Ist Moral der Schlüssel zum Glück? Über das Verhältnis von Glück und Moral bei Aristoteles, Mill und Kant


Hausarbeit (Hauptseminar), 2021

13 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffsdefinitionen: Glückund Moral

3 Glück und Moral
3.1 bei Aristoteles
3.2 bei John Stuart Mill
3.3 bei Kant

4 Plausibilität und Beurteilung der unterschiedlichen Ansätze

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Wir benutzen in unserem Alltag fast täglich den Begriff „Glück“. Dabei unterscheiden wir jedoch zwei verschiedene Arten des Glücks. Zum einen sprechen wir von „Glück haben“ und zum anderen von „glücklich sein“. So fühlen wir uns beispielsweise glücklich, wenn wir uns etwas Neues kaufen oder wenn wir unsere Zeit mit Menschen verbringen, die wir lieben und mögen. Gleichzeitig wünschen wir uns und unseren Mitmenschen z.B. Glück bei Prüfungen oder Glück in der Liebe und meinen demnach etwas anderes, als wenn wir vom ,glücklich sein‘ sprechen. Auch in der Philosophiegeschichte wurde der Begriff des Glücks immer wieder thematisiert. So untersuchten ihn viele verschiedene Philosophen im Hinblick auf die Ethik und dem mit der Ethik zusammenhängenden Moralbegriff, sodass sich sogar ein neuer Themenbereich herausbildete: Die Philosophie des Glücks. Dabei geht esjedoch nicht nur um den Glücksbegriff in Bezug auf die Gefühlsebene, sondern auch um eine sehr erstrebenswerte Lebenseinstellung des Menschen, nämlich Glück als die Tugend des „Gutsein“. Das Glück in der Philosophie beschreibt also vielmehr das Glück als eine Art Lebensziel des Menschen. Bereits der griechische Philosoph Platon schrieb in seinem Werk Gorgias über das Glücksstreben: „Den guten nenne ich glücklich. Wer aber Unrecht tut, den nenne ich unglücklich.“.1

Doch wie genau hängen die Begriffe Moral und Glück denn eigentlich zusammen und wieso ist ein solcher Zusammenhang denn überhaupt wichtig zu diskutieren? Die folgende Arbeit soll den Zusammenhang von Glück und Moral näher erläutern und anschließend klären, ob moralisches Handeln den Menschen glücklich(er) macht oder sogar die Voraussetzung für dessen glückliches Leben ist.

Da die (Glücks-)Philosophie sich im Laufe der Zeit immer wieder wandelte, ergaben sich demnach auch viele, teils vollkommen unterschiedliche, philosophische Ansätze und Ideen von Aristoteles bis hin zu Mill und Kant. Eine allgemeine Bestimmung der Begriffe Moral und Glück soll dabei helfen das Thema einzuleiten und einen besseren Zugang zu den einzelnen philosophischen Positionen zu schaffen. Danach möchte ich die Positionen von Aristoteles, Mill und Kant im Einzelnen skizzieren, um anschließend die Plausibilität der einzelnen Ansätze diskutieren zu können und diese bewerten zu können. Haben wir heute etwa eine andere Auffassung von Glück und Moral, und hängen für uns diese Begriffe in irgendeiner Weise zusammen?

2 Begriffsdefinitionen: Glück und Moral

Um einen besseren Zugang zu den verschiedenen Ansichten der Glücksphilosophie von Aristoteles, Mill und Kant zu bekommen, sollen die Begriffe Glück und Moral im Einzelnen definiert werden.

Schon im Alltag stellen wir fest, dass jeder Mensch seine eigene Auffassung vom Glück hat. Während der eine Mensch einen Lotteriegewinn oder andere materielle Dinge als Glück empfindet, findet ein Anderer sein Glück in positiven Gefühlen. Folglich ist der Glücksbegriff nicht einheitlich und deutlich zu definieren, sondern wird durch vielerlei Faktoren geprägt. Der Glücksbegriffbeschäftigt die Menschen nicht erst seit heute. Bereits in der Antike war das Glück eine sehr wichtige Konstante für das menschliche Leben. In der Antike wurde der philosophische Glücksbegriff durchaus anders verstanden als die in unserem Alltag verwendeten Glückstermini. Hierbei handelt es sich keineswegs, um ein momentanes Gefühl des Glücklichsein oder um ein durch Zufall gewonnenes Glück. Es geht vielmehr um eine allgemeine Art der Zufriedenheit. Diese Zufriedenheit besteht langfristig und geht aus dem Handeln und Tun des Menschen hervor. Das Glück gilt in der Antike als das höchste Ziel des menschlichen Lebens.

