Bertolt Brechts Bearbeitung des Dramas "Der Hofmeister" von Jakob Michael Reinhold Lenz als Gleichnis geistiger Emaskulation


Seminararbeit, 2007
20 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. „Der Hofmeister“ von Jakob Michael Reinhold Lenz
2.1 Die Entstehung
2.2 Das Werk
2.3 Die Wirkung

3. „Der Hofmeister“ von Bertolt Brecht
3.1 Die Entstehung
3.2 Das Werk
3.3 Die Wirkung

4. Vergleich der beiden Fassungen am Beispiel der Kastrationsszene
4.1 Die Kastrationsszene bei Jakob Michael Reinhold Lenz
4.2 Die Kastrationsszene bei Bertolt Brecht

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Und erst wenn er verstümmelt und entmannt

Wird er von oben gnädigst anerkannt.[1]

Mit diesen Worten endet Bertolt Brechts Bearbeitung des Sturm und Drang Dramas „Der Hofmeister“ von Jakob Michael Reinhold Lenz. Unter dem Aspekt der vorliegenden Untersuchung sind diese letzten Zeilen bezeichnend, da hier noch einmal ganz deutlich das zentrale Motiv der Emaskulation, der Selbstentmannung, hervor tritt und zugleich mit der Thematik der Fügsamkeit, welche die gesamte Schauspielbearbeitung durchzieht, verknüpft wird.

Im Folgenden soll sowohl die Bearbeitung des Schriftstellers und marxistischen Gesellschaftskritikers Bertolt Brecht, der von 1898 bis 1956 lebte, wie auch das ursprüngliche Werk des Dramatikers Jakob Michael Reinhold Lenz, der von 1752 bis 1792 lebte und zu den prägenden Literaten der Epoche des Sturm und Drang gehört, im Hinblick auf das Motiv der Emaskulation untersucht werden. Hierbei soll der Frage nachgegangen werden wie das Motiv in dem jeweiligen Bühnenwerk verarbeitet wurde und welche Bedeutung diesem zugesprochen werden kann, wobei im Besonderen untersucht werden soll, ob das Motiv in der Bearbeitung Brechts zu einem Leitmotiv umfunktioniert wurde und man deshalb bei derselben auch von einem Gleichnis geistiger Emaskulation sprechen kann.

Demnach teilt sich die analytische Abhandlung in zwei Hauptteile, deren erster Aspekt einen literaturwissenschaftlichen Überblick über das jeweilige Schauspiel gibt. In diesem soll herausgearbeitet werden, wann das Motiv der Selbstentmannung auftritt, um in einem zweiten Teil der Untersuchung eine signifikante Textstelle einer genaueren Analyse zu unterziehen, in diesem Falle die sogenannte Kastrationsszene, in welcher das Motiv hervortritt, um die jeweilige Bedeutung desselben zu ermitteln.

Die Arbeit stützt sich hierbei im Wesentlichen auf die Analyse der Primärtexte. Im Besonderen basiert die folgende Untersuchung auch, bezogen auf Bertolt Brecht, auf Aufzeichnungen des Philologen Jan Knopf und orientiert sich im Hinblick auf Jakob Michael Reinhold Lenz auf Arbeiten der Literaturwissenschaftler Matthias Luserke und Hans-Gerd Winter.

2. „Der Hofmeister“ von Jakob Michael Reinhold Lenz

Im ersten Untersuchungsabschnitt soll auf die Entstehung des Dramas „Der Hofmeister“ von Jakob Michael Reinhold Lenz eingegangen werden, um das Werk anschließend in seiner Vielschichtigkeit zu umreißen. Hierauf soll schließlich noch ein kurzer Ausblick auf die wirkungsgeschichtlichen Aspekte gegeben werden.

