Kinder mit Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADS) in Alltag, Schule und Unterricht


Examensarbeit, 2002
85 Seiten, Note: sehr gut (1,0)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1.0 Grundlegendes über ADS

2.0 Merkmale von ADS
2.1 Kernsymptome von ADS
2.2 Differentialdiagnostische Symptome

3.0 Die Ursachen des Aufmerksamkeitsdefizit Syndroms
3.1 Genetische Ursachen
3.2 Hormonelle Ursachen
3.3 Stoffwechselursachen
3.4 Allergien
3.5 Psychosoziale und gesellschaftliche Ursachen
3.6 Einflüsse der Nahrung
3.7 Komplikationen während der Schwangerschaft und Geburt

4.0 Die Diagnostik von ADS
4.1 Die Anamnese
4.2 Testpsychologische Untersuchungen
4.3 Fragebogenverfahren
4.4 Neurologische Untersuchungen

5.0 Therapieformen für ADS
5.1 Medikamente (Stimulanzien)
5.2 Psychotherapeutische Ansätze
5.2.1 Aufmerksamkeits- Konzentrationstraining zum Aufbau von planvollem Arbeitsverhalten
5.2.2 Programme zur Verhaltensmodifikation
5.2.3 Familienzentrierte Intervention
5.2.4 Psychomotorische Maßnahmen

6.0 ADS-Kinder in Schule und Unterricht
6.1 Kennzeichen von ADS in der Schule
6.2 Vorgehensweise des Lehrers bei Verdacht auf ADS
6.2.1 Systematische Beobachtung
6.2.2 Kollegenvergleich
6.2.3 Das Elterngespräch
6.3 Grundregeln und Strategien für das Arbeiten mit ADS Kindern im Unterricht
6.3.1 Positive Lehrer- Kind- Beziehung
6.3.2 Einführen von Ritualen und Strukturen
6.3.3 Klare Anweisungen
6.3.3.1 Hinweise für den Umgang mit dem Wochenplan
6.3.4 Schaffen einer ablenkungsfreien Umgebung
6.3.5 Einführung von Regeln
6.3.5.1 Konsequenzen bei Nichteinhaltung der Regeln
6.3.5.1.1 Formen negativer Konsequenzen
6.3.6 Verstärkersysteme
6.3.6.1 Lob und Rückmeldung
6.3.6.2 Token- Verstärker- Systeme
6.3.6.3 Verstärkerentzugssysteme
6.3.7 Differenzierung in Beurteilungssituationen
6.3.8 Abwechslungsreicher Unterricht
6.3.9 Lernen mit allen Sinnen
6.3.10 Schaffen von Bewegungsmöglichkeiten
6.4 Hausaufgaben
6.4.1 Hausaufgaben in der Schule
6.4.2 Hausaufgaben zu Hause
6.5 Spezielle Lernmethoden für ADS-Kinder im Unterricht
6.5.1 Die Freed Methode: Warum Kinder mit ADS einen anderen Lernstil haben
6.6 Weitere Lerntechniken für Kinder mit ADS
6.6.1 Kieler Leseaufbau

7.0 Berichte aus der Praxis
7.1 Auswertung der Interviews

Schlusswort

Literaturverzeichnis

Anhang

Einleitung

Immer mehr Eltern, Lehrer und Erzieher klagen über sogenannte

„Problemkinder“. Diese Kinder fallen vor allem durch extrem innere Unruhe, schnelle Ablenkbarkeit und impulsives Verhalten auf.

Nach genauer Untersuchung der Kinder wird nicht selten bei ihnen das Aufmerksamkeits- Defizit- Syndrom festgestellt.

Trotz wachsender Aufklärung durch die Medien wird das Syndrom immer noch von vielen Eltern und Pädagogen nicht erkannt oder als „Modekrankheit“ abgetan.

Dabei sind sehr viel Eltern, aber auch Lehrer, mit diesen Kindern stark überfordert und wissen meist nicht, wie sie auf ihre Verhaltensaufälligkeiten reagieren sollen.

