Form und Funktion der recusatio bei Horaz


Examensarbeit, 2008
56 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die literarische Tradition - Formen und Merkmale der recusatio vor Horaz

3. Recusatio bei Horaz
3.1. Die recusatio in den Satiren (I 10, II 1)
3.2. Die recusatio in den Oden
3.2.1. Ode I 6 – Ein dreifaches Enkomium
3.2.2. Ode IV 15 - Herrscherpanegyrik
3.2.3. Ode II 12 – Maecenas, oder: Von der Fremdzur Selbstdarstellung
3.3. Von den Oden zur Augustusepistel: Grenzformen der recusatio

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Begriff recusatio als Terminus, der bestimmte Gedichte und Gedichtformen der antiken Literatur beschreibt, ist ein Produkt der Moderne, die mit ihm versucht, sowohl gewisse Leitlinien und Abhängigkeiten in der literarhistorischen Betrachtung aufzuzeigen, als auch immer auf gewisse Eigenarten eines Dichters oder einer Gruppe von Dichtern zu stoßen. Bei Letzterem sind sogenannte poetologische Gedichte von entscheidender Bedeutung, d.h. solche, in denen das lyrische Ich, also das, was man in Zeiten positivistischer Literaturwissenschaft als den »Dichter« bzw. seine angeblich historisch fassbare Person bezeichnet hatte, in der Rolle des poeta erscheint, der den eigenen Standpunkt zu Grundfragen der literarischen Produktion seiner eigenen Person wie auch der von anderen reflektiert und hinterfragt.

Poetologische Gedichte oder diejenigen, die sich als solche interpretieren lassen, sind in der antiken Literatur durchaus häufig, so kennen wir von den einigermaßen erhaltenen Lyrikern kaum einen, der nicht in irgendeiner Weise zu seiner Dichtungskonzeption Stellung genommen hätte. Auffallend ist, dass die Motive und Techniken, derer sich poetologische Aussagen in der griechischrömischen Antike – hier sei nur beispielhaft auf den Musenanruf und Inspirationsszenen verwiesen - bedienen, durchaus über eine überaus lange Halbwertszeit verfügen, die bis in die Moderne reicht. Dass Dichter dabei unter Zuhilfenahme von Variation und Abgrenzung, gleichermaßen aber auch vor allem Selbsteinordnung und -orientierung innerhalb der literarischen Tradition diese Motive auf verschiedenste Weise nutzen, sie im Rahmen einer literarischen imitatio übernehmen oder die Grenzen der Vorlage durch aemulatio verändern, aufweichen, in ihr Gegenteil verkehren oder völlig sprengen, ist ein konstituierendes Merkmal der Literaturgeschichte, dass kontrastierende Untersuchungen wie den literarischen Diskurs überhaupt erst ermöglicht. Nicht weniger setzen auch dieselben Autoren innerhalb ihres Werkes dieselben Techniken variierend ein und oft ist das nicht nur »literarisches Spiel«, sondern durchaus ernstzunehmende Beleuchtung der eigenen Dichtung aus verschiedenen Blickwinkeln und mit unterschiedlichen Absichten.

Die Technik der recusatio , mit der sich diese Arbeit befasst, ist eine solche und gleichermaßen eine so häufige, dass es verwundert, dass sie ihren Namen erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts bekommen hat. In einer Festschrift für den großen Berliner Philologen Johannes Vahlen benennt dessen Schüler Hans Lucas die »ausgesprochene Weigerung [des Dichters], welche die Erfüllung in sich schließt«[1] mit dem Terminus recusa tio, der zwar die »Weigerung«, nicht jedoch die »Erfüllung« auch in seiner lateinischen Form beinhaltet. Lucas' Beobachtungen haben aber keineswegs die gesamte antike Literatur im Blick, sondern nur einen Bruchteil derselben: das Werk des Horaz, das eine besonders hohe Dichte an recusationes aufweise. In der Tat kann man eine große Zahl von Gedichten des Horaz unter dem Aspekt der »Weigerung« sogar – freilich überspitzt und gewiss die bejahenden Aspekte der horazischen Lyrik übersehend - in gewisser Weise als Gedichte »für eine Kultur der Verweigerung«[2] lesen, Lucas kommt es aber vor allem auf die Verbindung von Poetologie und Weigerung an, er meint in seiner Definition ausschließlich poetologische r ecusationes .

Diese seien : »[1.] Weigerung, jemanden durch ein erhabenes Gedicht zu ehren und damit die Erfüllung; [2.] die Abwälzung des Auftrages auf eine andere Dichtgattung; [3.] Anspielung auf frühere Leistungen, die verleugnet werden«[3]. Die Annahme, dass recusationes auf den konkreten Wunsch eines Gönners oder einer anderen Person antworten, ist heute m.E. nicht mehr haltbar, der apologetische Kontext der Weigerung, d.h. das, wogegen sich die Weigerung richtet, kann bestenfalls imaginiert sein[4]. Ebenso ist es bisher nicht gelungen, konkrete Anlässe außerhalb der Dichtung selbst zu belegen, somit gilt die gleiche Vorsicht, die man bei vermeintlich (auto-)biographischen Aussagen in der Lyrik und anderswo gemeinhin walten lässt.

