Evidence-based Nursing. Barrieren und Lösungsansätze zur Implementierung in die Pflegepraxis


Seminararbeit, 2021

25 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Zielsetzung und Fragestellung

2 Evidence-based Nursing
2.1 Komponenten der pflegerischen Entscheidungsfindung
2.2 Die Akademisierung des Pflegeberufs
2.3 Gesetzeslage und Qualitätssicherung
2.4 Die Methode Evidence-based Nursing

3 Der Theorie-Praxis-Transfer von EBN 10
3.1 Barrieren bei der Umsetzung von EBN in die Praxis
3.2 Lösungsansätze zur Implementierung von EBN in die Praxis

4 Zusammenfassung

5 Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Rechtsquellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Anmerkungen:

Im Sinne einer besseren Lesbarkeit wurde auf eine geschlechterspezifische Differen­zierung verzichtet. Die entsprechenden Begriffe gelten im Sinne der Gleichbehandlung fürjegliches Geschlecht.

Abkürzungen werden bei der ersten Verwendung im Text ausgeschrieben und in Klam­mern eingeführt.

Der deutsche Begriff „Evidenz” und der englische Begriff „Evidence” haben nicht die identische Bedeutung. „Evidence” bedeutet wörtlich übersetzt „Beweis”. „Evidenz” be­deutet, das was keiner weiteren Prüfung bedarf (Schlömer 2000: 47). Um Verwechs­lungen zu vermeiden wird in dieser Arbeit der deutsche Begriff „Evidenz” dem engli­schen Begriff „Evidence” gleichgesetzt. Demnach werden auch die Begriffe „evidenzba­sierte Pflege” und „Evidence-based Nursing” synonym verwendet.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Komponenten der pflegerischen Entscheidungsfindung

Abbildung 2: Die sechs Schritte der EBN Methode

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Barrieren und daraus abgeleitete Lösungsansätze zur Implementierung von EBN in die Praxis

1 Einleitung

Pflegekräfte werden in ihrem beruflichen Alltag vor große Herausforderungen gestellt. Als eine der wichtigsten davon zählt das Treffen von pflegerischen Entscheidungen, welches für das Patientenwohl von großer Bedeutung ist (Herr-Wilbert 2008: 142f.). Der demografische Wandel und die daraus resultierende steigende Anzahl an chro­nisch kranken und multimorbiden Menschen führt zu immer komplexer werdenden Krankheitsbildern (Darmann-Finck &. Reuschenbach 2018: 163). Dies erschwert die Entscheidungsfindung für Pflegende gravierend. Aus diesem Grund reicht heute tradi­tionelles Erfahrungswissen von Pflegenden allein nicht mehr aus. Vielmehr besteht die Notwendigkeit, die Wissenschaft mit der Praxis zu verknüpfen und dadurch pflegeri­sche Entscheidungen auf Grundlage von wissenschaftlich überprüften Erkenntnissen zu treffen (Behrens &. Langer 2016: 21). Dieses evidenzbasierte Vorgehen in der Pflege wird als Evidence-based Nursing (EBN) bezeichnet.

Wie auch in anderen Gesundheitsberufen (z.B. Medizin, Physiotherapie) gewinnt die Evidenzbasierung in der Pflege mit der Zeit immer mehr an Bedeutung (Marquardt 2013: 14). Eine wissenschaftliche Arbeit aus Texas hat 84 Studien ausgewertet und zeigt, dass, dass Patienten, welche auf Grundlage von wissenschaftlichen Erkenntnis­sen pflegerisch betreut wurden, eine bessere Prognose hatten als welche, die her­kömmlich gepflegt wurden (Marquardt2013: 15).

