Fontane, der bereits als Zwanzigjähriger Gedichte und Balladen veröffentlichte, sich darüber hinaus als Journalist, Kritiker und Reiseschriftsteller einen Namen machte, fand zu der Kunst, für die er heute am meisten geschätzt wird, der Kunst des Romaneschreibens, erst als Sechzigjähriger. Er sorgte dafür, dass der deutsche Realismus den Anschluss an den europäischen Realismus gewann, und schrieb noch große realistische Romane, als andere Dichter sich bereits mit dem Naturalismus identifizierten.
„Frau Jenny Treibel“ entstand zu einer Zeit, als die Strukturen der bürgerlichen Gesellschaft einen fundamentalen Wandel erfuhren. Nicht mehr die Unterschiede zwischen Adel und Bürgertum, sondern die Unterschiede innerhalb des Bürgertums – vor allem zwischen Bildungs- und Besitzbürgertum - stellen die zentrale Problematik des Romans dar.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hauptteil
2.1 Gründerzeit und Bourgeoismentalität
2.1.1 Die wilhelminische Gesellschaft zur Zeit der Reichsgründung
2.1.2 Frau Jenny Treibel als „Musterstück einer Bourgeoise“
2.1.2.1 Feudale Lebensformen und Adelsenthusiasmus des Bourgeois
2.1.2.2 Sentimentalität und falscher Idealismus als Charakterzug des Bourgeoisen
2.1.3. Kritik an der „Bildung“
2.1.4. Treibels „Verirrung“ in die Politik
2.2 Die Auseinandersetzung zwischen Macht und Geist
2.2.1. „Geldsackgesinnung“ als „Zeitkrankheit“
2.2.2. Kritik am Bildungsbürgertum
2.2.3 Die Kluft zwischen Bildungsbürgertum und Bourgeoisie
2.3 Fontanes Realismusverständnis und Erzählstil
2.3.1 Wie äußert sich Fontanes Realismus?
2.3.2 Bedeutung des Gesprächs und Multiperspektivität
2.3.3 Ironie und Humor
2.3.4 Formen der Gesellschaftskritik
3. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die soziokulturellen Spannungsfelder innerhalb des wilhelminischen Bürgertums Ende des 19. Jahrhunderts anhand von Theodor Fontanes Roman „Frau Jenny Treibel“. Dabei analysiert sie insbesondere den Konflikt zwischen dem aufstrebenden Besitzbürgertum (Bourgeoisie) und dem traditionellen Bildungsbürgertum, beleuchtet die Rolle von Geld und falschem Idealismus sowie Fontanes spezifische Form der gesellschaftskritischen Erzählkunst.
- Die gesellschaftliche Differenzierung zwischen Bildungs- und Besitzbürgertum.
- Die Entlarvung bürgerlicher Lebenslügen und Sentimentalitäten.
- Fontanes literarische Technik der Ironie, Multiperspektivität und Dialogführung.
- Die Analyse der wilhelminischen Mentalität als Spiegelbild der Gründerzeit.
- Die Auseinandersetzung zwischen wirtschaftlicher Macht und geistiger Integrität.
