Reaktanz in der COVID-19-Pandemie. Einfluss der Kommunikation


Hausarbeit, 2021

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Hauptteil
2.1 Entstehung und Äußerung von Reaktanz
2.2 Reaktanz im Kontext von Kommunikation
2.3 Forschung während der Covid-19 Pandemie

3 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Seit März 2019 erlebt die Welt mit Covid-19 eine Pandemie, deren Ausmaß sich vorher niemand vorstellen konnte. Die notwendigen Verhaltensvorschriften und Verhaltensänderungen wurden trotz hoher gesamtgesellschaftlicher Relevanz nicht von allen unterstützt und eingehalten. Eine mögliche Erklärung hierfür ist das Phänomen der Reaktanz. Es besagt, dass Individuen mit Abwehr reagieren, wenn sie Bedrohungen für ihre Freiheit wahrnehmen, durch den Zwang ihre Einstellungen oder Verhaltensweisen in eine bestimmte Richtung zu ändern (Brehm, 1966). Die Verpflichtung zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes oder das Einschränken von sozialen und physischen Kontakten können als solche Zwänge verstanden werden (Akhta, Akhtar, Usman, Ali & Iqbal Siddiqi, 2020, S. 16). Die Reaktanztheorie besteht nach Dillard (2005) aus vier wesentlichen Elementen: Freiheit, Bedrohung der Freiheit, Reaktanz und Wiederherstellung der Freiheit (Dillard, 2005, S.°145). Elemente, die auch in der aktuellen Covid-19 Pandemie und den damit verbundenen Maßnahmen eine Rolle spielen. So begannen beispielsweise Menschen angesichts von Vorschriften, während der Covid-19 Pandemie Widerstand zu zeigen und Maßnahmen zu ignorieren (Kang, Piao & Koo, 2021, S. 2), was jeweils als Freiheitsbedrohung (Vorschriften), Reaktanz (Widerstand) und Wiederherstellung der Freiheit (Ignoranz der Maßnahmen) interpretiert werden kann. Der zentrale Grundsatz der psychologischen Reaktanztheorie lautet: Wenn die Freiheit des Einzelnen eingeschränkt oder aufgehoben wird, wird die Reaktanz aktiviert und der Einzelne wird sich bemühen, die verlorene Freiheit wiederherzustellen (Shen, 2015, S. 1). Dies wiederum kann Folgen für den Einzelnen und Andere haben. Überspitzt formulierte es Bhanot (2020) bei seiner Untersuchung zur Frage, warum Menschen so unbekümmert die Warnungen von Forschern ignorieren und stellte fest, Reaktanz ist tödlich (Bhanot, 2020, S. 1f). Auch wenn man es so direkt nicht formulieren möchte, steht fest, dass Reaktanz ein Hindernis für die Einhaltung der Richtlinien für die öffentliche Gesundheit ist (Jordan, Yoeli, & Randet, 2020; Ringold, 2002; Sibony, 2020; Van den Broucke, 2020).

In Zeiten einer Gesundheitskrise pandemischen Ausmaßes, in der es gilt, Ansteckungen, Erkrankungen und Todesfälle mit und durch das Coronavirus durch die Kommunikation und Durchsetzung „pandemiekonformen Verhaltens“ zu verhindern, widmet sich die vorliegende Arbeit daher den Fragen: Wie kann Reaktanz insbesondere durch Gestaltung der öffentlichen Kommunikation entstehen? Und wie kann man sie, durch entsprechend angepasstes Kommunikationsdesign verhindern oder reduzieren?

Die Arbeit gliedert sich dazu wie folgt: Im ersten Teil des Hauptteils wird die Entstehung und Äußerung von Reaktanz allgemein beschrieben und es findet eine Abgrenzung zu Akzeptanz statt. Anschließend werden Ergebnisse der Reaktanz-Forschung im Kontext von Kommunikationsdesign im Allgemeinen und im Spezifischen während der COVID-19-Pandemie untersucht. Die Möglichkeiten der Einflussnahme, im Abgleich erfolgter und künftiger öffentlicher Kommunikation der Covid-19 Pandemie werden im Fazit zusammengefasst.

