Römischer Imperialismus in Germanien? Römische Germanienpolitik des frühen Prinzipats


Magisterarbeit, 2008

91 Seiten, Note: 3,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Quellenlage

3. Roms frühere Begegnungen mit Germanen
Kimbern und Teutonen
Caesars Begegnungen mit Germanen

4. Frühe augusteische Germanienpolitik
4.1 Agrippa am Rhein
4.2 Die Beurteilung der clades Lolliana in den Quellen und in der modernen Forschung
4.3 Die Feldzüge des Drusus in den Jahren 12 bis 9 v. Chr

5. Die Weiterführung der Germanienpolitik durch Tiberius
5.1 Germanienoperationen bis zum Römisch - Germanischen Krieg
5.2 Der Römisch - Germanische Krieg von 9 bis 16 n. Chr
5.2.1 Die Bedeutung der clades Variana in den Quellen und in der modernen Forschung
5.2.2 Römische Germanienpolitik zwischen 9 und 16n. Chr
5.2.3 Die Gründe und die Deutung der Abberufung des Germanicus durch Tiberius in der modernen Forschung

6. Fazit: Imperialismus - Problematischer Umgang mit einem modernen Begriff

7. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Arbeit beschäftigt sich mit der römischen Germanienpolitik des frühen Prinzipats während der augusteischen und tiberischen Herrschaft.

Auch wenn der Begriff „Germanen“ in der Forschung regen Gebrauch findet, ist dieser nicht unproblematisch. Es ist schwierig zu sagen, ob es die Germanen überhaupt gab und welche Völker dazu gezählt werden dürfen und müssen. Wenn im antiken Rom von den Germanen gesprochen wurde, so waren es meist einzelne Stämme, mit denen sich Rom entweder im Krieg befand oder auch Beziehungen freundschaftlicher Natur unterhielt. Denn den germanischen Stämmen war der Gedanke einer einheitlichen germanischen Nation mehr als fern, mag es manchmal wie im Falle des Arminius anders ausgesehen haben. Wenn der Begriff „Germanen“ in dieser Arbeit benutzt wird, so wird dieser synonym für die jeweils gemeinten Stämme gebraucht.

Das Ziel der Arbeit besteht darin, zum einen die Beziehungen der Römer mit den germanischen Stämmen darzustellen, zum anderen soll der Versuch unternommen werden aufzuzeigen, ob und inwiefern es sich bei der römischen Politik um eine imperialistische gehandelt hatte.

Der Aufbau der Arbeit ist chronologisch. Nach der Vorstellung der Quellenlage werden im Kapitel 3 die früheren Begegnungen der Römer mit den Germanen erörtert. Der Einfall der Kimbern und der Teutonen hat sicherlich wenig mit den römischen Expansionen direkt zu tun, zeigte jedoch mit aller Deutlichkeit, daß das römische Imperium durchaus verwundbar war. Ähnlich wie bei den Kelteneinfällen oder dem Krieg gegen Hannibal stand Rom vor zwei Möglichkeiten. Entweder alles zu verlieren oder durch einen Sieg das römische Ansehen weit außerhalb der Einflußzone zu vergrößern. Mit dem Sieg über die Kimbern und Teutonen war Rom jedoch nicht in der Lage, die latente „Barbarengefahr“ endgültig zu beseitigen. Diese wurde von Zeit zur Zeit heraufbeschworen, wenn auch eher zu propagandistischen Zwecken.

Ebenfalls im dritten Kapitel tritt der letzte große republikanische Eroberer in Erscheinung. Caesars Verdienst, - aus der Sicht der Großmacht Rom -, war es neben der Unterwerfung Galliens innerhalb einer relativ kurzen Zeit auch der Sieg über Ariovist, einen germanischen Fürsten. Mit der Eroberung Galliens erstreckte sich nun das Einflußgebiet der Römer bis an den Rhein. Caesar verdankten die Römer auch einige genaue Aufzeichnungen über die Germanen. Bis zu diesem Zeitpunkt gingen die Vorstellungen der Römer selten über die Mythen hinaus.

Im Kapitel 4 geht es um die Politik Roms in Germanien in den frühen Regierungsjahren des ersten Princeps. Das Wirken Agrippas am Rhein und der Ausbau der römisch-germanischen Beziehungen unter dem engsten Freund und Berater Augustus’ sollen erörtert werden.

Die clades Lolliana war ein erstes richtiges Anzeichen dafür, daß die Übertragung des römischen Einflusses auf das germanische Territorium nicht ohne Probleme ablaufen würde. Die Bewertung dieser Niederlage in den Quellen und in der heutigen Forschung soll diskutiert werden.

Schließlich sollen im dritten Kapitel die von Augustus geplanten und von Drusus durchgeführten Feldzüge ins innere Germaniens dargestellt werden. Die Feldzüge des Drusus’ sind ein deutliches Zeichen dafür, daß Augustus gewillt war, den Einfluß des Imperium Romanum in Germanien durchzusetzen, wenn nötig mit immensen militärischen Mitteln.

Kapitel 5 behandelt hauptsächlich die Übernahme und Weiterführung der germanischen Angelegenheiten durch Tiberius. Da Drusus bei einem Sturz vom Pferd tödlich verunglückte, lag nun die schwere Aufgabe bei seinem Bruder Tiberius, die Germanienpolitik des Augustus voranzutreiben. Diese wurde von ihm mit einem gewissen Erfolg betrieben, so daß die moderne Forschung Germanien fast als eine römische Provinz betrachtete. Daß dies nicht eingetreten ist, hat nicht zuletzt auch ein römischer Auxiliaroffizier namens Arminius verursacht, der mit einigen verbündeten Germanenstämmen drei römische Legionen unter der Führung des Varus vernichtend geschlagen hatte und somit das römische Vordringen bremsen konnte. Die Ursachen und die Folgen der clades Variana für die Germanienpolitik werden im vierten Kapitel behandelt.

Nach dem Tod des Augustus trat Tiberius das Amt des Princeps an und entsandte Germanicus nach Germanien. Dieser beim Heer außerordentlich beliebte junge Prinz hatte die Aufgabe, die Schmach der Niederlage auszumerzen, das hieß, die verlorenen Feldzeichen wiederzubeschaffen und Arminius zu vernichten. Außerdem hatte der römische Anspruch auf Germanien damals noch Bestand. Die Feldzüge des Germanicus wurden jedoch auf Befehl des Tiberius abgebrochen. Die Gründe dafür und die Frage, ob das nun der endgültige Verzicht auf Germanien und somit auch das Ende jeglicher imperialistischer Vorwärtsbewegung nach Norden gewesen ist, werden im Kapitelabschnitt 5.2.3 dargelegt und diskutiert.