2.1 Die Entstehung

Komödie ist Gemälde der menschlichen Gesellschaft, und wenn die ernsthaft wird, kann das Gemälde nicht lachend werden. [...] Daher müssen unsere deutschen Komödienschreiber komisch und tragisch zugleich schreiben, weil das Volk, für das sie schreiben, oder doch wenigstens schreiben sollten, ein solcher Mischmasch von Kultur und Rohigkeit, Sittigkeit und Wildheit ist.[2]

Bereits in den „Anmerkungen übers Theater“, die zwischen den Jahren 1771 und 1774 entstanden waren, sprach sich der junge Stürmer und Dränger Jakob Michael Reinhold Lenz gegen die Poetik des Aristoteles aus und verwarf die Einheit von Zeit, Ort und Handlung. Hier formulierte er auch seine Bestimmung über die Komödie, welche einer Angelegenheit diene und über die Tragödie, in deren Mittelpunkt der Mensch alleine stehe. Sei die Person aber der Schöpfer der dramatischen Situation, so spricht der Dichter schon hier von einer Mischgattung, einer Tragikomödie, jedoch nicht im Sinne des Plautus als ein Nebeneinander komischer wie tragischer Elemente, sondern als ein Ineinander der beiden Elemente, wie es sich auch in seinem ersten Drama „Der Hofmeister“ und auch in seinen späteren Dramen, wie „Die Soldaten“ oder „Der neue Menoza“ zeigt. Obgleich Jakob Michael Reinhold Lenz das Werk in der Druckfassung auch als Komödie bezeichnete, so weisen doch Briefe desselben, in denen er von einem Trauerspiel geschrieben hatte und die Handschrift, in welcher er das Schauspiel als Lust- und Trauerspiel klassifiziert hatte, auf eine Mischgattung hin, welche aus literaturgeschichtlicher Sicht revolutionär war.

Anlass zu dem Drama „Der Hofmeister“ mag aber nicht nur seine theoretische Schrift „Anmerkungen übers Theater“ gewesen sein, sondern auch die sozialen Umstände des 18. Jahrhunderts, bezogen auf den Stand des Hofmeisters und seine eigenen Erfahrungen in dieser Stellung während seines Studiums der Theologie in Königsberg und seines Aufenthaltes in Straßburg. Denn bis in die Studienzeit, in das Jahr 1768, reichen die Quellen zurück, welche eine Beschäftigung mit der Erziehungsthematik nachweisen, die er in seinem Werk verarbeitet hat.

Die Niederschrift des Schauspiels erfolgte allerdings erst im Frühjahr und Sommer des Jahres 1772, wo sich Lenz zeitweise in Straßburg, Sesenheim und Landau aufhielt. In Straßburg machte der junge Dichter Bekanntschaften mit gleich Gesinnten und verkehrte in literarischen Kreisen, wo er unter anderem auch Friedrich Maximilian Klinger, Heinrich Leopold Wagner und auch Johann Wolfgang Goethe kennen lernte, der sein Drama an die Weygandsche Buchhandlung in Leipzig vermittelte, wo das Werk 1774 anonym erschien.

2.2 Das Werk

Das Schauspiel „Der Hofmeister“ weist schon in seinem Untertitel „Oder Vorteile der Privaterziehung“ auf die didaktische Absicht des Dichters und auf die Kritik am Hofmeisterstand und die hiermit verbundene Propagierung der öffentlichen Schulen hin.

