Die Erfolgsstory Tesla Inc. – der wertvollste Autohersteller der Welt?

Erklärungsansätze anhand eines Vergleiches der Tesla Inc. mit der Volkswagen AG


Studienarbeit, 2021

35 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Methoden und Vorgehensweise

3. Tesla Inc
3.1 Vorstellung der Tesla Inc
3.2 Börsenwertentwicklung
3.3 SWOT-Analyse

4. Volkswagen AG
4.1 Vorstellung der Volkswagen AG
4.2 Börsenwertentwicklung
4.3 SWOT Analyse

5. Bilanzanalyse und Vergleich
5.1 Vermögensstruktur
5.2 Kapitalstruktur und Liquiditätsanalyse
5.3 Erfolgs- und Rentabilitätsanalyse

6. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Abkürzungsverzeichnis

EBIT Earnings before Interest and Taxes

IAS/IFRS International Accounting Standards/International Financial Reporting Standards

US-GAAP United States Generally Accepted Accounting Principles

1. Einleitung

Seit Anfang 2020 hat sich der Börsenkurs der Tesla Inc. annähernd versiebenfacht.1 Die Marktkapitalisierung ist von ca. 70 Milliarden Euro auf beinahe 500 Milliarden Euro angestiegen. Zum Vergleich: Die Marktkapitalisierung der drei größten deutschen Autohersteller Volkswagen, Daimler und BMW beträgt aktuell ca. 190 Milliarden Euro.2 Zudem hat die US-Bank Goldman Sachs am 03.12.2020 das Kursziel für die Tesla Aktie um 71% angehoben, von ursprünglich 455 US-$ auf 780 US-$, bzw. 636 Euro.3 Diese Einschätzung bedeutet, dass Teslas Marktkapitalisierung auf über 580 Milliarden Euro ansteigen würde. Dabei ist das Unternehmen erst kürzlich profitabel geworden. Mit dem Quartalsbericht für das dritte Quartal 2020 konnte Tesla das erste Mal in seiner Unternehmensgeschichte auf fünf Quartale in Folge mit einem Quartalsgewinn zurückblicken.4 Die Situation der deutschen Automobilhersteller stellt sich anders dar, insbesondere aufgrund der Auswirkungen der Corona-Pandemie. Bei Volkswagen sind die Absatzzahlen in den ersten drei Quartalen 2020 um insgesamt 21% im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen. Die Umsatzerlöse haben sich um 16,7% (31 Milliarden Euro) reduziert und das operative Ergebnis ist um 87,5%, bzw. 11,9 Milliarden Euro auf ca. 1,7 Milliarden Euro gesunken.5 Im gleichen Zeitraum betrug das operative Ergebnis Teslas rund 775 Mio. US-$, was zum 30.09.2020 etwa 659 Mio. Euro entsprach.6 Obwohl das operative Ergebnis Teslas um ein Vielfaches geringer ist als jenes von Volkswagen, besitzt Tesla an der Börse annähernd den achtfachen Wert. Diese beschriebene Entwicklung soll zum Anlass genommen werden, die beiden Unternehmen miteinander zu vergleichen und Erklärungsansätze für die enorme Diskrepanz der Marktkapitalisierung zu finden. Unter der folgenden Leitfrage soll diese Thematik erörtert werden: Kann die deutlich höhere Marktkapitalisierung der Tesla Inc. durch eine Unternehmens- und Bilanzanalyse im Vergleich mit der Volkswagen AG gerechtfertigt werden?

Hierzu werden zunächst die Untersuchungsmethoden der SWOT-Analyse und der Bilanzanalyse beschrieben, um dann die Vorgehensweise im Hinblick auf die Tesla Inc. und Volkswagen AG zu erläutern. Danach werden beide Unternehmen vorgestellt, ein Überblick über die Börsenwertentwicklung geliefert und anhand einer SWOT-Analyse die Unternehmensprofile präsentiert. Anschließend wird die Bilanzanalyse in ihren Facetten detailliert ausgewertet und der Vergleich beider Unternehmen vorgenommen, um schließlich die Beantwortung der Leitfrage zu ermöglichen.