Im letzten Kapitel wird die Übertragung und Verwendung eines modernen Begriffs auf antike Geschichtsabläufe diskutiert. Die Anwendung des Begriffs „Imperialismus“ erscheint zumindest aus der Sicht der Gegner höchst kritisch, wenn nicht gar unzulässig.

Während ein Teil der Wissenschaftler bei der Übertragung des Begriffs keine Schwierigkeiten sieht und es ihrerseits keiner Rechtfertigung bedarf, spricht sich der andere Teil gegen die Anwendung oder allenfalls nur einer Anwendung mit großen Einschränkungen aus. Das Fazit dieser Arbeit soll sich mit den Standpunkten beider Parteien befassen.

2. Quellenlage:

Das gesamte Wissen über die römisch-germanischen Beziehungen und auch damit verbundenen Lücken in diesem Wissen muß als ein Resultat einer sehr einseitigen Quellenlage betrachtet werden. Denn von den Germanen selbst ist in schriftlicher Form gar nichts überliefert[1] und die archäologischen Funde geben nicht immer die gewünschten Informationen über die längst vergangenen Zeiten. Die Zeugnisse über das römisch- germanische Verhältnis sind also Überlieferungen römischer oder griechischer Schriftsteller, Politiker oder auch Dichter. Problematisch ist außerdem, daß die wenigen erhaltenen Quellen mitunter nicht vollständig sondern bruchstückhaft erhalten sind. Die antiken Autoren schrieben unter unterschiedlichsten Voraussetzungen und fast alle hatten sie unterschiedliche Motivationen und Gründe. Daraus ergibt sich zwangsläufig auch der sehr unterschiedliche Quellenwert. Geschichtsschreiber aus Rom oder Griechenland hatten gewiß andere Ziele vor Augen, als Verfasser panegyrischer Schriften. Diese wollten den Leser auf anderen Gebieten erreichen als die Dichter oder Verfasser von geographischen oder ethnographischen Schriften.[2]

Bevor auf die wichtigsten erhaltenen Autoren eingegangen werden soll, muß daran erinnert werden, daß es auch eine Reihe Autoren gibt, deren Werke über Germanien und Germanen zwar bekannt und von den antiken Autoren zweifellos als Quellen herangezogen wurden, jedoch im Laufe der Zeit verloren gegangen sind. Die für die Germanengeschichte wichtigen Bücher des lateinischen Autors Livius sind wie die meisten seines Werks Ab urbe condita verloren gegangen.

Das gewaltige Werk umfaßte einst 142 Bücher, erhalten davon sind lediglich Bücher 1 bis 10 und 21 bis 45. Nicht mehr erhalten sind ebenfalls Aufidius Bassus’ Bellum Germanicum , die Historien des Poseidonius und von Plinius dem Älteren verfaßten Bella Germaniae .[3]

Von den erhaltenen Werken zählen die von Strabon, Caesar, Tacitus, Cassius Dio, Velleius Paterculus oder Sueton zu den wichtigsten und zuverlässigsten schriftlichen Quellen.

Von dem griechischen Historiker und Geographen Strabon sind detaillierte Beschreibungen der damals bekannten Länder erhalten. Strabon beschrieb in seiner Geographica neben der Lage verschiedener Flüsse wie Rhein, Ems, Lippe oder Elbe auch zahlreiche germanische Stämme und ihre Siedlungsgebiete. Sein großes geographisches Werk enthält aber auch einige politische Ereignisse jener Zeit.

Caesars Commentarii de bello Gallico stellen die wichtigsten Quellen über Germanen seiner Zeit dar. Obwohl als eine Art Rechtfertigung für seine äußerst eigensinnige Gallienpolitik verfaßt, bieten die Kommentare einen guten Überblick über die Verhältnisse am Rhein. Mit Caesar kamen erstmals detailliertere Vorstellungen von Germanen nach Rom, die sich von den oberflächlichen Informationen des Poseidonios über die Lebensweise der Germanen unterschieden.

Durch Caesar erfuhr die römische Öffentlichkeit vom germanischen Alltag, dazu gehörten verschiedene Bräuche, Lebensweise, Eßgewohnheiten, Religion oder Kriegswesen. Seit Caesars ausführlicher Beschreibung der Germanen galt der Rhein als eine ethnische Grenze. Links des Rheins waren die Siedlungsgebiete der Gallier, die rechte Seite wurde von Germanen bewohnt, so zumindest in der Vorstellung der Römer.

Dem römischen Geschichtsschreiber Tacitus verdankt die Nachwelt einige sehr detailreiche Überlieferungen über Germanien und seine Bewohner.

Seine Darstellung des Landes in Germania ist zwar mit Vorsicht zu genießen[4], gehört jedoch zu den Höhepunkten der antiken Ethnographie.

Tacitus gibt detaillierte Auskunft über die geographische Lage Germaniens, die Herkunft der der Germanen und spekuliert über die Entstehung des Namens „Germanen“.[5]

Der oben angeratene vorsichtige Umgang mit der Germania resultiert aus dem speziellen Verhältnis des Tacitus mit dem Prinzipat seiner Zeit.

Immer wieder kommt der Verdacht auf, Tacitus versuche mit der Darstellung der einfachen Lebensweise der Germanen auf die Mißstände in der römischen Gesellschaft hinzuweisen. Flach arbeitete in seinem Aufsatz „Die Germania des Tacitus in ihrem literaturgeschichtlichen Zusammenhang“ mehrere Punkte heraus, an denen Tacitus Kritik an seinen Mitmenschen übt. Ob nun die gewerbsmäßig ausgeübte Schauspielerei, die zweckentfremdete Verwendung der Pferde in der Arena, die überzogene Frömmigkeit, Ehebruch aber auch die Behandlung der Freigelassenen, diese Mißstände störten Tacitus.[6]

Andererseits betont Becker, taciteische Beschreibung der Chatten sei die bedeutendste erhaltene überhaupt.[7] Als Quelle für seine Germania wird Tacitus wohl auf die nicht mehr erhaltene Schrift des Plinius, Bella Germaniae , zurückgegriffen haben.

Außer in Germania tauchen die germanischen Stämme in den Historien und den Annalen ( ab excessu divi Augusti ) des Tacitus auf, in denen er zahlreiche Informationen über die römischen Vorstöße in Germanien berichtet.[8]

Durch das Geschichtswerk des Velleius Paterculus ist die römische Expansion am Anfang des Prinzipats relativ gut rekonstruierbar. Velleius Paterculus nahm an den Tiberius-Zügen teil und lieferte somit einen zwar durch eine tiberiusfreundliche Tendenz verzerrten jedoch auch einen in militärischen Dingen relativ zuverlässigen Bericht ab.

