Im Folgenden soll sowohl die Bearbeitung des Schriftstellers und marxistischen Gesellschaftskritikers Bertolt Brecht, der von 1898 bis 1956 lebte, wie auch das ursprüngliche Werk des Dramatikers Jakob Michael Reinhold Lenz, der von 1752 bis 1792 lebte und zu den prägenden Literaten der Epoche des Sturm und Drang gehört, im Hinblick auf das Motiv der Emaskulation untersucht werden. Hierbei soll der Frage nachgegangen werden wie das Motiv in dem jeweiligen Bühnenwerk verarbeitet wurde und welche Bedeutung diesem zugesprochen werden kann, wobei im Besonderen untersucht werden soll, ob das Motiv in der Bearbeitung Brechts zu einem Leitmotiv umfunktioniert wurde und man deshalb bei derselben auch von einem Gleichnis geistiger Emaskulation sprechen kann.
Demnach teilt sich die analytische Abhandlung in zwei Hauptteile, deren erster Aspekt einen literaturwissenschaftlichen Überblick über das jeweilige Schauspiel gibt. In diesem soll herausgearbeitet werden, wann das Motiv der Selbstentmannung auftritt, um in einem zweiten Teil der Untersuchung eine signifikante Textstelle einer genaueren Analyse zu unterziehen, in diesem Falle die sogenannte Kastrationsszene, in welcher das Motiv hervortritt, um die jeweilige Bedeutung desselben zu ermitteln.
Die Arbeit stützt sich hierbei im Wesentlichen auf die Analyse der Primärtexte. Im Besonderen basiert die folgende Untersuchung auch, bezogen auf Bertolt Brecht, auf Aufzeichnungen des Philologen Jan Knopf und orientiert sich im Hinblick auf Jakob Michael Reinhold Lenz auf Arbeiten der Literaturwissenschaftler Matthias Luserke und Hans-Gerd Winter.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. „Der Hofmeister“ von Jakob Michael Reinhold Lenz
2.1 Die Entstehung
2.2 Das Werk
2.3 Die Wirkung
3. „Der Hofmeister“ von Bertolt Brecht
3.1 Die Entstehung
3.2 Das Werk
3.3 Die Wirkung
4. Vergleich der beiden Fassungen am Beispiel der Kastrationsszene
4.1 Die Kastrationsszene bei Jakob Michael Reinhold Lenz
4.2 Die Kastrationsszene bei Bertolt Brecht
5. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Motiv der Emaskulation bzw. Selbstentmannung in Jakob Michael Reinhold Lenz' Sturm und Drang Drama „Der Hofmeister“ und in der Bearbeitung durch Bertolt Brecht. Ziel ist es, die unterschiedliche Funktionalität und Bedeutung dieses Motivs in den beiden Werken herauszuarbeiten und zu analysieren, ob es bei Brecht zu einem leitmotivischen Gleichnis geistiger Emaskulation transformiert wurde.
- Vergleichende Analyse literarischer Primärtexte des Sturm und Drang sowie der Moderne
- Untersuchung von Entstehungskontexten und Wirkungsgeschichte beider Dramenfassungen
- Analyse der sogenannten Kastrationsszene als zentrales Bedeutungsträger-Motiv
- Gegenüberstellung der unterschiedlichen gesellschaftspolitischen Intentionen (Erziehungskritik vs. Kritik an der Unterwürfigkeit/Revolutionsunfähigkeit)
- Thematisierung von Männlichkeitsbildern, Machtstrukturen und sozialer Abhängigkeit
Auszug aus dem Buch
4.2 Die Kastrationsszene bei Bertolt Brecht
Die Kastrationsszene in der Bearbeitung des Schriftstellers Bertolt Brecht aus den Jahren 1949 und 1950 befindet sich im vierten Akt und schließt im Gegensatz zu dem Original an eine Begegnung Läuffers mit dem Mündel des Dorfschullehrers, mit Lise, an, in welcher der Hofmeister beinahe sexuell übergriffig wird und deshalb in einem der Szene folgenden längeren Monolog beschließt, sich selbst zu entmannen, um sich so seines Fortpflanzungstriebes zu entledigen.