Durch die Erkenntnis, dass die Qualität der Arbeit durch relativ einfache Standards deutlich verbessert wurde und dadurch auch ein wertvoller Nutzen für Patienten ent­steht, erfährt EBN auch in Deutschland fortlaufend einen höheren Stellenwert (Mar­quardt 2013: 15). Demnach besteht die Notwendigkeit, pflegerische Fachkräfte höher zu qualifizieren und auf evidenzbasierter Grundlage handeln zu lassen, um den stei­genden Anforderungen gerecht zu werden. Hierzu ist eine Akademisierung des Pflege­berufs in Form einer primärqualifizierenden hochschulischen Erstausbildung uner­lässlich (Darmann-Finck &Reuschenbach 2018: 163).

Im Rahmen der Literaturrecherche wurden für die Arbeit folgende Themen ausgear­beitet.

- Die Begriffsbestimmung und der Ursprung von EBN
- die Komponenten der pflegerischen Entscheidungsfindung
- die Methode EBN
- Die Rolle der Qualitätssicherung und der Akademisierung des Pflegeberufs für EBN
- Barrieren bei der Umsetzung von EBN in die Praxis sowie deren Lösungsansätze Diese Erkenntnisse sind in den folgenden Kapiteln dargestellt. Im Kapitel der Lösungs­ansätze zur Implementierung von EBN in die Praxis werden neben Erkenntnissen aus der Literaturrecherche auch eigene Ideen aufgezeigt. Ein kurzer Ausblick sowie ein Fa­zit runden die Arbeit ab.

1.1 Zielsetzung und Fragestellung

Die Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema Evidence-based Nursing. Ziel ist es, den ak­tuellen Forschungsstand zum Thema zusammenzufassen. Außerdem sollen die Barri­eren bei der Umsetzung pflegewissenschaftlicher Erkenntnisse in die Praxis aufgezeigt werden. Verschiedene Lösungsansätze, welche in der Literatur gefunden wurden, sol­len aufzeigen, wie diese Barrieren zu überwinden sind. Des Weiteren wird die Akade- misierung in der Pflege untersucht und deren Bedeutung für die evidenzbasierte Pflege dargestellt.

2 Evidence-based Nursing

Bevor im weiteren Verlauf dieses Kapitels wichtige Komponenten und Methoden auf­geführt werden, erfolgt zuerst eine Definition des Begriffs „Evidence-based Nursing".

Der Begriff „Evidence-based Nursing" stammt aus dem Englischen und bedeutet sinn­gemäß übersetzt: Auf Beweisen basierende Pflege (Herr-Wilbert 2008: 2). Behrens und Langer definieren Evidence-based Nursing als

die Nutzung der derzeit besten wissenschaftlich belegten Erfahrungen Dritter im individuellen Arbeitsbündnis zwischen einzigartigen Pflegebedürf­tigen oder einzigartigem Pflegesystem und professionell Pflegenden.“ (Beh­rens & Langer 2016: 25).

Demnach bedeutet EBN, die derzeit besten wissenschaftlichen Belege mit

- dem theoretischen Wissen und den praktischen Erfahrungen der Pflegenden
- den Vorstellungen des Patienten
- und den vorhandenen Ressourcen

zu verknüpfen und in die tägliche Pflegepraxis umzusetzen (Behrens &. Langer 2016: 21; Marquardt 2013: 14).

Dabei steht die Frage, ob und wie wissenschaftlich belegte Erkenntnisse aus der For­schung in die Pflegepraxis implementiert werden können, im Vordergrund. EBN ist so­wohl ein Instrument zur Entscheidungsfindung als auch ein Konzept des lebenslangen Lernens für das Individuum, Teams und Organisationen. Dabei soll immer das Wohl des einzelnen Patienten im Vordergrund stehen (Schlömer 2000: 49).

Durch die Methode EBN kann eine Auswahl und Beurteilung wissenschaftlicher Lite­ratur durchgeführt werden, um diese wissenschaftlichen Erkenntnisse auf eine spezi­fische Pflegesituation anzuwenden (Schlömer 2000: 47f.).