Als nächster antiker Autor, der sich mit Germanen beschäftigt hatte, soll hier Cassius Dio erwähnt werden. Dio war consul suffectus unter Septimus Severus und schrieb seine Römische Geschichte nach annalistischem Prinzip. Sein Werk bildet eine gute Ergänzung zu Velleius Paterculus, und die Darstellung der Feldzüge der augusteischen Zeit gehört nicht nur zu den Grundlagen der Geschichtsschreibung, sondern zeugt von einer mühevollen Quellenarbeit, wobei die einzelnen Urheber der verwendeten Quellen nur sehr schwer ermitteln lassen.[9]

Suetons Caesarenleben ( De vita Caesarum ), das Werk, das er unter der Herrschaft Hadrians schrieb, beinhalten neben politischen Ereignissen auch Anekdoten oder Charakterzüge und Lebensgewohnheiten der Herrscher von Caesar bis Domitian. Seine Erwähnungen der Germanen fallen zwar relativ knapp aus, sollten hier jedoch auch Beachtung finden, weil sie eine wertvolle Ergänzung zu den ausführlicheren Quellen anderer Autoren bilden.

3. Roms frühere Begegnungen mit Germanen

Bevor nun die römisch-germanischen Beziehungen des frühen Prinzipat behandelt werden, ist es wichtig einen Blick auf die Zeit vor dem Prinzipat zu werfen, denn das Auftauchen der Kimbern und Teutonen im römischen Gesichtskreis verursachte eine ungeheure Furcht und zeitweise einen Dämpfer der römischen Expansionspolitik. Wie Norden treffend formulierte, „ war der Cimbrorum exitus der wilde Auftakt zu der germanischen Völkerwanderung, in deren Schlußdisharmonien ein halbes Jahrtausend später der stolze Bau des Imperiums aus den Fugen ging .“[10] Das sei allgemein anerkannt. Die Erinnerung an die Einfälle dieser Germanen wurde wachgehalten und bei Bedarf als Rechtfertigung für römische Expansionspolitik gebraucht.[11]

3.1 Kimbern und Teutonen

Die erste ernsthafte römisch-germanische Begegnung fand am Ende des zweiten Jahrhunderts v. Chr. statt, als die Kimbern, die, wie Poseidonios zu berichten weiß, Räuber gewesen seien, ihre Wohnsitze verließen und einen Kriegszug bis zum Asowschen Meer unternommen hätten.[12]

Die eigentliche Heimat der Kimbern läßt sich nicht mit Sicherheit festlegen, die überlieferten Quellen weichen voneinander ab. Strabons Berichten zufolge wohnten die nördlichen Germanen am Ozean, die bekanntesten Stämme, also die Sugambrer und die Kimbern hätten von den Rheinmündungen bis an die Elbe gesiedelt.[13]

Tacitus beschreibt die Heimat der Kimbern als Halbinseln, die dem Ozean am nächsten liegen, eundem Germaniae sinum proximi Oceano Cimbri tenent, und lobt gleichzeitig in Kenntnis der Vergangenheit den Stamm als parva nunc civitas sed gloria ingens. [14]

Ptolemaios erwähnt in seiner Geographia eine Kimbrische Halbinsel, die am Ozean liegt und von unterschiedlichen Stämmen entlang der Elbe bewohnt wird. Die Kimbern bewohnen nach Ptolemaios den nördlichsten Teil der Halbinsel.[15] Diese Kimberninsel wird mit Jütland identifiziert.

Einerseits aufgrund von einer Projektion augusteischer Überlieferungen auf eine moderne Karte über das Vordringen der römischen Flotte, die auf ihren Expeditionen auf Kimbern gestoßen sei[16], andererseits sei der Zusammenhang zwischen dem Kimbernnamen und dem dänischen Landschaftsnamen Himbersyssæl immer noch unwiderlegt, so Timpe.[17]

Ob nun die räuberische Veranlagung allein oder doch die alljährliche Flut, wie Poseidonios vermutet hatte,[18] zu den Beweggründen der Auswanderung gezählt werden können, ist nicht mehr mit Sicherheit festzustellen. Da die Meeresküste damals nicht durch Deiche gesichert wurde, vermutete Koestermann die Auswanderung der Kimbern als Folge einer besonders schweren Flutkatastrophe.[19]

Die antiken Autoren haben freilich eine eigene Erklärung für die Wanderungen der Kimbern und Teutonen. Orosius berichtet, der Grund für die Verschwörung der Gallier und Germanen sei die Vernichtung des römischen Imperiums gewesen, „ quae tunc ut imperium Romanum extinguerent conspirauerant “.[20]

Aufgrund der verhältnismäßig geringen Zahl der Kimbern, vermutet Koestermann, daß die Wanderung nicht als Raubzug geplant war, obwohl so häufig in Quellen dargestellt. Er schätzt die Stärke des Zuges auf etwa 15000 wehrtüchtige Männer, die ihre Frauen und Kinder dabei hatten.[21] Ähnliche Überlegung findet sich auch bei Mommsen, „ nicht eine Raubfahrt reisiger Leute, auch nicht ein „heiliger Lenz“ in die Fremde wandernder junger Mannschaft, sondern ein wanderndes Volk, das mit Weib und Kind, mit Habe und Gut auszog, um eine neue Heimat sich zu suchen[22], so beschreibt er die Auswanderer. Erst im Verlauf des Zuges schlossen sich einige Stämme den Kimbern an, getrieben von der menschlichen Gier: einige Stämme hatten sich von der Menge an Beute blenden lassen. Poseidonios erwähnt vor allem Tiguriner und Tougerner, die sich den Kimbern angeschlossen hätten, weil „ der durch Raub gewonnene Reichtum ihren eigenen bei weitem übertraf “.[23]

Von einer wesentlich größeren Zahl der Wanderer geht Franke aus, indem er als Vergleichsgröße die Stärke eines römischen konsularischen Heeres angibt. Die Kimbern und Teutonen hätten mehrere Male erfolgreich gegen solcher kämpfen müssen. Die Stärke eines konsularischen Heeres betrug 30000 Mann. Bei Arausio mußten die Kimbern und Teutonen gegen zwei solche Heere antreten und waren dabei siegreich. Folglich müsse allein die Zahl der Bewaffneten ähnlich hoch gewesen sein wie die der Römer.

