Die Konzeption der Protagonistenidentität in Hartmanns "Ereck"


Bachelorarbeit, 2021

55 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Identität – methodischer Zugriff

3. Erste Identitätsgenese: Der erste Verlust der ere

4. Zweite Identitätsgenese: Die Identitätskrise

5. Dritte Identitätsgenese: Die Läuterung

6. Das Artusepos als idealisiertes Identitätsmodell

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Seit einigen Jahrzehnten erlebt die Frage nach Identität in mittelalterlichen Texten in der mediävistischen und altgermanistischen Forschung eine Hochkonjunktur,1 wobei besonders die in der höfischen Literatur entworfenen Identitätskonzepte viel Aufmerksamkeit erhalten.2 In der Forschung zählt die Annahme, dass die Identitätskonzeption der Protagonisten und die damit verbundene Identitätsproblematik das zentrale Thema der Hartmannschen Artusepen ist, zu den allgemeinen literaturwissenschaftlichen Erkenntnissen. Dennoch ist die Forschung bis dato zu keinem Konsens in der Beurteilung der Protagonistenidentitäten gekommen.3

Besonders Hartmanns Ereck, dem als erster deutschsprachiger Artusroman eine hohe innova-tive und literaturgeschichtliche Bedeutung zuteil kommt, ist seit jeher in der Literaturwissen-schaft präsent.4 Es entstehen kontinuierlich neue Forschungsbeiträge und Interpretationen zum Ereck, seien diese nun „ideel, moralisch, soziologisch oder gar psychologisch.“5 Die vorliegen-de identitätsanalytische Arbeit untersucht die Konzeption der Protagonistenidentität im Ereck und hat den Anspruch, anhand von einer modernen Analysekategorie zu zeigen, dass Hart-manns erster Artusroman eine didaktische Intention verfolgt und für die zeitgenössische Rezep-tion eine identitätsstiftende Funktion aufweist.

Hartmanns Artusepos Ereck, welches um 1180 entstanden ist, basiert auf der altfranzösischen Vorlage Erec et Enide von Chrétien de Troyes.6 Die Arbeit wird zeigen, dass der mittelhoch-deutsche Autor stellenweise von seiner Vorlage abweicht, wodurch Hartmanns signifikanterer Fokus auf die Identitätskonzeption des titelgebenden Protagonisten evident wird. Um die Konzeption der Protagonistenidentität im Ereck beurteilen zu können, ist eine textnahe Analyse und Interpretation unabdinglich. Die Identität des Protagonisten wird chronologisch anhand von drei Identitätsgenesen nachvollzogen. Die Identitätsbildung und -modifikation bilden die Genese von Identität. Es wird folglich untersucht, wie der Protagonist sich eine neue Identität bildet und wie sich vorhandene Identitätsstrukturen von Ereck im Verlauf des Epos modifi-zieren.7 Dieses dreischrittige Vorgehen erlaubt die direkte Beurteilung und Interpretation der Protagonistenidentität nach elementaren Romanabschnitten und verhindert eine für sich stehende Analyse, dessen Beurteilung erst im Fazit erfolgen kann.

Bezüglich der Identität der Titelhelden haben sich zwei diametral voneinander getrennte Forschungspositionen herauskristallisiert.8 Auf der einen Seite werden moderne Kategorien wie Identität und Individualität zur Analyse der mittelalterliche Texten herangezogen, wobei der Protagonist als Individuum klassifiziert wird, welches eine Entwicklung im nahezu psycholo-gischen Sinne durchläuft, und auf der anderen Seite werden diese modernen Analysekategorien vehement abgelehnt, da hier der Protagonist als Träger von gesellschaftlichen Rollen angesehen und das Konzept einer subjektiven Identität oder Individualität negiert wird.9 Solche verabsolu-tierenden Forschungspositionen werden m. E. der Komplexität der Hartmannschen Artusepen nicht gerecht. Daher ist das Ziel dieser identitätsanalytischen Arbeit, die Konzeption der Protagonistenidentität im Ereck textnah zu untersuchen, um die Gefahr, moderne Vorstellungen und Ideen auf vormoderne Literatur des Mittelalters zu projizieren, zu eliminieren. Obwohl die Arbeit einen mittelhochdeutschen Text unter dem modernen Identitätsbegriff untersucht, soll die folgende Untersuchung nicht als eine psychologisch motivierte Arbeit verstanden werden, sondern vielmehr aufzeigen, dass eine identitätsanalytische Arbeit einen fruchtbaren Zugang zu Hartmanns komplexem und sorgfältig konzipiertem Artusepos bietet. Dabei impliziert die Konzeption der Protagonistenidentität fiktionale Identitätskonzepte. Folglich ist es erforderlich, eine Definition von fiktionaler Identität zu inkludieren. Des Weiteren wird versucht, soweit dies im Rahmen dieser Arbeit möglich ist, das Werk in seiner historischen, kulturellen und sozialen Gesamtheit zu verstehen und eine historisch angemessene Interpretation der fiktionalen Iden-titätskonzeption des Titelhelden zu gewährleisten. Aufgrund dessen muss ein methodischer Zugriff auf den Identitätsbegriff erfolgen, der die vorher genannten Aspekte berücksichtigt, bevor die Analyse und Interpretation der Protagonistenidentität im Ereck erfolgen kann.

Die vorliegende Arbeit stellt die These auf, dass Hartmann in seinem fiktionalen Artusepos anhand der Identitätskonzeption des Protagonisten ein idealisiertes Identitätsmodell entwirft und problematisiert und dass dieses fiktionale Identitätsmodell einen Rückgriff auf Hartmanns idealisierte Identitätsvorstellungen erlaubt.

2. Identität – methodischer Zugriff

Zunächst muss darauf hingewiesen werden, dass der Identitätsbegriff in der Forschung kontro-vers diskutiert wird und man innerhalb der unterschiedlichen Forschungsdisziplinen ein Meer von verschiedenen Definitionen antrifft.10 Da in dieser Arbeit fiktionale Identität untersucht wird, erfolgt zuvörderst eine diesbezüglich entsprechende Definition. Sosna definiert diese wie folgt: „Der Begriff der fiktionalen Identität dient dabei der Unterscheidung personaler Identität von der Identität einer literarischen Figur. [...] Damit bezeichnet er auf terminologischer Ebene zunächst Identität in fiktionalen Texten.“11 Des Weiteren erläutert Sosna, dass Literatur Identi-tätsmodelle beschreibt, die aus dem Wechselspiel zwischen Realität und Imagination resultie-ren.12 Diese Aussage rechtfertigt meine zuvor aufgestellte These, dass die Identitätskonzeption des Protagonisten Rückschlüsse auf Hartmanns Identitätsvorstellungen liefert. Die Analyse und Interpretation der Protagonistenidentität im Ereck erfolgt in dieser Arbeit zunächst auf literatur-theoretischer Ebene. Da die Arbeit „Literatur als Ort der Sedimentierung kultureller Gegeben-heiten“13 versteht, ist nicht nur der anschließende Rückgriff auf Hartmanns werkimmanente und fiktionale Identitätsvorstellungen möglich, sondern auch auf dahinterstehende Identitäts-konzepte und -vorstellungen aus der Entstehungszeit.