Für den ersten Teil der Definition, die Weigerung und gleichzeitige Erfüllung umfasst, ist Lucas' interessante Parallelstellung zwischen recusatio und der rhetorischen Figur der praeteritio verantwortlich, der »in die Scheinform der Übergehung gekleidete Erwähnung«[5], die er analog zu seiner Grundannahme einer konkreten Weigerungssituation, die von einer fordernden Person ausgeht, die in irgendeiner Weise Ansprüche auf enkomiastische Verherrlichung erhebt, jedoch nur auf die in dem Gedicht genannten oder adressierten Personen bezieht, nicht jedoch auf literarische Genera. Diese kommen erst im zweiten Teil der Definition ins Spiel, r ecusatio sei nicht nur Ablehnung, sondern auch Empfehlung einer möglicherweise geeigneteren literarischen Gattung für Inhalte, die der poeta der eigenen als nicht angemessen empfindet. Tatsächlich jedoch sind es nicht besonders viele Gedichte, die gemeinhin mit dem Begriff recusatio bezeichnet werden und gleichzeitig entweder eine Dichteroder Gattungsempfehlung aussprechen[6] - die Grundidee, der »eigentliche Kern der Definition«[7] ist die Weigerung und als solche lässt sich der Begriff recusatio möglichst extensiv fassen, bevor weitere Kategorisierungen möglich und bei der zugegebenermaßen weitläufigen Verschiedenartigkeit der recusationes, die wir haben, nötig sind. Die Weigerung ist essentieller Bestandteil, von dem die gleichsam optionalen Elemente »Abwälzung [...] auf eine andere Dichtgattung« und »Anspielung auf frühere Leistungen« abhängig sind, da eine Ablehnung kaum formuliert werden kann, ohne dass das Abgelehnte benannt wird.

Die nächsten bedeutenden Auseinandersetzung mit dem Phänomen recusatio fußt auf dem für das Verständnis hellenistischer wie auch römischer Lyrik und ihrer Poetologie wichtigsten Papyrusfund des 20. Jahrhunderts, dem Aitienprolog des Kallimachos. Durch ihn ist es – trotz seines fragmentarischen Erhaltungszustandes und erheblicher philologischer Grabenkämpfe - möglich geworden, gewissen Elementen der poetologischen Aussagen eines Catull, Properz, Vergil etc. zumindest einen Vorgänger zuzuweisen. Gleichermaßen scheint er für eine bestimmte recusatio -Form, nämlich diejenige, bei der eine Gottheit den Dichter zu einer bestimmten Form von Dichtung »anleitet«, der wichtigste Prätext zu sein, auf den die römische Lyrik immer wieder eindeutig, jedoch in unterschiedlichen Ausformungen, Bezug nimmt.

Die auch heute noch unersetzliche Studie K allimachos in Rom[8], in der Wimmel den Einfluß des Kallimachos v.a. auf die augusteische Dichtung in ex t enso und in ebenso klaren Linien herausarbeitet, ist von so großer Bedeutung, weil sie den horazischen Tunnelblick Lucas' auf die großen Dichter der augusteischen Zeit erweitert, die Kallimachosrezeption und ihre Formen als verbindendes Element erkennt und benennt. Wimmel interpretiert den Aitienprolog als »apologetische Dichtung« und wendet das Merkmal der Selbstrechtfertigung auf die von ihm abhängigen Gedichte an und bettet die recusatio als eine Form der Apologie ein. Interessanterweise kommt er dabei die recusatio betreffend zu ähnlichen Aussagen wie Lucas: sie sei »gewährendes Verweigern« und - davon abhängig - »Reihung großer Stoffe«[9]. Während Lucas' in der recusatio v.a. Ablehnung von panegyrischer und enkomiastischer Dichtung jedweder Art sah, ist Wimmel der Auffassung, dass es Kallimachos besonders auf die Ablehnung des Epos ankomme[10]. Solche Divergenzen der Beurteilung entspringen der Perspektive, die gewählt wird, um das Phänomen recusatio zu fassen. Man muss sich bei seiner Betrachtung vergewissern, dass man, um der Universalisierbarkeit Genüge zu tun, weder die Stellung des Kallimachos vorbehaltlos auf alle Nachfolger abbildet, noch den Blick zu eng auf nur einen Dichter und seinen Einsatz der recusatio richtet, sondern immer auch über den Tellerrand, d.h. in die Motivgeschichte, blicken muss, bevor und nachdem man Abhängigkeiten und Formen verstanden zu haben glaubt.

Mehr als einhundert Jahre nach Lucas gehört der Terminus recusatio zum Standardrepertoire der klassischen Philologie und der Beschäftigung mit Kallimachos und seinen augusteischen Rezipienten. In der einschlägigen Forschungsliteratur gibt es, was ihn betrifft, wohl mehr Definitionen und Schattierungen des Begriffes, als es recusationes gibt. Junks Dissertation über Die augusteische recusatio zeigt in ihrer Einleitung anschaulich, dass all diese Definitionen an einem Mangel kranken, nämlich, dass sie sich zu sehr auf die Art des durch die recusatio Abgelehnten konzentrieren und konstatiert diesbezüglich ein Schwanken zwischen »Gattung« und »Thema«.[11] In der Tat kann man, wenn man nur einzelne Gedichte, die eine r ecusatio beinhalten, behandelt, offenbar zu ganz unterschiedlichen Auffassungen kommen. Die Grenzen zwischen Panegyrik und Enkomion, Epos und Tragödie scheinen zu verschwimmen, manchmal wird die recusatio zu einer Ablehnung eines nicht näher bestimmten »Lebensgefühls« im Rahmen eines vormodernen »Pazifismus«, so dass eine »Eingrenzung über den Inhalt [...] nicht durchgeführt werden kann«[12], weder ist die Ablehnung auf eine Gattung beschränkt[13], noch setzt sich jede recusatio mit einem Lebensgefühl oder gar mit Kriegshandlungen auseinander. Im Gegenteil, die Form der recusatio , das rhetorische Mittel der Weigerung, ist, wie sich zeigen wird, eine Möglichkeit, die in besonderer Weise genutzt wird, verschiedene Inhalte aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten, und scheint dabei ganz besonders anfällig für Motivvariationen zu sein – auch für solche Motive, die deutlich älter sind als die Aitien des Kallimachos.