2. Methoden und Vorgehensweise

Die SWOT-Analyse geht zurück auf vier Harvard-Professoren, die in ihrem Buch Business Policy. Text and Cases erstmals die SWOT-Matrix als Analysemodell für das Umfeld eines Unternehmens angewendet haben.7 SWOT setzt sich dabei aus den englischen Begriffen Strenght (Stärken), Weaknesses (Schwächen), Opportunities (Chancen) und Threats (Risiken) zusammen, die in einer 2x2 Matrix dargestellt werden. Dabei werden die Stärken und Schwächen als interne Faktoren betrachtet, die vom Unternehmen kontrolliert und gesteuert werden können. Die Chancen und Risiken hingegen beziehen sich auf externe Faktoren, die Einfluss auf das Unternehmen haben. In der Regel wird diese Art der Analyse bei der Strategieentwicklung und -planung eingesetzt, da sich hieraus Handlungsempfehlungen ableiten lassen. Im Rahmen dieser Arbeit soll die SWOT-Analyse dazu verwendet werden, einen Überblick über die zu untersuchenden Unternehmen zu liefern. Insbesondere soll die individuelle Situation der Unternehmen dargestellt werden, um Rückschlüsse auf die Wertentwicklung ziehen zu können.8

Die Bilanzanalyse ist ein Verfahren der Informationsgewinnung und -auswertung, mit deren Hilfe die wirtschaftliche Situation eines Unternehmens untersucht und plausibilisiert werden kann. Dazu werden in der Regel die Angaben des Jahresabschlusses oder Geschäftsberichtes verwendet, die neben der Bilanz auch eine Gewinn- und Verlustrechnung, Kapitalflussrechnung und den Anhang beinhalten. Insbesondere der Anhang enthält wichtige Informationen, die für das Verständnis der Unternehmenssituation benötigt werden. Grundsätzlich werden drei verschiedene Aspekte innerhalb der Bilanzanalyse untersucht, die Vermögens-, Finanzierungs- und die Ertragslage.9 Aus den Untersuchungsergebnissen sollen anschließend Aussagen über die Liquiditäts- und Erfolgssituation des Unternehmens getroffen werden können sowie das zukünftige Erfolgspotential eingeschätzt werden. Die Liquiditätsausstattung eines Unternehmens ist Grundlage für die gegenwärtige Zahlungsfähigkeit, bzw. Solvenz eines Unternehmens. Die Erfolgssituation und der zukünftig erwartete Erfolg sind hingegen für die zukünftige Zahlungsfähigkeit der Unternehmung entscheidend. Dabei ist zu unterscheiden, aus welcher Position heraus der Analysierende handelt. Als interner Analyst, beispielsweise im Rahmen eines Due-Dilligence Prozesses zur Vorbereitung einer Unternehmensakquisition, kann neben den Daten des externen Rechnungswesens auch auf interne Daten, wie Planzahlen zugegriffen werden. Als externer Analyst hingegen ist insbesondere die Aussagefähigkeit bezüglich des zukünftigen Erfolges eingeschränkt, was die Bilanzanalyse in diesem Fall unter den Gesichtspunkten der Liquidität und des gegenwärtigen Erfolges beschränkt.10 Die Analyse erfolgt dabei zum Großteil mit Hilfe von Kennzahlen. Diese sind jedoch für sich genommen nur wenig aussagekräftig und werden erst relevant, sobald sie in einem Branchen- oder Zeitvergleich präsentiert werden. Kennzahlen können in absoluten oder relativen Zahlen abgebildet werden. Die Verhältniszahlen bieten dabei den Vorteil, dass auch Unternehmen verschiedener Größe miteinander verglichen werden können.11 Außerdem ist es wichtig zu beachten, dass die Analyse von Jahresabschlussdaten immer stichtagsbezogen ist. Je nachdem, zu welchem Zeitpunkt die Untersuchung durchgeführt wird, können elementare Unterschiede bezüglich der Unternehmenssituation vorliegen.12

