Sloboda 1992, 33).

Doch was genau sind Emotionen? Um verstehen zu können, wie der Mensch durch Musik ausgelöste Emotionen fühlen kann, ist zunächst eine Begriffsbestimmung notwendig. So herrschen zwar bestimmte Vorstellungen über das Zustandekommen von Emotionen, jedoch ist der Emotionsbegriff relativ unklar. Harrer (1993) beruft sich auf Zimbargo (1983) und Pekrun (1985), die bedauernd feststellen, dass unter anderem das Fehlen einer allgemein anerkannten Definition für das langsame Voranschreiten der Emotionsforschung verantwortlich ist und dass die bisherigen Definitionen wissenschaftlich kaum zu verwenden sind.

[...]

Ende der Leseprobe aus 111 Seiten

Details

Titel
Musik als Motivationsfaktor in der Arbeitswelt unter besonderer Berücksichtigung des Sportbereichs
Hochschule
Universität Kassel
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
111
Katalognummer
V113864
ISBN (eBook)
9783640140404
ISBN (Buch)
9783640140626
Dateigröße
12631 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Liebe/r Interessent/in. Diese Arbeit wurde mit der Hilfe von Universitäten in Großbritanien und den USA fertiggestellt. Die Auswertung der empirischen Untersuchungen erfolgte aus den AKTUELLSTEN (2006-2008) Studien, welche, zum Teil noch unveröffentlicht, dem Autor von namhaften Wissenschaftlern zur Verfügung gestellt wurden. Forschungsgebiete: Musikforschung, Neurologie, Sportwissenschaft/-medizin, Arbeitslehre. Ungleich zu anderen Examensarbeiten wurde die vorliegende Arbeit von unabhängigen Prüfern mit der Note sehr gut (1,0)bewertet.
Schlagworte
Musik, Motivationsfaktor, Arbeitswelt, Berücksichtigung, Sportbereichs, Arbeit, Rhythmus, Beat, Ipod, Mp3, Laufen, Joggen, physikalische Arbeit, Leistungssport, Amateursport, Ägypten, Neurologie, Biologie, Forschung
Arbeit zitieren
Jan Bölling (Autor), 2008, Musik als Motivationsfaktor in der Arbeitswelt unter besonderer Berücksichtigung des Sportbereichs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113864

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