Auszug aus dem Buch
2.1.2.1 Feudale Lebensformen und Adelsenthusiasmus des Bourgeois
Das Wort „Bourgeois“ bezeichnet im 19. Jahrhundert den neureichen, im Zuge der Gründerjahre zu Besitz gekommenen Großbürger. Damit einher ging die „Feudalisierung“ des Großbürgertums, die Angleichung an den Adel, die sich vor allem in der Nachahmung aristokratischer Lebensformen äußerte. So gönnen sich Treibels eine herrschaftliche Villa mit Dienerschaft, Luxuskarosse und parkartiger Gartenanlage. Auch die zahlreichen Diners mit ihrem oberflächlichen Geplänkel schmecken nach Adel. Dies entspricht der Neigung des Großbürgers nach Repräsentation und Selbstdarstellung. Die für den Bourgeois typische Adelsbegeisterung kommt bei Jenny besonders gut zum Ausdruck, während ihr Mann andere Motive hat, mit dem Adel (hier verkörpert von Lieutenant Vogelsang und den Damen Bomst und Ziegenhals) zu verkehren. Treibel hat vor allem den politisch-gesellschaftlichen Aufstieg im Auge, bei dem ihm der Adel von Nutzen sein könnte. Dies ist ein weiteres Merkmal der großbürgerlichen Gesellschaften: Gäste werden nicht nach persönlicher Zuneigung, sondern nach wirtschaftlich-politischen Interessen und Renommee geladen: Adlige und Militärs, der Sänger Adolar Krola („Krola war seit fünfzehn Jahren Hausfreund, worauf ihm dreierlei einen gleichmäßigen Anspruch gab: sein gutes Äußere, seine gute Stimme und sein gutes Vermögen“, S. 24), Corinna, nur weil sie so gebildet ist. Auch der Umgang miteinander, bei dem höfische Formen kopiert werden, soll aristokratische Etikette imitieren, was jedoch bestenfalls lächerlich wirkt. Weiterhin kennzeichnend für den „Bourgeoisstandpunkt“ ist die konsequente Abgrenzung nach unten, wie sie auch Jenny betreibt – ein Faktum, welches angesichts ihrer Herkunft aus kleinbürgerlichen Verhältnissen als besonders widersinnig anmuten muss („Jetzt marschiert jeder Küchenjunge durch den Vorgarten“, S. 15; „Frau Jenny präsentierte sich in vollem Glanz, und ihre Herkunft aus dem kleinen Laden in der Adlerstraße war in ihrer Erscheinung bis auf den letzten Rest getilgt“, S. 24).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in den historischen Kontext des Romans und Darstellung der zentralen Problematik des gesellschaftlichen Wandels innerhalb des Bürgertums.
2. Hauptteil: Detaillierte Untersuchung der Bourgeoismentalität, des Konflikts zwischen Macht und Geist sowie der literarischen Gestaltungsmittel bei Fontane.
3. Schluss: Resümee über die Unfähigkeit beider Milieus zu echter Auseinandersetzung und die Rolle der Selbstironie als höchstem Standpunkt für Fontane und seine Figuren.
Schlüsselwörter
Theodor Fontane, Frau Jenny Treibel, Bildungsbürgertum, Bourgeoisie, Gründerzeit, Realismus, wilhelminische Gesellschaft, Gesellschaftskritik, Sozialkolorit, Besitzbürgertum, Ironie, Literaturanalyse, Preußen, Herzensbildung, Mentalitätswandel.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert Theodor Fontanes Roman „Frau Jenny Treibel“ und untersucht darin den Konflikt zwischen dem Bildungsbürgertum und dem Besitzbürgertum zur Zeit der wilhelminischen Ära.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt der Analyse?
Zentrale Themen sind die Bourgeoismentalität, der falsche Idealismus, die Kritik an der sogenannten „Bildung“ und das Auseinanderdriften verschiedener bürgerlicher Schichten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, den gesellschaftlichen Zustand der Gründerzeit sowie Fontanes kritischen Blick auf die Verlogenheit und die Repräsentationssucht des Großbürgertums herauszuarbeiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse herangezogen?
Die Autorin nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse des Primärtextes unter Einbeziehung von Fachliteratur, Biographischem und dem zeitgenössischen Verständnis von Fontanes Realismus.
Was wird im Hauptteil der Arbeit konkret behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Bourgeoismentalität, die Gegenüberstellung von Macht (Bourgeoisie) und Geist (Bildungsbürgertum) sowie eine Analyse von Fontanes Erzählstil und seinem Realismusverständnis.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Wichtige Begriffe sind „Bourgeoisie“, „Gründerzeit“, „Realismus“, „Repräsentation“ und „gesellschaftskritische Distanz“.
Inwiefern spielt der Romanuntertitel eine Rolle für die Argumentation?
Der Untertitel „Wo sich Herz zu Herzen find’t“ wird als ironisches Element entlarvt, da die Eheschließungen im Roman primär auf materiellem Kalkül und nicht auf echter emotionaler Verbundenheit basieren.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle von Professor Wilibald Schmidt?
Schmidt wird als ein Vertreter des Bildungsbürgertums gezeichnet, der zwar die Verlogenheit der Bourgeoisie erkennt, jedoch aufgrund eigener Passivität und eines gewissen „Elfenbeinturm“-Verhaltens keine tatsächliche Opposition leistet.
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- Nathalie Klepper (Author), 2004, Der Konflikt zwischen Bildungsbürgertum und Bourgeoisie in Theodor Fontanes Roman „Frau Jenny Treibel“, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113955