Diese Arbeit untersucht die Geschäftsberichte der Tesla Inc. und der Volkswagen AG zum 31.12.2019. Ergänzende Informationen für den Zeitvergleich wurden dem jeweiligen Geschäftsbericht 2017 entnommen. Außerdem wurden die Quartalsberichte für das dritte Quartal 2020 ausgewertet, um Aussagen zur aktuellen Entwicklung treffen zu können. Insbesondere im Hinblick auf die Corona-Pandemie und die extreme Börsenwertentwicklung Teslas im Jahr 2020 sind diese ergänzenden - wenn auch nicht auditierten - Daten wichtiger Bestandteil der Analyse. Für die Analyse wurden die konsolidierten Konzernbilanzen und Konzern-Gewinn- und Verlustrechnungen verwendet sowie die ergänzenden Angaben der Kapitalflussrechnung und des Anhangs. Da Volkswagen 2019 der absatzmäßig größte Automobilhersteller der Welt war, wird das Unternehmen als Benchmark dem angedachten Vergleich dienen.13 Die Untersuchung wird in drei Abschnitten vorgenommen: Zunächst die Vermögensstruktur, gefolgt von der Kapitalstruktur- und Liquiditätsanalyse und zum Schluss die Erfolgs- und Rentabilitätsanalyse. Aufgrund der unterschiedlichen Währungen, in denen die Geschäftsberichte angefertigt werden (USD und EUR), wurden die Angaben der Tesla Inc. mit dem EUR/USD Wechselkurs per 30.09.2020 umgerechnet. Der Wechselkurs betrug EUR/USD 1,1708.14 Dies betrifft sowohl die Quartalszahlen für das dritte Quartal 2020 als auch die Angaben der Jahresabschlüsse 2016 bis 2019. Bei der Verwendung der zum jeweiligen Stichtag gültigen Wechselkurse wäre die Vergleichbarkeit der Daten nur eingeschränkt gegeben, da der Währungseffekt die Ergebnisse verzerren würde. Zu beachten ist, dass beide Unternehmen nach unterschiedlichen Bilanzierungsvorschriften bilanzieren. Die Tesla Inc. bilanziert nach US-GAAP, Volkswagen hingegen nach IAS/IFRS.15 Obwohl in den letzten Jahren viele Vereinheitlichungen vorgenommen wurden, bestehen weiterhin Unterschiede, die sich insbesondere auf Bewertungsmethoden und Darstellungsvorschriften beziehen. Nach Auswertung der vom Wirtschaftsprüfungsunternehmen Deloitte erstellten Übersicht zu den Unterschieden der Bilanzierungsvorschriften werden die Auswirkungen auf die später folgende Bilanzanalyse als gering eingeschätzt.16