2 Hauptteil

2.1 Entstehung und Äußerung von Reaktanz

Werden Menschen mit Einschränkungen konfrontiert, reagieren sie i.d.R. unterschiedlich. Abhängig ist dies unter Anderem von dem Absolutismus der empfundenen Einschränkung. Aronson stellte beispielsweise. 1987 fest, dass Menschen auf eine endgültige Beschränkung einer Option reagieren, indem sie die beigemessene Bedeutung der verlorenen Option minimieren, und die verbleibende Option positiver bewerten (Aronson, 1989, S. 72). Auch aktuellere Forschungen unterstützen diese Annahme. Menschen reagieren also auf absolute Freiheitseinschränkungen nicht mit Reaktanz, sondern mit Akzeptanz (Laurin, Kay, Proudfoot & Fitzsimons, 2013, S. 155). Im Gegensatz dazu wurde festgestellt, dass bei nicht absoluten, hinterfragbaren Einschränkungen eher Reaktanz entsteht (Laurin, Kay & Fitzsimons, 2012, S. 205). Menschen reagieren demnach negativer und gewichten die Bedeutung der eingeschränkten Freiheit deutlich höher, wenn die Möglichkeit besteht, dass die Einschränkung nicht in Kraft tritt und sei diese Möglichkeit auch noch so gering (Laurin, Kay & Fitzsimons, 2012, S. 209).

Reaktanz entsteht damit nicht erst, wenn die Einschränkung einer Freiheit erfolgt ist, sondern vielmehr dann, wenn eine Bedrohung der Freiheit potenziell erwartet wird (Steindl, Jonas, Sittenthaler, Traut-Mattausch, & Greenberg, 2015, S. 205) und beginnt damit auch bei der Kommunikation bevorstehender Einschränkungen. So ruft beispielsweise das Überbringen einer Anweisung Reaktanz hervor, da sie die Begegnung mit einer Freiheitsbedrohung darstellt (Brehm, 1981, S. 37; Worchel & Brehm, 1971; Wright, 1986). Im Kern der Forschung zeigte sich, dass gerade Kommunikation, die mit der Intention der Überzeugung wirken will, eher als Bedrohung für die Freiheit angesehen wird (Brehm & Brehm, 1981; Wicklund, 1974) und damit das Gegenteil von dem erzielt, was sie leisten soll. Untersuchungen legen nahe, dass die beim Individuum wahrgenommene Absicht des Gegenübers es von einer Sache zu überzeugen genügt, um Widerstände aufzubauen. Eine entsprechende Absicht kann zum Beispiel durch die Verwendung einer kontrollierenden, dogmatischen und expliziten Sprache vermittelt werden (Shen, 2015, S. 1). Dabei ist es interessant, dass Menschen sich in Versuchen gerade von Experten eher manipuliert fühlen als von solchen ohne Expertenstatus (Förg, Jonas, Traut-Mattausch, Heinemann, & Frey, 2007, S. 43). Individuen sind im Sinne der Reaktanz dann motiviert, die bedrohte Freiheit zu beschützen bzw. wiederherzustellen. Die direkte Wiederherstellung der Freiheit beinhaltet dabei, dass eingeschränkte Verhalten zu zeigen (Steindl et al., S. 205), es reizt die Menschen die verbotene Handlung auszuführen (Dillard, 2005, S. 145). Eine weitere Reaktion kann sein, die Beseitigung der Bedrohung aggressiv zu erzwingen bzw. negative Emotionen über Aggression abzubauen (Steindl et al., 2015, S. 205). Einige Wissenschaftler*innen vertreten sogar die These, dass negative Emotionen und Wut als eine allgemeine Form des Widerstands gegen Überzeugungsarbeit angesehen werden können (Kim, Levine & Allen, 2013).