Ein Motiv, das in der Forschungsliteratur immer wieder als unverzichtbarer Bestandteil v.a. der augusteischen recusationes erscheint, teilweise sogar mit ihr gleichgesetzt wird, ist das Motiv der excusatio . Tatsächlich fällt auf, dass ein nicht unbedeutender Teil dieser recusationes eine Begründung enthält, warum der poeta gewisse Formen und Inhalte ablehnt[14]. Oft ist diese mit dem Topos der affektierten Bescheidenheit verbunden. Für die Praxis ist eine Kategorisierung einzelner Gedichte nach r ecusatio und excusatio wenig hilfreich, ebenso wie eine zu kleinteilige Sortierung nach abgelehnten Inhalten: die sog. excusatio ist eine Konsequenz der recusatio, ihre Begründung und Weiterführung. Man darf – das hat schon Lucas im Kern völlig richtig gesehen – die recusatio weder als beliebten Gedichttypus, noch als Motiv oder Topos im eigentlichen Sinne, sondern wie die praeteritio als rhetorisches Mittel sehen. Recusatio und praeteritio sind prinzipiell dieselbe rhetorische Figur, die durch scheinbare Ablehnung bzw. Übergehung gekennzeichnet ist, die recusatio hat jedoch ihren festen Platz in der Dichtung, ist immer poetologischer Natur und befasst sich mit Gattungen und / oder Inhalten von Dichtung, kurz: sie ist im Kern eine literarische praeteritio .[15] Diese grundlegende Definition der recusatio aus der praeteritio heraus führt zu der Überlegung, inwiefern recusatio als rhetorisches Mittel analog zur ensprechenden Technik der praeteritio dazu dient oder dienen kann, sprachliches Material, Themen und Inhalte, die v.a. die der Charakterisierung der abgelehnten Genera dienenden Partien bieten, in die eigene lyrische Form zu integrieren und im Rahmen der schon von Lucas' konstatierten »Erfüllung« zu sehen. Harrison bringt die Frage und ihre Implikationen – am Beispiel der Integration epischen Materials - auf den Punkt:

»Is the epic material simply being written off as something inappropriate for Horatian lyric discourse, as the poet sometimes claims and many scholars have assumed? Or is it [...] rather being used in more complicated ways, perhaps satirised and rejected but also included in and adapted to the lyric form simply by appearing there recognisably as itself thereby extending and enriching the lyric genre with evident epic elements?«[16]

Wenn recusatio in Analogie zur praeteritio gesehen wird, aber auch einfacher, wenn man Ablehnung als Eingrenzung des Eigenen und somit als Negation des Übrigen sieht und diese Ablehnung sprachlich realisiert wird, so erhält das Abgelehnte gleichzeitig einen Platz innerhalb des Eigenen.

Diesen Fragen hat sich besonders Gregson Davis gewidmet im Rahmen einer, wie er es nennt, »radical reinterpretation of the recusatio «[17]. Worin besteht nun also die Radikalität seines Ansatzes? Zum einen sei recusatio als Begriff nicht geeignet, um das Phänomen zu beschreiben, denn »the term refusal carries a misplaced emphasis«[18], »for an ancillary objective of many proclaimed 'refusals' is not to exclude, but [...] to include generically disparate material while protesting vigorously against it«, ein Gedanke, den schon Lucas in nicht ganz unähnlicher Weise auf die Formel »Ablehnung bei gleichzeitiger Erfüllung« gebracht hatte und wie jener benutzt auch Davis die Analogie zur praeteritio .[19] Dem aufmerksamen Leser seiner Studie wird schnell bewusst, dass hier Altbekanntes unter neuem Namen verkauft werden soll: recusatio wird zu generic disavowal, einer Zurückweisung »pertaining to genre«[20]. Ohne weiter nachzuverfolgen, inwieweit refusal und disavowal im Englischen Bedeutungsunterschiede aufweisen, so lässt sich doch immerhin sagen, dass zumindest »generic« - wir haben schon gesehen, dass recusationes sich nicht nur auf literarische Genera, sondern ebenso häufig auf die Art, wie Inhalte präsentiert werden, oder gar auf die Inhalte selbst beziehen – auf eine ebenso deplatzierte Überbetonung und Eingrenzung schließen lässt.

Abgesehen von dem neuen Terminus, der sich aufgrund seiner Bedeutungsenge wohl nicht durchsetzen wird, fordert Davis jedoch noch einmal dazu auf, bei der Beschäftigung mit der recusatio ihr »paradoxical intent«[21] in den Blick zu nehmen, d.h. nicht nur zu untersuchen, wie die Ablehnung sprachlich und motivisch realisiert wird, sondern auch, wie das Abgelehnte charakterisiert wird und ob es in dem ein oder anderen Gedicht nicht sogar eine größere Rolle einnimmt als bisher angenommen, denn vielleicht ist es sogar die Synthese[22] von Ablehnung und Abgelehntem, die die recusatio ausmacht.