Grundlegend wird der Glücksbegriff in vielen Sprachen, wie auch im Deutschen, in zwei verschiedene Bedeutungen unterteilt. So wird der Terminus „Glück“ im Englischen beispielsweise durch die zwei verschiedenen terminologischen Begriffe „luck“ und „happiness“ und im Griechischen durch „eutychia“ und „eudaimonia“ differenziert. Im Deutschen meinen wir mit den Begriffen „luck“ und „eutychia“ ein durch Zufall entstehendes Glück beziehungsweise eine Glücksgabe. Wichtig ist hierbei, dass der Mensch dieses Glück keineswegs erzwingen kann, sondern es nur durch Zufall zustande kommt und demnachjeden treffen könnte, wie etwa ein Lotteriegewinn. Die Begriffe „happiness“ und „eudaimonia“ hingegen entsprechen circa dem, was wir heute als Glücklichsein, Glückserfahrung und Glückerleben beschreiben.2 Doch auch die Glückserfahrung kann noch weiter ausdifferenziert werden. Rudolf Ginters beschreibt die verschiedenen Arten des Glücks ziemlich gut.3 Für ihn kann das Glück entweder für eine kurze Zeit andauem oder aber dauerhaft sein. Das Glück, das als andauernder Glückzustand beschrieben werden kann, kann rückblickend auf das vorher erlebte eines Menschen, auf das gesamte Leben bezogen werden. Es stellt somit eine überordnende Zufriedenheit des gesamten Lebens beziehungsweise eine dauerhaftes Glückserlebnis dar. Diese Form des Glücks entspricht den vorher bereits erwähnten Begriffen „happiness“ und „eudaimonia“. Demgegenüber steht das Glück als plötzliche, spontane und unerwartete Freude. Hierbei handelt es sich um rein emotionales Glück oder um Glücksmomente, die wir meist nur für eine kurze Zeit empfinden. Zum Beispiel die Freude, die ein Schüler empfindet, wenn er eine gute Note schreibt. Eine weitere dritte Form des Glücks kann laut Ginters als „Wohlfühlen“ oder „Wohl“ benannt werden. Das Glück besteht hierbei in dem Allgemeinwohl der Menschen.4

Wenn man sich im Rahmen der Philosophie mit der Ethik beschäftigt, ist es quasi unmöglich nicht auf den Terminus „Moral“ zu stoßen, da die Moral als Hauptgegenstand der Ethik gilt. Ähnlich wie die Philosophie des Glücks hat auch die Moralphilosophie keine einheitliche beziehungsweise strikte Definition davon, was Moral ist, sodass sich die Menschen in jeder Zeit mit dem Moralbegriff auseinandersetzen.5 Eine wirkliche Begriffsdefmition zu finden ist utopisch, weswegen ich im Folgenden nur versuchen möchte einen groben anschaulichen Überblick über den Moralbegriff zu tätigen.

Das lateinische Wort „mos“ kann als eine Übersetzung des Ethos-Begriffs verstanden werden, welcher den Grundstein für das deutsche Wort „Moral“, auch Sitte genannt, bildete. Pieper beschreibt die Moral sehr gut, wenn sie schreibt: „Zur Moral oder Sitte werden jene - aus wechselseitigen Anerkennungsprozessen in einer Gemeinschaft von Menschen hervorgegangenen und als allgemein verbindlich ausgezeichneten Handlungsmuster zusammengefasst, denen normative Geltung zugesprochen wird.“ Es handelt sich bei der Moral demnach vielmehr um Gebilde, die die Wert- und Sinnesvorstellungen der Gesellschaften widerspiegeln. Eine Handlung kann als moralisch angesehen werden, wenn sie einer moralischen Norm entspricht. Diese Handlung verpflichtet sich dabei dem Guten.6 Der Alltagsbegriff meint, dass es keineswegs nur eine Moral gibt, sondern vielerlei Moralen, die sichje nach Gesellschaft, Kultur oder Zeitalter unterscheiden können. Die Aufgabe der Moral ist es diesbezüglich danach zu fragen, wie der Mensch richtig handelt beziehungsweise, was richtiges Handeln ist. Unterschieden werden können nach Außen getragene Moralen und nach Innen getragene Moralen. Die Moral nach Außen betrifft die moralischen Normen, Ideale und Wertvorstellungen von Gesellschaften. Diese werden von der Gesellschaft gesetzt, bekräftigt oder sanktioniert. Diese äußere Moral kann jedoch nur dann von dem Rechtsbegriff unterschieden werden, wenn der Mensch auch eine innere Moral in sich trägt. Das Individuum muss, mit moralischen Emotionen verknüpfte, moralische Überzeugungen in sich tragen wie z.B. Schuldgefühle, Gerechtigkeit oder Hochachtung, um die äußere Moral überhaupt zu einer Moral zu machen.7