Rechne man Frauen und Kinder dazu, ergebe sich eine Gesamtstärke der Kimbern und Teutonen von circa 150000.[24] Eine maßlose Übertreibung über die Stärke der Kimbern findet sich dagegen bei Plutarch, der von „ 300000 Kämpfern in voller Ausrüstung “ spricht, die auf der Suche nach einem Land seien, „ das eine derartige Menschenmenge ernähren sollte “.[25] Zum ersten Zusammenstoß der umherziehenden Germanen mit einem römischen Heer kam es im Jahre 113 v. Chr. Wie Appian berichtet fiel „ eine gewaltige Masse von Teutonen plündernd in das Gebiet der Noriker ein, und der römische Konsul Papirius Carbo fürchtete ihren Einfall nach Italien und lauerte ihnen daher in den Alpen auf, wo der Übergang besonders schmal ist .“[26]

Appians Erwähnung der Teutonen ist zeitlich verfrüht, diese schließen sich erst später dem Zug an.[27] Folgt man Appians Überlieferung weiter, so erscheinen die Germanen in dieser ersten Begegnung keineswegs römerfeindlich, denn „ als sich Carbo näherte, schickten die Teutonen Gesandte zu ihm, die erklärten, sie hätten nicht gewußt, daß die Noriker Staatsgastfreunde der Römer gewesen seien; in Zukunft würden sie die Noriker nicht behelligen .“[28] Vielmehr ist es die römische List, die zu der ersten militärischen Konfrontation führt: „ Er lobte die Gesandten und gab ihnen Führer für den Rückweg mit, denen er aber heimlich den Befehl erteilte, die Gesandten über längere Umwege zu leiten; er selbst zog auf einem kürzerem Weg im Eilmarsch zum Standort der Teutonen und griff sie noch während ihrer Rast überraschend an .“[29] Zu diesem Angriff, auch wenn hier das Völkerrecht verletzt worden ist, war Carbo aus römischer Sicht gewissermaßen gezwungen. Rom konnte nicht tatenlos zusehen, daß die Kelten von den Germanen überrollt wurden. Im römischen Interesse mußten sich Kelten und Germanen dauerhaft feindlich gegenüber stehen, ohne daß eines der Völker als Sieger hervorging. Rom mußte die Eindringlinge vernichten, um „die Erhaltung des Keltenschutzringes“ zu gewährleisten.

Andererseits könnte man als Grund für die Schlacht auch anführen, Rom hätte „schon damals die süddeutschen Keltenstaaten als Vorfeld seiner Mittelmeerstellung“ angesehen.[30] Dieses mußte auf jeden Fall erhalten bleiben.

Allerdings mußte der römische Konsul für seinen Treuebruch teuer bezahlen: „ Er büßte indes schwer für diesen Wortbruch und erlitt hohe Verluste. Vielleicht hätte er sogar alle Truppen verloren, wenn nicht während der Schlacht Finsternis eingetreten wäre und ein schweres Gewitter mit wolkenbruchartigem Regen die Heere getrennt und der Kampf durch den Schrecken der Naturgewalten ein Ende gefunden hätte .“[31] Erst drei Tage nach dem Kampf konnten sich die versprengten römischen Truppen wieder sammeln.

Die Germanen zogen nach ihrem Sieg aus Noricum nach Westen ab. Warum die Kimbern ausgerechnet zu den Helvetiern gingen, darüber geben die Quellen keine Auskunft. Fest steht allerdings, daß mit ihrem Abzug auch das politisch-militärische Problem für Rom zunächst gelöst schien. Germanisch-helvetische Beziehungen lagen außerhalb des römischen Gesichtskreises.[32] Lediglich von einem Rheinübergang, vermutlich um 111/110 v. Chr., berichtet Velleius Paterculus: „ tum Cimbri et Teutoni transcendere Rhenum, multis mox nostris suisque cladibus nobiles.[33] Ziemlich bald sollte sich die Lage jedoch wieder anspannen. Nachdem die Germanen weder in Spanien noch in Gallien neue Wohnsitze bekamen, schickten sie 109 v. Chr., so berichtet Florus, Gesandte in das Lager des Silanus und sogar zum Senat, um ein Tauschgeschäft vorzuschlagen. Germanische Truppen und Waffen gegen römisches Land, „ petentes ut Martius populus aliquid sibi terrae daret quasi stipendium, ceterum ut uellet manibus atque armis suis uteretur .“[34] Doch, so Florus weiter, könne Rom auf dieses Angebot nicht eingehen, weil es selbst wegen der Agrargesetze vor einem Bürgerkrieg stehe. „ Repulsi igitur, quod nequiuerat precibus, armis petere coeperunt[35], so begründet Florus die Handlungen der Germanen. In darauf folgenden Jahren trafen die Kimbern mehrmals auf römische Heere und schlugen diese jedes Mal. Daß den Germanen jedoch auch viel an einem friedlichen Zusammenleben mit den Römern lag, wird aus der Überlieferung des Granius Licinianus ersichtlich.

Bevor die Kimbern die Hoffnung vollends aufgegeben hätten, schickten sie Gesandte zu den Römern, die um Frieden und Ackerland baten, „ pacem volentes et agr[os] petentes[36].

Die zunehmende Hilflosigkeit gegenüber den Germanen rief Erinnerungen an alte Zeiten wach, „ timor Romae grandis fuit “, so Eutrop, „ quantus vix Hannibalis tempore Punici belli, ne iterum Galli Romam venirent[37], keineswegs vergessen waren weder die Gallier in Rom im Jahre 387 v. Chr., noch die Bedrohung Roms durch Hannibal im Zweiten Punischen Krieg. Dramatisch ist auch die Überlieferung des Velleius Paterculus:

effusa, ut praediximus, immanis vis Germanarum gentium, quibus nomen Cimbris et Teutonis erat, cum Caepionem Manliumque consules et ante Carbonem Silanumque fudissent fugassentque in Gallis et exuissent exercitu, Scaurumque Aurelium consularem et alios celeberrimi nominis viros trucidassent , populus Romanus non alium repellendis tantis hostibus magis idoneum imperatorem quam Marium est ratus.[38]

Die Kämpfe mit den Kimbern und Teutonen hätten vielleicht schon eher einen von den Römern gewünschten Verlauf genommen, wäre es nicht im römischen Heer zwischen dem Konsul Cn. Mallius Maximus und dem Prokonsul Q. Servillius Caepio zu Machtkämpfen gekommen. Dio berichtet, Servillius habe durch seinen Neid auf seinen Kollegen großes Unheil über das Heer gebracht.[39] Servillius, ein Angehöriger vornehmster römischer Kreise, verweigerte die Zusammenarbeit mit dem Konsul geringerer Abstammung, dem er sich hätte unterstellen müssen. Die Kimbern konnten so die getrennten Heere angreifen und bescherten den Römern 105 v. Chr. bei Arausio die schlimmste Niederlage seit Cannae.[40] Nach Livius fielen 80000 Soldaten und 40000 Troßknechte,[41] bei Granius Licinianus waren es 70000 Gefallene.[42]