Die Komplexität der Reaktanz und des mit ihr zusammenhängenden individuellen Verhaltens stellt die Wissenschaft dabei jedoch nach wie vor vor Herausforderungen. Da Reaktanz nicht direkt gemessen werden kann, werden häufig die negativen Emotionen als Indikator für Reaktanz herangezogen und gemessen (Steindl et al., S. 205, Dillard & Shen, 2005, S. 160). Neben der emotionalen Reaktion, sowie dem Äußern von Reaktanz durch Verhalten sind jedoch auch eher kognitive Reaktionen möglich. Gegenargumente, pauschale Ablehnung und negative Wahrnehmungen der Glaubwürdigkeit oder Attraktivität der Quelle (Worchel & Brehm, 1971; Wright, 1986) sind hier zu erwähnen.

Zusammengefasst ist Reaktanz eine Reaktion auf Beeinflussungen von außen, die mit einer Einschränkung der Freiheit einhergehen könnten. Sie wird sichtbar durch negative Emotionen, die sich zum Beispiel in gegenteiligen oder aggressiven Handlungen sowie kognitiven Reaktionen wie dem Herabwürdigen von Quellen und Gegenargumenten zeigen können. Daher ist es insbesondere bei der Kommunikation von Maßnahmen zur Eindämmung einer Pandemie, notwendig genauer zu betrachten, wie die Art und Weise der Kommunikation Reaktanz fördert oder verhindert und wie die Formulierung und Verbreitung von Informationen, gerade auch von Verboten als Maßnahmen einer absoluten Freiheitseinschränkung, effizienter ablaufen könnte.

2.2 Reaktanz im Kontext von Kommunikation

Verschiedene Forscher*innen haben die Frage, wie gelingende Kommunikation Reaktanz verhindern kann bereits aufgegriffen. Ma, Tang und Kay (2019) untersuchten Unterschiede in der Reaktanz, in Abhängigkeit davon, ob die Probanden eine Verhaltenskontrolle oder den Versuch einer Beeinflussung des Denkens ausgesetzt wurden. Kontext war eine fiktive Kommunikation mit dem Vorgesetzten. Vermutet wurde, dass der Versuch der Gedankenkontrolle eine größere Reaktanz hervorruft als der, der Verhaltenskontrolle. Eine Vermutung, die mehrfach bestätigt werden konnte (Ma, Tang & Kay, 2019, S. 1). Auch Miller, Lane, Deatrick, Young und Potts (2007) untersuchten durch Formulierung konkreter Gesundheitshinweise und der anschließenden Bewertung dieser, wie verschiedene Arten der Kommunikation die Reaktanz beeinflussen. Einen positiven Effekt zeigte in Ihrer Studie das Formulieren einer eigenen freien Wahl am Ende. Hierzu wurde verdeutlicht, dass es an dem Empfänger selbst liegt zu entscheiden, ob er den im Vorfeld empfohlenen Anweisungen folgen möchte. Auch wurden Hinweise gefunden, dass konkrete Formulierungen als wichtiger empfunden werden und höhere Aufmerksamkeit erzielen. Zum Beispiel bezieht sich "Zucker verursacht Fettleibigkeit und Karies" auf konkrete Details, während "Zucker ist schlecht für Sie" eine allgemeinere Art der Formulierung darstellt (Miller, Lane, Deatrick, Young & Potts, 2007, S.°255). Konkretere Formulierung werden dabei positiver wahrgenommen und erzeugen somit weniger Reaktanz als direkte Anweisungen. Eine Kombination aus sprachlicher Konkretheit, niedrigem Befehlston und einem nachgeschalteten Hinweis zur freien Wahl scheinen im Ergebnis die effektivste Art und Weise Reaktanz durch Kommunikation zu verringern (Miller et al., 2007, S. 234). Interessant war auch die in die von Miller et al. gezeigte Altersabhängigkeit der Reaktanz, mit häufigerer Reaktanz bei Jüngeren (Miller et al., 2007, S. 236). Dies geht kongruent mit bestehenden Erkenntnissen. So nehmen jüngere Bevölkerungsgruppen wahr, dass sie oft wenig Kontrolle über ihre Wahl haben, was zu einer höheren Reaktanz führt (Brehm & Brehm, 1981).