Aufgrund der Tatsache, dass ein mittelalterlicher Text untersucht wird, ist es notwendig, zwischen mittelalterlichen und neuzeitlichen Identitätskonzepten zu differenzieren. Im Mittel-alter wird Identität primär über Inklusion, d. h. über die Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder einem Stand, bestimmt. In modernen Gesellschaften hingegen konstituiert sich Identität wesentlich über Exklusion, das bedeutet, dass besonders die Differenz zu Gruppen die Identität des Einzelnen ausmacht.14 Dieses mittelalterliche Identitätskonzept lässt sich auch in Hart-manns Artusepos wiederfinden, da sich Ereck vor allem über seine gesellschaftlichen Rollen als Herrscher und Ehemann sowie über seine Zugehörigkeit zum Artushof definiert.

Grundsätzlich besteht in der Forschung die Frage, inwiefern der Individualitätsbegriff eine Gültigkeit für das Mittelalter und für mittelalterliche Texte besitzt.15 Das Verhältnis zwischen der Gesellschaft und dem mittelalterlichen Individuum wird in der Forschung u. a. mit dem Begriff des ,Typus‘ erklärt.16 Der Begriff beschreibt die Annahme, dass die Identität des Einzelnen vorherrschend von der Zugehörigkeit zu einer Gruppe bestimmt ist und somit „der Einzelne und das Kollektiv zu einem ,Typus‘ verschmelzen, der den Aspekt der Individualität weitgehend zurückdrängt.“17 Dem entgegen steht die Annahme, dass Individualität ein Grund-charakteristikum des Menschen sei und menschliche Individualität „universal, in ihrer Kon-kretion jedoch immer historisch“18 ist. Die Auffassung, dass Individualität (und folglich auch die damit verbundene Frage nach Identität) vom kulturhistorischen Kontext geprägt ist und sich demnach unterschiedlich konkretisiert, liegt dieser Arbeit zu Grunde. Folglich wird nicht untersucht, inwieweit moderne Individualitäts- und Identitätskonzepte auf den mittelhoch-deutschen Text zutreffen, sondern wie die Individualität und Identität des Titelhelden im Ereck konzipiert ist.

Hartmann thematisiert die Spannung zwischen Gesellschaft und Individuum in der Identitäts-konzeption seines Protagonisten. Die Individualität des Hartmannschen Protagonisten zeichnet sich vor allem durch die Fokussierung auf Reflexionsprozesse und Gedankengänge aus, die im Gegensatz zur altfranzösischen Vorlage in einer größeren Dimension vorhanden sind.19 Im Verlauf der Arbeit wird sich zeigen, dass Hartmanns Erzähler und das Verhalten des Prota-gonisten von einer ambivalenten Natur geprägt sind und dass sich Ereck am Ende gesellschaft-lich weiter vom Artushof entfernt als Chrétiens Erec. Hier wird nicht nur Hartmanns deutlich ausgeprägterer Fokus auf die Konzeption der Protagonistenidentität deutlich, sondern auch, dass dieser Konzeption ein Individualitätsgedanke inhärent ist.

Im Mittelalter wurde die Identität des Einzelnen aufgrund des gesellschaftlichen Sozialgefüges, welches von Feudalstrukturen und Ständeordnung geprägt war, wesentlich von außerpersonalen Faktoren bestimmt.20 Genealogie spielt in der mittelalterlichen Konzeption von Identität eine essentielle Rolle. Der Name galt als Inbegriff der Identität, da er eine repräsentative Funktion aufweist und Auskunft über die Herkunft, den Status sowie die Zugehörigkeit zu einer Gruppe gibt.21 Des Weiteren waren im Mittelalter der Körper und Materielles elementare zeichenhafte Identitätsmerkmale. Der Körper und die Kleidung fungierten als spiegelbildliche Repräsenta-tionsflächen des Inneren.22 Somit ist Identität im Mittelalter insbesondere an den Namen und das äußerliche Erscheinungsbild gebunden. In Hartmanns Artusepos sind, wie sich zeigen wird, der Körper und der Name sowie das daran haftende Renommee fundamentale Faktoren, welche die höfische Identität des Protagonisten bestimmen. Die Identität des Einzelnen und die Iden-tität einer Gruppe waren im Mittelalter nicht dauerhaft gesichert, sondern bedurften der permanenten Repräsentation und Legitimation.23 Diese prädeterminierte Identitätsproblematik begegnet dem Hartmannschen Protagonisten, der als Artusritter auf abenteur auszieht, um seine ere zu steigern und seine Identität zu sublimieren. Im Verlauf der identitätsanalytischen Unter-suchung wird deutlich, in welchem hohen Maße die Identität des Protagonisten von seiner ere abhängt.

Im Folgenden wird untersucht, wie die Identität des Protagonisten in Hartmanns Ereck konzipiert ist. Das Ziel dieser Arbeit ist es nicht, eine Definition oder einen Lösungsvorschlag zum komplexen Identitätsbegriff zu leisten, zumal dies aufgrund des aktuellen Forschungs-desiderats und der kontroversen Begriffsproblematik ohnehin nicht möglich ist. Die Kategorie
,Identität‘ kann in der Mediävistik angewendet werden, obwohl der Begriff erst zu einem his-torisch späteren Zeitpunkt thematisiert wurde, da Identität ein Wesensmerkmal des Menschen und nicht einer spezifischen Epoche ist.24

3. Erste Identitätsgenese: Der erste Verlust der ere

Am Anfang des Epos ist Erecks Identität ausschließlich durch seine Zugehörigkeit zum Artus-hof bestimmt. Die ersten tausend Verse demonstrieren die scheinbare Idealität des Artushofes u. a. anhand des edlen, gattungstypischen Pfingstfestes, „daz Ee noch seit / nie kain grössere ward gesehen.25 Dieser „idealtypisch[e] Entwurf höfischen Gesellschaftslebens“26 ist jedoch nicht ohne Konfliktpotenzial konzipiert. Es besteht unter den Rittern eine Uneinigkeit darüber, wer „das schöneste weib“ (E. V. 357) ist. Nur Ereck ist später in der Lage, den Streit und die damit verbundenen Spannungen am Artushof aufgrund seiner neu erworbenen Minnepartnerin zu lösen.