Marius war nun der richtige Mann für diese schwere Aufgabe. Ein homo novus , „eines armen Tagelöhners Sohn“, wie Mommsen ihn nennt,[43] diente sich schnell in der römischen Armee zum Offizier hoch und zeichnete sich durch Ehrgeiz und Tapferkeit aus. In den Kriegen in Spanien und in Afrika lernte er das Kriegshandwerk und war bei den Soldaten beliebt. Nachdem Marius nun den Oberbefehl über das Heer übernommen hatte, führte er einige technisch-militärische Neuerungen durch. Dazu gehören vor allen das Ersetzen der Manipulartaktik durch die Kohortentaktik und die Beseitigung des Volksheeres. Marius setzte stattdessen auf ein Berufsheer. Daß er dazu Zeit hatte, verdankte Marius dem Abzug der Kimbern und Teutonen nach Nordspanien direkt nach dem Sieg Arausio.

Überrascht und erleichtert müssen die Römer gewesen sein, daß es nicht sofort zu einer Invasion der Barbaren kam.[44] Dieses für Römer unverständliche Verhalten der Germanen läßt sich vielleicht damit erklären, daß auch die Verluste der Germanen nach der Schlacht bei Arausio hoch waren und eine Erholung dringend nötig war. Aber auch eine überhebliche Geringschätzung der römischen Führungsqualitäten und der Kampfkraft könnten eine Rolle gespielt haben, so Franke,[45] immerhin gingen die Germanen bis dato als Sieger aus jeder Schlacht gegen die Römer hervor. Als jedoch die Germanen erneut gegen Rom aufbrachen, standen sie einem reformierten und neu aufgerüsteten römischen Heer gegenüber. Diese Tatsache aus den Augen lassend wurde das germanische Heer zweigeteilt, wie Plutarch überliefert. Die Teutonen sollten über Ligurien angreifen, die Kimbern durch Noricum.[46]

Für das Heer des Marius wirkte sich diese Aufsplitterung vorteilhaft aus. 102 v. Chr. schlug Marius die Teutonen bei Aquae Sextiae und richtete ein „ fürchterliches Massaker “ unter ihnen an.[47] Plutarchs Schilderungen bieten ein Bild eines sehr disziplinierten Marius, der sich nicht zu einer zufälligen Schlacht hinreißen läßt und stattdessen die Kampfeslust seiner Soldaten dadurch steigert, daß er sie an einer Stelle rasten läßt, an der es nicht genügend Trinkwasser gibt. Auf die Anfragen durstiger Soldaten „ zeigte er mit der Hand auf einen kleinen Fluß in der Nähe des Lagers der Barbaren und sagte, dort gebe es Trinkwasser, doch müsse dies mit Blut bezahlt werden .“[48]

Laut Plutarch habe Marius in der Schlacht an Mut alle bei weitem übertroffen. Der Vorteil für die Römer war, daß das Schlachtfeld für die Teutonen äußerst ungünstig lag, weil sie hügelaufwärts gegen die Römer laufen mußten.[49]

Die Entscheidung fiel, als es 3000 Legionssoldaten unter der Führung des Claudius Marcellus gelang, den Teutonen in den Rücken zu fallen. „ Die Feinde konnten dem Doppelangriff nicht lange standhalten, gaben ihre Schlachtordnung auf und ergriffen die Flucht .“[50] Der Kampf sei von den Römern mit solch einer Leidenschaft geführt worden, daß es zu einem Blutbad unter den Feinden kam und die Sieger non plus aquae quam sanguinis barbarorum aus dem versprochen Fluß zu trinken bekamen.[51] Über die Anzahl der Gefallenen geben die Quellen verschiedene Auskünfte. Livius übertreibt sicherlich, wenn er sagt, daß es 200000 Tote und 90000 Gefangene gegeben habe,[52] Plutarch schreibt, „ den Römern, die sie verfolgten, gelang es, über 100000 Menschen gefangenzunehmen oder zu töten .“[53]

Nach diesem Sieg kehrte Marius nach Rom zurück, ohne jedoch seinen Triumph zu feiern. Denn an der Kimbernfront hatte der Konsul Lutatius Catulus erhebliche Probleme, den Feind zu besiegen und war sogar gezwungen, sich zurückzuziehen.[54] Nach Ansicht Koestermanns hätte der Angriff der Kimbern gegen Catulus für Rom katastrophale Folgen gehabt, wenn dieser vor Marius Oberbefehlübernahme stattgefunden hätte.[55] Marius eilte Catulus zu Hilfe. Am 30. Juli 101 wurde das Schicksal der Kimbern bei Vercellae besiegelt. „ Iunctisque eiusdem Catuli et C. Mari exercitibus proelio vincti sunt; in quo caesa traduntur hostium CXL, capta LX,[56] faßt Livius das Ergebnis der Schlacht zusammen und fügt hinzu, Marius habe sich mit einem statt zwei Triumphe zufrieden gegeben. Die Schlachtdarstellung bei Plutarch erscheint wesentlich ausgemalter. Außerdem berichtet er von grausamen Szenen, die sich im Kimbernlager abspielten. Fliehende wurden von eigenen Leuten erschlagen, kleine Kinder erwürgt und massenhaft Selbstmord verübt. Trotzdem gerieten 60000 Kimbern in die Gefangenschaft und die Zahl der Gefallenen sei doppelt so hoch.[57] Ähnliche Szenen schildert auch Florus. Bei den Kimbern habe es 65000 Tote gegeben, dagegen erscheint die Zahl der gefallenen Römer mit 300 viel zu niedrig und dient wohl wie üblich bei antiken Schlachtendarstellungen der Überhöhung des Feldherrn.[58] Diese Zahl der römischen Verluste taucht auch bei Eutrop auf, für den der Krieg gegen die Kimbern und Teutonen mit diesem Sieg zu Ende war: „ Tria et triginta Cimbris signa sublata sunt; ex his exercitus Marii duo reportavit, Catuli exercitus XXXI. Is belli finis fuit. Triumphus utrique decretus est .[59] “ Interessanterweise nennen Florus und Cassius Dio als Grund der germanischen Niederlage die Verweichlichung der Barbarenkrieger durch den übermäßigen Genuß von (aus römischer Sicht) „zivilisierter“ Nahrung.