Wie schon in dem vorangegangen Abschnitt dargelegt, verwirft Jakob Michael Reinhold Lenz die Einheit von Zeit, Ort und Handlung, baut das Drama atektonisch auf. Nur die äußere Form entspricht noch den literarischen Bestimmungen der Poetik des Horaz. Auch verfasst er das Schauspiel in Form einer Tragikomödie, womit er gegen die literarischen Bestimmungen der Aufklärung verstieß, was allerdings charakteristisch für die literarische Epoche des Sturm und Drang war. Das Bühnenwerk spielt in Ostpreußen, in Insterburg und Königsberg und in Sachsen, in Halle und Leipzig, um das Jahr 1768, wobei sich das Drama über einen Zeitraum von über einem Jahr erstreckt und daher auch als Gegenwartsdrama klassifiziert werden kann, obgleich eine genauer historische Situierung nicht möglich ist. Die hier schon angedeutete Komplexität der Schauplätze und die besondere Länge der Handlung schlägt sich auch in der Struktur derselben nieder, die aus mehreren Handlungssträngen besteht, welche durch Kommentierungsstränge erweitert werden. Man kann jedoch von drei Haupthandlungen ausgehen, die sich gegenseitig überschneiden und von weiteren Handlungssträngen durchkreuzt, umschlossen und ergänzt werden. So gibt es zum einen die Handlung um die Figur des jungen Fritz von Berg, der mit Gustchen Berg verlobt ist, aber sie wegen seines Studiums in Halle für längere Zeit verlassen muss, letztendlich aber doch noch zu seiner Geliebten heimkehrt und diese ehelicht. Der zweite Handlungsstrang ist der Figur des Gustchen Berg, der Verlobten Fritz von Berg, zugedacht, die sich aber mit dem Hofmeister Läuffer über den Verlust ihres Geliebten hinweg tröstet, von dem sie schließlich ein Kind erwartet und deshalb aus ihrem Elternhaus flieht und dann von ihrem Vater, der sie vor einem Selbstmord bewahrt, wieder in die Familie aufgenommen wird. Die dritte Handlung bezieht sich schließlich auf die Figur des Hofmeisters Läuffer, der eine sexuelle Beziehung mit seiner anbefohlenen Schülerin Gustchen eingeht, nach deren Bekanntwerden aber flieht und sich aus Reue und Verzweiflung bezüglich seines unstillbaren sexuellen Begehrens selbst kastriert. Diese drei beschriebenen Handlungsstränge kommentiert der Dichter Lenz nun mit weiteren. Zum Beispiel mit dem Handlungsstrang der Studenten Pätus und Bollwerk, der die Handlung um Fritz von Berg ergänzt oder mit der Handlung um den Geheimen Rat von Berg und den Major von Berg, der die Problematik der Erziehung thematisiert, wie auch der Handlungsstrang des Dorfschulmeisters Wenzeslaus. Durch diese und andere Handlungsverläufe schafft Jakob Michael Reinhold Lenz einen ganzen Handlungskomplex, der die tragenden Themen wie Erziehung und Sexualität verarbeitet und sie durch literarische und historische Anspielungen und besonders durch das Verwenden von Motive, wie das Kastrationsmotiv, welches der Figur des Hofmeister Läuffer zugedacht ist, immer wieder auftreten lässt und sie von verschieden Seiten her beleuchtet und auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen diskutiert. Durch diese für Lenz charakteristische Multiperspektivität, die eine detailgetreue Beschreibung einer Handlung in angemessenem Maße nahezu unmöglich macht, gelingt es ihm ein realistisches Abbild der Wirklichkeit des 18. Jahrhunderts zu geben, und an einem Modellfall eine sozialgeschichtliche Problematik aufzurollen, wobei er die sozialen Umstände und historischen Bedingungen in deren Vielschichtigkeit verarbeitet.

[...]


[1] Brecht, Bertolt: Bearbeitungen. 1. Band. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1959. Seite 213.

[2] Lenz, Jakob Michael Reinhold: Werke und Briefe. Hg. v. Sigrid Damm. 2. Band. Frankfurt am Main: Insel 1992. S. 703f.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Bertolt Brechts Bearbeitung des Dramas "Der Hofmeister" von Jakob Michael Reinhold Lenz als Gleichnis geistiger Emaskulation
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Deutsches Institut)
Veranstaltung
Prosemiar: Dramen des Sturm und Drang
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
20
Katalognummer
V113950
ISBN (eBook)
9783640147809
ISBN (Buch)
9783640147755
Dateigröße
445 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bertolt, Brechts, Bearbeitung, Dramas, Hofmeister, Jakob, Michael, Reinhold, Lenz, Gleichnis, Emaskulation, Prosemiar, Dramen, Sturm, Drang
Arbeit zitieren
Sarah Schneider (Autor), 2007, Bertolt Brechts Bearbeitung des Dramas "Der Hofmeister" von Jakob Michael Reinhold Lenz als Gleichnis geistiger Emaskulation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113950

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