Während die Artusritter einem alten Brauch nachgehen, die Jagd auf den weißen Hirsch, begleitet Ereck die Königin auf einen Ausritt (vgl. E. V. 999 f.). Die Tatsache, dass Ereck nicht an der Jagd teilnimmt, zeigt, dass der Titelheld noch kein vollkommen ausgebildeter Artusritter ist.27 Dies wird ebenfalls dadurch deutlich, dass er unbewaffnet ist: „Eregk was plos als ein weib“ (E. V. 1097). Darüber hinaus wird er als „jun [ g ]“ (E. V. 1012) und „junger rait“ (E. V. 1139) beschrieben. Somit unterscheidet sich der Hartmannsche Protagonist stark von der alt-französischen Vorlage, in welcher ein fünfundzwanzigjähriger tapferer Held, der den Inbegriff des Artusrittertums verkörpert, eingeführt wird.28 Demnach nimmt Hartmann eine Umakzen-tuierung der Protagonistenidentität vor, indem er einen Schwerpunkt auf Erecks Identitäts-modifikation zum vollkommenen, höfischen Ritter legt, die erst noch stattfinden muss.29 Nichtsdestotrotz ist es eindeutig, dass Ereck zu Beginn des Epos schon ein Mitglied des Artus-hofes ist, da er die Königin begleitet. Darüber hinaus betont Hartmann Erecks höfische Identität: „Erech Vilderoilach, / der baiden frumbkait und salden phlag“ (E. V. 996-997). Während des Ausritts erblicken sie einen prachtvollen Ritter in der Begleitung eines Zwerges sowie einer Dame, woraufhin die Königin eine Edeldame vorausschickt, um den Namen des Ritters in Erfahrung zu bringen. Der Zwerg verweigert die Auskunft über den Ritter und verletzt die Edeldame mit einer Peitsche (vgl. E. V. 1004-1052). Dieses Verhalten entspricht nicht Erecks Normhorizont und er erkennt es als unhöfisch an: „Eregk da achten began, / der Ritter wär nit ein frúm man, / daz Er es vor im vertrůg, / daz sein Getzwerg die magt schlůg“ (E. V. 1060-1063). Ereck reitet daraufhin los, um den Namen des Ritters zu erfahren. Schließlich erleidet er das gleiche Schicksal wie zuvor die Edeldame: „mit der gaisl | es In schlůg“ (E. V. 1091). Der Titelheld ist so besonnen sich nicht zu rächen, da er im Gegensatz zum Zwerg unbewaffnet ist: „auch wolt Er sich gerochen han, / wann daz Er weislichen / seinem zorn kunde entweichen“ (E. V. 1093-1095). Nach dieser Peinigung gewährt der Erzähler Einsicht in das Innenleben des Protagonisten:

Er gelebt im nie laidern tag / dann umb den gaislschlag / und schamet sich nie so sere / wann daz diese unere / die künigin mit Iren frauen sach. / als im der gaislschlag geschach, / mit grosser scham er wider rait. / Also klagt Er sein laid. / Schamfar ward Er under seinen augen : [...] / ‘eine schande also grosse [...] / des scham Ich mich so sere, / daz ich euch nimmermere / fürbas getar schauen.’“ (E. V. 1098-1118)

Hier wird deutlich, dass der Ehrverlust für Ereck so gravierend ist, weil er seine Ehre vor der Königin und somit auch stellvertretend vor dem Artushof verloren hat. Erecks Identität als Artusritter ist vor dem Artushof beschädigt worden, da er nicht, wie von der Königin gewünscht, den Namen des Ritters in Erfahrung bringen konnte und außerdem vor ihren Augen geschlagen wurde. Damit ist Erecks Ehrverlust auf eine Realinjurie zurückzuführen, „die seinen Körper öffentlich sichtbar verletzte.“30 Somit hat der Königssohn (vgl. E. V. 1513-1514) „sein wegen seiner Abstammung schon von Beginn an vorhandenes gesellschaftliches Ansehen verwirkt.“31 Auffallend ist, dass der Protagonist zunächst seine eigene unere und schande beklagt, bevor er sich um die ere der Königin und des Artushofes sorgt (vgl. E. V. 1127-1128), obwohl diese ebenfalls geschmälert wurde, da Ereck ein Mitglied des Artushofes ist. Somit ist nicht nur Erecks Identität lädiert, sondern auch die normgebende Instanz, die Erecks Identität bestimmt. Sein Bedürfnis nach Rache und Rehabilitation ist jedoch primär aus der Ich-Perspektive heraus motiviert, wobei der Artushof nur eine sekundäre Rolle spielt:32 „‘Ich gereche mich an disem man, / von des getzwerge ich mal gewan ’“ (E. V. 1130-1131). Ereck bittet die Königin solange um Erlaubnis, bis sie ihm gestattet, fortzugehen, um seine ere wiederherzustellen (vgl. E. V. 1142-1143). Der Protagonist möchte folglich seine lädierte Identität als Artusritter wiederher-stellen. Voß erklärt Erecks Aufbruchsmotivierung wie folgt:

Erec[k] [fühlt sich] durch den Geißelhieb deshalb bis in den Kern seiner Existenz erschüttert, weil er ihm vor der Gesellschaft zugefügt wurde. [...] Da [...] der Selbstwert einer Person auf ein kollektives Ganzes bezogen und hinwider die Integrität dieses Ganzen auf diejenige seiner Glieder gestellt ist, fallen in der Rachefahrt, die Erec[k] unverzüglich antritt, privates und soziales Interesse in eins.33

Damit entwirft Hartmann das Bild einer Gesellschaft, in der die Identitätskonstitution des Indi-viduums automatische eine Identitätskonstitution der Gesellschaft – hier der Artushof – darstellt. Das potenziell problematische Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft wird im weiteren Verlauf des Epos und der Untersuchung wiederholt thematisiert.

Bei Hartmann sorgt sich die Königin um Erecks Vorhaben: „daz er also junger rait / auf so grosse fraise“ (E. V. 1139-1140). Diese Sorge, die erneut Erecks Unerfahrenheit unterstreicht, ist ebenso wie der Akzent auf Erecks Emotionen („‘[ ich ] waiss nit, wartzů mir das leben sol ’“ (E. V. 1120)) nicht in der altfranzösischen Vorlage vorhanden.34 Hartmann konzipiert die Identität seines Protagonisten nicht nur anders als Chrétien, sondern rückt die Identitätskon-zeption von Ereck in den Fokus der Erzählung. Letzteres wird bereits anhand des Titels offen-kundig, da der mittelhochdeutsche Autor seinen Protagonisten zum alleinigen Titelträger erkort und den Namen seiner Minnepartnerin nicht wie Chrétien inkludiert.