Nach diesen theoretischem Überblick über die Forschungsgeschichte zur recusatio allgemein und dem Versuch, eine umfassende Definition zu geben, soll nun im Hauptteil dieser Arbeit der Umgang mit ihr auf das Werk des Horaz beispielhaft erprobt werden. Vor der Analyse der Einzelgedichte muss jedoch ein kurzer Überblick über die Geschichte der Form sowohl in der griechischen als auch in der römischen Literatur stehen, da nur durch ihn und die Analyse der die Form konstituierenden Merkmale eine umfassende Bewertung auf der Basis von intertextuellen Bezügen gegründet werden kann. Wie sich aus den bisher angestrengten Bemühungen leicht ablesen lässt, ist die Eigenart jeder recusatio zum einen in der Art, wie und v.a. mithilfe welcher Motive sie realisiert wird, zum anderen in der Hinsicht, welche Themen und Gattungen abgelehnt und charakterisiert werden, und schließlich in der Darstellung der eigenen persönlichen Dichtungskonzeption zu finden. Alle drei Punkte sollen in den nun folgenden Ausführungen zur Sprache kommen, um ein Instrumentarium und eine Bewertungsgrundlage für die Interpretation der Horazgedichte zu erlangen. Keineswegs kann hier jedoch eine umfassende Interpretation der Vorgänger erreicht werden, ebenso kann die teilweise massive Forschungsdiskussion um die einzelnen Gedichte nur wenig Raum finden, aber die groben Linien einer Literaturgeschichte der recusatio können vielleicht dennoch herausgearbeitet werden.[23]

2. Die literarische Tradition - Formen und Merkmale der recusatio vor Horaz

Wenn man die recusatio als Ablehnung bestimmter Inhalte und Formen der Dichtung versteht, die verschiedentlich begründet werden kann, ist völlig einsichtig, dass am Anfang der griechischen Literatur keine recusatio stehen kann. So verweisen die Proömien von Ilias und Odyssee, Hesiods Theogonie und Erga immer auf die Musen, die für die jeweilige Dichtung Inspiration schenken bzw. schenken sollen, ein Motiv, das auch in späteren Zeiten immer wieder aufgenommen wird[24]. Da Dichtung in allen Fällen als göttlich inspiriert erscheint, haben die jeweiligen Dichter als Sprachrohre der Götter hier noch gar keine Möglichkeit, etwas abzulehnen, Form und Inhalt erscheint jeweils als nicht wählbar. Diese Abhängigkeit von den Musen wird ebenfalls zu Beginn des Schiffskatalogs im zweiten Buch der Ilias deutlich:

πληθὺν δ' οὐκ ἂν ἐγὼ μυθήσομαι οὐδ' ὀνομήνω, οὐδ' εἴ μοι δέκα μὲν γλῶσσαι, δέκα δὲ στόματ' εἶεν, φωνὴ δ' ἄρρηκτος, χάλκεον δέ μοι ἦτορ ἐνείη, εἰ μὴ Ὀλυμπιάδες Μοῦσαι Διὸς αἰγιόχοιο θυγατέρες μνησαίαθ' ὅσοι ὑπὸ Ἴλιον ἦλθον·

ἀρχοὺς αὖ νηῶν ἐρέω νῆάς τε προπάσας (Hom. Il. II 488ff.)

Die Aufzählung der Kämpfer vor Troja kann der Iliasdichter nicht ohne den Beistand der Musen leisten und begründet dies mit seiner menschlichen Schwäche, auch wenn er ein archaischer Superheld oder eine Gruppe von Menschen mit zehn Zungen und Mündern, einer unverwüstlichen Stimme und einem eisernen Herzen wäre, könnte er es nicht bewältigen. Dieses »ich kann nicht« ist jedoch nicht so sehr Entschuldigung als vielmehr Beweis für die Verbindung mit den Musen[25], da der Schiffskatalog ja keineswegs ausfällt.

Das siebte Idyll des Bukolikers Theokrit ist dann jedoch tatsächlich eine excusa t io , es spricht jedoch nicht der poe t a selbst, sondern Simichidas, der sogleich in einen poetischen Agon mit Lykidas treten wird:

καὶ γὰρ ἐγὼ Μοισᾶν καπυρὸν στόμα, κἠμὲ λέγοντι πάντες ἀοιδὸν ἄριστον· ἐγὼ δέ τις οὐ ταχυπειθής, οὐ Δᾶν· οὐ γάρ πω κατ' ἐμὸν νόον οὔτε τὸν ἐσθλόν

Σικελίδαν νίκημι τὸν ἐκ Σάμω οὔτε Φιλίταν

ἀείδων, βάτραχος δὲ ποτ' ἀκρίδας ὥς τις ἐρίσδω (Th. Eid. VII 37ff.)

Der Dichter definiert sich hier nicht mehr als unter den Göttern stehend, sondern im Wettstreit mit anderen Dichtern. Der große Schritt von Homer bis hierhin ist gut zu beobachten: Zu Beginn noch bewundertes Sprachrohr der Musen, Μοισᾶν καπυρὸν στόμα, dann Frosch, d.h. ein relativ großes, quakendes Geschöpf im Vergleich zu den kleinen und ebenso feinen Zikaden Sikelidas und Philitas. Diese excusa t io, das Bekenntnis zur Schwäche, ist jedoch ebensowenig ernstzunehmen, wie das bei Homer und Hesiod, sondern im Rahmen des Dichterwettstreits ein Bescheidenheitstopos[26].