Ad hoc panis usu carnisque coctae et dulcedine uini mitigatos […]“, heißt es bei Florus.[60] Dio sieht die Schwächung der Germanen als Folge davon, daß diese nun in Häusern wohnen, statt wie früher unter freiem Himmel, warme Bäder den kalten bevorzugen und auf rohes Fleisch verzichten und nun lieber landesübliche Speisen essen würden.

Zudem sei maßvolles Trinken unbekannt. „ Diese neue Lebensweise raubte ihnen ihren wilden Mut und schwächte ihre Körperkraft, so daß sie weder Strapazen noch Mühsal, weder Hitze noch Kälte noch Mangel an Schlaf zu ertragen vermochten “, resümiert Dio.[61]

Nachdem nun die Kimbern und Teutonen vernichtet wurden, folgte eine fast fünfzigjährige Pause in den römisch-germanischen Begegnungen. Vergessen wurde diese Gefahr freilich nicht. Callies nennt in seinem Aufsatz mehrere Beispiele aus dem Prinzipat für die vergangene Bedrohung. Ob es sich nun um die Niederlage des Varus oder einen Aufstand in Germanien zur Zeit des Caligula handelte, diese Vorgänge hielten die Erinnerung an die schrecklichen Zeiten wach.[62] Auch von Caesar, dessen Begegnungen mit den Germanen im nächsten Kapitel behandelt werden sollen, wurden die Kimbern und Teutonen relativ häufig erwähnt.[63] Bereits damals wurde Caesar vorgeworfen, die Heraufbeschwörung des Gedankens an die furchterregende Vergangenheit diene lediglich der Legitimierung seiner Handlungen.[64]

3.2 Caesars Begegnungen mit den Germanen

Caesar nimmt in den Betrachtungen der römisch-germanischen Beziehungen einen ganz besonderen Platz ein, denn erst mit ihm bekamen die Römer detailliertere Vorstellungen von der Lebensweise der Germanen. Caesar war es, der erstmals einen Unterschied zwischen den links- und rechtsrheinischen Völkern zu vermitteln und so den Rhein als eine ethnische Grenze darzustellen versuchte : „ una ex parte flumine Rheno latissimo atque altissimo, qui agrum Helvetium a Germanis dividit . [65] Bis dahin unterschieden die griechischen Geographen und Historiker nur zwischen den Kelten, die den westlichen Teil bewohnten und den Skythen, die im Osten zu Hause waren.[66]

Wie oben bereits erwähnt, gab es nach der Vernichting der Kimbern und Teutonen 102 bzw. 101 v. Chr. keine römisch-germanischen Begegnungen in den nächsten knapp fünf Jahrzehnten. Die Innenpolitik in Rom wurde von den Kämpfen zwischen den Popularen und Optimaten bestimmt, außenpolitisch orientierte sich Rom eher nach Asien. Obwohl nun die Bewachung der Nordgrenze vernachlässigt, ergriff kein Germanenstamm die sich bietende Gelegenheit, Roms innere Krise auszunutzen und seine eigene Machtposition zu festigen. Als Erklärung dafür wird man unter anderem einen tiefsitzenden Schock, den die Vernichtung der Heere der Kimbern und Teutonen hinterlassen hatte, annehmen dürfen.[67]

Caesars Erscheinen in Gallien 58 v.Chr. war nicht zufällig. Einerseits war er als Prokonsul der Provinzen Gallia Cisalpina , Illyricum und Gallia Narbonensis weit weg von seinen zahlreichen Gegnern, die ihn am liebsten vor einem Gericht gesehen hätten, sobald er ein privatus geworden wäre. Andererseits wird er sich durch diese Statthalterschaft neben Ruhm und Ehre auch die dringend benötigte Sanierung seiner Finanzen erhofft haben.[68]

Die Zustände in Gallien, wie sie Caesar vorgefunden haben wird, vergleicht Mommsen mit der späteren Völkerwanderung der germanischen Stämme:

Von den Rheinquellen bis zum Atlantischen Ozean waren die deutschen Stämme in Bewegung, die ganze Rheinlinie von ihnen bedroht; es war ein Moment wie da die Alamannen und Franken sich über das sinkende Reich der Caesaren warfen, und jetzt gleich schien gegen die Kelten ebendas ins Werk gesetzt werden zu sollen, was ein halbes Jahrtausend später gegen die Römer gelang.“[69]

Caesars späterer Gegenspieler Ariovist, höchstwahrscheinlich ein suebischer Fürst, überschritt bereits 71 v. Chr. der Rhein und begann im Saône-Rhone-Tal mit dem Ausbau seiner Stellung. Ariovist, „König der Germanen jenseits des Rheines“[70], wurde einst von den Avernern und Sequanern im Kampf gegen den Stamm der Haeduer zu Hilfe gerufen. Die anfangs relativ kleine Söldnertruppe wuchs schnell über den Rahmen des kontrollierbaren an: „Horum primo circiter milia XV Rhenum transisse;

posteaquam agros et cultum et copias Gallorum homines feri ac barbari adamassent, traductos plures; nunc esse in Gallia ad centum et viginti milium numerum“.[71]

Die Haeduer hätten gegen die Germanen zwei Schlachten geführt und seien dabei geschlagen worden und dabei omnem nobilitatem, omnem senatum und omnem equitatum verloren.[72] In seinen Kommentaren malt Caesar sehr eindrucksvoll die Germanengefahr aus. Auch wenn die besiegten Haeduer leiden müßten, habe es die eigentlichen Verbündeten der Germanen weitaus schlimmer getroffen. Die Sequaner nämlich müßten damit leben, daß der Germanenkönig sich in ihrem Gebiet breitmache.

