In dieser Arbeit soll mit der Analyse des staatlichen Zerfalls der Republik Haiti eine Fallstudie zur Theorie der fragilen Staatlichkeit durchgeführt werden. Im Rahmen der empirisch-analytischen Vorgehensweise soll sich an der Frage orientiert werden, ob die Republik Haiti in Anbetracht der Ereignisse der letzten Jahre als ein gescheiterter Staat bezeichnet werden kann. Dazu bedarf es der Erarbeitung einzelner Indikatoren, anhand derer der staatliche Zerfall von Staaten gemessen werden kann. Um den formellen Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen, soll bei der Beantwortung der Forschungsfrage das Modell fragiler Staaten vom deutschen Friedens- und Konfliktforscher Ulrich Schneckener als Bewertungsgrundlage dienen. Das Ziel der Arbeit ist es, die Eignung der Theorie Schneckeners am haitianischen Fallbeispiel zu überprüfen, sowie Klarheit bezüglich des Grads der fragilen Staatlichkeit von Haiti zu schaffen.
Zu diesem Zweck wird im zweiten Kapitel zunächst der theoretisch-analytische Rahmen dargestellt und der in dieser Arbeit verwendete Staatsbegriff erläutert, sowie das Konzept fragiler Staatlichkeit mit Fokussierung auf die Typologisierung von Schneckener ausgeführt. Kapitel 3 widmet sich der grundlegenden Beschreibung der Geschichte des haitianischen Staates, seines politischen Systems und der Skizzierung verschiedener Ursachen für den Staatszerfall Haitis. Darauf aufbauend wird im vierten Kapitel schließlich mit Hilfe quantitativer Daten, wie verschiedener Indexe und Kennzahlen, die in Kapitel 2 erarbeiteten Indikatoren Schneckeners zur genauen Bestimmung des Grades der fragilen Staatlichkeit von Haitis genutzt, was im Idealfall in einer wissenschaftlich belegten Beantwortung der Forschungsfrage münden wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theorie gescheiterter Staaten
2.1 Der Staatsbegriff
2.2 Fragile Staatlichkeit
2.3 Typologie nach Schneckener
3. Der haitianische Staat
3.1 Historischer Überblick
3.2 Politisches System
3.3 Ursachen des haitianischen Staatszerfalls
4. Der haitianische Staatszerfall
4.1 Sicherheitsfunktion
4.2 Wohlfahrtsfunktion
4.3 Legitimitäts- und Rechtsstaatsfunktion
5. Schlussteil
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht auf Basis der Theorie fragiler Staatlichkeit nach Ulrich Schneckener den aktuellen Zustand der Republik Haiti. Das primäre Ziel ist es, das Ausmaß der Instabilität und den Zerfall staatlicher Kernfunktionen zu analysieren, um zu prüfen, ob Haiti als gescheiterter Staat (Failed State) eingestuft werden kann.
- Analyse des theoretischen Rahmens fragiler Staatlichkeit.
- Historische Einordnung des haitianischen Staates und dessen politisches System.
- Untersuchung der Sicherheits-, Wohlfahrts- und Legitimitätsfunktion in Haiti.
- Identifikation der Hauptursachen für den kontinuierlichen Staatszerfall.
- Evaluation der Eignung des Schneckener-Modells am Fallbeispiel Haiti.
Auszug aus dem Buch
3.1 Historischer Überblick
Die Geschichte des heutigen Staates Haiti beginnt im ersten Jahrtausend nach Christus mit der Besiedlung durch das aus Südamerika stammende indigene Volk der Taíno Arawak, die der Insel der heutigen haitianischen und dominikanischen Republiken den Namen Ayiti gaben. Das ursprüngliche Leben der etwa eine halbe Million Menschen umfassenden prä-kolumbischen Bevölkerung, die in kleinen durch weibliche und männliche Chiefs regierten Dörfern entlang der Küste und Flüsse lebte, zeichnete sich durch eine reiche, auf Kooperation und nachhaltiger Landwirtschaft basierende Kultur aus, in der es genügend Nahrung und Beschäftigung für alle gab. Ein jähes Ende fand dieses einfache (aber gute) Leben durch die Ankunft der Kolonialisten und der damit begonnenen Unterwerfung der indigenen Völker.