3 Glück und Moral

Glück und Moral sind nicht einheitlich definierbar. Die Bedeutung und Relevanz der beiden Begriffe wurde und wird auch noch heute diskutiert. Auch die einflussreichsten Philosophen wie Aristoteles, Immanuel Kant und John Stuart Mill waren nicht alle derselben Meinung, wenn es darum ging, die Begriffe Glück und Moral zu bestimmen und in Bezug zueinander zu setzen. Doch wie stark gehen die einzelnen Meinungen und Ansätze eigentlich auseinander?

3.1 bei Aristoteles

Aristoteles prägte mit seiner Philosophie nicht nur die Menschen seiner Zeit, sondern auch die Menschen, die Jahrtausende nach ihm lebten. Sehr ausführlich thematisiert Aristoteles das Glück in seiner Nikomachischen Ethik.8

Er untergliedert seine NE in verschiedene Bücher und beginnt in Buch I mit dem Glück als das höchste Gut. Er beschreibt, dassjeder Mensch das Bedürfnis habe, durch ein gewisses Handeln ein bestimmtes Gut zu erlangen. Die Ziele dieser Handlungen können dabei stark voneinander variieren. Das Ziel einer Handlung kann entweder in der Tätigkeit selbst z.B. beim Bau eines Hauses oder in dem Ergebnis z.B. dem Haus, liegen. Das Ergebnis hat hierbei jedoch einen höheren Wert als das bloße Tätigsein. So ist beispielsweise das Ziel der Medizin die Gesundheit und das höchste Ziel des Lebens das Glück bzw. Glücklichsein mit dem Unterschied, dass die Glückseligkeit das einzige vollkommene und abschließende Ziel ist, worauf alles hinstrebt.9 Auf die Glückseligkeit streben wir Menschen um ihrer selbst willen hin. Da die Ziele in einer bestimmten Rangfolge zueinanderstehen und das Ergebnis des einen Ziels immer auch nach einem höheren Ziel streben kann, müssen solche Strebensketten durch ein Endziel abgeschlossen werden.10 Dieses Endziel nennt er die Glückseligkeit oder auch Eudaimonia. Die Eudaimonia ist laut der NE das höchste aller Güter, das durch das menschliche Handeln erreicht werden kann. Aristoteles setzt somit bewusst ein gutes Leben und gutes Handeln gleich und distanziert sich somitvon dem Glücksbegriff durch Schicksal oderZufall.11

Diese Ziele erreicht der Mensch, durch als positiv bewertete und demnach als gut geltende charakteristische Tätigkeiten. Der Mensch muss also sein Leben lang gut oder tugendhaft handeln und tätig sein. Anzumerken ist, dass Aristoteles immer von einem tugendhaften Handeln, statt einem moralischen Handeln ausgeht. Er beschreibt lediglich, dass ein Mensch gerecht wird durch gerechtes Handeln und tapfer wird durch tapferes Handeln. Demzufolge sei der Mensch durch das Einüben auch dazu befähigt moralisch zu handeln. Für Aristoteles ist aber nicht wichtig, dass der Mensch moralisch handelt, um glücklich zu werden, sondern dass er tugendhaft handelt.