Der wohl früheste Beleg für die tatsächliche Ablehnung von Inhalten, eine recusatio im Wortsinn findet sich bei dem Spartaner Alkman zu Beginn seines Partheneion:

[οὐκ ἐγὼ]ν Λύκαισον ἐν καμοῦσιν ἀλέγω (Alkm. Fr. I 2 Davies)

Dass Alkman den Lykaison nicht unter den Toten nennen will, ist völlig einleuchtend, ist das Thema des Partheneion doch, wie es scheint, Agido[27]. Die Zusammenhänge dieser recusatio und ihre Funktion sind hochgradig unklar: »Klar können wir nur noch erfassen, daß vor Beginn des eigentlichen Gedichtthemas andere Themen als möglich ins Auge gefaßt und dann verworfen werden«[28].

Die Ablehnung kriegerischer Handlung als Thema der Lyrik finden wir erstmals in

recusatio -Form bei Stesichoros:

Μοῖσα σὺ μὲν πολέμους ἀπωσαμένα πεδ' ἐμοῦ κλείοισα θεῶν τε γάμους ἀνδρῶν τε δαίτας καὶ θαλίας μακάρων

ὅκα ἦρος ὥραι κελαδῆι χελιδών

τοιάδε χρὴ Χαρίτων δαμώματα καλλικόμων ὑμνεῖν Φρύγιον μέλος ἐξευρόντας ἁβρῶς ἦρος ἐπερχομένου (Stes. Fr. 210 Davies)

Nicht Kriege, πολέμους, sondern Götterhochzeiten, Symposien und Festmahle und das Glück der Seligen wünscht er sich von der Muse. Hier wird der Grundstein für die Dichotomie Krieg – Frieden und die Bevorzugung des Glücks im Allgemeinen gelegt, die in der augusteischen Dichtung so wirkungsmächtig sein wird.

Eine ganz ähnliche Einstellung findet sich auch bei Xenophanes:

ἀνδρῶν δ' αἰνεῖν τοῦτον ὃς ἐσθλὰ πιὼν ἀναφαίνει, ὡς ἦι μνημοσύνη καὶ τόνος ἀμφ' ἀρετῆς,

οὔ τι μάχας διέπειν Τιτήνων οὐδὲ Γιγάντων

οὐδὲ < > Κενταύρων, πλάσμα<τα> τῶν προτέρων, ἢ στάσιας σφεδανάς· τοῖς οὐδὲν χρηστὸν ἔνεστιν·

θ<εῶ>ν <δὲ> προμηθείην αἰὲν ἔχειν ἀγαθήν (Xenophan. Fr. I 19-24 Gentili-Prato)

Die recusatio erscheint auf zwei Bereiche verteilt, einerseits lehnt Xenophanes mythologische Titanen-, Gigantenund Zentaurenschlachten als Themen ab, andererseits auch στάσιας σφεδανάς, Aufstände und Streitigkeiten innerhalb der Polis, d.h. Zeitgeschichte. Interessanterweise sind die letzten drei Beispiele, immer Ablehnung eines Themas, nie jedoch – zumindest ist das nicht erkennbar – einer Gattung oder eines bestimmten Stils zu dichten, sie begründen ihre Ablehnung auch nicht explizit. Ersteres gilt auch für Ibykos, Letzteres jedoch nicht. Er lehnt im Rahmen einer Aufzählung, die einen Großteil des Personals der Ilias und ganze dreiundzwanzig Verse umfasst, den Untergang Trojas als Thema für seine Dichtung ab:

νῦ]ν δέ μοι οὔτε ξειναπάταν Π[άρι]ν

..] ἐπιθύμιον οὔτε τανί[σφ]υρ[ον ὑμ]νῆν Κασσάνδραν

⸏Πρι]άμοιό τε παίδας ἄλλου[ς Τρο]ίας θ' ὑψιπύλοιο ἁλώσι[μο]ν

ἆμ]αρ ἀνώνυμον (Ibyk. Fr. S CLI 10-15 Davies)

Dabei ist zum einen der Raum, den das Abgelehnte einnimmt bemerkenswert, es ensteht eine Kurzfassung der Ilias, so dass die Verweigerung zur Erfüllung wird, d.h. sehr viel episches Material in den Text einfließt. Zum Anderen verbindet Ibykos zum ersten Mal recusatio und excusatio:

καὶ τὰ μὲ[ν ἂν] Μοίσαι σεσοφι[ς]μέναι εὖ Ἑλικωνίδ[ες] ἐμβαίεν †λόγω[ι†, θνατ[ὸ]ς δ' οὔ κ[ε]ν ἀνὴρ

⸏διερὸς τὰ ἕκαστα εἴποι,

ναῶν ὅ[σσος ἀρι]θμὸς ἀπ' Αὐλίδος Αἰγαῖον διὰ [πό]ντον ἀπ' Ἄργεος ἠλύθο[ν ἐς Τροία[ν

ἱπποτρόφο[ν ... (Ibyk. Fr. S CLI 23-30 Davies)

Er begründet seine Ablehnung mit dem schon o.g. homerischen Eingeständnis, dass so etwas wie der Schiffskatalog nur mit Hilfe der Musen möglich wäre. Interessanterweise macht Ibykos mit der Kurzfassung des Rahmens der Ilias zuvor etwas dem Schiffskatalog vergleichbares, aber eben in lyrischer Form. Ein drittes Element, das hier sichtbar und später wieder erscheinen wird, ist ein enkomiastisches. Ibykos' Gedicht dient der Verherrlichen des samischen Tyrannen Polykrates:

καὶ σύ, Πολύκρατες, κλέος ἄφθιτον ἑξεῖς

ὡς κατ' ἀοιδὰν καὶ ἐμὸν κλέος (Ibyk. Fr. S CLI 47f.)