3. Tesla Inc.

3.1 Vorstellung der Tesla Inc.

Die Tesla Inc. wurde am 01. Juli 2003 in Delaware, USA von Elon Musk gegründet.17 Das Unternehmen entwickelt, produziert und vertreibt voll elektrische Fahrzeuge in verschiedenen Preiskategorien. Hierfür bietet Tesla auch Finanzdienstleistungen zur Finanzierung oder zum Leasing der eigenen Fahrzeuge an. Außerdem ist das Unternehmen in den Bereichen Energieerzeugung und -speicherung tätig. Somit ist Tesla nach eigenen Angaben das weltweit erste, vollkommen vertikal integrierte Energieunternehmen. Die Vision des Unternehmens ist es, den Übergang von fossilen Energieträgern zu erneuerbaren und nachhaltigen Energieträgern zu beschleunigen.18 Zwei der größten Probleme in Bezug auf die Nachfrage nach Elektrofahrzeugen sind die hohen Kaufpreise und die oftmals geringe Reichweite, bzw. Batteriekapazitäten.19 Um diesen Problemen zu begegnen, setzt Tesla darauf, so viel wie möglich in-house zu produzieren und zu entwickeln. Dazu zählt neben der Produktion der Fahrzeuge und Fahrzeugteile auch die Entwicklung der Software und der Batterie- und Antriebssysteme. Auf dem von Tesla veranstalteten Battery-Day 2020 stellte das Unternehmen Möglichkeiten vor, die Kosten der Batterien um 56% pro kWh zu reduzieren und die Reichweite um 54% zu erhöhen.20 Mit diesen Entwicklungen könnten Elektrofahrzeuge zu einem Verkaufspreis von 25.000 US-$ profitabel angeboten und damit einhergehend die Konkurrenzfähigkeit zu Verbrennungsmotoren erhöht werden.21 Zur Produktion nutzt Tesla die mit Zulieferern gemeinsam betriebenen Gigafactorys, in denen neben der Fahrzeugproduktion auch die Batterieproduktion stattfindet.22 Aktuell hat Tesla drei dieser Gigafactorys in Betrieb, die bei vollständiger Inbetriebnahme und Auslastung auf eine Gesamtproduktionskapazität von 840.000 Fahrzeugen pro Jahr kommen sollen.23 Bisher konnte Tesla diese maximale Kapazität jedoch nicht erreichen. Im Jahr 2019 hat Tesla mit einer Gesamtproduktion von 365.000 Fahrzeugen einen internen Produktionsrekord aufgestellt. Bis zum Ende des dritten Quartals 2020 lag die Gesamtproduktion bei ca. 330.000 Fahrzeugen.24 Das Produktionsziel zum Ende des Jahres 2020 liegt bei 500.000 Fahrzeugen.25 Außerdem befindet sich aktuell eine weitere Gigafactory in der Nähe von Berlin im Bau. Von dort aus soll die Nachfrage des europäischen Marktes abgedeckt werden. Die Inbetriebnahme ist für 2021 geplant.26 Das Unternehmen setzt zudem einen starken Fokus auf das Nutzererlebnis ihrer Fahrzeuge. Neben den umfangreichen Softwarelösungen sorgt Tesla durch Serviceleistungen und den Ausbau der Ladeinfrastruktur dafür, den Umstieg von herkömmlichen Verbrennungsmotoren auf die Elektromobilität für den Nutzer so angenehm wie möglich zu gestalten. Insbesondere die Ladeinfrastruktur ist für das Unternehmen enorm wichtig, um auch Langstreckenfahrten mit einem Elektrofahrzeug ohne lange Ladepausen zu ermöglichen.27 Hierzu werden pro Quartal 100 bis 150 neue Supercharger-Stationen entlang der beliebtesten Strecken installiert.28 Der Vertrieb der Fahrzeuge erfolgt ausschließlich online. Lediglich in wenigen ausgewählten Metropolen gibt es Showrooms, in denen sich Interessenten beraten lassen können.29 Der Gesamtumsatz im Jahr 2019 betrug 19,9 Milliarden US-$.30 Bis zum Ende des dritten Quartals 2020 waren es 17,1 Milliarden US-$ trotz rückläufiger Umsatzzahlen aufgrund der Corona-Pandemie im ersten Halbjahr 2020.31 Das EBIT betrug im Jahr 2019 minus 69 Millionen US-$. Innerhalb der ersten drei Quartale 2020 wurde trotz Corona-Pandemie ein EBIT von 775 Millionen US-$ erwirtschaftet.32

3.2 Börsenwertentwicklung

Die Tesla Inc. ist 2010 an die Börse gegangen. Seither hat sich der Börsenwert des Unternehmens um ca. 14.500% erhöht.33 Wie bereits in Kapitel 1 beschrieben, ist die Marktkapitalisierung 2020 von ca. 70 Milliarden Euro auf derzeit ca. 490 Milliarden Euro angestiegen – trotz Corona-Pandemie, Lockdown, Produktionsstillstand und weltweiter Rezession.34 Der Börsenkurs ist dabei hoch volatil und es kommt nicht selten vor, dass der Kurs innerhalb eines Tages um fünf Prozent und mehr steigt oder fällt. Während Tesla innerhalb des Corona-Jahres auf eine Wertsteigerung von über 580% blicken kann, hat der amerikanische Leitindex S&P 500 in der gleichen Zeit nur eine minimale Wertsteigerung von unter einem Prozent.35 Der Deutsche Aktien Index DAX ist im gleichen Zeitraum um 2,39% gestiegen.36