In dieser Arbeit sollen deshalb praktikable Anregungen für den Umgang mit ADS- Kindern vorgestellt werden. Dabei steht vor allem der schulische Aspekt im Vordergrund.

Die Arbeit setzt sich aus drei Schwerpunkten zusammen.

Im ersten Teil wird die Symptomatik, die Diagnose und verschiedene Therapieformen beschrieben.

Der danach folgende Teil befasst sich mit Grundregeln und Strategien im Umgang mit ADS- Kindern in der Schule. Es werden zudem spezielle Lernmethoden für ADS- Kinder vorgestellt.

Der letzte Teil handelt von Berichten und Erfahrungen aus der Praxis. Hierzu wurden Ärzte, Psychologen und Lehrer befragt. Sie geben vor allem Aufschluss, inwieweit sich Therapieformen in der Praxis bewährt haben.

1.0 Grundlegendes über ADS

ADS steht für den deutschen Ausdruck „Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom“ und beschreibt ein klinisches Syndrom, das durch Minderung der Konzentrations- und Daueraufmerksamkeit, durch Mangel an Impulskontrolle sowie unter Umständen auch durch auffällige Unruhe oder Hyperaktivität gekennzeichnet ist . Entstanden ist diese Bezeichnung aus der Übersetzung des englischen Begriffs Attention-Deficit-Disorder (ADD).1

Eine Definition zum „Aufmerksamkeits- Defizit- Syndrom“ findet man in der

„Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme“, „hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens“ (ICD 10) oder in den “Diagnostischen Statistischen Manuals psychischer Störungen“ (DSM- IV). 2

Im DSM IV werden drei Subtypen ADS unterschieden:3

- Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätsstörung - H überwiegend unaufmerksamer Typus (das Kind ist übermäßig unaufmerksam, aber weder hyperaktiv noch impulsiv)
- Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätsstörung +H überwiegend hyperaktiver, impulsiver Typus (das Kind ist hyperaktiv und impulsiv, aber nicht unaufmerksam)
- Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätsstörung +H -H

Mischtypus (Kind ist impulsiv, hyperaktiv und unaufmerksam)

Das Syndrom tritt meist schon im frühen Kindesalter in Erscheinung, wobei es bei manchen Kindern im späten Jugendalter wieder „herauswächst“. Bei einigen Kindern bleibt das Syndrom jedoch erhalten und kann im Erwachsenalter noch zu großen Problemen führen, da auch Erwachsene mit ADS Schwierigkeiten

lltag durchzustrukturieren und häufiger von sogenannten Begleiterscheinungen (Depressionen, Drogenmissbrauch) betroffen sind . 4 Das Syndrom ist in unterschiedlich starker Ausprägung in allen Gesellschaftsschichten zu finden. Das Auftreten hängt meist mit der

Persönlichkeit und mit den jeweiligen Lebensumständen der betroffenen Person zusammen5.

Bei Jungen wird ADS fünf bis sechsmal häufiger diagnostiziert als bei Mädchen, wobei Mädchen trotzdem in der Kategorie ADS –H stärker vertreten sind als Jungen.6 Zusammenhänge könnte es dabei möglicherweise in der unterschiedlichen Art und Weise der Erziehung von Jungen und Mädchen geben. Darüber hinaus gibt es eine große Anzahl von Kindern, bei denen ADS fehldiagnostiziert wird.7 Denn oft treten vergleichbare Symptome in Zusammenhang mit belastenden Ereignissen auf, wie zum Beispiel Scheidung der Eltern, Umzug oder Probleme mit Gleichaltrigen. Im Gegensatz dazu wird bei vielen Kindern, die tatsächlich an ADS leiden, das Syndrom nicht erkannt.

Vor allem Mädchen, bei denen der ADS Typ ohne Hyperaktivität häufig auftritt, werden meist für schüchtern oder depressiv gehalten.8 Deshalb ist Aufklärung gegenüber Eltern und Lehrern sowie eine frühzeitige genaue Diagnostik notwendig, um den betroffenen Menschen entsprechend helfen zu können.

