Konzeptuelle Metaphern in der Wirtschaftssprache. Eine korpusbasierte Untersuchung


Hausarbeit, 2020

26 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Abstract

2. Einleitung
2.1 Die Theorie der konzeptuellen Metapher
2.2 Forschungsvorhaben
2.3 Forschungsstand

3. Analyse des Korpus
3.1 Das Modell Mechanik
3.2 Das Modell Lebewesen

4. Didaktische Implikationen und Fazit

5. Korpus

6. Literaturverzeichnis

1. Abstract

Die Wirtschaftssprache bedient sich einer Fülle von sprachlichen Metaphern, um komplexe ökonomische Sachverhalte zu erklären und zu veranschaulichen. Die durch Adam Smith bekannte „unsichtbare Hand“ soll an dieser Stelle nur exemplarisch als eines von vielen möglichen Beispielen genannt sein (vgl. Mankiw/Taylor 2016: 9). Neben der Klassik bedient sich dabei jedoch auch die moderne Wirtschaftstheorie der Metaphorik wie beispielsweise zu Zeiten von Wirtschaftskrisen (vgl. Lutter 2016: 155-156). Diese Metaphern sind jedoch viel mehr als eine reine Bildsprache. Hinter ihnen verbergen sich Konzepte, ie die amerikanischen Sprachwissenschaftler George Lakoff und Mark Johnson in ihrer berühmten Arbeit „Metaphors We Live By“ aus dem Jahre 1980 eindrücklich ausführen. Darin betonen sie, dass Denken und auch die Sprache metaphorisch strukturiert seien: „If we are right in suggesting that our conceptual system is largely metaphorical, then the way we think, what we experience, and what we do every day is very much matter of metaphor“ (Lakoff/Johnson 1980: 3). Metaphern werden demnach weitestgehend unbewusst verwendet und sind somit ein fester Bestandteil des alltäglichen Sprachgebrauchs. Inwieweit sich diese Tatsache ebenfalls auf die Sprache der Wirtschaft auswirkt und was sich letztendlich dahinter verbirgt, soll Gegenstand dieser Arbeit sein. Sie versucht, eben jene konzeptuelle Metaphern im Bereich der Wirtschaftssprache aufzuzeigen, da diese Vorstellungen über den Realitätsbereich Wirtschaft konstituieren (vgl. Lutter 2016: 150). Das der Analyse zugrundeliegende Korpus wurde aus drei Lehrbüchern der Volkswirtschaftslehre zusammengestellt. Da insbesondere Einführungswerke einen Überblick über die vielfältigen Themen im Bereich Wirtschaft liefern, eignen sich diese am besten für eine entsprechende sprachliche Untersuchung.

2. Einleitung

2.1 Die Theorie der konzeptuellen Metapher

„The primary function of metaphor is to provide a partial understanding of one kind of experience in terms of another kind of experience. This may involve preexisting isolated similarities, the creation of new similarities, and more“ (Lakoff/Johnson 1980: 154). Lakoff und Johnson machen an dieser Stelle deutlich, dass metaphorische Konzepte vor allem die Funktion aufweisen, spezifische Verständnisse auf einen anderen Gegenstand zu projizieren. Darüber hinaus wird durch das Wiederholen des Wortes „experience“ evident, dass konzeptuelle Metaphern erfahrungsbasiert sind. Hundt weist hieran anknüpfend darauf hin, dass die Welt und die Realität konstruiert seien und nur durch konkrete (körperliche) Erfahrungen erschlossen werden können (vgl. Hundt 1995: 94). Abstraktes wird demnach mithilfe bekannter Gestalthaftigkeit zu Konkretem (vgl. Heinz/Pflaeging 2015: 241). Lakoff und Johnson konstatieren weiterhin, dass „metaphor is pervasive in everyday language and thought“ (Lakoff/Johnson 1980: ix). Demnach sind Metaphern nicht nur sprachliche Phänomene, sondern ebenfalls kognitive. Aus sprachwissenschaftlicher Sicht sind sie damit der kognitiven Linguistik zugehörig. Riemeier beschreibt die Sprache aus metaphorischer Sicht als Fenster zur Kognition (vgl. Riemeier 2005: 17). Heinz und Pflaeging ergänzen, dass überhaupt erst der kognitive Prozess es ermögliche, Metaphern produzieren und rezipieren zu können (vgl. Heinz/Pflaeging 2015: 240-241).