Das κλέος ἄφθιτον des Polykrates erscheint bis aufs Engste verbunden mit seiner Verherrlichung durch Ibykus, gleichzeitig stellt er sich selbstbewusst in die Homernachfolge und, da er Ähnliches zu leisten imstande ist, wird das Lob auf Homer und Polykrates auch sein Eigenes. Im Hinblick auf die augusteischen Dichter, v.a. auf Horaz und Properz ist zu sagen, dass hier gerade nicht das Herrscherlob Bestandteil der recusatio ist, sondern ihr Resultat.

Den nächsten großen Schritt vertritt der alexandrinische Gelehrte Kallimachos, denn er

prägte das Motiv des Götterverbots, dessen sich viele der augusteischen Dichter bedienen sollten und das bisweilen - wie die excusa t io - auch als Kern der recusatio angesehen wird[29]. Dabei wird die excusa t io als Begründung der Ablehnung vertreten durch den Auftritt eines Gottes, der hier jedoch nur in zweiter Linie wie noch bei Homer und Hesiod die Funktion einer Inspirationsquelle einnimmt, sondern vor allem in die Rolle eines Mahnenden oder Warnenden schlüpft, der bestimmte Formen und Inhalte ablehnt bzw. einen Weg vorgibt, aus dem sich dann das eigentlich abgelehnte erschließen lässt.[30]

Im Gegensatz zu allen Beispielen zuvor, ist besonders die apologetische Haltung des Kallimachos bzw. die extensive Ausgestaltung des apologetischen Kontexts bemerkenswert.[31]

..]ι μοι Τελχῖνες ἐπιτρύζουσιν ἀ⌊οιδῇ, νήιδε⌋ς οἳ Μούσης οὐκ ἐγένοντο φίλοι, εἵνεκε⌋ν οὐχ ἓν ἄεισμα διηνεκὲς ἢ βασιλ[η

..]ας ἐν πολλαῖς ἤνυσα χιλιάσιν

ἢ.].ους ἥρωας, ἔπος δ' ἐπὶ τυτθὸν ἑλ[ίσσω

παῖς ἅτ⌋ε, τῶν δ' ἐτέων ἡ δεκὰ⌊ς⌋ οὐκ ὀλίγη.

..].[.]και Τε[λ]χῖσιν ἐγὼ τόδε· ‘φῦλον α[

...] τήκ[ειν] ἧπαρ ἐπιστάμενον,

..].. ρεην [ὀλ]ιγόστιχος (Kall. Ait. Frg. I 1-9a Pfeiffer)

Die Folie, derer sich Kallimachos bedient, ist ein von Telchinen genannten Gegnern gemachter Vorwurf, der sich auf Form und Thema seiner Dichtung in der Vergangenheit bezieht. Er habe kein fortlaufendes Lied (ἄεισμα διηνεκὲς) in mehreren tausend Versen (ἐν πολλαῖς χιλιάσιν ) geschrieben, dessen Thema Könige und Helden sind. Eine Identifikation der Τελχῖνες mit real existierenden Gegenpositionen, literarischen Strömungen oder tatsächlichen historischen Personen ist wohl nicht möglich[32], so dass man bei der Untersuchung des für die recusatio Wichtigen davon ausgehen kann, dass es sich bei den Vorwürfen zuerst einmal um ein fiktives Gegenbild zur Dichtung des Kallimachos handelt. Wichtiger ist die Frage, wie sich Kallimachos gegen diese Vorwürfe zur Wehr setzt. Der Aitienprolog ist ein Netz aus Antithesen zwischen Großem und Kleinem: Gegen den Vorwurf der fehlenden Länge, wehrt er sich mit dem Hinweis auf seine Dichterpersönlichkeit, er sei eben [ὀλ]ιγόστιχος, ein Mann weniger Verse, der Gedichte nicht nach ihrer Größe, sondern ihrer Kunstfertigkeit beurteilt (V. 17f. αὖθι δὲ

τέχνῃ / κρίνετε,]⌊μὴ σχοίν⌋ῳ Περσίδι τὴ⌊ν⌋ σοφίην), der Großsprecherei der Telchinen (V.

19 μέγα ψοφέουσαν ἀοιδήν) entgegnet er, dass er das Donnern lieber dem Zeus überlasse

(V. 20 βροντᾶ⌋ν οὐκ ἐμόν,

⌊ἀλλὰ⌋

Διός). Das literarästhetische Werturteil, dass der

Kleinform der Vorrang gegenüber der großen Form zukomme, begründet er zusätzlich zu seinen persönlichen Präferenzen auf zweifache Weise:

ἀλλὰ καθέλ⌊κει

πο⌋λὺ τὴν μακρὴν ὄμπνια Θεσμοφόρο[ς·

τοῖν δὲ] δυοῖν Μίμνερμος ὅτι γλυκύς, αἱ κατὰ λεπτόν

..] ἡ μεγάλη δ' οὐκ ἐδίδαξε γυνή (Kall. Ait. Frg. I 9b-12 Pfeiffer)

Zum einen werden Vorgänger mit ihren Werken[33] einander gegenübergestellt. Durch die Einreihung in die eine Tradition und Ablehnung einer anderen wird durch Wertschätzung und Zurückweisung auf zweifache Weise artifiziell ein Kontinuum geschaffen, in dem sich die eigene Dichtung bewegt und das die eigene Einstellung mit dem Argument der qualitativen Höherrangigkeit begründet.