Um seine Schmach zu rächen und seine Ehre wiederherzustellen, muss Ereck den Artushof verlassen und auf Aventiure ausziehen. Heimlich verfolgt der Protagonist den Ritter und den Zwerg bis auf eine Burg (vgl. E. V. 1154 f.). Außerhalb des Artushofes, der bislang Erecks einzige Identitätskomponente darstellt, ist die Identität des Artusritter desintegriert.35 Der „sůchende“ (E. V. 1222) ist „habelos“ (E. V. 1232), „unerkant“ (E. V. 1239) und „weislos“ (E. V. 1244). Zudem ist Ereck unwissend, da er keine Kenntnis über die Identität des Ritters hat, welchen er verfolgt. Der Erzähler setzt die Rezipient*innen über die Identität von Yders in Kenntnis und erläutert seine außerordentliche Kampfeskraft, die er jährlich beim Sperberkampf demonstriert. Die Partnerin des Wettkampfsiegers erhält einen Schönheitspreis und zählt somit zur schönsten Frau (vgl. E. V. 1175 f.). Nicht nur Erecks Unwissenheit („Nu weste Eregk nicht / umb dise geschicht“ (E. V. 1212-1213)), sondern auch die Fürchterlichkeit und Gewalttätigkeit des Antagonisten (vgl. E. V. 1208-1209) demonstrieren die Inferiorität des jungen Protagonisten.

Das „alt [ e ] gemeure“ (E. V. 1246), welches Ereck schließlich findet, ist ein Symbol für seine derzeitige desintegrierte Identität.36 Ereck, der das gemeure fälschlicherweise für verlassen hält, trifft dort auf Coralus und Enite (vgl. E. V. 1255 f.). Diese Begegnung leitet die stufenweise Rehabilitation der Protagonistenidentität ein. Obwohl Ereck sich schämt, bittet er Coralus um Unterkunft: „mit zweifel er zu im sprach : / ‘Herre, mir ware der herbgerg not.’ / die pete machet In schamrot“ (E. V. 1295-1297). Im Gespräch mit Coralus, welcher Ereck Unterkunft gewährt, wird der Titelheld über die Identität von Yders aufgeklärt (vgl. E. V. 1445 f.). Daraufhin schildert und reflektiert der Protagonist seinen Ehrverlust:

so sůche ich hilf und rat. / [...] mir ist ein laid von im geschehen, / das Ich immer clagen sol, / es sei dann, daz ich mich erhol. / sein getzwerg mich hart ser schlůg. / daz ich im durch not vertrůg : / Er was gewaffent und ich plos. / des ich doch bei namen genos : / gros laster můst ich da vertragen. / das sol mein hertze immer klagen. / mir gefüege got noch den tag, / daz ich es gerechen mag.’ (E. V. 1473-1485)

Erecks Reflexion ist nicht uneigennützig, denn er erhofft sich von Coralus Unterstützung, damit er beim Sperberkampf gegen Yders antreten und im Falle eines Sieges seine Ehre und somit auch seine Identität als Artusritter restituieren kann. Ereck benötigt für den Kampf eine Rüstung und Coralus Tochter Enite, damit er für sie den Schönheitspreis gewinnen kann. Dafür ver-spricht er im Falle eines Sieges, Enite zu heiraten (vgl. E. V. 1493 f.). Dieses Heiratsangebot ist, wie sich zeigen wird, für Ereck nur Mittel zum Zweck, da hier noch keine Minne im Spiel ist. Der Protagonist begründet seine ritterlichen Fähigkeiten und seine Eignung als Ehegatte mit seiner adligen Abstammung (vgl. E. V. 1511-1518). Somit führt Ereck Genealogie, ein ele-mentarer Identitätsfaktor, als apodiktischen Grund dafür auf, dass Coralus ihm helfen muss: „‘darumbe durft Ir es nicht lan ’“ (E. V. 1510). Ereck erhält von Coralus alles, was er für den bevorstehenden Kampf benötigt: „vil schöns eisengewant, / [...] schilt und sper“ (E. V. 1585-1605). Damit ist die beschädigte Identität des Artusritters vestimentär überdeckt, da Ereck äußerlich „einem gůten Ritter glich“ (E. V. 1739). Ereck erhält demnach Hilfe aufgrund seiner von Geburt an bestimmten Identität.37 Die Tatsache, dass Coralus dem Protagonisten hilft, demonstriert, welch eine ausschlaggebende Rolle Genealogie in Hartmanns Artusepos spielt.

Bei Chrétien und Hartmann sind Coralus und Enite verarmt. Bei Hartmann spielt das Armuts-motiv in der Figurenkonzeption jedoch eine viel größere Rolle.38 Trotz der Armut wird die höfische Gesinnung der „edel armen“ (E. V. 1426) immerzu betont. Obwohl Enite schmutzige und zerrissene Kleidung trägt, ist ihre Schönheit unübertrefflich: „man sagt, daz nie kind gewan / ein leib so gar dem wúnsche geleich“ (E. V. 1325-1326). Hartmanns verstärkter Fokus auf Enites Armut, der mit einer kontrastreichen Diskrepanz zwischen Außen und Innen einhergeht, wird hier als stilistisches Mittel verstanden, um Enites Vollkommenheit zu verdeutlichen. Wie schon festgestellt, leitet sich die Identität primär über das äußere Erscheinungsbild ab, wobei schließlich der lîp die ausschlaggebende Instanz ist, an der sich die Identität einer mittelalter-lichen Figur bestimmen lässt.39 Deshalb spiegelt Enites Körper ihre adlige Abstammung (vgl. E. V. 1429 f.) wider: „Ir leib schain durch Ir salbe wat / als sam die lilie“ (E. V. 1330-1331). Ereck erkennt ihre Schönheit und funktionalisiert diese für seinen eigenen Zweck. Er verhindert es, dass Enite anlässlich des Sperberkampfes besser eingekleidet wird, um „den Effekt seiner geplanten Selbstinszenierung [zu steigern].“40 Der Protagonist möchte folgendes beweisen: „‘und wär si nagte sam mein handt / und schwertzer dann ein prant, / daz mich sper und schwert / volles lobes an Ir wert ’“ (E. V. 1646-1649). Beim Sperberkampf präsentiert Ereck die verarmte Enite, woraufhin Yders sie als „dürftigine“ (E. V. 1688) beschimpft. Dadurch signalisiert Ereck dem Publikum, dass der Ritter, der einen Schönheitspreis für eine so schlecht gekleidete Frau gewinnen möchte, im Kampf umso stärker sein muss. „Erec[k] kann also durch die öffentliche Inszenierung Enites als dürftigi [ n ] e und der davon ableitbaren Interpretation seiner eigenen Identität an die Deteriorisierung durch [...] [den Zwerg] wiederanknüpfen.“41

Ereck, dessen ellen und craft vom Erzähler gelobt wird (vgl. E. V. 1753), erweist sich im Kampf gegen Yders als ebenbürtiger Gegner (vgl. E. V. 1881 f.). Schließlich gewinnt Ereck den Kampf:

üntz daz Eregk, der junge man, / begunde denckhen daran, / was im auf der haide / Ze schanden und ze laide / von seinen getzwerg geschach. / und als Er darzue ansach / die schone frau Eniten, / das half im vast striten, / wann davon gewan Er do / seiner krefte recht zwo. (E. V. 1924-1933)

Hier wird deutlich, dass Erecks Rückerinnerung an seinen Ehrverlust der ausschlaggebende Faktor für seinen Sieg ist und dass die Heirat als Motivationsgrund nur ein zusätzlicher und vor allem sekundärer Faktor für die neu gewonnene Kampfeskraft ist. Nichtsdestoweniger lässt sich hier schon das Aufkeimen einer Minnebeziehung erkennen, da der Anblick Enites Einfluss auf Ereck hat. Die Textstelle zeigt jedoch, dass Erecks primäres Ziel hier die eigene Identitätsres-titution ist und dass das Hochzeitsmotiv, das lediglich zu diesem Zweck dient, eine sekundäre Rolle spielt und nicht als Erecks Hauptmotivation oder -intention zu verstehen ist.