Trotz dieser enormen Kursentwicklung wird das Kursziel von renommierten US-Banken, wie Goldman Sachs und Morgan Stanley weiter angehoben.37 Für diese Einschätzungen gibt es unterschiedliche Begründungen. Goldman Sachs verweist darauf, dass Tesla mit dem fünften Quartalsgewinn in Folge alle Voraussetzungen erfüllt, um in den S&P 500 aufgenommen zu werden. Da Tesla direkt von Beginn an zu den zehn wertvollsten Unternehmen innerhalb des S&P 500 zählt, werden institutionelle Anleger und Fondsgesellschaften viele Aktien kaufen müssen, um den S&P 500 weiterhin korrekt abbilden zu können.38 Laut einer Befragung, die Goldman Sachs vorgenommen hat, sind von den 189 großen Vermögensverwaltern 157 noch gar nicht oder nicht ausreichend in Tesla investiert, vorausgesetzt die Vermögensverwalter wollen Tesla entsprechend seiner Index-Gewichtung abbilden.39

Für die US-Investmentbank Morgan Stanley spielt ein anderer Aspekt eine entscheidende Rolle, der unmittelbar das Geschäftsmodell betrifft. Tesla wandelt sich vom Automobilhersteller zu einem Softwareunternehmen, bei dem deutlich höhere Gewinnmargen erzielt werden können. Bis 2030 könnte bis zu 20% des Gewinnes aus dem Erlös der Software-Services kommen. Beispielsweise werden Infotainment-Angebote als monatliche Abonnements verkauft.40 Auch Software für das autonome Fahren, bei der Tesla eine Führungsrolle einnimmt, kann nachträglich gekauft und freigeschaltet werden.41 Die notwendige Hardware wird in jedem neuen Fahrzeug verbaut und zur Datensammlung genutzt.42 Doch auch in Bezug auf die Leistung des Fahrzeuges kann Tesla nach Auslieferung durch kostenpflichtige Software-Updates Veränderungen vornehmen. In diesem Zusammenhang wird Tesla mit Apple verglichen, das bekannt ist für seine markentreuen Kunden. Aufgrund dieser Stellung des Unternehmens und der fortschrittlichen Software ist vieles denkbar, was Tesla in Zukunft durch seine Fahrzeuge vermarkten kann: Zum Beispiel individuelle Reise- und Hotelangebote, die direkt aus dem Auto heraus abgeschlossen werden können.43 In dieser Einschätzung spielt vor allem ein Aspekt eine entscheidende Rolle: An der Börse wird die Zukunft gehandelt.

3.3 SWOT-Analyse

Im Folgenden sollen die internen Stärken und Schwächen sowie die externen Chancen und Risiken der Tesla Inc. dargestellt werden, um im weiteren Verlauf Rückschlüsse daraus ziehen zu können, ob der deutlich höhere Marktwert Teslas im Vergleich mit der Volkswagen AG gerechtfertigt ist.