Lakoff und Johnson sprechen von einer sogenannten Quell- und Zieldomäne, derer sich die Metaphern jeweils zuordnen lassen. So ergibt sich aus der sprachlichen Metapher „Ein Wortgefecht austragen“ die konzeptuelle Metapher DISKUSSION IST KRIEG1. Bei KRIEG handelt es sich hierbei um die Quell- oder Ursprungsdomäne und bei DISKUSSION um die Zieldomäne. Zwischen beiden Domänen besteht eine systematische Beziehung, denn der Begriff „Krieg“ wird auf den Begriff „Diskussion“ projiziert. Lakoff und Johnson zeigen insbesondere an dieser Metapher, wie stark dieses Konzept kulturell etabliert ist. Argumente werden nicht nur ausgetauscht, sondern verteidigt, gewonnen oder verloren. Der Diskussionspartner wird zum Gegner. Damit hat ein solches Konzept großen Einfluss auf die Vorstellungen über den Ablauf einer Diskussion und damit auch die Herangehensweise an eine solche. Lakoff und Johnson veranschaulichen dies anhand eines Gedankenexperimentes: Würde eine Diskussion mit einem Tanz statt eines Krieges mental verbunden, verliefe diese vollkommen anders. Die Diskussionspartner wären anstelle von Gegnern Darsteller oder Künstler, was wiederum Einfluss auf das Führen der Diskussion hätte (vgl. Lakoff/Johnson 1980: 4-5). Damit bestätigt sich ebenfalls die These Ziems, die besagt, dass es ein zentrales Charakteristikum von konzeptuellen Metaphern sei, die Wahrnehmung der metaphorisch erfassten Konzepte zu strukturieren und zu konstruieren. Sie seien dabei selbst das sprachliche Ergebnis von (sensomotorischen) Erfahrungen (vgl. Ziem 2015: 53-54). Das Zielkonzept kann damit tatsächlich ausschließlich durch aus Erfahrung gewonnenen mentalen Modellen erschlossen werden (vgl. Hundt 1995: 95). Als Beispiel hierfür zieht Ziem die menschliche Wahrnehmung des steigenden Wasserpegels beim Befüllen eines Glases heran. Der Zusammenhang zwischen Vertikalität und Quantität in den Alltagserfahrungen wird an dieser Stelle durch die konzeptuelle Metapher MEHR IST OBEN erklärt (vgl. Grady 2007: 192, zit. nach Ziem 2015: 54). Festzuhalten ist des Weiteren, dass eine konzeptuelle Metapher verschiedene sprachliche Ausprägungen haben kann (vgl. Ziem 2015: 53).

Die Funktionen von konzeptuellen Metaphern sind im vorhergehenden Absatz bereits an einigen Stellen ersichtlich geworden. Stein fasst prägnant zusammen, dass erst die Abstraktheit des Zielbereichs eine metaphorische Konzeptualisierung sinnvoll mache. Alltägliches und unmittelbar sinnlich Erfahrbares biete keinen Metaphorisierungsanlass (vgl. Stein 2015: 25). „Die ubiquitäre Verbreitung metaphorischer Konzepte und Ausdrücke ist semantisch auf die wahrnehmbare Analogie zwischen Ausgangs- und Zielbereich zurückzuführen und beruht funktional darauf, dass Metaphern meist der Informationskonzentration dienen, die Ausdrückbarkeit erleichtern und aufgrund der hervorgerufenen Bildhaftigkeit entweder Anschaulichkeit überhaupt erst ermöglichen oder sie erhöhen und infolgedessen die Einprägsamkeit fördern“ (Stein 2015: 25). Damit bleibe auch die Fachsprache auf Konvention und „Vertrautheit“ im Umgang mit alltäglicher Metaphorik angewiesen, um komplexe Zusammenhänge projektiv zu veranschaulichen und mentale „Zugänge“ zu erleichtern (vgl. Lutter 2016: 154). Eine metaphorisch strukturierte Sprachpraxis habe damit vor allen Dingen eine wissenskonstituierende Funktion, so Lutter (vgl. Lutter 2016: 155).