Der politische Vorläufer des heutigen Staates Haiti war die französische Kolonie Saint-Domingue im westlichen Teil Ayitis. In den ersten 50 Jahren nach Inbesitznahme der Insel durch Christopher Kolumbus, der die Insel 1492 in Hispaniola umbenannte und auf dem heutigen haitianischen Staatsgebiet die erste Kolonie der neuen Welt gründete, wurde die indigene Bevölkerung durch eingeschleppte Krankheiten wie Pocken und die brutale Ausbeutung durch die Kolonialisten fast vollständig ausgelöscht. Daher bewirtschafteten seit dem 16. Jahrhundert eingeschiffte versklavte Afrikanerinnen und Afrikaner die zahlreichen profitablen Zuckerrohr-, Kaffee- und Baumwollplantagen, die seit der spanischen Abtretung des westlichen Teils der Insel an Frankreich in 1692 einen bedeutenden Teil des französischen Staatshaushaltes ausmachten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die aktuelle Krisensituation in Haiti ein, geprägt durch politische Instabilität, Naturkatastrophen und den Präsidentenmord, und formuliert die zentrale Forschungsfrage.
2. Theorie gescheiterter Staaten: Hier wird der theoretische Rahmen definiert, indem Staatsbegriffe erläutert und das Modell fragiler Staatlichkeit nach Schneckener als Bewertungsgrundlage eingeführt wird.
3. Der haitianische Staat: Dieses Kapitel beleuchtet die historische Entwicklung Haitis vom Kolonialismus bis zur Gegenwart und analysiert die Ursachen, die zum Staatszerfall führten.
4. Der haitianische Staatszerfall: Anhand der drei Kernfunktionen (Sicherheit, Wohlfahrt, Legitimität) wird der konkrete Grad des Staatszerfalls in Haiti empirisch analysiert.
5. Schlussteil: Das Kapitel fasst die Analyseergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass Haiti als gescheiterter Staat eingestuft werden muss.
Schlüsselwörter
Haiti, Staatszerfall, Fragile Staatlichkeit, Ulrich Schneckener, Failed State, politische Krise, Bandengewalt, Sicherheitsfunktion, Wohlfahrtsfunktion, Rechtsstaatlichkeit, Korruption, Armut, Historische Entwicklung, Demokratie, Regierungsführung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht, inwieweit die Republik Haiti als gescheiterter Staat im Sinne der politikwissenschaftlichen Definition bezeichnet werden kann.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Themen sind die Theorie fragiler Staatlichkeit, die Geschichte Haitis, die Analyse staatlicher Kernfunktionen und die sozio-ökonomischen Ursachen des Staatszerfalls.
Was ist die Forschungsfrage der Arbeit?
Die Hauptfrage lautet, ob Haiti unter Berücksichtigung der Ereignisse der letzten Jahre als ein gescheiterter Staat klassifiziert werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine empirisch-analytische Fallstudie, die das Modell fragiler Staatlichkeit von Ulrich Schneckener als Bewertungsraster verwendet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die historische Genese, das politische System und bewertet anhand quantitativer und qualitativer Daten den Zustand der Sicherheits-, Wohlfahrts- und Rechtsstaatsfunktion.
Welche Schlagworte charakterisieren diese Arbeit?
Staatlichkeit, Haiti, Failed State, Schneckener-Modell, politischer Zerfall, humanitäre Krise und Korruption.
Wie beeinflusst die Duvalier-Diktatur die heutige Situation?
Die Arbeit zeigt, dass die Ära der Duvalier-Dynastie durch Korruption und Gewaltstrukturen den Grundstein für die systematische Untergrabung staatlicher Institutionen legte.
Warum spielt die internationale Hilfe eine ambivalenten Rolle?
Obwohl Hilfszahlungen essenziell für die Versorgung sind, kritisiert die Arbeit, dass sie oft veruntreut werden und die Abhängigkeit von ausländischer Hilfe das lokale Wirtschaftssystem schwächt.
Welche Rolle spielt die aktuelle Bandengewalt?
Die Arbeit beschreibt Banden als wesentliche Akteure, die das Gewaltmonopol herausfordern, Hilfsmaßnahmen behindern und somit maßgeblich zum Staatszerfall beitragen.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2021, Haiti – auf dem Weg zu einem gescheiterten Staat?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1138685