2.0 Merkmale von ADS

ADS ist keine Krankheit, sondern, wie schon aus dem Namen hervorgeht, ein Syndrom. Das bedeutet, dass bestimmte Merkmale immer, andere aber nur manchmal festzustellen sind.9

Alle Symptome, die bei aufmerksamkeitsgestörten Kindern in Erscheinung treten, können auch bei Kindern ohne Aufmerksamkeitsstörungen vorkommen.10 Der entscheidende Unterschied zwischen den beiden Gruppen ist jedoch die Intensität der Symptome und deren Beeinflussbarkeit.

Kinder ohne ADS sind in der Regel fähig und willens, nach einer Ermahnung ihr Verhalten zu ändern. ADS-Kinder korrigieren ihr Verhalten dagegen nur kurzzeitig und vergessen eine Lehreranweisung wieder schnell. Die Ursache dafür ist eine Fehlregulation im Gehirn, die ADS-Kinder sehr stark ablenkbar und vergesslich macht.11

Die Verhaltensauffälligkeiten sind bei jedem Kind unterschiedlich. Es können bei einem ADS-Kind nur einige, aber auch alle Merkmale auftreten, die im folgenden dargestellt werden. Auch die Ausprägungen der einzelnen Symptome sind von Kind zu Kind anders geartet.12

2.1 Kernsymptome von ADS

Die Kernsymptome von ADS nach gängiger Auffassung sind:13

Impulsivität

- unbedachtes Handeln, ohne sich über die Konsequenzen Gedanken zu machen
- negative sowie positive Gefühle werden direkt und sofort ausgelebt.
- Aufschieben von Bedürfnissen oder längeres Abwarten fällt schwer.

Unaufmerksamkeit und Konzentrationsschwächen

- rasches wechseln von Beschäftigungen
- kurze Aufmerksamkeitsspanne14
- mangelnde Verhaltenskontrolle
- häufiges Missachten von Regeln
- der Wille steht im Vordergrund und muss behauptet werden
- Schlechte Selbsteinschätzung sowie Einschätzung anderer Personen

- Stimmungsschwankungen
- starker Stimmungswechsel, tieftraurig bis zu übertriebener Freude
- mangelndes Selbstwertgefühl

Hyperaktiv oder / und verträumt

- massive innere und äußere Unruhe
- Abschalten der Außenwelt (Leben in einerTraumwelt)

rasches Wechseln von Beschäftigungen

- chaotisches und zerstreutes Verhalten
- zielloses Handeln
- ausgeprägte Vergesslichkeit im Alltag aufgrund des schlechten Kurzzeitgedächtnisses (dafür aber sehr gutes Langzeitgedächtnis)

Aus diesen Symptomen resultieren:

- endlose Diskussionen mit dem Kind
- wenige Freundschaften mit Gleichaltrigen aufgrund auftretender Konflikte
- vergessene Aufträge oder überhörte Anweisungen
- mangelnde Organisation und strukturloses Verhalten bei Aufgaben im Alltag

2.2 Differentialdiagnostische Symptome

Zu diesen zählen:15

- eine mangelnde seelische Reife ( Entwicklungsrückstand ungefähr 30 %)
- ein schlechtes Schriftbild aufgrund feinmotorischer Entwicklungsverzögerungen.
- Schnelles psychisches Ermüden
- ausgeprägter Gerechtigkeitssinn
- erhöhte und spontane Hilfsbereitschaft
- Hypersensibilität
- cholerische Reaktionen bei Veränderungen
- unzureichende Fähigkeit der reellen Selbst- und Eigenleistungseinschätzung
- starke Beeinflussbarkeit

3.0 Die Ursachen des Aufmerksamkeitsdefizit Syndroms

Die genauen Ursachen des ADS sind bis heute noch nicht hundertprozentig geklärt.16 Man nähert sich diesem Problem von verschiedenen Seiten.