Obwohl Yders im Falle eines Sieges Ereck getötet hätte, verschont der Titelheld den Ritter und zeigt seine Fähigkeit zum Erbarmen: „‘Nu wil ich euch leben lan : / des het Ir mir nit getan ’“ (E. V. 2006-2007). Nach seinem Sieg reflektiert Ereck wieder seinen Ehrverlust: „‘da ich von eurn schulden / die scham můste dúlden, / die meinem hertzen nahen gie ’“ (E. V. 1986-1988). Der Protagonist bezieht sich erneut zuerst auf sich selbst, bevor er die Schmach des Artushofes thematisiert: „‘nu solt Ir gewern, / des wil ich nicht empern, / es múesse mein frau, die kunigin, / wider Irs lasters geeret sin. / Ir putend Ir gros ungemach, / daz Ir nie laider geschach ’“ (E. V. 2016-2021). Somit dient der Artushof zwar „als Identifikationsfolie für Erec[k], im Mittelpunkt steht jedoch die eigene subjektive Betroffenheit bzw. seine innere Beteiligung an der erfahrenen Herabwürdigung.“42

Um die Königin zu rächen und um seine neu gewonnene Ehre auf den Bereich des Artushofes zu übertragen, damit eine endgültige Identitätsrestitution stattfinden kann, schickt der Prota-gonist Yders zum Artushof, wo der Ritter sich in die Gewalt der Königin begeben und von dem Kampf berichten soll: „‘sagt Ir recht, wer Ir seit / und umb unsern streit / und wer euch dartzů hab gesant. / also bin ich genant : / Eregk Filderoilach ’“ (E. V. 2080-2084). Den Zwerg lässt der Protagonist ebenfalls am Leben, aber er rächt sich an ihm „ze rechte“ (E. V. 2058), indem er ihn körperlich bestrafen lässt (vgl. E. V. 2059 f.). Ereck demonstriert seine höfische Gesin-nung, indem er die unhöfischen Antagonisten am Leben lässt und ihre „unzucht“ (E. V. 1991) und ihren „úbermůt“ (E. V. 1964) kritisiert.

Als Ereck und Enite auf dem Weg zum Artushof sind, entsteht die Minne:

Also si da baide / komen auf die haide, / Ereck begunde schauen / sein Junckfrauen. / auch sahe Si vil dicke an / Pleuchlich Irn man. / da wechselten Si vil dicke / die freuntlichen plicke. / Ir hertze ward der minne vol, / Si gefielen baide einander wol / und je bas | und bas. / da vant neid noch hass / ze bleiben dhain vass : / treu und stäte si besass. (E. V. 2477-2490)

Hier wird deutlich, dass die ,Minnebeziehung‘, welche vorher einem Zweck gedient hat und just durch optische Reize ausgelöst worden ist, sich zur wahrhaftigen Minne entwickelt hat, in der die Tugenden treu und stäte ihren rechtmäßigen Platz finden. Es ist kein Zufall, dass die Minne sich bei beiden in diesem Moment entwickelt. Ereck hat durch seinen Sieg sein Ansehen und seine Ehre nicht nur wiedererlangt, sondern steigern können und Enite hat den Schönheits-preis gewonnen (vgl. E. V. 2370 f.). Somit konnte die Minne vorher nicht realisiert werden, da erst der defizitäre ökonomische Status der adligen Minnepartner, welche beide ihr gesellschaft-liches, höfisches Ansehen verloren haben, wiederhergestellt werden musste. Die Tatsache, dass sich die Minne auf die haide, d. h. in einem nichtöffentlichen Raum außerhalb der Gesellschaft, entwickelt, betont, dass es sich hierbei nicht um eine gesellschaftsdienende Zwecksgemein-schaft handelt, sondern um eine aufrichtige Minne. Das Entstehen der Minne markiert für den Titelhelden eine zweite, vom Artushof unabhängige Identitätskomponente.43

Klein deutet die hier aufgezeigte erste Identitätsgenese von Ereck als „die Herausbildung männ-licher Identität.“44 Dies wird besonders anhand des Sperberkampfes ersichtlich, da Ereck von nun an vom Erzähler und von anderen Figuren nicht mehr als ,jung‘45 betitelt wird, sondern als man [46] oder als „Eregk der herre“ (E. V. 2363). Auffallend ist, dass sich auch Ereck nach seinem Sieg als man identifiziert (vgl. E. V. 2029). Hartmann thematisiert ebenfalls die Herausbildung von Erecks Identität als Artusritter. Es handelt sich bei dem Sperberkampf um Erecks „erste Ritterschaft“ (E. V. 2260). Da diese erfolgreich für den Protagonisten ausgeht, wird die anfäng-liche Diskrepanz zwischen Erecks genealogischer Berechtigung zur Artusritteridentität und seiner aufgrund von Leistung legitimierten Berechtigung zur Artusritteridentität aufgehoben. Wie sehr Ereck, „der teuriste man“ (E. V. 2301), sein eigenes Ansehen und seine Ehre als Artusritter und somit simultan die „hofes ere“ (E. V. 2186) mehren konnte, wird mehrmals hervorgehoben (vgl. E. V. 2267-2268; V. 2282-2286; V. 2298-2305). Des Weiteren geben auch der prächtige Empfang und das imposante Hochzeitsfest („es geschach nie grosser ere, / weder vor dem noch seit, / dann zu derselben hochzeit“ (E. V. 3154-3156)) Auskunft über Erecks gesellschaftliches Ansehen und seine höfische Identität als Artusritter (vgl. E. V. 2306 f.; V. 2510 f.; V. 2880 f.). Mit der Hochzeit entsteht für den Protagonisten eine neue gesellschaftliche Rolle: die des Ehemanns.