Zunächst werden die Stärken dargestellt. Da Tesla nahezu alle Produktionsschritte, die Stromerzeugung und -speicherung inbegriffen, in-house abbilden kann, kann nicht nur ein in sich schlüssiges Produkt, sondern auch ein einzigartiges Kundenerlebnis geschaffen werden. Ähnlich wie bei Apple-Produkten kann eine enorme Performance-Steigerung durch aufeinander abgestimmte Prozesse und Bauteile erreicht werden, wie sie andere Hersteller nur schwer nachahmen können. Insbesondere in den Bereichen Softwareentwicklung und Batterietechnologie setzt Tesla mit seinen Produkten neue Maßstäbe und hat zurzeit einen hohen Wettbewerbsvorteil, weil andere Hersteller erst einmal auf das gleiche Niveau gelangen müssen. Die FSD (Full-Self-Driving) Software Teslas wurde im Oktober 2020 in der Beta-Version veröffentlicht.44 Die Fahrzeuge sind vom Werk aus mit der nötigen Hardware ausgestattet und Software-Updates können bei Bedarf over-the-air installiert werden.45 Das heißt, dass Tesla-Kunden nicht in eine Werkstatt fahren müssen, um die Systemsoftware ihrer Fahrzeuge anzupassen. Beispielsweise können Besitzer eines Model Y für 2.000 US-Dollar ein Software-Update kaufen, dass die Beschleunigung auf 100 km/h um nahezu eine Sekunde reduziert.46 Darüber hinaus ist Tesla bereits seit 2003 mit der Entwicklung von Elektrofahrzeugen beschäftigt und hat entsprechend mehr Erfahrung in diesem Bereich als Automobilhersteller, die erst in den vergangenen Jahren in diesen Markt eingetreten sind. Insbesondere im Bereich der Batterietechnologie hat Tesla einen deutlichen Vorsprung, was sich an der Reichweite der Fahrzeuge ablesen lässt.47 Aufgrund des Online-Vertriebs, hat Tesla deutlich geringere Vertriebskosten, als ein Unternehmen mit großem Händlernetzwerk.48 Mit Hilfe der medialen Berichterstattung und insbesondere Weiterempfehlungen von zufriedenen Kunden hat das Unternehmen eine sehr hohe Markenbekanntheit erreicht, weshalb es ein vergleichsweise geringes Marketingbudget benötigt.49

Die größte Schwäche hingegen ist nach wie vor die geringe Produktionskapazität. Tesla expandiert sehr stark in internationale Märkte. In Shanghai befindet sich eine bereits in Betrieb genommene Gigafactory, die für den asiatischen Markt produziert und in der Nähe von Berlin wird die erste europäische Fabrik errichtet. Jedoch ist Tesla mit einer jährlichen Produktionszahl von unter 500.000 Fahrzeugen ein vergleichsweise sehr kleiner Autohersteller. Bei den Top 15 Autoherstellern 2019 war Volkswagen mit 10,7 Mio. produzierten Fahrzeugen der größte Hersteller der Welt. Mazda kommt mit einer Stückzahl von 1,5 Mio. Fahrzeugen auf Rang 15.50 Dennoch wurde die Kapazität in den vergangenen Jahren stetig ausgebaut und mit den Gigafactorys wurden die Gegebenheiten für die Massenproduktion der Tesla Modelle geschaffen. Aufgrund der geringen Stückzahlen sind die Stückkosten pro Fahrzeug noch immer sehr hoch. Durch neue Technologien will Tesla es schaffen, die Stückkosten so weit zu reduzieren, dass sich jeder einen Tesla leisten kann. Dennoch ist dieses Ziel längst nicht erreicht. Das günstigste Tesla Modell in der einfachsten Ausstattung ist das Model 3 mit einer Reichweite von 430 Kilometern. Die Gesamtkosten für einen deutschen Kunden betragen inklusive Mehrwertsteuer und abzüglich 3.000 Euro Umweltprämie 43.880 Euro, womit der Preis im Bereich eines Mittelklasse Fahrzeuges anderer Hersteller liegt.51 Eine weitere Schwäche ist, dass Tesla nach eigenen Angaben in einigen Bereichen zu stark von Single-Sourcing-Lieferanten abhängig ist. Insbesondere im Bereich der seltenen Erden ist das Unternehmen stark vom Rohstoffpreis, Handelsbeschränkungen und Zöllen sowie ggf. anderen politischen Einflüssen abhängig.52 Hinzu kommt, dass die Gewinne Teslas derzeit noch stark vom Handel mit CO2-Zertifikaten abhängen. Diese Zertifikate werden an andere Automobilhersteller verkauft, die damit das Recht erwerben, eine gewisse Menge CO2 zu produzieren. Zwar wird auch das Kerngeschäft Teslas profitabler, der Zertifikate-Handel macht aktuell jedoch noch einen Großteil der Gewinne aus.53

