Untrennbar sind die Namen Friedrich Nietzsche und Richard Wagner miteinander verbunden, unleugbar ist der maßgebliche Einfluß, den Wagner auf Leben und Werk des jungen Philosophen ausgeübt hat.
Bereits vor der ersten persönlichen Begegnung kann sich Nietzsche dem Zauber der Wagnerschen Musik nicht entziehen:
„Ich bringe es nicht fertig, mich dieser Musik gegenüber kritisch kühl zu verhalten; jede Faser, jeder Nerv zuckt an mir, und ich habe lange nicht ein solches andauerndes Gefühl der Entrücktheit gehabt als bei letztgenannter Ouvertüre“ .
Beschränkte sich die Begeisterung jedoch zunächst auf die Musik des großen Meisters, schließt sie diesen nach dem ersten Zusammentreffen am 8. November des Jahres 1868 auf das ausdrücklichste mit ein, ja konzentriert sich gar auf ihn:
„Wagner, wie ich ihn jetzt kenne, aus seiner Musik, seinen Dichtungen, seiner Ästhetik, zum nicht geringsten Teile aus jenem glücklichen Zusammensein mit ihm, ist die leibhaftigste Illustration dessen, was Schopenhauer ein Genie nennt“ .
Und in der Tat entwickelt die Philosophie Schopenhauers sich zum Grundbaustein der entstehenden Freundschaft. Nietzsche ist mehr denn erfreut darüber, seine Leidenschaft für Schopenhauer von Wagner bestätigt zu finden:
„Inzwischen hatte ich ein längeres Gespräch mit ihm über Schopenhauer: ach, und Du begreifst es, welcher Genuß es für mich war, ihn mit ganz unbeschreiblicher Wärme von ihm reden zu hören, was er ihm verdanke, wie er der einzige Philosoph sei, der das Wesen der Musik erkannt habe“.
Die von Schopenhauer proklamierte pessimistische Welteinstellung beruht darauf, daß der Mensch niemals in der Lage sein kann, seinen Willen, „diesen grundlosen und ziellosen (blinden) Drang“, der „der Vorstellungswelt (jedes Menschen) zu Grunde“ liegt, zu befriedigen. Aufgrund dieser Tatsache kann es „kein dauerhaftes Glück“ geben und „ist das Leben unausweichlich von Schmerz und Leiden gekennzeichnet“. Eine Erlösung von jenem Leiden durch die „Verneinung des Willens“ kann auf zweierlei Art geschehen: „entweder durch Kontemplation in der Kunstbetrachtung oder durch Askese und Entsagung“.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die erste Begegnung und die Faszination durch Wagner
3. Die Zeit in Tribschen und die Entstehung der Geburt der Tragödie
4. Die schleichende Entfremdung
5. Letzte Begegnungen und der endgültige Bruch
6. Nietzsches retrospektive Abrechnung mit Wagner
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die komplexe und dynamische Beziehung zwischen Friedrich Nietzsche und Richard Wagner. Dabei steht die Wandlung von einer tiefen, von Schopenhauer geprägten Bewunderung hin zu einer radikalen Entfremdung und scharfen Kritik im Zentrum der Analyse.
- Die anfängliche Faszination Nietzsches für Wagners Musik und Philosophie
- Die gemeinsame philosophische Basis durch Arthur Schopenhauer
- Der Einfluss von Wagners Umzug nach Bayreuth auf die persönliche Distanzierung
- Die Entwicklung von Nietzsches Kritik, insbesondere der Vorwurf der Theatralik und Décadence
- Die symbolische Beendigung der Freundschaft durch den Austausch ihrer Spätwerke
Auszug aus dem Buch
Friedrich Nietzsche und Richard Wagner „Wir Antipoden.“
Untrennbar sind die Namen Friedrich Nietzsche und Richard Wagner miteinander verbunden, unleugbar ist der maßgebliche Einfluß, den Wagner auf Leben und Werk des jungen Philosophen ausgeübt hat.
Bereits vor der ersten persönlichen Begegnung kann sich Nietzsche dem Zauber der Wagnerschen Musik nicht entziehen: „Ich bringe es nicht fertig, mich dieser Musik gegenüber kritisch kühl zu verhalten; jede Faser, jeder Nerv zuckt an mir, und ich habe lange nicht ein solches andauerndes Gefühl der Entrücktheit gehabt als bei letztgenannter Ouvertüre“.