2.2 Forschungsvorhaben

Wie eingangs bereits erläutert, beschäftigt sich diese Arbeit mit der Frage, welche Konzepte sich im Sinne der Theorie von Lakoff und Johnson hinter typischen Ausdrücken der Wirtschaft verbergen. Der Fokus liegt hierbei besonders auf der Untersuchung von Lehrbüchern, da in der bisherigen Forschung vornehmlich Metaphern in Fachzeitschriften und Zeitungen untersucht worden sind. Es stellt sich dabei die Frage, inwiefern Metaphern in grundlegenden theoretischen Konzepten und Modellen verankert sind und damit auch das wirtschaftswissenschaftliche Denken beeinflussen. Bei den diesbezüglich sprachlich zu untersuchenden Lehrbüchern handelt es sich zum einen um das Werk „Grundriss der Geldpolitik“2 von Hans-Joachim Jarchow, da besonders im Bereich der Geldpolitik viele konzeptuelle Metaphern zu finden sind. Des Weiteren werden die Lehrbücher „VWL für Fachoberschulen und Höhere Berufsfachschulen“3 aus dem Cornelsen-Verlag sowie „Volkswirtschaftslehre - Eine Einführung“4 von Bernd Woeckener betrachtet. Durch die Untersuchung unterschiedlicher, aktuell verwendeter Lehrbücher kann, im Vergleich zur Betrachtung nur eines Lehrwerkes, die Häufigkeit des Vorkommens von Metaphern besser beurteilt werden sowie ein umfassenderer Überblick gewährleistet werden. Die Untersuchung von Lehrbüchern im Speziellen lässt zudem Überlegungen hinsichtlich der Bedeutung und Funktion der sprachlichen Metaphern für Wirtschaft als (Schul-)Fach zu. Denn insbesondere ökonomisches Wissen und Verständnis beinhaltet letztendlich nicht nur eine fachliche Dimension, sondern vor allem auch eine sprachliche (vgl. Lutter 2016: 152-153). Es gilt dafür zunächst, aus den vorliegenden Korpora sprachliche Metaphern herauszufiltern, um dann anschließend die jeweiligen Quelldomänen zu ermitteln. Auf diese Weise sollen die Konzepte hinter den sprachlichen Metaphern erschlossen werden. Im Zuge dessen soll ebenfalls ein Abgleich mit den bisherigen Erkenntnissen der Forschung stattfinden. Dies bedeutet insbesondere zu untersuchen, ob die durch die Forschung bereits bekannten konzeptuellen Metaphern bestätigt oder sogar noch ergänzt werden können. Im folgenden Kapitel werden dazu einige ermittelte sprachliche Metaphern aufgezeigt und analysiert, inwiefern diese bestimmten Konzepten zurechenbar sind.