Neben dem bereits besetzen Drittel des Landes, fordere Ariovist nun auch ein zweites Drittel. „Futurum esse paucis annis, uti omnes ex Galliae finibus pellerentur atque omnes Germani Rhenum transirent[73], läßt Caesar den Haeduer Diviciacus prophezeien, der nach Rom geflohen war, um den römischen Senat um Hilfe zu bitten. Ariovist selbst tritt als ein grausamer und stolzer Herrscher auf. Hominem esse barbarum, iracundum, temerarium , vor dessen Unrecht Gallien nur durch Caesar gerettet werden könne.[74]

Aus Caesars Sicht war die Gefahr so groß, daß ein Eingreifen der römischen Truppen unumgänglich geworden sei. Die Versklavung der Haeduer, fratres consanguineosque saepe numero a senatu appelatos , wiederholte Überschreitung des Rheins durch die Germanen und schließlich der untragbar gewordene Ariovist lauteten die Gründe Caesars zum Angriff. Außerdem verweist er geschickt auf die schlimme Vergangenheit Roms, als die Kimbern und Teutonen das römische Reich bedrohten.[75]

Ob nun diese Gefahr wirklich so groß gewesen war oder es sich nur um eine Lokalaffäre einiger gallischer Stämme mit einem Germanenfürsten handelte,[76] für Caesars folgende Handlungen boten diese Vorkommnisse jedenfalls eine hervorragende Rechtfertigung. Denn eine Kriegserklärung an Ariovist war nicht unproblematisch, der Germanenkönig war vom Senat im Konsulatsjahr Caesars zum rex atque amicus ernannt worden.[77] Bei solch einem Titel hätte man eigentlich einen Verbündeten statt eines Feindes Roms vermuten müssen. Caesar mußte sich also einen Weg einfallen lassen, den Übergriff auf die Germanen als einen bellum iustum dem römischen Volk zu präsentieren. Die Vorgehensweise wird von ihm er in seinen Kommentaren geschildert. Zunächst wählte Caesar einen friedlichen Weg und schickte Gesandte zu Ariovist, die den Germanenfürsten zu einer Unterredung mit Caesar einladen, „velle sese de re publica et summis utriusque rebus com eo agere“.[78] Überheblich habe Ariovist den Gesandten geantwortet, wenn Caesar etwas von ihm wolle, so müsse er schon persönlich erscheinen. Außerdem wundere sich Ariovist, was Caesar in sua Gallia überhaupt zu suchen habe.[79] Nun konnte Caesar, der mit einer ähnlichen Reaktion des stolzen Germanen gerechnet haben muß, seinerseits Forderungen stellen. Erstens solle Ariovist keine Menschenmassen mehr über den Rhein nach Gallien führen, zweitens forderte Caesar die Zurückgabe der Haeduer-Geiseln und drittens dürfe Ariovist weder gegen die Haeduer noch andere Bundesgenossen Krieg führen.

Si id ita fecisset, sibi populoque Romano perpetuam gratiam atque amicitiam cum eo futuram,“[80] ermahnte Caesar den König, andererseits sei es dem Statthalter Galliens erlaubt, die Haeduer zu verteidigen. Ariovist ließ sich durch diese Drohungen nicht einschüchtern, er habe die Haeduer besiegt und sie danach tributpflichtig gemacht. Darauf folgte nun eine direkte Herausforderung an Caesar: cum vellet, congrederetur . Die Germanen seien tapfer, gut ausgebildet im Umgang mit Waffen und seit 14 Jahren unbesiegt.[81]

Aus Caesars Sicht war nun ein Kriegsgrund gegeben, nur wurde er vorher mit einem ernsten Problem in den eigenen Reihen konfrontiert. Es war schlicht und ergreifend Angst, die seine Truppen vor den Germanen hatten.

qui ingenti magnitudine corporum Germanos, incredibili virtute atque exercitatione in armis esse, berichteten Gallier, die schon mehrmals auf Germanen gestoßen und bereits von dem Blick und der Schärfe ihrer Augen eingeschüchtert seien.[82] Die Folge dieser furchterregenden Berichte seien zahlreiche Urlaubsgesuche, ohne jedoch den wahren Grund zu nennen, tränenreiche Szenen und Testamentsabschlüsse. Selbst die Altgedienten seien in Sorge, nur hätten diese vermieden, direkt ihre Angstgründe auszusprechen. Stattdessen flüchteten sie sich in Ausreden, „angustias iteneris et magnitudinem silvarum […] aut rem frumentariam, ut satis commode supportari, timere dicebant“.[83] Eine Befehlsverweigerung der Soldaten sei nicht auszuschließen.

Caesar sah sich gezwungen, dieser sich anbahnenden Meuterei entgegenzuwirken. Er berief alle Zenturionen zu sich und hielt eine ermutigende Rede ab, in der er seine Offiziere an seine Führungsqualitäten erinnerte. Außerdem brachte Caesar zum wiederholten Male die Kimbern und Teutonen ins Spiel, nach deren Vernichtung das Lob, das dem Heer zugestanden hätte, nicht geringer gewesen sei, als das des Marius selbst,„cum Cimbris et Teutonis a C. Mario pulsis non minorem laudem exercitus quam ipse imperator meritus videbatur.“[84]

[...]


[1] Gemeint ist nur der für diese Arbeit relevante Zeitraum. Die späteren Runeninschriften sind wenig aufschlußreich. Vgl. Goetz, H.-W., Welwei K.-W. (Hrsg.): Altes Germanien. Auszüge aus den antiken Quellen über die Germanen und ihre Beziehungen zum Römischen Reich. Darmstadt 1995, S. 11f.

[2] Goetz, H.-W., Welwei K.-W. (Hrsg.): Altes Germanien. Auszüge aus den antiken Quellen über die Germanen und ihre Beziehungen zum Römischen Reich. Darmstadt 1995, S. 13.

[3] Becker, A.: Rom und die Chatten, Marburg 1992, S. 8.

[4] Nicht zuletzt wegen seiner eigensinnigen Einstellung zu den Germanen in 33,2: „ Maneat, quaeso, duretque gentibus, si non amor nostri, at certe odium sui, quando urgentibus imperii fatis nihil iam praestare fortuna maius potest quam hostiam discordiam .“

[5] Tac. Germ. 2,1.

[6] Flach, D.: Die Germania des Tacitus in ihrem literaturgeschichtlichen Zusammenhang, S. 36ff. In: Jankuhn, H., Timpe, D. (Hrsg.): Beiträge zum Verständnis der Germania des Tacitus. Teil I. Göttingen 1989.

[7] Becker: Rom und Chatten, S. 30.

[8] Für die vorliegende Arbeit sind nur die Annalen relevant, da die Historien die Zeit nach der julisch-claudischen Dynastie behandeln.

[9] Becker: Rom und die Chatten, S. 45.

[10] Norden, E.: Die Germanische Urgeschichte in Tacitus Germania, Berlin 1920, S. 470.

[11] Callies, H.: Zur Vorstellung der Römer von den Cimbern und Teutonen seit dem Ausgang der Republik. Ein Beitrag zur Behandlung außenpolitischer Ideologie in Rom. In: Chiron. Mitteilungen der Kommission für die alte Geschichte und Epigraphik des deutschen archäologischen Instituts. Band 1, München 1971, S. 346f.

[12] Poseidonios, FgrHist 87 F 31,2. Hier und im folgenden aus: Goetz, H.-W., Welwei, K.-W.: Altes Germanien. Auszüge aus den antiken Quellen über die Germanen und ihre Beziehungen zum Römischen Reich. Erster Teil. Darmstadt 1995, S. 205.