Ziel von EBN ist es, die Ergebnisse von Pflegeinterventionen zu verbessern und die Pflegepraxis weiter zu entwickeln. Außerdem soll EBN dabei unterstützen, schädliche Pflegeinterventionen oder Pflegeinterventionen ohne Effekt zu erkennen und zu ver­hindern (Schilder 2010: 53f; Schlömer 2000: 49).

2.1 Komponenten der pflegerischen Entscheidungsfindung

Das Treffen von pflegerischen Entscheidungen ausschließlich aufgrund von Patienten­präferenzen oder der eigenen Erfahrungen kann große Gefahren für den Patienten nach sich ziehen. Um eine professionelle pflegerische Entscheidung treffen zu können, sollten aus diesem Grund mehrere Komponenten berücksichtigt werden. Behrens und Langer sehen es als notwendig, bei der pflegerischen Entscheidungsfindung die Pati­entenpräferenzen mit den eigenen Erfahrungen (Pflegeexpertise), den Ergebnissen der Pflegeforschung sowie mit den Umgebungsbedingungen zu verknüpfen. Nur unter Einbezug all dieser Komponenten kann eine qualitativ hochwertige Pflege sicherge­stelltwerden (Behrens & Langer 2016: 27; Herr-Wilbert2008:143f.). Die folgende Ab­bildung 1 stellt diese Verknüpfung grafisch dar.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Komponenten der pflegerischen Entscheidungsfindung. (Modifiziert nach Behrens & Langer 2016: 27).

Die oben genannten Begriffe werden nun genauer erläutert. Die Ergebnisse der Pflege­forschung stellen die externe Evidenz dar. Diese umfasst das wissenschaftlich gesi­cherte Wissen, dessen Wirksamkeit nachgewiesen ist. Dabei handelt es sich um die nachgewiesene Wirksamkeit von beispielsweise Interventionen, welche aus Erfahrun­gen Dritter gewonnen werden kann (Behrens &. Langer 2016: 30). Dieses Wissen ist in Datenbanken (z.B. Cochrane Library etc.) in Form von Studien zu finden. Externe Evi­denz gibt eine Antwort auf die Frage, welche Wirkung eine Intervention auf eine be­stimmte Population hatte. Einfach gesagt: Was hat anderen wie geholfen?

Die Pflegeexpertise sind Erfahrungen und Fertigkeiten, welche professionell Pflegende während ihrer Berufsausbildung und -ausübung gewinnen. Diese Komponente stellt die interne Evidenz dar. Interne Evidenz beruht im Gegensatz zur externen Evidenz allein auf Erfahrungswissen und kann nicht nachgelesen bzw. anderweitig belegt wer­den. Für eine ausgeprägte interne Evidenz benötigt die pflegende Person große Fach­kompetenz und muss wichtige Probleme in der Praxis wahrnehmen können. Sie muss sich bewusst sein, warum sie wann welche Handlung durchführt und ob diese nach­vollziehbar ist (Behrens & Langer 2016: 58; Herr- Wilbert 2008: 143f.).

Interne Evidenz entsteht durch die Begegnung und die Kommunikation der Pflegeper­son mit dem individuellen Patienten. Sie umfasst alles, was nur der Patient selbst über sich weiß und in der Begegnung mit dem Pflegenden geklärt werden kann. Die Wün­sche und Ziele des Patienten werden mit einbezogen. Hierzu gehören beispielsweise die Anamnese und die Pflegediagnose. Resultierend daraus ist festzuhalten, dass in­terne Evidenz sowohl die Expertise der Pflegenden als auch die Patientenpräferenzen umfasst (Behrens & Langer 2016: 58; Herr-Wilbert 2008: 143f.).

