Friedrich Nietzsche und Richard Wagner: "Wir Antipoden"


Essay, 2003

8 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Friedrich Nietzsche und Richard Wagner

„ Wir Antipoden.“

Untrennbar sind die Namen Friedrich Nietzsche und Richard Wagner miteinander verbunden, unleugbar ist der maßgebliche Einfluß, den Wagner auf Leben und Werk des jungen Philosophen ausgeübt hat.

Bereits vor der ersten persönlichen Begegnung kann sich Nietzsche dem Zauber der Wagnerschen Musik nicht entziehen:

„Ich bringe es nicht fertig, mich dieser Musik gegenüber kritisch kühl zu verhalten; jede Faser, jeder Nerv zuckt an mir, und ich habe lange nicht ein solches andauerndes Gefühl der Entrücktheit gehabt als bei letztgenannter Ouvertüre“[1].

Beschränkte sich die Begeisterung jedoch zunächst auf die Musik des großen Meisters, schließt sie diesen nach dem ersten Zusammentreffen am 8. November des Jahres 1868 auf das ausdrücklichste mit ein, ja konzentriert sich gar auf ihn:

„Wagner, wie ich ihn jetzt kenne, aus seiner Musik, seinen Dichtungen, seiner Ästhetik, zum nicht geringsten Teile aus jenem glücklichen Zusammensein mit ihm, ist die leibhaftigste Illustration dessen, was Schopenhauer ein Genie nennt“[2].

Und in der Tat entwickelt die Philosophie Schopenhauers sich zum Grundbaustein der entstehenden Freundschaft. Nietzsche ist mehr denn erfreut darüber, seine Leidenschaft für Schopenhauer von Wagner bestätigt zu finden:

„Inzwischen hatte ich ein längeres Gespräch mit ihm über Schopenhauer: ach, und Du begreifst es, welcher Genuß es für mich war, ihn mit ganz unbeschreiblicher Wärme von ihm reden zu hören, was er ihm verdanke, wie er der einzige Philosoph sei, der das Wesen der Musik erkannt habe“.[3]

Die von Schopenhauer proklamierte pessimistische Welteinstellung beruht darauf, daß der Mensch niemals in der Lage sein kann, seinen Willen, „diesen grundlosen und ziellosen (blinden) Drang“, der „der Vorstellungswelt (jedes Menschen) zu Grunde“[4] liegt, zu befriedigen. Aufgrund dieser Tatsache kann es „kein dauerhaftes Glück“ geben und „ist das Leben unausweichlich von Schmerz und Leiden gekennzeichnet“.[5] Eine Erlösung von jenem Leiden durch die „Verneinung des Willens“ kann auf zweierlei Art geschehen: „entweder durch Kontemplation in der Kunstbetrachtung oder durch Askese und Entsagung“.[6]

Auf den jungen Nietzsche übte letztere Möglichkeit den größeren Reiz aus und er beschreibt seine Faszination für den Ausweg durch Verzicht mit folgenden Worten:

„Hier war jede Zeile, die Entsagung, Verneinung, Resignation schrie, hier sah ich einen Spiegel, in dem ich Welt, Leben und eigen Gemüt in entsetzlicher Großartigkeit erblickte. (...) Das Bedürfnis nach Selbsterkenntnis, ja Selbstzernagung packte mich gewaltsam“.[7]

Wagner hingegen, dem Nietzsche später attestieren wird, er habe „über Nichts so tief wie über die Erlösung nachgedacht: seine Oper ist die Oper der Erlösung“[8], fühlte sich als Künstler vielmehr dazu berufen, die entsprechende Kunst zu schaffen, durch dessen Kontemplation er die Menschheit erlösen könne.

An jenes erste Zusammentreffen, welches bei Nietzsche einen derart nachhaltigen Eindruck hinterlassen hatte, schließt sich einige Monate später die intensivste Phase der Beziehung zu Wagner an, welche, unterbrochen durch Nietzsches Teilnahme am Deutsch-Französischen Krieg, drei Jahre andauern wird. Nietzsche war im Alter von 24 Jahren als Professor für Philologie an die Universität Basel berufen worden und wagt es im April 1969 erstmalig, der von Wagner in Leipzig ausgesprochenen Einladung in dessen Wohnhaus nach Tribschen/Luzern Folge zu leisten. Dieser sollte der erste von insgesamt 23 Besuchen im Wagnerschen Haushalt werden, in dem Nietzsche bald zwei eigene Zimmer zugewiesen bekommt und nach Belieben ein- und ausgehen kann.