Als weiteres Mittel der Reduktion von Reaktanz eignet sich auch das Konzept des positiven Einrahmens (engl.: Framing). Traut-Mattausch (2008) bestätigte dies in Untersuchungen. Zum Beispiel wurden folgende Formulierungen gegenübergestellt: "Parlament hat Hartz IV optimiert" statt "Parlament hat Hartz IV verschärft", "mehr Fairness" statt "mehr Sanktionen“ mit besserem Effekt der positiv formulierten Varianten (Traut-Mattausch, Jonas, Förg, Frey & Heinemann, 2008, S. 220ff). Das Framing von Nachrichten kann in zwei Richtungen angewandt werden. Zum einen um Vorteile und Belohnungen der Einhaltung einer Nachricht hervorzuheben (positives Framing) zum anderen, um Kosten und Strafen darzustellen, die mit der Nichteinhaltung verbunden sind (negatives Framing) (Shen, 2015, S. 1). Die Kommunikation einer Nachricht mit negativem Framing ähnelt dabei Nachrichten mit Bedrohungskomponente, da mit beiden negative Konsequenzen verbunden werden. Es gibt daher mehrere Gründe, warum negatives Framing eine psychologische Reaktanz hervorrufen könnte (Shen, 2015, S. 3). Erstens ist die im negativen Framing verwendete Sprache durch Hervorheben negativer Konsequenzen tendenziell kraftvoller, intensiver und kontrollierender (Cho & Sands, 2011, S. 315). Shen bewertete dies, genau wie die beiden erstgenannten Forscherteams als eher Reaktanz auslösend. Zweitens könnte die Überzeugungsabsicht im negativen Framing insofern ausgeprägter sein, als sie als Befehl wahrgenommen werden kann (Cho & Sands, 2011, S. 310). Drittens könnte das negative Framing als manipulativer empfunden werden (Witte, 1992) und wiederum zu höherer Reaktanz führen (Ma, Tang & Kay, 2019, S. 1). Zusätzlich gibt es direkte Hinweise darauf, dass Angst-Appell-Nachrichten als Form des negativen Framings zu einer Verstärkung psychologischer Reaktanz führen (Shen, 2011, S. 9). So wurde zum Beispiel bei Untersuchungen zu Verhaltensweisen zur Prävention von Hautkrebs festgestellt, dass das negative Framing und die damit empfundene Bedrohung der Freiheit eine psychologische Reaktanz hervorruft, während das positive Framing und das Anbieten von Verhaltensentscheidungen die Reaktanz verringerte (Shen, 2015). Wird die Bedrohung der Freiheit als hoch empfunden, führen mangelnde Auswahl und negatives Framing im Ergebnis zu einer höheren Intensität der psychologischen Reaktanz (Dillard & Shen, 2005, S. 148, Shen, 2015, S. 8). Angesichts der Besonderheit und Variabilität der Auswirkungen von Kommunikation und Nachrichtenwahrnehmung auf die Reaktanz ist es wichtig, dass die Forschung zum Nachrichtendesign über eine eindimensionale Behandlung von Bedrohungen hinausgeht (Dillard & Shen, 2005, S. 163).

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Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Reaktanz in der COVID-19-Pandemie. Einfluss der Kommunikation
Hochschule
Hamburger Fern-Hochschule
Note
1,0
Autor
Jahr
2021
Seiten
17
Katalognummer
V1139437
ISBN (eBook)
9783346511546
ISBN (Buch)
9783346511553
Sprache
Deutsch
Schlagworte
COVID Reaktanz Kommunikation
Arbeit zitieren
Carina König (Autor:in), 2021, Reaktanz in der COVID-19-Pandemie. Einfluss der Kommunikation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1139437

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