Neben der internen und externen Evidenz fließen bei der Entscheidungsfindung die Umgebungsbedingen bzw. Umweltfaktoren mit ein. Diese beinhalten rechtliche Ver­pflichtungen wie beispielswiese die Verpflichtung zum Qualitätsmanagement. Aber auch die Struktur des Gesundheitswesens, politische Rahmenbedingungen, Vorschrif­ten und Leitlinien zählen hierzu (Behrens &. Langer 2016: 29, Herr-Wilbert 2008:144). Zusammenfassend lässt sich sagen, dass alle vier Komponenten bei der Entscheidungs­findung einbezogen werden müssen, um evidenzbasiert zu handeln. Entscheidungen dürfen nicht allein aufgrund von externer Evidenz getroffen werden, gleichzeitig aber auch nicht allein aus dem Bauchgefühl heraus. Die gefundene externe Evidenz soll mit der internen Evidenz abgeglichen werden, bevor sie in der Praxis angewendet wird. Demnach sollen die Interventionen immer an die Patientenwünsche angepasst und wissenschaftlich belegt sein (Behrens &. Langer 2016: 29, Schlömer 2000: 48).

2.2 Die Akademisierung des Pflegeberufs

In diesem Kapitel wird die Bedeutung der Akademisierung für EBN aufgezeigt. Außer­dem werden die Entwicklungen und der aktuelle Stand der Akademisierung des Pfle­geberufs in Deutschland dargestellt. Die Entwicklung der Pflegeforschung und somit auch die Entwicklung von EBN ist eng mit der Entwicklung der Akademisierung des Pflegeberufs verbunden (Köpke &. Meyer 2013: 51).

Die Akademisierung des Pflegeberufs in Deutschland steckt im internationalen Ver­gleich noch in den Kinderschuhen, hat sich aber innerhalb der letzten Jahre weiterent­wickelt und etabliert. Eine Studie an deutschen Unikliniken kam zu dem Ergebnis, dass bisher nur ca. 1% hochschulisch ausgebildete Pflegepersonen (Pflegeakademiker) in der direkten Patientenversorgung tätig sind. Der Wissenschaftsrat fordert eine Akade­mikerquote von 10-20% in der direkten Patientenversorgung. Um das Niveau anderer Länder zu erreichen und den Anforderungen des Wissenschaftsrats gerecht werden zu können erscheint eine evidenzbasierte Entwicklung einer akademischen Ausbildung als unerlässlich (Rogalski et al. 2013: 118; Schmidt &. Hüsken 2019: 1; Tannen et al. 2016: 39f.}.

Der Akademisierungstrend wurde durch die Debatte „Pflegenotstand” in den 1980ern ausgelöst, bei welcher erkannt wurde, dass der Bedarf an Pflegefachkräften wächst. Durch den wachsenden Bedarf an Pflegefachkräften in Kombination mit immer kom­plexer werdenden Krankheitsbildern, besteht nicht nur die Notwendigkeit einer quan­titativen Erhöhung des Personals, sondern auch einer qualitativen Verbesserung. Es wird Pflegepersonal benötigt, welches in der Lage ist, wissenschaftliche Erkenntnisse in die Pflegepraxis zu übertragen (Kälble & Pundt 2016: 43f.; Meyer-Kühling 2019:18; Rogalski etal. 2013: 118).

Unter anderem hat die in der Denkschrift „Pflege braucht Eliten” der Robert Bosch Stif­tung geforderte Akademisierung dazu geführt, dass bis zum Jahr 2000 ca. 60 Pflegestu­diengänge in Deutschland eingeführt wurden (Kälble &. Pundt 2016: 43f.}. Stand 2018 gab es in Deutschland insgesamt 144 Studiengänge im Bereich der Pflege an (Fach- JHochschulen und Universitäten, darunter 112 Bachelor- und 32 Masterstudiengänge. Bei diesen Studiengängen handelt es sich allerdings zum Großteil um keine primärqua­lifizierenden Pflegestudiengänge, in der Regel wird eine Ausbildung als Gesundheits­und Krankenpfleger vorausgesetzt. Resultierend daraus werden die Studierenden die­ser Studiengänge überwiegend für Management- und Leitungsfunktionen qualifiziert und nicht für die Pflegepraxis direkt am Bett (Heitmann-Reuter 2019: 59f.; Kälble &. Pundt 2016: 44). Ziel der Akademisierung ist es, praktisch Pflegende zu professionali­sieren, damit Pflegeakademiker ihre auf Wissenschaft beruhenden Kenntnisse direkt am Patienten anwenden und somit den Theorie-Praxis-Transfer unterstützen können (Fleischmann 2013: 92).