König Artus hat die weiße Hirschjagd gewonnen und darf gemäß der Tradition die schönste Frau am Hof küssen (vgl. E. V. 2749 f.). Die anfänglichen Spannungen am Artushof und die Uneinigkeit darüber, wer die schönste Frau ist, wird mit der Ankunft von Ereck und Enite gelöst. Auch wenn Ereck an der Jagd auf den weißen Hirsch nicht teilgenommen hat, ist er es, der auf-grund seines Sieges beim Sperberkampf eine Lösung für das Problem ermöglicht: „so was ausser streite : / es was die frau Eneite / die aller schöneste magt / die je, so man sagt / in des kuniges hof kam“ (E. V. 2599-2603); „da was kain man, / Er begunde Ir die schöneste verjehen, / die Er hette gesehen“ (E. V. 2734-2736). Somit erhält Enite am Artushof ihren zweiten Schön-heitspreis, denn „Si war die schöneste da / und úber die welt auch anderswa“ (E. V. 2757-2758).47 In der Forschung hat man in der höfischen Literatur einen Zusammenhang zwischen Rittertüchtigkeit und Frauenschönheit erkannt. Nach dieser These werden nur gleichrangige Paare gebildet nach dem Prinzip: „dem Besten die Schönste.“48 Hiernach hat Enites Äußeres Verweischarakter auf Erecks Inneres. Daher stellt die Arbeit die These auf, dass Enite, die eine identitätsstiftende Funktion für den Protagonisten aufweist, mit ihrer Schönheit Erecks Identi-tätsmodifikation zum vollkommenen, idealen Ritter, Ehemann und Herrscher voraussagt.

Nach dem prunkvollen Hochzeitsfest wird ein Turnier veranstaltet. Ereck, der an dem Turnier teilnimmt, sorgt sich sehr um seinen Status:

Ereck vilderoilach / maniger gedancke phlag, / wie Er dar so käme, / als seinem namen gezäme, / wann Er vor der stúnde / Turnierens nie begunde. / vil dicke gedacht Er daran, / in welhem were ein Júnger man / in den Ersten Jaren stat, / daz Er das immer gerne hat. / Er vorchte den langen itewitz / dest grössern vliss / gaben seine rate, / wie Er es da wol getäte. (E. V. 3239-3252)

Hier wird deutlich, dass Erecks Sorgen nicht primär auf seine ritterliche Unerfahrenheit zurück-zuführen sind, sondern vor allem auf seinen prägenden Ehrverlust, weshalb er den langen itewitz fürchtet. Dieser Einblick in Erecks Innenleben erklärt das waghalsige Verhalten des Artusritters während des Turniers. Die ersten Kämpfe gewinnt der Protagonist und erntet so ruhmreiche Ere (vgl. E. V. 3418 f.). Mit dem Fortschreiten des Turniers wird Ereck indes maßlos und übermütig, sodass „Er on waffen plos“ (E. V. 3496) kämpft und sich Enite um das Leben ihres Mannes sorgt, da er dieses für seine Ehre aufs Spiel setzt (vgl. E. V. 3830-3832). Dieses völlig auf Ehrakkumulation ausgerichtete Handeln deutet Erecks spätere überbetonte Ausrichtung auf seine Ritterschaft und der damit einhergehenden fehlenden Balance zwischen seinen Identitätskomponenten – Minne und Artusrittertum – voraus. Erecks Verhalten während des Turniers kommt einer Identitätsinszenierung gleich und erinnert an den Sperberkampf, bei dem Ereck Enites Aussehen ebenfalls inszeniert hat. Das obige Zitat zeigt, wie sehr der Prota-gonist Schande und Scham verhindern möchte und dass er sein gesellschaftliches Ansehen nicht nur aufrechterhalten, sondern vor allem sublimieren möchte. Dies gelingt ihm: „Er immer Eere hat [...] / und stúnde ze preise bas dann Ee“ (E. V. 3526-3528). Der Erzähler vergleicht Ereck sogar mit biblischen Figuren („daz man begunde glichen seinen weiszthumb Salomone, / an schöne Absolone, / en stercke Sambsonis genos“ (E. V. 3806-3809)) und rückt damit die Identi-tät des Protagonisten in ein christliches Licht. Auch wenn einiges darauf hindeutet, dass die Protagonistenidentität am Ende der hier aufgezeigten ersten Identitätsgenese so konzipiert ist, dass es eine Übereinstimmung zwischen Schein und Sein gibt, ist Erecks erworbene Ehre und seine neue, erhöhte Identität als Artusritter eine Scheinidentität. Während der Erzähler bei Ereck nur aufzeigt, dass er Besitz, Ansehen und Ehre errungen hat (vgl. E. V. 3742), wird anhand des Musterritters Gawein das ideale Bild des tugendhaften Artusritters gezeichnet: „vil Ritterlichen stůnd sein můt, / an Im erschain nichts wann gůt. / Reiche und Edel was er genůg, / sein hertze niemand nichts entrůg. / Er was getreue / und milte on reu, / stät und wolgetzogen, / seine wort unbetrogen“ (E. V. 3721-3728). „Dies geschieht nicht ohne Absicht, denn Hart-mann möchte am Bilde Gaweins verdeutlichen, an was es seinem Titelhelden noch mangelt.“49 Dadurch wird offensichtlich, dass Hartmann die Identitätsmodifikation des Protagonisten in den Vordergrund des epischen Prozesses stellt. Nichtsdestotrotz ist der Titelheld am Ende seiner ersten Identitätsgenese am vorläufigen Höhepunkt seiner höfischen Existenz und Identität am Artushof angelangt, auch wenn er noch nicht den höfischen Tugendkatalog internalisiert hat.

Erecks Existenz kulminiert, als das Ehepaar Erecks Vater, König Lac, besucht: „Er fůrte Si heim ze Garnant / und gab sein lant / in Ir baider gewalt, / daz Er zu künig wér gezalt / und daz Si wer künigin“ (E. V. 3910-3914). Somit kommt am Ende von Erecks erster Identitätsgenese eine dritte, vom Artushof unabhängige Identitätskomponente hinzu: die der Herrschaft. Ereck muss von nun an zwei weitere gesellschaftliche Rollen erfüllen. Daher ist die Protagonistenidentität am Ende der hier aufgezeigten ersten Identitätsgenese so konzipiert, dass es zu einer Status-erhöhung und zu einer Auflösung der „bis dato eindimensionalen gesellschaftlichen Identität“50 kommt. Der Protagonist muss folglich im weiteren Verlauf des Epos eine Balance zwischen seinen drei Identitätskomponenten – Artusrittertum, Minne und Herrschaft – schaffen und den Anforderungen seiner drei gesellschaftlichen Rollen als Artusritter, Ehemann und Herrscher gerecht werden. Dies gelingt dem jungen Protagonisten nicht und es wird sich zeigen, dass dies auf seine noch unvollkommen ausgebildete Identität, die jetzt nicht mehr eindimensional ist, zurückzuführen ist.