Die Chancen entstehen insbesondere aus dem gewachsenen Bewusstsein innerhalb der Bevölkerung für den Klimawandel und die daraus resultierende, notwendige Umstellung der Energieträger, auf deren Basis die Gesellschaft aufgebaut ist. Als Vorreiter auf diesem Gebiet ist Tesla bereits seit Jahren ein Symbol für die Energiewende. Der Markt für Elektrofahrzeuge sollte in den nächsten Jahren folglich weiterwachsen. Nicht zuletzt aus dem starken Fokus anderer Automobilhersteller auf diesem Markt kann geschlussfolgert werden, dass dort ein Wachstumsmarkt besteht. Durch weiterhin schnelles Wachstum und den Ausbau der Produktionskapazitäten in den Wachstumsmärkten könnte Tesla sich frühzeitig Marktanteile sichern. Aufgrund des erweiterten Produktspektrums Teslas mit beispielsweise solarenergiererzeugenden Dächern kann Tesla Cross-Sell Chancen nutzen, um aus dem Verkauf eines Fahrzeuges weitere Umsätze zu generieren.54 Auch die bereits angesprochenen Umsätze aus Softwareupgrades und -diensten bieten große Wachstumschancen. Des Weiteren können Innovationen, wie beispielsweise die Weiterentwicklung der Autopiloten-Software oder die Verbesserung der Reichweite aufgrund besserer Batteriesysteme zu Alleinstellungsmerkmalen und Wettbewerbsvorteilen führen. Eine große Chance entsteht auch aus dem Vorhaben, die Kosten für die Fahrzeuge weiter zu senken und somit einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Bereits bei seinem Raumfahrtunternehmen SpaceX Inc. hat Elon Musk gezeigt, dass durch Kosteneffizienz und Nachhaltigkeit große Erfolge erzielt werden können. Weiterhin können aus der Zusammenarbeit mit SpaceX Synergieeffekte gezogen werden, insbesondere im Hinblick auf die Ingenieurs-Expertise, die in beiden Unternehmen vorhanden ist.

[...]


1 Vgl. boerse.de Finanzportal AG (2020), Tesla Aktie.

2 Vgl. Norddeutscher Rundfunk Anstalt des öffentlichen Rechts (Hrsg.) (2020), Volkswagen VZ; ebenda, Daimler; ebenda, BMW ST.