3.1. Genetische Ursachen

Es scheint sicher zu sein, dass ADS mit einer geschlechtsunabhängigen vererbbaren Störung zusammenhängt.17

Anhand von aktuellen Studien mit eineiigen und zweieiigen Zwillingen läßt sich vermuten, dass das Syndrom vererbt wird. Eineiige Zwillinge besitzen eine identische Erbinformation, zweieiige Zwillinge dagegen tragen zu nur fünfzig Prozent eine identische Erbinformation in sich. Bei eineiigen Zwillingen wurde in großen Maße Übereinstimmungen hyperkinetischer Auffälligkeiten beobachtet. Bei zweieiige Zwillinge hingegen war dies nur in wesentlich geringeren Maße festzustellen. Dieses Ergebnis ist ein sehr starker Hinweis darauf, dass hyperkinetsche Auffälligkeiten vererbt werden.18

3.2 Hormonelle Ursachen

Eine weitere Ursache des Syndroms liegt wahrscheinlich in einer Funktionsstörung der Botenstoffe im Gehirn, die in allen Einzelheiten noch nicht erforscht ist.19 Dopamin, ein Botenstoff (Neurotransmitter), wirkt wesentlich an der Reizweiterleitung im Frontalhirn mit. Normalerweise wird die Vielzahl von Reizen, die von den Sinnesorganen kommend im Gehirn eintreffen, durch bestimmte Nervensysteme sortiert, so dass nur die relevanten Reize wahrgenommen werden. Die bedeutungslosen Reize werden vor dem Erreichen der Hirnrinde durch hindernde Nervensysteme ausgeschaltet.20 Genau in diesem Bereich liegt die Dysfunktion bei Menschen mit einem ADS.

Neurotransmitter (Dopamin, Noradrenalin), die eine hemmende Wirkung21 auf nicht relevante Reize haben, sind nur vermindert vorhanden, so dass das Gehirn von Informationen regelrecht überflutet wird.22 Die Folge ist, dass ein Chaos im Gehirn entsteht, weil wichtige und unwichtige Reize nicht mehr auseinandergehalten werden können.23

3.4. Stoffwechselursachen

Eine weitere Störung, die bei Menschen mit ADS festgestellt werden kann, ist ein verminderter Traubenzucker-Stoffwechsel im Stirnhirn.24

Das Stirnhirn (Lobus frontalis) hat die Funktion, Verhalten zu steuern, Impulse zu filtern und dem Menschen ein vorausschauendes Planen zu ermöglichen.25 Zudem befindet sich das Arbeitgedächtnis im Stirnhirn, welches verantwortlich ist für die Bewertung vorangegangener Dinge, für gerade passierende Dinge sowie für die Planung zukünftiger Aktionen. Eine verminderte Leistung des Arbeitsgedächtnisses würde erklären, warum Menschen mit ADS nicht in der Lage sind, aus den eigenen Erfahrungen zu lernen und die Folgen bestimmter Handlungsweisen vorauszusehen. 26 Für „ interessante und spannende“ Erfahrungen gilt dies jedoch nicht. Aus ungeklärten Gründen scheinen Betroffene mit ADS in solchen Situationen aus ihren Fehlern zu lernen.27

Ein deutliches Anzeichen für einen verminderten Traubenzucker-Stoffwechsel zeigen ADS-Kinder in ihrer Gier nach Zucker.28 Ein überhöhter Zuckerkonsum bewirkt den Anstieg des Zuckerspiegels im Blut, so dass auch die Energieversorgung im Stirnhirn steigt.29

Die gesteigerte Energieversorgung des Stirnhirns hat zur Folge, dass Kinder angemesseneres Verhalten und eine gesteigerte Konzentration zeigen.30 Lange hält dieser Zustand jedoch nicht an, da die Bauchspeicheldrüse den überhöhten Blutzuckerspiegel durch das Ausschütten des Eiweißhormons Insulin wieder senkt.31

Zusätzlich hat die übermäßige Einnahme von Zucker den Effekt, dass die Bauchspeicheldrüse mit einer übermäßig hohen Ausschüttung von Insulin reagiert, sodass der Blutzuckerspiegel sogar unter den Normalwert herabsinken kann.32 Die Folgen eines zu niedrigen Blutzuckerspiegels sind Unruhe, Zittrigkeit sowie aggressives Verhalten. Durch die Unterversorgung des Stirnhirns bei ADS-Kindern werden diese ungünstigen Merkmale, die bei ihnen sowieso schon ausgeprägt sind, noch verstärkt.33

