Im Rahmen meiner Bachelor Thesis setzte ich mit dem Thema Mentalisierung und Mutter-Kind-Bindung auseinander. In diesem Zusammenhang stieß ich auf bindungstheoretische Erkenntnisse zur transgenerationalen Musterübertragung. Außerdem ist mir aufgefallen, dass Klient*innen, in deren Herkunftsfamilien bereits psychische Erkrankungen vorlagen, selbst symptomatische Muster ausgebildet haben.
Daher soll in dieser Kolloquiums Arbeit das Anerkennungsjahr entlang der Fragestellung "Welche Problematiken können in einem Mutter (Vater)-Kind-Haus, durch transgenerationale Musterübertragungen, am Beispiel der Borderline-Persönlichkeitsstörung, auftreten und wie können Sozialarbeiter*innen diesen entgegenwirken?" betrachtet und reflektiert werden.
Im dritten und vierten Semester absolvierte ich mein projektbegleitendes Praktikum im Mutter (Vater)-Kind-Haus des Jugendhilfeträgers. Bereits in einem sehr frühen Stadium des Projektpraktikums erkannte ich für mich, dass die Tätigkeit in einer derartigen Einrichtung genau meinen Interessen entspricht. Da eine Pädagogin die Abteilung während meines Praktikums, im März 2020 verließ, bekam ich das Angebot, die freigewordene Stelle zu besetzen. Seit diesem Zeitpunkt bin ich vollzeitbeschäftigt im Mutter (Vater)-Kind-Haus tätig. Da ich mich seither sehr gut in diesem Tätigkeitsfeld eingearbeitet habe, lag es auch nahe, mein Anerkennungsjahr zur staatlichen Anerkennung als Sozialarbeiterin, hier zu absolvieren. Meiner Meinung nach dient das Anerkennungsjahr der Entwicklung einer eigenen beruflichen Identität und einer eigenen pädagogischen Haltung sowie des Erkundens der eigenen Interessen und der Suche eines für sich selbst geeigneten Arbeitsfeldes. Sofern man seinen Platz, so wie ich, bereits gefunden hat, haben Sozialarbeiter*innen im Anerkennungsjahr die Möglichkeit diese Fähigkeiten weiterzuentwickeln und auszubauen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Auseinandersetzung mit dem Arbeitsfeld
2.1 Der Jugendhilfeträger
2.2 Das Mutter (Vater)-Kind-Haus (MuK)
2.3 Rechtliche Grundlagen
2.4 Aufgabenbereiche während des Anerkennungsjahres
2.4.1 Pädagogische Tätigkeiten während des Anerkennungsjahres (Auswahl)
2.4.2 Administrative Tätigkeiten während des Anerkennungsjahres (Auswahl)
3. Transgenerationalität bei psychischen Erkrankungen
3.1 Die Borderline-Persönlichkeitsstörung
3.2 Risikofaktoren der Musterübertragung
4. Fallvorstellung
4.1 Biographischer Hintergrund
4.2 Andrea und Ariana
4.3 Interventionsmöglichkeiten der Pädagog*innen
4.3.1 Reflecting Team
4.3.2 Entwicklungs- und Beratungsgespräche
5. Reflexion
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit reflektiert das Anerkennungsjahr in einem Mutter-Kind-Haus vor dem Hintergrund transgenerationaler Musterübertragungen. Ziel ist es, am Beispiel der Borderline-Persönlichkeitsstörung zu untersuchen, welche Problematiken in diesem Setting auftreten und wie Sozialarbeiter*innen diesen professionell entgegenwirken können, um eine sichere Mutter-Kind-Bindung zu fördern.
- Transgenerationale Weitergabe psychischer Erkrankungen
- Bindungstheoretische Aspekte bei Borderline-Symptomatik
- Systemische Arbeitsweisen im stationären Jugendhilfe-Setting
- Förderung der Mentalisierungsfähigkeit bei jungen Müttern
- Fallbasierte Analyse von Mutter-Kind-Interaktionen
Auszug aus dem Buch
3.1 Die Borderline-Persönlichkeitsstörung
Eine Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) wird nach der ICD-10 mit dem Code F60.31 klassifiziert [vgl. DIMDI, 2021]. Laut Fonagy und Target gehen die Symptomatik einer Borderline-Persönlichkeitsstörung mit einer gestörten Fähigkeit zu mentalisieren einher [vgl. Fonagy; Target, 2003, S. 224]. Gerade im Hinblick auf die Bedürfnisbefriedigung von Säuglingen und Kleinkindern ist dies aber erforderlich.
Als ein wesentliches Merkmal der Borderline-Persönlichkeitsstörung ist zudem die Beziehungsinstabilität sowie die Störung des Selbstbildes zu nennen [vgl. ebd.]. Personen mit dieser Störungssymptomatik gelingt es selten, die ihnen gezeigten Zeichen eines mentalen Zustands der Bindungsperson zu erkennen oder zu interpretieren. Sie können derartige Zustände nur durch defensive Spaltung und projektive Identifizierung verzerrt wahrnehmen [vgl. Fonagy et al., 2019, S. 361].
Es ist erfasst, dass die Mehrzahl der an BPS erkrankten Patienten dem unsicher-ambivalenten oder hochunsicheren, desorganisierten Bindungstyp zugeordnet werden können. Betrachtet man noch zusätzlich den Bezug zu traumatischen Erfahrungen, ist zu erkennen, dass diese in der Kategorie „ungelöst“ einzuordnen sind [vgl. Fonagy; Target, 2003, S. 224]. Fonagy und sein Mitarbeiterteam haben herausgefunden, dass die untersuchten Personen mit BPS über eine niedrige Reflexionsfähigkeit verfügen und eine nur mangelhaft ausgebildete Fähigkeit zum Mentalisieren der Bindungsbeziehungen, besitzen [vgl. Fonagy; Target, 2003, S. 225]. So gibt es Hinweise darauf, dass die untersuchten Probanden häufiger Opfer von Misshandlungen in der Kindheit waren und selbst primäre Bezugspersonen hatten, die an BPS erkrankt waren oder zumindest dem Grenzspektrum anzugliedern sind [vgl. ebd.].