Das nun folgende Gespräch zwischen dem Hofmeister und dem Dorfschulmeister spielt sich in einem Zimmer der Dorfschule ab. Läuffer, der sich soeben kastriert hat, liegt in einem Bett und hat nach Wenzeslaus rufen lassen, welcher zu Beginn der Szene aufgebracht das Zimmer betritt. Verärgert darüber, dass der junge Hofmeister im Bett liegt und sich noch immer nicht davon gemacht hat, wie es ihm Wenzeslaus befohlen hat, will er den Grund für dessen Betragen erfahren. Läuffer, von Todesängsten geplagt, gesteht ihm seine Tat, dass er sich selbst entmannt habe, „[i]ch hab mich kastriert“14 und dass er sich nicht sicher sei, ob dies richtig gewesen war. Doch der alte Dorfschullehrer reagiert ganz anders wie er es erwartet hatte, indem er ihn mit den Worten „[d]as hätt er nicht gebraucht. Da ist er ja ein zweiter Origines!“15in seine Arme schließt, was durchaus nicht der Komik entbehrt. Sein „teures, auserwähltes Rüstzeug“16, Läuffer also, sei nun seiner Meinung nach auf die richtige Bahn gekommen, auf welcher er eine „Leuchte der Schulwelt, ein Stern erster Größe der Pädagogik“17 werden könne.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik der Emaskulation als zentrales Motiv ein und definiert die Zielsetzung, die Dramen von Lenz und Brecht hinsichtlich ihrer Motivverarbeitung zu vergleichen.
2. „Der Hofmeister“ von Jakob Michael Reinhold Lenz: Dieses Kapitel skizziert die Entstehung, den Inhalt und die Wirkung des Originaldramas von Lenz vor dem Hintergrund der Epoche des Sturm und Drang.
3. „Der Hofmeister“ von Bertolt Brecht: Das Kapitel analysiert Brechts Bearbeitung, insbesondere die theoretischen Grundlagen des nicht-aristotelischen Theaters und die intendierten inhaltlichen Modifikationen am Lenz’schen Original.
4. Vergleich der beiden Fassungen am Beispiel der Kastrationsszene: Hier erfolgt eine detaillierte Gegenüberstellung der zentralen Kastrationsszenen, um die unterschiedlichen Bedeutungsgehalte und Motivausprägungen bei beiden Autoren herauszuarbeiten.
5. Schluss: Der Schluss fasst die Ergebnisse zusammen und resümiert, dass das Motiv der Emaskulation bei Lenz als komplexes Bedeutungsmoment und bei Brecht als expliziter Leitgedanke für Unterwürfigkeit fungiert.
Schlüsselwörter
Bertolt Brecht, Jakob Michael Reinhold Lenz, Der Hofmeister, Emaskulation, Selbstentmannung, Kastration, Sturm und Drang, Literaturwissenschaft, Dramenbearbeitung, Unterwürfigkeit, Sozialkritik, Geschlechterrollen, Pädagogik, Theatergeschichte, Literaturvergleich
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das Motiv der Selbstentmannung (Emaskulation) in Jakob Michael Reinhold Lenz’ „Der Hofmeister“ sowie in Bertolt Brechts Bearbeitung dieses Stoffes und analysiert die jeweilige dramaturgische und gesellschaftliche Bedeutung des Motivs.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die literarische Adaption, das Spannungsfeld von Erziehung und Sexualität, die Darstellung sozialer Abhängigkeit sowie der Vergleich von Originaltext und moderner Bearbeitung.
Welches primäre Ziel verfolgt die Analyse?
Ziel ist es zu klären, wie das Motiv der Emaskulation in beiden Bühnenwerken verarbeitet wurde und inwiefern es bei Brecht gezielt als „Gleichnis geistiger Emaskulation“ eingesetzt wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche, vergleichende Analyse der Primärtexte durchgeführt, gestützt auf fachspezifische Sekundärliteratur zu den Autoren Brecht und Lenz.
Was wird schwerpunktmäßig im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen literaturwissenschaftlichen Überblick über beide Werke und eine detaillierte vergleichende Analyse der Kastrationsszenen, um die Bedeutungsträger-Funktion des Motivs zu ermitteln.
Durch welche Schlüsselwörter wird die Arbeit charakterisiert?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Emaskulation, Sturm und Drang, Sozialkritik, Literaturvergleich, Bearbeitung und Unterwürfigkeit charakterisiert.
Wie unterscheidet sich die Funktion der Kastration bei Lenz von der bei Brecht?
Während Lenz das Motiv als Teil eines komplexen Gefüges sozialer Problematiken und Erziehungsthemen nutzt, setzt Brecht es als Leitgedanken ein, um primär die Unterwürfigkeit und Revolutionsunfähigkeit der Deutschen zu kritisieren.
Welche Rolle spielt die Figur des Wenzeslaus in den Kastrationsszenen?
Wenzeslaus fungiert in beiden Fassungen als eine Instanz, die durch ihre religiös-fanatische Deutung der Tat und ihr Unverständnis für die menschliche Not des Hofmeisters Läuffer die Absurdität und Groteske des Geschehens unterstreicht.
- Quote paper
- Sarah Schneider (Author), 2007, Bertolt Brechts Bearbeitung des Dramas "Der Hofmeister" von Jakob Michael Reinhold Lenz als Gleichnis geistiger Emaskulation, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113950