Hinweise gibt es auch für eine schwächere Durchblutung der rechten Hirnhemisphäre bei ADS - betroffenen Personen. Verantwortlich ist dieser Teil des Gehirns für die räumliche Wahrnehmung, die Verarbeitung mehrerer Eindrücke gleichzeitig sowie für das Treffen von Entscheidungen.34 Ist dieser Teil des Gehirns zu schlecht durchblutet, kommt es zu Minderleistung im Bereich des sozialen emotionalen Lernens sowie zu Schwierigkeiten, sich über Dinge einen Überblick zu verschaffen.35

3.4 Allergien Seite

Schon seit langem bestehen Vermutungen, dass ein Zusammenhang zwischen Allergien und Überaktivität besteht. In Untersuchungen ist festgestellt worden, dass bei hyperaktiven Kindern vermehrt Nahrungsmittelallergien auftreten.

Wahrscheinlich spielt der Botenstoff Noradrenalin dabei eine große Rolle. Noradrenalin wird für die Immunabwehr benötigt und verhindert dadurch den

Ausbruch von Allergien.36 Ist das Noradrenalinsystem jedoch geschwächt, so kommt es zu allergischen Reaktionen sowie zur Hyperaktivität.

3.5 Psychosoziale und gesellschaftliche Ursachen

Aufgrund der Vererbbarkeit tritt das Syndrom in allen Gesellschaftsschichten auf. Das heißt, ADS kann bei Hochbegabten, aber auch genauso gut bei geistig behinderten Menschen auftreten. Jedoch werden die Menschen mit ADS in ihrem Verhalten nicht alleine geprägt.37

ADS kann auch aufgrund bestimmter Sozialisationsbedingungen mitbestimmt werden.38 Hierbei hat die familiäre Situation, die Stellung der Geschwisterreihe und das Verständnis durch die Eltern einen Einfluss auf das Verhalten des Kindes.39

Haben Eltern zum Beispiel Depressionen oder Trinksucht, sind sie meist nicht in der Lage dem Kind genügend Aufmerksamkeit zu schenken. Oft führt das dazu, dass Kinder sich bemerkbar machen in Form von hyperaktivem, oppositionellem und auch aggressivem Verhalten.40

Die Verhaltensweisen der Kinder können aber auch durch Imitationen der Eltern entstehen. Neigen Eltern zu hektischem, hyperaktivem und aggressivem Verhalten, können auch bei Kindern solche Verhaltensweisen entstehen.41

Aber auch gesellschaftliche Veränderungen spielen bei der Hyperaktivität eine Rolle. Zur Zeit der Großfamilien waren Mütter in der Erziehung besser vorbereitet, da sie ihre jüngeren Geschwister meist mit großgezogen haben.

Zudem gaben strenge Sozialisationsbedingungen und Normen in der Religion klare Richtlinien vor. Heutzutage sind Eltern dagegen in Erziehungsfragen häufig verunsichert, weil klare Erziehungsnormen durch Liberalisierungen nunmehr weggefallen sind. Durch die Orientierungslosigkeit vieler Eltern werden wichtige Erziehungsgrundlagen, wie das Setzen von Regeln, meist nicht mehr angewandt, so dass viele Probleme vorprogrammiert sind.42

Eine weiterer gesellschaftliche Ursache der Hyperaktivität ergibt sich aus der Veränderung der Kultur: Das wachsende Tempo im Alltagsleben, Kommunikationsmittel wie Handys und Internet, die sofortige Bedürfnisbefriedigung, die Lust nach Abenteuer und Actionsowie die weitverbreitete Ungeduld und das riesige Angebot an Spiel und

Freizeitmöglichkeiten tragen zur Hyperaktivität bei.43 Häufig ist zu beobachten,

dass Kinder schon in ihrem Kinderzimmer vollkommen damit überfordert sind, sich zwischen ihrem ganzen Spielzeug für eine Sache zu entscheiden.44