[13] Strab. 7,2,4.

[14] Tac. Germ. 37,1.

[15] Ptol. Geogr. 2,11,7.

[16] Aug. Res g. 26: Classis mea per oceanum ab ostio Rheni ad solis ad solis orientis regionem usque ad fines Cimbrorum navigavit.

[17] Timpe, D.: Kimberntradition und Kimbernmythos. In: Scardigli, B. u. P. (Hrsg.): Germani in Italia, Roma 1994, S. 33.

[18] Poseidonios, FgrHist 87 F 28,6: (Poseidonios) vermutet auch, daß ein Vordringen des Meeres, das nicht plötzlich erfolgt sei, die Auswanderung der Kimbern und ihrer Stammverwandten aus ihrer Heimat verursacht habe.

[19] Koestermann, E.: Der Zug der Cimbern. In: Bömer, F., Voit, L. (Hrsg.): Gymnasium. Zeitschrift der Antike und humanistische Bildung. Band 76, Heidelberg 1969, S. 313f.

[20] Oros. Hist. 5,16,1.

[21] Koestermann: Der Zug der Cimbern, S. 314.

[22] Mommsen, Th.: Römische Geschichte. Band 3. IV Buch. Die Revolution, München 2001, S. 182.( Die im folgenden Fußnoten genannten Seitenzahlen entsprechen alle dieser Ausgabe, unterscheiden sich jedoch von der Originalzahlen)

[23] Poseidonios, FgrHist 87 F 31,1-2.

[24] Franke, A. : Rom und die Germanen. Das neue Bild der deutschen Frühgeschichte, Tübingen 1980, S. 84f.

[25] Plut. Mar. 11,2. Weitere übertriebene Darstellungen der Truppenstärke finden sich bei Vell. Pat. 2,12,4; Flor.1.38,14; Eutr. 5,1-2 usw.

[26] App. Celt. Fr. 13.

[27] Vgl. Koestermann, Der Zug der Cimbern, S. 317.

[28] App. Celt. Fr. 13.

[29] App. Celt. Fr. 13.

[30] Franke: Rom und die Germanen, S. 98.

[31] App. Celt. Fr. 13.

[32] Timpe: Kimberntradition und Kimbernmythos, S. 39.

[33] Vell. 2,8,3.

[34] Flor. 1,38,1-2.

[35] Flor. 1,38,3.

[36] Gran. Lic. 33,8.

[37] Eutr. 5,2.

[38] Vell. 2,12,2.

[39] Dio 27 fr. 91,1.

[40] Heuß, A.: Römische Geschichte, Paderborn 1998, S.158 u. 251.

[41] Liv. Per. 67.

[42] Gran. Lic. 33,16.

[43] Mommsen: Römische Geschichte, Band 3, S. 199.

[44] Timpe: Kimberntradition und Kimbernmythos, S. 43f.

[45] Franke: Rom und die Germanen, S. 109f.

[46] Plut. Mar. 14,5-6.

[47] Heuß: Römische Geschichte, S. 252.

[48] Plut. Mar. 18,1-7. Ähnliches berichtet auch Florus in: Flor. 1,38,8: „Consultone id egerit imperator, an errorem in consilium uerterit, dubium; certe necessitate aucta uirtus causa uictoria fuit.“

[49] Plut. Mar. 20,9-10.

[50] Plut. Mar. 21,2-3.

[51] Flor. 1,38,9.

[52] Liv. Per. 68.

[53] Plut. Mar. 21,4.

[54] Daß Catulus nicht alleine mit den Kimbern fertig wurde, ist bei Plut. Mar. 23, 2; Liv. Per. 68; Val. Max. 5,8,4. Einzig Frontin berichtet über einen Sieg, den Catulus gegen die Kimbern errungen hatte: Front. Strat. 1,5,3.

[55] Koestermann: Der Zug der Cimbern, S. 327.

[56] Liv. Per. 68.

[57] Plut. Mar. 27,2-5.

[58] Flor. 1,38,14-17.

[59] Eutr. 5,2,2.

[60] Flor. 1,38,13.

[61] Dio 27, fr. 94,2.

[62] Callies: Zur Vorstellung der Römer von den Cimbern und Teutonen, S. 346f.

[63] Caes. Gall. 1,33,4; 1,40,5; 2,4,2; 2,29,4.

[64] Callies: Zur Vorstellung der Römer von den Cimbern und Teutonen, S. 347.

[65] Caes. Gall. 1,2,3.

[66] Wolters, R.: Die Römer in Germanien, S. 17.

[67] Franke : Rom und die Germanen, S. 137f.

[68] Riemer, U.: Die römische Germanienpolitik. Von Caesar bis Commodus, Darmstadt 2006, S. 15.

[69] Mommsen, Th.: Römische Geschichte, Band 4, V Buch, München 1976, S.241f.

[70] App. Celt. fr. 16. Ariovist ist auch für Caesar rex Germanorum : Caes. Gall. 1,31,10.

[71] Caes. Gall. 1,31,4-5.

[72] Caes. Gall. 1,31,6. Interessant ist die Verwendung römischer Begriffe für gallische Stände.

[73] Caes. Gall. 1,31,10-11.

[74] Caes. Gall. 1,31,12-16.

[75] Caes. Gall. 1,33,2-5.

[76] Meier, Chr.: Caesar, Darmstadt 1992, S. 297. Die in der Forschung umstrittenen Gründe für Caesars Handeln sollen später diskutiert werden.

[77] Caes. Gall. 1,35,2.

[78] Caes. Gall. 1,34,1.

[79] Caes. Gall. 1,34,1.

[80] Caes. Gall. 1,35,3-4.

[81] Caes. Gall. 1,36,1; 3; 7.

[82] Caes. Gall. 1,39,1.

[83] Caes. Gall. 1,39,3-7.

[84] Caes. Gall. 1,40,1; 5.

Ende der Leseprobe aus 91 Seiten

Details

Titel
Römischer Imperialismus in Germanien? Römische Germanienpolitik des frühen Prinzipats
Hochschule
Universität Osnabrück
Note
3,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
91
Katalognummer
V113913
ISBN (eBook)
9783640138227
ISBN (Buch)
9783640138418
Dateigröße
817 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Römischer, Imperialismus, Germanien, Römische, Germanienpolitik, Prinzipats
Arbeit zitieren
Wladimir Danilow (Autor), 2008, Römischer Imperialismus in Germanien? Römische Germanienpolitik des frühen Prinzipats, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113913

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