An BPS erkrankte Patienten verfügen über ein instabiles Selbstgefühl, welches als Folge einer fehlenden Reflexionsfähigkeit zugeschrieben wird. Sie können ein stabiles Selbstgefühl aufbauen, indem das Selbst auf den Anderen (hier die Bindungsperson) übertragen und kontrolliert wird. Ein weiterer Aspekt ist die Impulsivität der Betroffenen. Diese ist eventuell auch auf die fehlende Wahrnehmung der eigenen emotionalen Zustände zurückzuführen. In diesem Kontext ist zu erwähnen, dass die häufigen emotionalen Erregungszustände die Selbstkontrolle überfordern, weil auch die Affektregulierung verhindert wird [vgl. Fonagy et al., 2019, S. 361 ff.].
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Verfasserin begründet ihre Themenwahl durch Beobachtungen während ihres Praktikums im Mutter-Kind-Haus bezüglich transgenerationaler Muster und definiert die Forschungsfrage der Arbeit.
2. Auseinandersetzung mit dem Arbeitsfeld: Dieses Kapitel beschreibt die Struktur des Jugendhilfeträgers sowie das spezifische Setting, die rechtlichen Grundlagen und die vielfältigen Aufgabenbereiche im Anerkennungsjahr.
3. Transgenerationalität bei psychischen Erkrankungen: Hier werden theoretische Grundlagen zu transgenerationalen Übertragungsprozessen und spezifisch zur Borderline-Persönlichkeitsstörung dargelegt, insbesondere hinsichtlich der Auswirkungen auf die Bindungsfähigkeit.
4. Fallvorstellung: Anhand einer konkreten Fallgeschichte einer jungen Mutter und ihres Kindes wird das theoretische Wissen mit der praktischen Arbeit und systemischen Interventionsmethoden verknüpft.
5. Reflexion: Die Autorin reflektiert ihre persönliche Entwicklung im Anerkennungsjahr, ihre Rolle als Sozialarbeiterin und kritisiert Strukturen im Arbeitsfeld.
Schlüsselwörter
Anerkennungsjahr, Mutter-Kind-Haus, Transgenerationalität, Borderline-Persönlichkeitsstörung, Bindungstheorie, Mentalisierung, Kindeswohl, Systemische Soziale Arbeit, Mutter-Kind-Bindung, Jugendhilfe, Fallvorstellung, Reflexion, Pädagogik, Emotionsregulierung, Lebenspraktische Fähigkeiten.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit reflektiert die Tätigkeit im Anerkennungsjahr innerhalb eines Mutter-Kind-Hauses unter besonderer Berücksichtigung transgenerationaler Musterübertragungen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind psychische Erkrankungen bei Eltern (insb. Borderline-Störung), deren Auswirkungen auf die Bindungsentwicklung zum Kind sowie systemische Ansätze in der stationären Jugendhilfe.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet: „Welche Problematiken können in einem Mutter (Vater)-Kind-Haus, durch transgenerationale Musterübertragungen, am Beispiel der Borderline Persönlichkeitsstörung, auftreten und wie können Sozialarbeiter*innen diesen entgegenwirken?“
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin stützt sich auf theoretische bindungstheoretische Erkenntnisse (z.B. Mentalisierung) und verknüpft diese mit einer praxisnahen Fallvorstellung (Genogramm-Arbeit, Reflecting Team).
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Vorstellung des Arbeitsfeldes, eine theoretische Einbettung zum Thema Transgenerationalität und Borderline sowie eine detaillierte Fallvorstellung inklusive der angewandten Interventionsmethoden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Transgenerationalität, Borderline-Persönlichkeitsstörung, Bindungstheorie, Mentalisierung, Kindeswohl und systemische Soziale Arbeit.
Wie gehen die Pädagog*innen mit der Borderline-Symptomatik bei Klientinnen um?
Durch transparente Bezugsbetreuerarbeit, systemische Methoden wie das Reflecting Team und regelmäßigen kollegialen Austausch soll verhindert werden, dass Klientinnen Spaltungsmechanismen zwischen den Fachkräften einsetzen.
Warum ist die Arbeit mit dem Reflecting Team in diesem Kontext hilfreich?
Das Reflecting Team ermöglicht es, den Klientinnen durch wertschätzende Beobachtungen auf der Metaebene neue Perspektiven auf ihr eigenes Verhalten zu eröffnen, ohne sie direkt zu konfrontieren oder unter Druck zu setzen.
Welchen Stellenwert nimmt das Genogramm in dieser Einrichtung ein?
Das Genogramm dient als zentrales diagnostisches und reflexives Werkzeug, um familiäre Verstrickungen und transgenerationale Muster bereits frühzeitig im Aufnahmeverfahren sichtbar zu machen.
Welche kritische Anmerkung macht die Verfasserin zur Arbeit im Mutter-Kind-Haus?
Die Autorin kritisiert unter anderem den hohen administrativen Aufwand, der wertvolle Zeit für die pädagogische Arbeit bindet, sowie die bisher fehlende Väterarbeit in der Einrichtung.
- Arbeit zitieren
- Steffi Gesser (Autor:in), 2021, Transgenerationale Musterübertragungen in der Eltern-Kind-Beziehung am Beispiel der Borderline-Persönlichkeitsstörung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1138927