2.3 Forschungsstand

Im Bereich der Wirtschaftsmetaphorik gibt es bereits einige nennenswerte Forschungsbeiträge zu verzeichnen. Markus Hundt hat sich schon 1995 in seiner Dissertation mit dem Titel „Modellbildung in der Wirtschaftssprache. Zur Geschichte der Institutionen- und Theoriefachsprachen der Wirtschaft“ mit der kognitiven Theorie der Metapher beschäftigt. Er liegt hierin einen besonderen Fokus auf mentale Modelle in der Geldtheorie. In dem Aufsatz aus dem Jahre 2006 „Das Ringen um den Geldbegriff. Begriffswandel und Metaphernkonstanz in historischen und zeitgenössischen Geldtheorien“ vertieft Hundt seine Erkenntnisse hinsichtlich der Metaphorik des Geldbegriffs noch weiter und erklärt darüber hinaus, weshalb ein Rückgriff auf metaphorische Modelle bei der Geldtheorie unausweichlich ist. Andreas Lutter hat in seinem Zeitschriftenartikel „Metaphern und Analogien der Wirtschaft. Konzeptuelle Wirtschaftsmetaphorik und ihre Bedeutung für ökonomisches Lernen“ insbesondere die Metaphorik wirtschaftlicher Krisen untersucht. Viel mehr als die reine Strukturierung konzeptueller Metaphern interessiert ihn ihre Bedeutung in Hinblick auf die Vermittlung und Erschließung ökonomischen Wissens. Als Didaktiker legt er seinen Schwerpunkt auf die Herausforderungen, die eine Auseinandersetzung mit den sprachlichen Bedingungen ökonomischer Lehr- und Lernprozesse mit sich bringen (vgl. Lutter 2016). Stephan Stein nimmt in seinem Beitrag „Sprachlich gebundenes Wissen über Geld und Wirtschaft in Phraseologismen und konzeptuellen Metaphern“ eine sprachdidaktische Perspektive ein. Er unterscheidet vor allen Dingen die Phraseologie von der Metaphorik und stellt zudem heraus, dass im Bereich der Wirtschaftsmetaphorik zwischen wirtschaftsspezifischen und allgemeinen Ausprägungen unterschieden werden muss (vgl. Stein 2015: 21). Martin Wengeler hat sich in seinem Aufsatz „(Wirtschafts-)Krisen in den Printmedien. Zur öffentlichen Konstruktion von Wirtschaftskrisen in der Bundesrepublik Deutschland“ insbesondere mit Wirtschaftskrisen wie der Finanz- oder Bankenkrise und den in den Berichterstattungen verwendeten Katastrophen- und Krankheits- Metaphoriken beschäftigt. Weiterhin macht er Vorschläge, wie metaphorische Berichterstattung durch die Medien im Rahmen von Unterricht behandelt werden sollte (vgl. Wengeler 2015). Kristin Kuck hat sich in ihrem Werk „Krisenszenarien- Metaphern in wirtschafts- und sozialpolitischen Diskursen“ insbesondere mit den Metaphern in der Berichterstattung der einzelnen Wirtschaftskrisen wie beispielsweise der Ölkrise und öffentlichen Debatten beschäftigt und in diesem sehr detailliert die verschiedenen Ziel- und Herkunftsbereiche aufgelistet und beschrieben (vgl. Kuck 2018).

3. Analyse des Korpus

In diesem Kapitel soll nun die bereits vorgestellte Theorie der konzeptuellen Metapher anhand einiger konkreter sprachlicher Metaphern aus dem zugrundeliegenden Korpus veranschaulicht und erklärt werden. Es gilt insbesondere, die jeweiligen Quell- und Zieldomänen zu ermitteln und von diesen auf die Konzepte zu schließen. Besonders im Bereich der Wirtschaft wird immer wieder auf bestimmte Modelle zurückgegriffen, die sich auch im vorliegenden Korpus finden lassen und die einer Begründung bedürfen. Im Folgenden sollen die beiden wichtigsten Modelle MECHANIK und LEBEWESEN einzeln vorgestellt und anhand von Beispielen aus dem vorliegenden Korpus konkretisiert werden.

Jäkel unterscheidet strukturelle, ontologische und quantitätsbezogene Metaphern. Bei strukturellen Metaphern werden komplexe Bedeutungen und Beziehungen von einem Bedeutungsfeld in ein anderes projiziert. Ontologische Metaphern dienen der sprachlichen Verdinglichung von abstrakten Zusammenhängen und komplexen Phänomenen als konkret greifbare Dinge und die Quantitätsmetaphern beziehen sich auf die Quantifizierung wirtschaftlicher Entwicklungen und Dynamiken wie Kurse oder Preise, z.B. durch vertikale oder horizontale Bewegungen (vgl. Jäkel 2003: 189ff.).

3.1 Das Modell Mechanik

Das Modell der MECHANIK ist das wichtigste metaphorische Konzept in den Geldtheorien. Dieses Modell lässt sich noch in weitere Submodelle unterteilen. Zu den häufigsten Unterkategorien zählen CONTAINER, FLÜSSIGKEIT sowie BEWEGUNG (vgl. Hundt 1995: 111).