In Ecce Homo charakterisiert er jene Zeit mit folgenden Worten:

„Hier, wo ich von den Erholungen meines Lebens rede, habe ich ein Wort nöthig, um meine Dankbarkeit für das auszudrücken, was mich in ihm bei weitem am Tiefsten und Herzlichsten erholt hat. Dies ist ohne allen Zweifel der intimere Verkehr mit Richard Wagner gewesen. Ich lasse den Rest meiner menschlichen Beziehungen billig; ich möchte um keinen Preis die Tage von Tribschen aus meinem Leben weggeben, Tage des Vertrauens, der Heiterkeit, der sublimen Zufälle – der tiefen Augenblicke ... Ich weiß nicht, was Andre mit Wagner erlebt haben: über unsern Himmel ist nie eine Wolke hinweggegangen“.[9]

Während dieser glücklichen und durch Wagner inspirierten Phase seines Lebens entsteht Nietzsches wissenschaftliches Erstlingswerk, welches Anfang 1872 erscheinen und richtungweisend nicht nur für seine Karriere sein wird: Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik. In dieser ursprünglich als philologische konzipierten Schrift gibt Nietzsche der Überzeugung Ausdruck, in der frühgriechischen Kultur hätten zwei verschiedene Kunstformen bestanden, wobei die eine dem apollinischen, die andere dem dionysischen Prinzip zuzuordnen gewesen sei. Eine Verschmelzung jener beiden Prinzipien gipfelte schließlich in dem „erhabene(n) und hochgepriesene(n) Kunstwerk der attischen Tragödie und des dramatischen Dithyrambus, als (dem) gemeinsame(n) Ziel beider Triebe, deren geheimnisvolles Ehebündnis, nach langem vorhergehendem Kampfe, sich in einem solchen Kinde (...) verherrlicht hat“.[10] Die Bedrohung jenes vollendeten Kunstwerks nähert sich jedoch schon bald „aus den eigenen Reihen“ und so postuliert Nietzsche schließlich:

„Die griechische Tragödie ist anders zugrunde gegangen als sämtliche ältere schwesterliche Kunstgattungen: sie starb durch Selbstmord“.[11] „Dionysos war bereits von der tragischen Bühne verscheucht, und zwar durch eine aus Euripides redende dämonische Macht. Auch Euripides war in gewissem Sinne nur eine Maske: die Gottheit, die aus ihm redete, war nicht Dionysos, auch nicht Apollo, sondern ein ganz neugeborner Dämon, genannt Sokrates.“[12]

Jedoch besteht Hoffnung:

[...]


[1] www.virtusens.de/walther/wagner.htm, S. 1

[2] ebenda, S. 3

[3] ebenda

[4] Microsoft Encarta Enzyklopädie Plus 2001, siehe „Schopenhauer“

[5] ebenda

[6] Microsoft Encarta Enzyklopädie Plus 2001, siehe „Schopenhauer“

[7] Frenzel, Ivo: Friedrich Nietzsche, S. 31, rororo, 2002

[8] Nietzsche, Friedrich: Der Fall Wagner, in: Friedrich Nietzsche: Sämtliche Werke, S. 16, de Gruyter, Berlin, 1988

[9] Nietzsche, Friedrich: Ecce homo, in: Friedrich Nietzsche: Sämtliche Werke, S. 288, de Gruyter, Berlin, 1988

[10] Nietzsche, Friedrich: Die Geburt der Tragödie, S. 47, Insel Verlag, Frankfurt/Main, 2000

[11] ebenda, S. 87

[12] ebenda, S. 96

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Friedrich Nietzsche und Richard Wagner: "Wir Antipoden"
Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)  (Fakultät der Kulturwissenschaften)
Veranstaltung
Seminar: Theaterreform und –experiment um 1900
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
8
Katalognummer
V113923
ISBN (eBook)
9783640146925
Dateigröße
382 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ohne Literaturverzeichnis. Werke werden komplett in den Fußnoten zititert.
Schlagworte
Friedrich, Nietzsche, Richard, Wagner, Antipoden, Seminar, Theaterreform
Arbeit zitieren
Angela Schaaf (Autor), 2003, Friedrich Nietzsche und Richard Wagner: "Wir Antipoden", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113923

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