Erecks Abenteuer und seine Turniere sind bis hierhin noch nicht altruistisch motiviert. Kalogrenants âventiure -Definition aus dem Iwein, Hartmanns zweitem Artusroman, liegt Erecks bisheriger Auffassung von seinem Artusrittertum zu Grunde:

ich heize ein riter und hân den sin / daz ich suochende rîte / einen man der mit mir strîte, / der gewâfent sî als ich. / daz prîset in, und sleht er mich : / gesige aber ich im an, / sô hât man mich vür einen man, / und wirde werder danne ich sî.’51

Kämpfe und Abenteuer, die lediglich auf selbstbezogene Ehrakkumulation ausgelegt sind, legitimiert Kalogrenant damit, dass er ein Artusritter ist. Diese âventiure -Definition liegt der Identitätskonzeption der Ereck-Figur, dessen Handeln als Artusritter ebenfalls nur auf Ehr-akkumulation ausgelegt ist, in der hier aufgezeigten ersten (und auch teilweise zweiten) Identitätsgenese zu Grunde. Nach einer elementaren Identitätsmodifikation, ändert der Prota-gonist, wie sich zeigen wird, seine Auffassung von seinem ritterlichen Dasein grundlegend und fügt seiner abenteur -Auffassung eine soziale, ethische und christliche Maxime hinzu. Dies lässt auf eine didaktische Intention von Hartmann schließen, der die exemplarische Identitätsmodi-fikation von Ereck weitaus mehr thematisiert und in den Vordergrund stellt als Chrétien. Die Eingangssentenz in Hartmanns zweitem Artusroman formuliert explizit, dass man wahrhaftige Ehre nur erhalten kann, wenn man nicht nach Ehre strebt: „Swer an rehte güete / wendet sîn gemüete / dem volget sœlde und êre“ (I. V. 1-3). Im weiteren Verlauf des Epos erkennt und internalisiert Ereck dieses im Iwein formulierte normative und ethische Gedankengut, sodass sein Handeln als Ritter mit der Eingangssentenz übereinstimmt. Hartmann hat als Didaktiker diese normadäquate Verhaltensdisposition exemplarisch eingefügt, damit man sich die höfi-schen Verhaltensmuster zum Vorbild nimmt.52 Auch wenn Hartmann in seinem zweiten Artus-roman teilweise expliziter seine didaktischen Intentionen kennzeichnet, ist der Ereck nichts-destoweniger ein exemplarisches und identitätsstiftendes Werk, welches offensichtlich eine didaktische Intention verfolgt. Letzteres wird besonders durch Hartmanns eigenständige Abweichungen und Veränderungen gegenüber der altfranzösischen Vorlage evident.

In diesem Abschnitt wurde es insbesondere deutlich, wie sehr individuelles und gesellschaft-liches Interesse im Epos zusammenfallen. Dennoch lässt sich feststellen, dass für Ereck bislang die eigenen, persönlichen Interessen im Vordergrund stehen.

4. Zweite Identitätsgenese: Die Identitätskrise

Das Konfliktpotenzial von Erecks Identitätskomponenten wird in seiner Identitätskrise deutlich. Der Protagonist ist den simultanen Aufgaben als Artusritter, Ehemann und Herrscher noch nicht gewachsen. Nachdem er die Herrschaft übertragen bekommen hat, schildert der Erzähler Erecks plötzliche Identitätsmodifikation:

da keret Er allen seinen list / an Frauen Eniten minne. / sich vlizzen seine sinne, / wie Er alle sein sache / wente ze gemache. / sein site Er wandeln began, / als Er nie warde der man [...]. / Ereck wante seinen leib / grosses gemaches durch sein weib. / die minnet Er so sere, / daz Er aller ere / durch Si aine verphlag, / untz daz Er sich so gar verlag, / daz nieman dhain achte / auf In gehaben machte. (E. V. 3921-3965)

Erecks „wandelung“ (E. V. 3976) geschieht nicht unmotiviert, da die körperliche Ausrichtung der Minne schon a priori vom Erzähler hervorgehoben worden ist. Während das Paar am Artus-hof verweilt, ist es für den Titelhelden fast unerträglich, nicht mit Enite intim zu werden: „die frau Enite raitzt das, / [...] daz Eregk sein gemüete / vil hertzlichen nach Ir rang. / der tage daucht In ze lang, / daz Er ze lengern zeiten / Ir minne solte peiten, / dann üntz an die nachsten nacht“ (E. V. 2835-2843). Das mutuelle körperliche Verlangen der Minnepartner wird mit dem eines Raubtieren verglichen (vgl. E. V. 2854 f.). Diese stark erotisch besetzte Minnebeziehung ist jedoch trotzdem eine aufrichtige, wahre Minne. Dies symbolisiert beispielsweise die Metapher des Herzentauschs (vgl. E. V. 3355-3358). Nichtsdestotrotz ist die totale, isolierende Ausrichtung auf diese „andere minne“ (E. V. 2870) gesellschaftsgefährdend, da der Habitus des höfischen Menschen es vorschreibt, dass sich

[...]


1 Vgl. P. von Moos 2004, S. 1.

2 Vgl. J. Mohr 2012, S. 141.

3 Vgl. D. Klein 2002, S. 434-435.

4 Vgl. A. Hammer, V. Millet und T. Reuvekamp-Felber 2017, S. IX.

5 M. Wehrli 1989, S. 50

6 Vgl. C. Cormeau und W. Störmer 2007, S. 30-31.

7 Vgl. A. Sosna 2003, S. 23.

8 Vgl. E. Feistner 1999, S. 241.

9 Vgl. Ebd., S. 241; vgl. A. Otero Villena 2005, S. 23-25.

10 Vgl. A. Sosna 2003, S. 18. Sosna versucht den Identitätsbegriff unter Berücksichtigung von unterschiedlichen Forschungsdisziplinen zu erläutern: „‚Identität‘ erscheint als Begriff zunächst in der Logik und Philosophie als Prädikat, das der Identifizierung von Übereinstimmungen bzw. Unterscheidungen dient. Sozialpsychologisch hingegen drückt ,Identität‘ das Verhältnis von individuellem Anspruch auf ein bestimmtes Selbstkonzept und dessen sozialer Anerkennung bzw. Realisierung aus. In diesem Sinne kann Identität sowohl als psychisches wie auch als soziales Organisationsprinzip verstanden werden.“ Ebd., S. 17.

11 Ebd., S. 289.

12 Vgl. Ebd., S. 30.

13 Ebd., S. 31.

14 Vgl. J. Mohr 2012, S. 143.

15 Vgl. A. Otero Villena 2005, S. 6.

16 Vgl. A. Sosna 2003, S. 17

17 Ebd., S. 17.

18 H. Soeffner 1983, S. 18.

19 Vgl. S. Mather 2011, S. 5-7.

20 Vgl. L. Kuske 2018, S. 10.

21 Vgl. Ebd., S. 11.

22 Vgl. C. Oster 2014, S. 27.

23 Vgl. G. Kaiser 1978, S. 23.

24 Vgl. A. Sosna 2003, S. 27.

25 Hartmann von Aue: Ereck. Textgeschichtliche Ausgabe mit Abdruck sämtlicher Fragmente und der Bruchstücke des mitteldeutschen ,Erek‘. Hg. von Andreas Hammer, Victor Millet und Timo Reuvekamp-Felber unter Mitarbeit von Lydia Merten, Katharina Münstermann und Hannah Rieger. Berlin 2017, V. 131-132. Alle weiteren Zitate aus Hartmanns Ereck werden aus dieser Ausgabe im Text zitiert und beschränken sich auf die Versangabe.