Einer der häufigsten Begriffe, der einem Leser von wirtschaftstheoretischen Texten begegnet, ist der Begriff Gleichgewicht. Dieser dient in vielen Theorien als zentrale Erklärgröße. „Gleichgewicht und Stabilität sind im wirtschaftspolitischen Diskurs um die Stabilitätspolitik in einem vorwiegend aus Physik-Metaphern bestehenden Szenario vertreten“ (Kuck 2018: 162). Die wirtschaftlich ablaufenden Prozesse sind Kräfte und es gilt, die Bedingungen des Zustandes zu beschreiben, in dem eine stabile Wirtschaft vorliegt. An dieser Stelle spielt die Geldpolitik eine entscheidende Rolle, da sie maßgeblich zum Herstellen eines Gleich- oder Ungleichgewichtes beiträgt. Im Lehrwerk von Jarchow zur Geldpolitik wird bereits auf den ersten Seiten herausgestellt, dass die Geldwert- bzw. Preisniveaustabilität die zentrale Aufgabe der Deutschen Bundesbank sei.5 Es werden verschiedene Maßnahmen vorgestellt, die das Ziel der Stabilität gewährleisten sollen. Eine Strategie eines konstanten Geldmengenwachstums6 oder eine Strategie der Zinsfixierung7 werden beispielsweise als solche angeführt.

Mit dem Begriff „Strategie“ wird dabei ebenfalls eine andere Domäne angesprochen: KRIEG. Nach dem DWDS ist eine solche vor allem als „Vorbereitung einer Kriegsführung“ definiert (vgl. DWDS online 2020). Im Zuge der Geldpolitik und speziell bei Jarchow heißt es weiterhin z.B., dass das reale Inlandsprodukt gegenüber exogenen Störungen möglichst weitgehend abgeschirmt werden soll.8 Der „Schirm“ ist aus etymologischer Sicht ein Schutzschild, welcher zur Deckung dient und daher auch aus der Domäne KRIEG stammt (vgl. DWDS online 2020). Als letztes Beispiel dieses kurzen Exkurses soll der Begriff Mindestreservehaltung aus der Geldpolitik dienen. Die Mindestreservehaltung meint einen bestimmten Prozentsatz ausgewählter Kundeneinlagen, der bei der jeweiligen Zentralbank als Zentralbankbuchgeld unterhalten werden muss und gesetzlich vorgeschrieben ist. Eine solche Reservehaltung stellt sicher, dass jederzeit Spareinlagen der Kunden in Liquidität umgewandelt werden können.9 In militärischer Hinsicht meint eine Reserve „die Gesamtheit der ausgebildeten, aber nicht aktiven Wehrpflichtigen“. Für den Bedarfsfall wird somit vorsorglich etwas zurückgehalten (vgl. DWDS online 2020). Nach diesem Prinzip funktioniert ebenfalls die Mindestreservehaltung. Es wird damit deutlich, dass Maßnahmen zur Stabilitätssicherung der Wirtschaft auf der Basis militärischer Maßnahmen versprachlicht werden und damit auch verschiedene Domänen miteinander verknüpft werden können.

Dass die Stabilität die wichtigste Aufgabe der Geldpolitik ist, wird an einer Stelle bei Jarchow besonders deutlich: „Eine Zentralbank verfolgt ein Wechselkursziel, indem sie ihre Geldpolitik so ausrichtet, dass sie den Wechselkurs zwischen ihrer Währung und einer anderen kaufkraftstabilen Währung stabilisiert. Die Wechselkursbindung stellt einen nominalen Anker ihrer Geldpolitik dar.“10 Diese sprachliche Metapher betont, dass es die Wechselkursbindung ist, die für eine stabile Geldpolitik sorgt. Das dreimalige Wiederholen des Begriffes „stabil“, zweimal anhand des Wortes selbst und einmal metaphorisch anhand eines nautischen Begriffes wie „Anker“, zeigt die enorme Wichtigkeit der Stabilität eines Wirtschaftssystems. Dies führt zu der konzeptuellen Metapher WIRTSCHAFTSKRÄFTE SIND MECHANISCHE KRÄFTE, denn nur durch mechanische Vorgänge kann es gelingen, eben diese Stabilität herzustellen. Woeckener führt im Wechselkurs-Zusammenhang den Begriff Auf/Abwertungs-Mechanismus11 ein, wodurch sich speziell für diesen Bereich die konzeptuelle Metapher DAS WECHSELKURSSYSTEM IST MECHANIK ergibt. Auch der sogenannte Abwertungsdruck auf den Euro12, von jenem in dem Zuge die Rede ist, stammt mit dem Wort Druck als „Kraft, die auf eine Fläche wirkt“ (DWDS online 2020) ursprünglich aus dem Bereich der Physik und bekräftigt damit die bereits diesbezüglich zitierte Aussage Kucks.