Beschränkte sich die Begeisterung jedoch zunächst auf die Musik des großen Meisters, schließt sie diesen nach dem ersten Zusammentreffen am 8. November des Jahres 1868 auf das ausdrücklichste mit ein, ja konzentriert sich gar auf ihn: „Wagner, wie ich ihn jetzt kenne, aus seiner Musik, seinen Dichtungen, seiner Ästhetik, zum nicht geringsten Teile aus jenem glücklichen Zusammensein mit ihm, ist die leibhaftigste Illustration dessen, was Schopenhauer ein Genie nennt“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Thema der innigen und später zerrütteten Beziehung zwischen Nietzsche und Wagner.
2. Die erste Begegnung und die Faszination durch Wagner: Beleuchtung des ersten Zusammentreffens und der gemeinsamen Begeisterung für Schopenhauers Philosophie.
3. Die Zeit in Tribschen und die Entstehung der Geburt der Tragödie: Analyse der prägenden Phase in Tribschen und die Entstehung von Nietzsches wissenschaftlichem Erstlingswerk.
4. Die schleichende Entfremdung: Untersuchung der Faktoren, die zur allmählichen Distanzierung und den ersten Anzeichen des Bruchs führten.
5. Letzte Begegnungen und der endgültige Bruch: Darstellung der enttäuschenden Begegnungen in Bayreuth und Sorrent sowie der symbolischen Trennung durch den Austausch von Parsifal und Menschliches, Allzumenschliches.
6. Nietzsches retrospektive Abrechnung mit Wagner: Analyse der späteren scharfen Kritik Nietzsches an Wagner als „Schauspieler“ und „décadent“.
Schlüsselwörter
Friedrich Nietzsche, Richard Wagner, Arthur Schopenhauer, Tribschen, Bayreuth, Die Geburt der Tragödie, Entfremdung, Philologie, Décadence, Parsifal, Menschliches Allzumenschliches, Musik, Philosophie, Rezeptionsgeschichte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den Lebensabschnitt, in dem sich die Beziehung zwischen dem Philosophen Friedrich Nietzsche und dem Komponisten Richard Wagner von einer tiefen Freundschaft in eine scharfe philosophische und persönliche Gegnerschaft verwandelte.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Mittelpunkt stehen die gegenseitige Beeinflussung der beiden Denker, die Rolle der Schopenhauerschen Philosophie, der Einfluss von Wagners künstlerischem Schaffen auf Nietzsche und die spätere radikale Abkehr Nietzsches von seinem ehemaligen Idol.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Entwicklung dieser komplexen Beziehung nachzuvollziehen und zu verstehen, warum Nietzsche Wagner später derart vehement kritisierte und als „Schauspieler“ demaskierte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literatur- und biographiewissenschaftliche Analyse, die Briefe, Schriften wie „Ecce Homo“ und „Der Fall Wagner“ sowie biographische Zeugnisse auswertet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt chronologisch die Phasen der Annäherung, die Schaffensperiode in Tribschen, die Entfremdung durch den Ortswechsel nach Bayreuth und die finale, symbolische Entzweiung der beiden Männer.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind neben den Namen der Akteure vor allem die Begriffe Entfremdung, „Götterdämmerung“, „Parsifal“, Ästhetik, Philosophie des Pessimismus und die kulturelle Kritik des späten 19. Jahrhunderts.
Warum spielt die Schopenhauer-Rezeption eine so wichtige Rolle?
Die Philosophie Schopenhauers fungierte als das initiale Bindeglied zwischen Nietzsche und Wagner; die unterschiedliche Auslegung und Verwendung dieser Philosophie führte jedoch später auch zu Spannungen.
Was bedeutet Nietzsches Vorwurf, Wagner sei ein „Schauspieler“?
Nietzsche warf Wagner vor, seine Kunst nicht mehr authentisch aus innerer Notwendigkeit, sondern berechnend und theatralisch für den Erfolg beim Publikum zu produzieren, was für ihn den Verlust der künstlerischen Integrität bedeutete.
Wie markierten der „Parsifal“ und „Menschliches, Allzumenschliches“ das Ende?
Der Austausch dieser beiden Werke diente als endgültige symbolische Geste, mit der beide Seiten ihre jeweiligen Standpunkte – Wagners Hinwendung zur christlichen Erlösungssymbolik und Nietzsches Bruch damit – öffentlich festigten.
- Quote paper
- Angela Schaaf (Author), 2003, Friedrich Nietzsche und Richard Wagner: "Wir Antipoden", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113923