3.6 Einflüsse der Nahrung

Die Hypothese, dass Zucker und ADS in Zusammenhang stehen, wurde schon bei den Stoffwechselursachen 3.4 dargelegt. Ob aber Nahrungsmittel die Hyperaktivität direkt verursachen können, ist sehr umstritten. Zwar scheint ein kleiner Teil von Kindern verstärkt unruhig bei bestimmten Lebensmittelzusätzen (Natriumglutamat und Farbstoffen) zu reagieren, insgesamt jedoch wird davon ausgegangen, dass Nahrungsmittel für den größten Teil der Kinder bei der Entstehung von Hyperaktivität keine Rolle spielt.45

3.7 Komplikationen während der Schwangerschaft, Geburt und im Säuglingsalter

Früher wurde Hyperaktivität in einen engen Zusammenhang mit Komplikationen in der Schwangerschaft, sowie der Geburt und des Säuglingsalters gebracht (z.B. Nabelschnur-Umwickelung, Sturz vom Wickeltisch).46 Diese Komplikationen, die während der Schwangerschaft und der Geburt auftreten, können eine Schädigung der Hirnfunktionen nachsichziehen. Genannt wird diese Beeinträchtigung „Minimale Cerebrale Dysfunktion“ (MCD). Nach dem

heutigen Stand der Wissenschaft besteht jedoch kein Zusammenhang zwischen den eben genannten Komplikationen und Hyperaktivität.47 Fest steht, dass Kinder mit geringem Geburtsgewicht einem größeren Risiko ausgesetzt sind, Hyperaktivität im späterem Alter zu entwickeln. Dasselbe gilt für Alkoholmissbrauch während der Schwangerschaft.48

Genauso wie die Erscheinungsformen von ADS sehr vielfältig sind, haben auch die Ursachen ein großes Spektrum. Es kann also davon ausgegangen werden, dass ADS nicht von einer Ursache, sondern von einem multifaktoriellen Geschehen ausgeht.49

4.0 Die Diagnostik von ADS

Die Diagnosestellung der „Aufmerksamkeitsstörung mit oder ohne Hyperaktivität“ erweist sich als sehr aufwändig und schwierig.50 Sie darf nur von Fachleuten (spezialisierte Kinderärzte, Kinder- und Jugendpsychiater, spezialisierte Kinder- und Verhaltenstherapeuten) durchgeführt werden.51 Entscheidend dabei ist, ein Gesamtbild des Kindes zu bekommen.52 Hierfür müssen mehrere Diagnoseverfahren vorgenommen werden, um zu einer exakten Beurteilung zu kommen.53 Dazu gehört:

- eine Anamnese
- eine testpsychologische Untersuchung
- Fragebogenverfahren
- Neurologische Untersuchungen, eventuell mit EEG

4.1 Die Anamnese

Der erste Schritt der Diagnose beginnt meist mit einer ausführlichen Beschreibung der bisherigen Lebensgeschichte des Kindes durch die Eltern. Dabei sollten folgende Informationen über das Kind eingeholt werden:54

- Verlauf der Schwangerschaft und Geburt
- bisherige Entwicklung des Kindes (Verzögerungen von Entwicklungsschritten, Krankheiten und besondere Auffälligkeiten)
- Charakterschilderung des Kindes hinsichtlich der Sensibilität, der Selbstständigkeit, der Aufmerksamkeit, der Phantasieentwicklung, der Frustrationstoleranz, dem Einschätzen-Können von Gefahren u.a.
- Verhalten des Kindes in verschiedenen Situationen

Bei der Anamnese sollten nach Möglichkeit nicht nur die Eltern, sondern auch Lehrer, Erzieher und das Kind selbst beteiligt sein. Dies ist nötig, um ein

Gesamtbild des Kindes zu bekommen über sein alltägliches Leben mit seinen Höhen und Tiefen.55

4.3Testpsychologische Untersuchungen

Testpsychologische Untersuchungen dienen zur Bestimmung der

kognitiven Entwicklung des Kindes. Hierfür werden Entwicklungs-, Intelligenz- und Aufmerksamkeitstests mit dem Kind durchgeführt. Zusätzlich kann auch auf Vorbefunde aus Schule und Kindergarten zurückgegriffen werden, die eventuelle Hinweise auf Teilleistungsstörungen geben können.56