Unterschieden werden drei verschiedene Lebensweisen mit drei verschiedenen Zielen. Das Genussleben, so Aristoteles, strebt nach dem Ziel Lust, das politische Leben strebt nach Ehre und das philosophische Leben nach Erkenntnis. Da die Tugend eines Menschen die Fähigkeit seiner Vernunft ist, entspreche das philosophische Leben am ehesten seiner Idee.12 Doch was meint Aristoteles mit Tugenden? Grundlegend unterscheidet er zwischen zwei Arten der Tugend. Die Tugend des Denkens und die des Charakters. Während die Tugend des Denkens Zeit und Belehrung benötigt, bedarf es der Charaktertugend an Gewöhnung. Das wiederum zeigt, dass die Charaktertugenden dem Menschen nicht von Natur aus gegeben sind, sondern sich erst entwickeln. Ein Mensch kann auch mehrere Tugenden besitzenjedoch soll er nur die nutzen, die er am besten beherrsche, um zur Glückseligkeit zu gelangen.13 Da die tugendhaften Tätigkeiten des Menschen auf das Ziel der Glückseligkeit hinstreben ist auch wichtig zu wissen, welche Tugenden Aristoteles unterscheidet. Diese möchte ich, wenn auch nicht intensiv, benennen. So sind wichtige Tugenden des Denkens, die ihm durch seine Vernunft (logos) gegeben werden beispielsweise die Weisheit, die Klugheit oder die Wissenschaft. Zu den Charaktertugenden hingegen zählen Tugenden wie die Tapferkeit, die Besonnenheit und die Großzügigkeit.14

Aristoteles zeigt in seiner NE auch, dass er für eine Gleichsetzung von Glück und Tugend/Moral ist. Wenn der Mensch tugendhaft handelt, dann ist er auch glücklich. Dieses tugendhafte Verhalten steht hierbei in Verbindung zu äußeren Gütern oder Umständen. So können auch äußere Faktoren wie Schönheit, Familie oder Herkunft bei dem Erreichen der Glückseligkeit behilflich sein. Andersherum können jedoch auch Schicksalsschläge dafür verantwortlich sein, dass ein Mensch nicht als glückselig bezeichnet werden kann.15

[...]


1 Winfried Czapiewski: Platon: Gorgias, Oberhausen2017.

2 Günther Bien: Über das Glück, in: Joachim Schummer (Hrsg.), Glück und Ethik, Würzburg 1998, 23-45.

3 Anzumerken ist hier, dass es sowohl bei Ginters als auch im Allgemeinen noch sehr viele weitere Glücksdefinitionen gibtjedoch nicht alle im Rahmen dieser Arbeit behandelt werden können.

4 Rudolf Ginters: Werte und Normen. Einführung in die philosophische und theologische Ethik, Göttingen 1982, S. 221ff..

5 Der Moralbegriffkann aufgrund des geringen Umfangs der Arbeit leider nicht weiter fortgeführt werden.

6 Annemarie Pieper: Einführung in die Ethik, Tübingen 2017, S. 22f..

7 Dieter Bimbach: Analytische Einführung in die Ethik, Berlin/Boston 2013, S. 7f..

8 Im weiteren Verlauf der Arbeit mit NE abgekürzt.

9 Max Klopfer: Ethik-Klassiker von Platon bis John Stuart Mill, Stuttgart 2008, S. 84.

10 Aristoteles: NikomachischeEthik, Stuttgart2003, S. 5ff..

11 Otfried Höffe: Prinzip: Glück, in: Thomas Buchheim/Hellmut Flashar/Richard King (Hrsg.), Kann man heute noch etwas anfangen mit Aristoteles?, Hamburg 2003, S. 129ff..

12 Aristoteles: Nikomachische Ethik, Stuttgart 2003, S. 8f..

13 Ebd., S. 34ff..

14 Ebd..

15 Ebd., S. 16ff..

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Ist Moral der Schlüssel zum Glück? Über das Verhältnis von Glück und Moral bei Aristoteles, Mill und Kant
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Grundbegriffe der Ethik
Note
1.0
Autor
Jahr
2021
Seiten
13
Katalognummer
V1138828
ISBN (eBook)
9783346498915
ISBN (Buch)
9783346498922
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kant, Glück, Moral, Ethik, Mill, Aristoteles
Arbeit zitieren
Dilay Ürkmez (Autor:in), 2021, Ist Moral der Schlüssel zum Glück? Über das Verhältnis von Glück und Moral bei Aristoteles, Mill und Kant, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1138828

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