3 Vgl. Financial News (Hrsg.) (2020).

4 Vgl. Tesla Inc. (Hrsg.) (2020), Q3 2020 Update, S. 4.

5 Vgl. Volkswagen AG (Hrsg.) (2020), Quartalsbericht, Wesentliche Zahlen.

6 Vgl. Tesla Inc. (Hrsg.) (2020), Q3 2020 Update, S. 4; Bundesbank (Hrsg.) (2020).

7 Vgl. Speth, C. (2018), S. 4f.

8 Vgl. ebenda, S. 5ff.

9 Vgl. Coenenberg, A.G.,Haller, A., Schultze, W. (2018), S. 1039.

10 Vgl. Coenenberg, A.G.,Haller, A., Schultze, W. (2018), S. 1040f.

11 Vgl. ebenda, S. 1045.

12 Vgl. Krause, H.U., Arora, D. (2016), S. 56.

13 Vgl. Handelsblatt (Hrsg.) (2020), Ranking: Das sind die größten Automobilhersteller der Welt.

14 Vgl. Bundesbank (Hrsg.) (2020).

15 Vgl. Tesla Inc. (Hrsg.) (2020), Annual Report, S. 70; Volkswagen AG (Hrsg.) (2020), Geschäftsbericht, S. 203.

16 Vgl. Deloitte Development LLC (Hrsg.) (2020).

17 Vgl. Tesla Inc. (Hrsg.) (2020), Annual Report, S. 70.

18 Vgl. ebenda, S. 1.

19 Vgl. Rutkowski, M. (2020); Tesla Inc. (Hrsg.) (2020), Annual Report, S. 1.

20 Vgl. Tesla Inc. (Hrsg.) (2020), Q3 2020 Update, S. 8, S. 12

21 Vgl. ebenda, S. 8.

22 Vgl. Tesla Inc. (Hrsg.) (2020), Annual Report, S. 9.

23 Vgl. Tesla Inc. (Hrsg.) (2020), Q3 2020 Update, S. 7.

24 Vgl. ebenda, S. 6.

25 Vgl. ebenda, S. 10.

26 Vgl. ebenda, S. 7.

27 Vgl. Tesla Inc. (Hrsg.) (2020), Annual Report, S. 6.

28 Vgl. Tesla Inc. (Hrsg.) (2020), Q3 2020 Update, S. 6.

29 Vgl. Tesla Inc. (Hrsg.) (2020), Annual Report, S. 5.

30 Vgl. ebenda, S. 66.

31 Vgl. Tesla Inc. (Hrsg.) (2020), Q3 2020 Update, S. 4.

32 Vgl. Tesla Inc. (Hrsg.) (2020), Q3 2020 Update, S. 26.

33 Vgl. boerse.de Finanzportal AG (2020), Tesla Aktie.

34 Vgl. Norddeutscher Rundfunk Anstalt des öffentlichen Rechts (Hrsg.) (2020), Tesla Inc.

35 Vgl. Nasdaq. Inc. (Hrsg.) (2020), market activity.

36 Vgl. boerse.de Finanzportal AG (2020), DAX.

37 Vgl. Financial News (Hrsg.) (2020); manager magazin new media GmbH & Co. KG (Hrsg.) (2020).

38 Vgl. Financial News (Hrsg.) (2020).

39 Vgl. manager magazin new media GmbH & Co. KG (Hrsg.) (2020)..

40 Vgl. ebenda.

41 Vgl. Tesla Inc. (Hrsg.) (2020), Annual Report, S. 13.

42 Vgl. ebenda, S. 4.

43 Vgl. manager magazin new media GmbH & Co. KG (Hrsg.) (2020).

44 Vgl. Tesla Inc. (Hrsg.) (2020), Q3 2020 Update, S. 3.

45 Vgl. Tesla Inc. (Hrsg.) (2020), Annual Report, S. 4.

46 Vgl. Tesla Inc. (Hrsg.) (2020), Q3 2020 Update, S. 8.

47 Vgl. Rutkowski, M. (2020).

48 Vgl. Tesla Inc. (Hrsg.) (2020), Annual Report, S. 66.

49 Vgl. ebenda, S. 5.

50 Vgl. Handelsblatt (Hrsg.) (2020), Ranking: Das sind die größten Automobilhersteller der Welt.

51 Vgl. Tesla Inc. (Hrsg.) (2020), Konfiguration.

52 Vgl. Tesla Inc. (Hrsg.) (2020), Annual Report, S. 18.

53 Vgl. Tesla Inc. (Hrsg.) (2020), Annual Report, S. 10; Demling, A. (2020).

54 Vgl. Tesla Inc. (Hrsg.) (2020), Annual Report, S. 5.

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Die Erfolgsstory Tesla Inc. – der wertvollste Autohersteller der Welt?
Untertitel
Erklärungsansätze anhand eines Vergleiches der Tesla Inc. mit der Volkswagen AG
Hochschule
Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin
Note
1,3
Autor
Jahr
2021
Seiten
35
Katalognummer
V1139500
ISBN (eBook)
9783346511447
ISBN (Buch)
9783346511454
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tesla, Volkswagen, VW, Bilanzvergleich, Autohersteller, Vergleich, wertvollster Autohersteller der Welt, Tesla Inc., Volkswagen AG, SWOT, SWOT-Analyse, Börsenkurs, Bilanzanalyse, Börsenwert, Elektroautos, Elektrofahrzeuge, Autos, Fahrzeuge, Maschinen, Maschinenebau, Autoindustrie, USA, Deutschland, Europa, Produktion, Batterie, Batterietechnologie, Autonomes Fahren, Selbstfahrend, Elektrifizierung, Gigafactory, Marktkapitalisierung, Vermögensstruktur, Erfolgsanalyse, Rentabilitätsanalyse, Kapitalstruktur, Liquiditätsanalyse
Arbeit zitieren
Jan-Eric Safrin (Autor:in), 2021, Die Erfolgsstory Tesla Inc. – der wertvollste Autohersteller der Welt?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1139500

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