Um objektive Ergebnisse erzielen zu können, ist es wichtig bei einem Kind mehrere Testverfahren durchzuführen.57

Folgende Tests können eingesetzt werden:

- HARWICK (Hamburg-Wechsler-Intelligenztest für Kinder) bestehend aus verschiedenen spezifischen Untertests (Bilderergänzungen, allgemeines Wissen, Zahlen-Symbol-Test, Zahlenansprechen und Labyrinth-Test) Aus den Ergebnissen wird ein Leistungsprofil erstellt.58

K-ABC (Kaufmann Assessment Battery for children)

Dieser Test besteht aus einem neuartigen Konzept. Es steht nicht der Inhalt der Aufgabe im Vordergrund, sondern der Prozess der Lösungsfindung. Der Test ist in mehreren Skalen gegliedert, um zu einem differenzierten Ergebnis zu kommen.59

- Test d2 Aufmerksamkeits-Belastungstest ist ein „Durchstreichtest.“ Getestet wird das Tempo und die Sorgfalt des Arbeitsverhaltens bei Unterscheidung ähnlich visueller Reize, so dass eine Beurteilung individueller Aufmerksamkeits- und Konzentrationsleistungen möglich wird.60

[...]


1 Vgl. Uta Reimann- Höhn 2001, Seite 17

2 Vgl. Dieter Claus / Elisabeth Aust-Claus / Petra-Marina Hammer 2002, Seite 145

3 Vgl. Margarete Imhof / Klaus Skrodzki / Marianne S. Urzinger 2001, Seite 73

4 Vgl. Dieter Claus / Elisabeth Aust-Claus / Petra-Marina Hammer 2002, Seite 145; Uta Reimann- Höhn2001, Seite 18

5 Vgl. Uta Reimann- Höhn 2001, Seite 19

6 Vgl. Jeffrey Freed / Laurie Parsons 2001,Seite 30; Edward M. Hallowell / John Ratey 2001, Seite 26

7 Vgl. Jeffrey Freed / Laurie Parsons 2001,Seite 33

8 Vgl. Edward M. Hallowell / John Ratey 2001, Seite 65

9 Vgl. Uta Reimann- Höhn2001, Seite 18

10 Vgl. Roswhita Spallek 2000, Seite 12

11 Vgl. Edward M. Hallowell / John Ratey 2001,Seite 399

12 Vgl. Roswhita Spallek 2000, Seite 12

13 Vgl. Uta Reimann Höhn 2001, Seite 20-21

14 Vgl. Manfred Döpfner/Stephanie Schürmann/ Gerd Lehmkuhl 2000, Seite 12

15 Vgl. Uta Reimann Höhn 2001, Seite 20-21

16 Vgl. Manfred Döpfner /Stephanie Schürmann/ Gerd Lehmkuhl 2000, Seite 27; Uta Reimann- Höhn 2001, Seite 31; Cordula Neuhaus 1999, Seite 57; Margarete Imhof / Klaus Skrodzki / Marianne S.Urzinger 2001, Seite 61

17 Vgl. Roswitha Spallek 2000, Seite 98

18 Vgl. Manfred Döpfner/Stephanie Schürmann/ Gerd Lehmkuhl 2000, Seite 29

19 Vgl. Curdola Neuhaus 1999, Seite 52

20 Vgl. Edward M. Hallowell / John Ratey 2001, Seite 417; Elisabeth Aust- Claus / Petra-Marina Hammer 2001, Seite 99; Manfred Döpfner / Stephanie Schürmann / Jan Frölich 2002, Seite 3