In dieses Prinzip fügt sich ebenfalls folgender Satz ein: „Ziel einer kontraktiven Geldpolitik ist es, die Gesamtnachfrage zu dämpfen, um eine konjunkturelle Überhitzung zu vermeiden.“13 Durch diese metaphorische Ausdrucksweise wird eine bildliche Vorstellung der durchzuführenden geldpolitischen Maßnahmen transportiert. Letztendlich führt dies erneut auf das Stabilitätsprinzip zurück. Die Überhitzung stellt in diesem Falle die Inflationsgefahr durch eine zu hohe Geldmenge dar, die durch die Erhöhung des Leitzinses und damit den Entzug von Geld aus dem Umlauf eingedämpft werden soll. Diese Phänomene werden durch den Begriff „Transmissionsmechanismus“ beschrieben. Er beschreibt, wie sich geldpolitische Änderungen auf wirtschaftliche Variablen wie z.B. das Preisniveau auswirken.14 Die Bedeutung des Wortes Mechanismus als „Komplex von Teilen einer Maschine, eines Gerätes, einer technischen Einrichtung, in dem die Bewegung eines dieser Teile zwangsläufig auf die anderen Teile übertragen wird“ (DWDS online 2020) wird damit auf die Geldpolitik übertragen, sodass sich die konzeptuelle Metapher GELDPOLITIK IST MECHANIK ergibt.

Ein ebenso typischer Begriff aus der Mechanik, der Eingang in den Bereich der Wirtschaft gefunden hat und dort bereits ein fester Bestandteil geworden ist, ist der Begriff Elastizität. Als erste Bedeutung hierfür wird im DWDS „Dehnbarkeit“ angezeigt (vgl. DWDS online 2020). Laut Woeckener ist mit dem Begriff Produktionselastizitäten eines Faktors gemeint, um wie viel Prozent die Produktionsmenge steigt, wenn der Einsatz eines Faktors um ein Prozent erhöht wird.15

[...]


1 Nach gängiger Konvention werden im Folgenden alle konzeptuellen Metaphern in Großbuchstaben geschrieben.

2 Vgl. Jarchow, Hans-Joachim: Grundriss der Geldpolitik. 9. Auflage. Stuttgart 2010.

3 Vgl. Kaiser, Franz-Josef/Brettschneider, Volker (Hg.): Lehrbuch für Fachoberschulen und Höhere Berufsfachschulen. VWL. Volkswirtschaftslehre. 3. Auflage. Berlin 2010.

4 Vgl. Woeckener, Bernd: Volkswirtschaftslehre. Eine Einführung. 2. Auflage. Berlin/Heidelberg 2010, 2013.

5 Vgl. Jarchow: Geldpolitik, S. 1.

6 Vgl. ebd., S. 22.

7 Vgl. ebd., S. 26.

8 Vgl. ebd., S. 29.

9 Vgl. Kaiser/Brettschneider (Hg.): VWL, S. 177.

10 Jarchow: Geldpolitik, S. 29.

11 Vgl. Woeckener: Volkswirtschaftslehre, S. 162.

12 Vgl. Kaiser/Brettschneider (Hg.): VWL, S. 184.

13 Ebd., S. 186.

14 Vgl. ebd., S. 184.

15 Vgl. Woeckener: Volkswirtschaftslehre, S. 28.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Konzeptuelle Metaphern in der Wirtschaftssprache. Eine korpusbasierte Untersuchung
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
26
Katalognummer
V1139354
ISBN (eBook)
9783346517036
ISBN (Buch)
9783346517043
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Metaphern, Konzeptuelle Metaphern, Wirtschaftssprache, Linguistik, Korpus
Arbeit zitieren
Ann-Marie Mau (Autor:in), 2020, Konzeptuelle Metaphern in der Wirtschaftssprache. Eine korpusbasierte Untersuchung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1139354

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