Richard Wagners Gesamtkunstwerk


Essay, 2003

7 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Seit ihrer Eröffnung im Jahre 1876 erfreuen sich die Bayreuther Festspiele ungetrübter Beliebtheit. Es erscheint nahezu unmöglich, eine Karte für dieses kulturelle Großereignis zu ergattern, die Preise auf dem Schwarzmarkt erreichen astronomische Höhen. Für namhafte Regisseure ist es bis heute eine große Ehre, vom Vorsitzenden der Festspiele, dem Wagner-Enkel Wolfgang Wagner, gebeten zu werden, eine der Opern oder gar den Ring in Szene zu setzen. So sorgte im letzten Jahr Christoph Schlingensief mit seiner Bearbeitung des Parsifal für einen kleinen Skandal, übernahm Christoph Marthaler für 2005 die Inszenierung von Tristan und Isolde und musste sich Lars von Trier im Frühjahr dieses Jahres eingestehen, an der Inszenierung des Rings gescheitert zu sein.[1]

Worin nun liegt die Faszination der Wagnerschen Kunst, die seit mittlerweile 128 Jahren eine derartige Anziehungskraft ausübt, begründet?

Was Wagner von anderen Musikschöpfenden vor allem unterscheidet, ist sein Konzept des „Gesamtkunstwerkes“. Sein Ziel bestand darin, „»die drei Schwestern Tanz, Musik, Poesie« im Urei einer Kunstform väterlich zu umarmen“.[2] In seinem Werk „Das Kunstwerk der Zukunft“ erläutert er diesen Anspruch folgendermaßen:

Tanzkunst, Tonkunst und Dichtkunst sind vereinzelt jede beschränkt; in der Berührung ihrer Schranken fühlt sich jede unfrei, sobald sie an ihrem Grenzpunkt nicht der anderen entsprechenden Kunstart die Hand reicht. (...) und sind alle Schranken in dieser Weise gefallen, so sind weder die Kunstarten, noch aber auch eben diese Schranken mehr vorhanden, sondern nur die Kunst, die gemeinsame, unbeschränkte Kunst selbst.[3]

Und diese Kunst erfüllt für Wagner als begeisterten Anhänger der Philosophie Schopenhauers eine weitaus tiefgreifendere Aufgabe denn lediglich die Unterhaltung ihrer Rezipienten. Laut Schopenhauer geschieht die Erlösung vom durch den menschlichen Willen verursachten Leiden durch die Verneinung eben dieses Willens. Diese kann entweder durch Askese oder, zumindest zeitweise, durch kontemplative Kunstbetrachtung erreicht werden. Die Kunst wirkt somit „nach Schopenhauer als „Quietiv des Willens““.[4] So verwundert es nicht, wenn Wagner von der Kunst als einer „neue(n) Religion“[5] spricht, und sein Anspruch darin besteht, durch das „als rituelles Gemeinschaftserlebnis aufgeführte() (...) Musikdrama()“ eine „transformierende Wirkung“[6] hervorzurufen. In diesem Anspruch liegt auch der Grund für seine musikalische Bearbeitung ausgerechnet des germanischen Mythenstoffs begründet: Rekurrierend auf die griechische Dramendichtung sah er hier einen alle Deutschen vereinigenden Hintergrund, von dem ausgehend eben jenes Gemeinschaftserlebnis erfahren werden kann.[7]

[...]


[1] Nachzulesen in der von ihm verfassten „Abtretungsurkunde“ auf der Homepage der Bayreuther Festspiele: http://www.bayreuther-festspiele.de

[2] André Vladimir Heiz, Das Individuum findet nicht statt. Zur totalen, totalitären Tendenz des Gesamtkunstwerks, S. 168

[3] Richard Wagner, Das Kunstwerk der Zukunft, S. 84f

[4] Schopenhauer, Arthur."Microsoft® Encarta® Enzyklopädie 2001. © 1993-2000 Microsoft Corporation.

[5] Richard Wagner, Das Kunstwerk der Zukunft, S. 145f

[6] Jonathan Crary, Illuminationen der Entzauberung, S. 198

[7] vgl. http://digischool.nl/ckv2/romantiek/wagner/gesamtkunstwerk.htm

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Richard Wagners Gesamtkunstwerk
Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)  (Fakultät der Kulturwissenschaften)
Veranstaltung
Theaterreform und –experiment um 1900
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
7
Katalognummer
V113921
ISBN (eBook)
9783640146901
Dateigröße
370 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Richard, Wagners, Gesamtkunstwerk, Theaterreform
Arbeit zitieren
Angela Schaaf (Autor), 2003, Richard Wagners Gesamtkunstwerk, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113921

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