So wichtig und nötig diese Einordnung auch ist, größeren Einfluss auf die Figur der

recusatio hat die Szene, die als Zweites zur Begründung fingiert wird:

’...]...ἀοιδέ, τὸ μὲν θύος ὅττι πάχιστον θρέψαι, τὴ]ν Μοῦσαν δ' ὠγαθὲ λεπταλέην

πρὸς δέ σε] καὶ τόδ' ἄνωγα, τὰ μὴ πατέουσιν ἅμαξαι τὰ στείβε⌋ιν, ἑτέρων ἴχνια μὴ καθ' ὁμά

δίφρον ἐλ]ᾶν μηδ' οἷμον ἀνὰ πλατύν, ἀλλὰ κελεύθους

ἀτρίπτο]υς, εἰ καὶ στεινοτέρην ἐλάσεις.’ (Kall. Ait. Frg. I 21-28 Pfeiffer)

Kallimachos gestaltet eine Inspirationsszene, in der der Musengott Apollon ihm zu Beginn seiner dichterischen Tätigkeit Anweisungen gibt, wie richtiges Dichten gestaltet sein muss. Im Sinne der Apologie gegenüber den Telchinen und der Begründung der eigenen Ästhetik, werden auch hier wieder das Große dem Kleinen, das Zarte dem Fetten gegenübergestellt, so wie Hesiod auf dem Helikon seine Dichtung von den Musen empfangen hat. Kallimachos' Götterverbotsszene wird von allen augusteischen Dichtern, von denen wir recusationes besitzen, d.h. Vergil, Properz, Horaz und Ovid, als Begründung für die Ablehnung bestimmter Formen und Inhalte in ihrer Dichtung wieder aufgenommen werden. Dennoch darf man nicht übersehen, dass wir ähnliche Szenen auch bei anderen hellenistischen Dichtern besitzen und bei den gewaltigen Verlusten, die wir dort zu verzeichnen haben, sicherlich auch Vieles nicht erhalten ist, auf das die Neoteriker und Augusteer zurückgreifen konnten.[34] Kallimachos ist aber mit seinen ästhetischen Bestimmungen auch in vielen lyrischen poetologischen Gedichten spürbar[35] und liefert mit der recusatio in Form der excusatio durch Anlehnung an und Abgrenzung von Vorgängern, die Götterverbotsszene und das mit Metaphern gespickte Instrumentarium der Gegensätze eine Vorlage, die zeigt, dass mehrere zum Teil auch ältere Motive homogen verstrickt werden können.

Am Anfang der römischen recusatio -Dichtung steht der Satiriker Lucilius, zu Beginn des 26. Buches seiner Satiren[36] finden wir einen Dialog zwischen zwei Freunden, wobei der eine dem anderen vorschlägt, doch anstatt Satiren zu verfassen die vergangenen Kriegstaten des römischen Volkes zu verherrlichen, weil er sich damit den Unwägbarkeiten der politischen Gegenwart entziehe und gleichermaßen Gewinn wie Ansehen erreiche. In einem weiteren Schritt wird die erwünschte Dichtung als enkomiastisch charakterisiert (V. 621 percrepa pugnam Popili, facta Corneli cane), nicht jedoch wie noch bei Ibykus dann hintenan gehängt, sondern tatsächlich im Rahmen einer excusa t io p r op t e r imbecilli t a t em abgelehnt (V. 622 ego si, qui sum et quo folliculo nunc sum indutus, non queo), auch wenn sie im Rahmen des Vorschlags des Freundes ihren Platz innerhalb der Satire findet. Das bzw. die Gedichte zum 30.

[...]


[1] Lucas (1900) 321.

[2] So der Titel von Nickel (2005).

[3] Lucas (1900) 329.

[4] Vgl. Junk (2001) 2 und bes. 22.

[5] Lucas (1900) 321.

[6] Ein Gegenbeispiel ist z.B. Hor. carm. IV 15.

[7] Junk (2001) 2.

[8] Wimmel (1960).

[9] Wimmel (1960) 323 u. 168.

[10] Vgl. Junk (2001) 2ff.

[11] Junk (2001) 3ff.

[12] Junk (2001) 5.

[13] Ausdrücklich Davis (1991): »The choice of foil genre is, in principle no less than in practice, unrestricted«, vgl auch Junk (2001) 5: »Man findet die Ablehnung epischer Dichtung (z.B. Prop. 1.7, Prop. 3.3, Ov. am. 1.1) genauso wie die Ablehnung der Dichtung in anderen, nichtepischen Gattungen (z.B. Ov. am. 3.1, Hor. carm. 2.9). Oft ist auch die Gattung der abgelehnten Lobdichtung nicht genannt (z.B. Verg. ecl. 6, Hor. sat. 2.1), und hier immer automatisch auf ein Epos zu schließen ist sicherlich nicht zulässig«.

[14] Prominentester Vertreter einer strikten Trennung von recusatio und excusa t io ist der Italiener D'Anna, vgl. D'Anna (1979/80) 209-10 Anm. 3 »Con recusatio la critica definisce la posizione de Callimaco e di Lucilio i quali scelgono un modo dimesso di poetare, ostendando al tempo stesso disprezzo per i generi 'alti' di poesia; con recusatio-excusa t io invece si allude alla posizione die poeti latini augustei, que [...] mostrano ammirazone per l'epos, esprimono il desiderio di coltivarlo, quasi certamente senza essere sinceri, e scelgono un genere più dimesso di poesia come più adatto alle loro capacità limitate«; ganz ähnlich auch D'Anna (1991) 133 .

[15] Ganz genauso Junk (2001) 6f.

[16] Harrison (1993) 136.