21 Arne Schäffler / Sabine Schmidt / Gustav Fischer 1997, Seite 137

22 VglEdward Hallowell / John Ratey 2001, Seite 417; Cordula Neuhaus 1999, Seite 52

23 Vgl. Elisabeth Aust- Claus / Petra-Marina Hammer 2001, Seite 100

24 Vgl. Edward M.Hallowell / John Ratey 2001, Seite 410; Cordula Neuhaus 1999, Seite 54

25 Vgl. Edward M.Hallowell / John Ratey 2001, Seite 409

26 Vgl. Edward M.Hallowell / John Ratey 2001, Seite 412

27 Vgl. Cordula Neuhaus 1999, Seite 54

28 Vgl. Roswitha Spallek 2000, Seite 99

29 Vgl. Roswitha Spallek 2000, Seite 99; Edward M. Hallowell / John Ratey 2001, Seite 408

30 Vgl. Edward M. Hallowell / John Ratey 2001, Seite 409

31 Vgl. Arne Schäffler / Sabine Schmidt 1997, Seite 263

32 Vgl. Roswitha Spallek 2000, Seite 100

33 Vgl. Roswitha Spallek 2000, Seite 100

34 Vgl. Edward Hallowell / John Ratey 2001, Seite 410

35 Vgl. Edward Hallowell / John Ratey 2001, Seite 410

36 Vgl. Roswitha Spallek 2000, Seite 101

37 Vgl. Roswtha Spallek 2000, Seite 98

38 Vgl. Gerald Hüther; Spiegel 11 /2002, Seite 222

39 Vgl. Manfred Döpfner/Stephanie Schürmann/ Gerd Lehmkuhl 2000, Seite 27

40 Vgl. Roswitha Spallek 2000, Seite 109

41 Vgl. Roswitha Spallek 2000, Seite 109

42 Vgl. Gerald Hüther; Spiegel 11 / 2002, Seite 222

43 Vgl. Jeffrey Freed / Laurie Parsons 2001, Seite 34

44 Vgl. Lothar Seiwert 2001, Seite 146

45 Vgl. Manfred Döpfner / Stephanie Schürmann / Gerd Lehmkuhl 2000, Seite 30

46 Vgl. Manfred Döpfner / Stephanie Schürmann / Gerd Lehmkuhl 2000, Seite 29

47 Vgl. Manfred Döpfner / Stephanie Schürmann / Gerd Lehmkuhl 2000, Seite 30

48 Vgl. Manfred Döpfner / Stephanie Schürmann / Gerd Lehmkuhl 2000, Seite 30

49 Vgl. Manfred Döpfner / Stephanie Schürmann / Gerd Lehmkuhl 2000, Seite 27

50 Vgl. Margarete Imhof / Klaus Skrodzki / Mariane S. Urzinger 2001, Seite 73

51 Vgl. Cordula Neuhaus 1999, Seite 77

52 Vgl. Elisabeth Aust- Claus / Petra-Marina Hammer 2001, Seite 69

53 Vgl. Elisabeth Aust- Claus / Petra-Marina Hammer 2001, Seite 69

54 Vgl. Elisabeth Aust- Claus / Petra-Marina Hammer 2001, Seite 69

55 Vgl. Elisabeth Aust- Claus / Petra-Marina Hammer 2001, Seite 69

56 Vgl. Leitlinie der Arbeitsgemeinschaft der ADHS der Kinder und Jugendärzte 2002, Seite 48

57 Vgl. Elisabeth Aust- Claus / Petra-Marina Hammer 2001, Seite 85

58 Vgl. www.eigen-sinn.bei.t-online.de/wie-testen

59 Vgl. www.eigen-sinn.bei.t-online.de/wie-testen

60 Vgl. www.eigen-sinn.bei.t-online.de/wie-testen

Ende der Leseprobe aus 85 Seiten

Details

Titel
Kinder mit Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADS) in Alltag, Schule und Unterricht
Hochschule
Universität Bremen  (FB Pädagogik)
Note
sehr gut (1,0)
Autor
Jahr
2002
Seiten
85
Katalognummer
V11392
ISBN (eBook)
9783638175654
Dateigröße
1085 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ADS, ADHS, Hyperaktivität, Aufmerksamkeitsschwäche, Konzentrationsschwäche, ADD, Attention-Deficit-Disorder, Hyperkinetisches Syndrom
Arbeit zitieren
Jörn Bauchrowitz (Autor), 2002, Kinder mit Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADS) in Alltag, Schule und Unterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/11392

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