26 R. Voß 1983, S. 5.

27 Vgl. H. C. Graf von Nayhauss-Cormons-Holub 1967, S. 43.

28 Vgl. M. Meyer 1999, S. 151.

29 Vgl. G. Haase 1988, S. 119.

30 H. Wandhoff 1999, S. 115.

31 C. Leibinnes 2008, S. 9.

32 Vgl. A. Sosna 2003, S. 58-59.

33 R. Voß 1983, S. 7.

34 Vgl. J. Bumke 2006, S. 22.

35 Vgl. A. Sosna, 2003, S. 60-61.

36 Vgl. Ebd. S. 61.

37 Der junge Hartmannsche Protagonist hat sich noch nicht ritterlich bewährt und konnte folglich noch keine ere akkumulieren beziehungsweise sein Ansehen als Artusritter steigern. Daher gibt es keine Fama von Erecks ritterlich-höfischer Identität und der Protagonist muss seine Identität Coralus erklären, da sie von außen nicht erkannt wird. Als Ereck versucht, Coralus zu überzeugen, ihm zu helfen, nennt er nicht seinen Namen, sondern den Namen seines Vaters (vgl. E. V. 1513-1514). Erst nachdem sich Ereck zum ersten Mal ritterlich bewährt hat, nennt er seinen Namen („‘also bin ich genant : / Eregk Filderoilach ’“ (E. V. 2083-2084)) und identifiziert sich somit primär über diesen und nicht mehr ausschließlich über seine adlige Herkunft. Erst jetzt scheint es für den Titelhelden angemessen, sich über den eigenen Namen zu identifizieren.

38 Vgl. J. Bumke 2006, S. 25.

39 Vgl. C. Oster 2014, S. 30.

40 F. Ringeler 2000, S. 38.

41 Ebd., S. 38.

42 A. Sosna 2003, S. 66.

43 Ereck restituiert mit seiner Rückkehr an den Artushof nicht nur seine höfische Identität als Artusritter. „Er ist auf eine neue, darüber hinausgehende Identitätsform gestoßen: die der Differenz zur Gesellschaft. [...] Enite [...] ist ein unverwechselbarer Bestandteil nur s e i n e r Identität.“ E. Feistner 1999, S. 250.

44 D. Klein 2002, S. 435.

45 Vgl. E. V. 1012; V. 1139; V. 1144; V. 1702; V. 1751.

46 Vgl. E. V. 1955; V. 2282; V. 2301; V. 2378; V. 2380; V. 2482.

47 Die Mantelepisode, die in der Ausgabe, welche der vorliegenden Arbeit zu Grunde liegt, vorhanden ist, verdeut-licht ebenfalls Enites Vollkommenheit. Der von einer Fee hergestellte Mantel zeigt die Treue einer Frau an. Wenn der Mantel einer Frau nicht passt, dann hat diese ihren Ehemann in irgendeiner Art und Weise hintergangen (vgl. E. V. 587-598). Selbst der vornehmsten Frau am Hof, der Königin, passt der Mantel nicht (vgl. E. V. 722-774). Nur Enite passt der Mantel fast perfekt: „Ir geprast an dem saume / kaum dreier vinger : / sovil was ringer / Ir schulde denn der davor“ (E. V. 966-969). Somit herrscht bei Enite, die den höfischen Tugendwert der Treue verkörpert, eine Übereinstimmung zwischen Schein und Sein. Bezüglich der Identitätskonzeption der Figuren wäre es interessant, die Mantelepisode (z.B. unter einer semiotischen Analyseperspektive) näher zu betrachten, da Klei-dung im höfischen Roman (und im Mittelalter) einen impliziten Verweischarakter auf die Abstammung bzw. auf die innere Gesinnung des Trägers hat. Der Mantel als vestimentärer Marker liefert überdies Informationen über die höfische Identität des Trägers und gibt insbesondere Auskunft über die Treue des Trägers. Insgesamt wird die Mantelepisode in der Forschung aufgrund der schwierigen Überlieferungssituation eher selten berücksichtigt, wobei diese besonders aufschlussreich für die Interpretation der Enite-Figur ist, welche wiederum bei einer Inter-pretation der Ereck-Figur nicht ausgeschlossen werden darf.

48 A. Schulz 2012, S. 51.

49 H. C. Graf von Nayhauss-Cormons-Holub 1967, S. 64. „Hartmann macht eindeutig [nur] die bloße körperliche Tüchtigkeit für Erec[k]s Ruhm verantwortlich. Alle anderen Erec[k] zugeschriebenen Tugenden bekunden zwar die Meinung der Zuschauer des Turniers, die nur das Äußere sehen, aber nicht die Ansicht des Dichters, der weiß, wieviel es noch zur inneren Läuterung, zur Reifung seines Helden bedarf.“ Vgl. Ebd., S. 68.

50 E. Feistner 1999, S. 255.

51 Hartmann von Aue: Iwein. 4. überarbeitete Auflage. Text der siebenten Ausgabe von G. F. Benecke, K. Lachmann und L. Wolff. Übersetzung und Nachwort von Thomas Cramer. Berlin 2001, V. 530-537. Alle weiteren Zitate aus Hartmanns Iwein werden aus dieser Ausgabe im Text zitiert und beschränken sich auf die Versangabe.

52 Vgl. G. Hübner 2003, S. 164.

Ende der Leseprobe aus 55 Seiten

Details

Titel
Die Konzeption der Protagonistenidentität in Hartmanns "Ereck"
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Philosophische Fakultät - Germanistisches Seminar)
Note
1,0
Autor
Jahr
2021
Seiten
55
Katalognummer
V1139385
ISBN (eBook)
9783346517098
ISBN (Buch)
9783346517104
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Artusroman, Hartmann, Mittelhochdeutsch, Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik, Literaturwissenschaft, Erec, Ereck, Epos, Identität, Protagonist, Protagonistenidentität, Identitätskonzeption, Artushof, Identitätsmodell, Ideologie, Identitätskonzept, idealisiert, Individualität, zeitgenössische Rezeption, didaktisch, Identifikation, Identitätsbildung, Identitätsentwurf, Appell, Literatursoziologie, idealisierte Identitätsvorstellung, Intention, Hartmann von Aue
Arbeit zitieren
Jella Delzer (Autor:in), 2021, Die Konzeption der Protagonistenidentität in Hartmanns "Ereck", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1139385

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