[17] Davis (1991) 7f.

[18] Davis (1991) 28ff.

[19] Davis (1991) 29, die bei vielen anglophonen Philologen [sic!] vor allem aus den Vereinigten Staaten anzutreffende Scheu vor Sprachen wie dem Deutschen, Italienischen und Französischen, die sich in ebenfalls anglophon anmutenden Bibliographien, soweit es sich nicht um (teilweise übersetzte!) »Klassiker« wie Reitzenstein, Pöschl, Pasquali etc. handelt, niederschlägt, ist auch hier zu beobachten. Wie kann man eine »radikale Neubewertung« der r ecusa t io vornehmen wollen, ohne auf Lucas oder sonstige Literatur, die sich zu dem Thema leicht finden lässt, einzugehen?

[20] Davis (1991) 28.

[21] Davis (1991) 30.

[22] Davis (1991) 29f. » recusatio often functions as a device of parsimonious 'inclusion' in poetry that is restricted in length and therefore hospitable to methods of abbreviation«; »assimilation [is] the hidden program of most recusationes «; »The speaker begins with a deferral and ends in a synthesis«.

[23] Dabei sei explizit auf Junk (2001) verwiesen, der in seiner Dissertation einen Großteil des Materials versammelt und unter Zuhilfenahme der neuesten Forschungsliteratur in extenso interpretiert und in seinen literaturgeschichtlichen und soziopolitischen Kontext stellt. Wegen der großen Genauigkeit und Vorsichtigkeit, mit der er es behandelt, erscheint es mir überflüssig, diesen Weg noch einmal zu gehen. Da seine Untersuchung einen weitaus größeren Umfang und den Bereich der gesamten augusteischen Dichtung umfasst, ich mich hingegen auf Horaz beschränken möchte und seine Auffassungen zur Kategorisierbarkeit einzelner recusationes nicht teile, werde ich nur auf das für das Verständnis der Horazgedichte Nötige beschränken.

[24] Hom. Il. I 1 Μῆνιν ἄειδε θεὰ Πηληϊάδεω Ἀχιλῆος, Hom. Od. I 1 Ἄνδρα μοι ἔννεπε, Μοῦσα, πολύτροπον, ὃς μάλα πολλὰ, Hes. Th. 22 αἵ νύ ποθ' Ἡσίοδον καλὴν ἐδίδαξαν ἀοιδήν, Hes. Erg. 1f. Μοῦσαι Πιερίηθεν ἀοιδῇσι κλείουσαι / δεῦτε Δί' ἐννέπετε, σφέτερον πατέρ' ὑμνείουσαι

[25] Vgl. Junk (2001) 101f.; Noch »selbstbewusster« Hes. Erg. δείξω δή τοι μέτρα πολυφλοίσβοιο θαλάσσης / οὔτε τι ναυτιλίης σεσοφισμένος οὔτε τι νηῶν.

[26] Vgl. Junk (2001) 102f.

[27] Vgl. Alkm. Fr. I 1.39f. ἐγὼν δ' ἀείδω / Ἀγιδῶς τὸ φῶς.

[28] Junk (2001) 104, auch mit weiterer Literatur zum Thema.

[29] Lyne (1995) 37: »We may use it [i.e. a looser use of the term 'recusatio'] of those passages which decline the epic by appealing to the authority and example of Callimachus more or less directly, but which do not precisely exploit the device of the admonitory Apollo figure«.

[30] Vgl. auch Kall. h. II 105-113.

[31] Das darf aber nicht so weit führen, dass man wie Wimmel passim diesen apologetischen Kontext auch auf alle Nachfolger des Kallimachos anwendet oder gar in den r e c usa t iones der Augusteer einen solchen sucht und, wenn man ihn gefunden zu haben glaubt, wieder auf die Zeit des Augustus abbildet.

[32] Vgl. Junk (2001) 33ff.

[33] Vgl. Junk (2001) 35f., es handelt sich dabei um die Elegiker Mimnermos und Philitas, also keine Ependichter(!), d.h. dass es sich hier wohl um eine Stilfrage (vgl. D'Anna (1979/80) 210 »la perfezione formale«), nicht um eine Gattungsfrage handelt, so, wie der Aitienprolog eher als ein ästhetisches »Manifest«, denn als Ablehnung einer bestimmten Gattung dient.

[34] Bei den erhaltenen Beispielen fehlt ganz die Schärfe der kallimacheischen Apologie, vgl. z.B. Bion Fr. IX Reed oder Carm. Anacr. XXIII θέλω λέγειν Ἀτρείδας / θέλω δὲ Κάδμον ἀείδειν / ἡ βάρβιτος δὲ χορδαῖς / ἔρωτα μόνον μοῦνον ἠχεῖ etc.

[35] Santirocco (1986) 34 nennt mit gr acilis , deduc t us , an g us t us , mollis , pa rv us , exi g uus , humilis , lepidus gegenüber pin g uis , t umidus , gr andis , durus, magnus, inflatus, turgidus wohl nur einen kleinen Teil der Adjektive, die den Kontrast zwischen Groß und Klein im Lateinischen ausdrücken können.

[36] Lucil. 609-28.

Ende der Leseprobe aus 56 Seiten

Details

Titel
Form und Funktion der recusatio bei Horaz
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
56
Katalognummer
V113896
ISBN (eBook)
9783640140411
ISBN (Buch)
9783640140633
Dateigröße
972 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Form, Funktion, Horaz
Arbeit zitieren
Robert Igel (Autor), 2008, Form und Funktion der recusatio bei Horaz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113896

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