Einige Wissenschaftler sehen die Evidenzbasierung als den richtigen Weg zur Profes­sionalisierung der Pflege und somit zur Bewältigung der steigenden Anforderungen bedingt durch den demografischen Wandel. Denn in Studien konnte eine Verbesserung der Versorgungsqualität durch den Einsatz von wissenschaftlich qualifizierten Pflegen­den und durch das Handeln auf evidenzbasierter Grundlage nachgewiesen werden. Weitere internationale Studienergebnisse zeigten außerdem Verbesserungen der Pa­tientenergebnisse durch die Übernahme der direkten Pflege am Bett durch Pflegeaka­demiker (Darmann-Finck& Reuschenbach 2018: 163; Friesacher 2009: 3).

Aus diesem Grund besteht die Notwendigkeit einer primärqualifizierenden Pflegeaus­bildung an Hochschulen. Seit 2016 besteht das Angebot erster primärqualifizierender Studiengänge, bei welchen die Studierenden sowohl einen pflegerischen als auch einen hochschulischen Abschluss erlangen können. Durch das neue Pflegeberufegesetz (PflBG) ist eine primärqualifizierende hochschulische Pflegeausbildung ab 2020 ge­setzlich festgeschrieben. Im Rahmen des Bachelorstudiums sollen die Studierenden tiefere Kenntnisse in die Pflegewissenschaft erlangen.

„Das Studium vermittelt neben den Inhalten der beruflichen Ausbildung unter anderem Kompetenzen zur Steuerung und Gestaltung hochkomplexer Pflege­prozesse, zur Erschließung der neuesten pflegewissenschaftlichen Erkennt­nisse und für eine kritisch reflexive Auseinandersetzung mit theoretischem wie praktischem Pflegewissen.” (BMFSFJ o.J.).

Hierdurch soll die Akademisierung weiter vorangetrieben und die vom deutschen Wis­senschaftsrat geforderte Akademikerquote erreicht werden (PflBG, Schmidt &. Hüsken 2019: 1).

2.3 Gesetzeslage und Qualitätssicherung

Durch die Betrachtung einzelner Paragraphen der Sozialgesetzbücher wird die Bedeu­tung von EBN erkennbar. Dieses Kapitel soll einen Überblick geben, wie EBN gesetzlich geregelt und vorgeschrieben ist und in welchem Zusammenhang die Qualitätssiche­rung dazu steht. Anzumerken ist, dass an dieser Stelle nicht alle Gesetzesauszüge, welche EBN regeln, dargestellt werden, da dies den Rahmen der Arbeit übersteigen würde. Der Fokus liegt auf den gängigsten Gesetzesauszügen.

§12 Abs. 1 Satz 1 SGB V sowie §4 Abs 3 SGB XI fordern eine „wirksame und wissen­schaftliche Pflege“, welche laut§§235ff. SGB V auf„wissenschaftlichen Erkenntnissen“ beruhen soll (Behrens & Langer 2016: 26; SGB V; SGB XI).

Des Weiteren ist in §70 Abs. 1 SGB V geregelt, dass:

die Krankenkassen und die Leistungserbringer eine bedarfsgerechte und gleichmäßige, dem allgemein anerkannten Stand der medizinischen Erkennt­nisse entsprechende Versorgung der Versicherten zu gewährleisten [haben]. Die Versorgung der Versicherten muss ausreichend und zweckmäßig sein [...].“(SGB V).

Diese „ausreichende und zweckmäßige“ Versorgung kann erreicht werden, indem die Wirksamkeit der geplanten und durchgeführten Interventionen wissenschaftlich nach­gewiesen und somit evidenzbasiert ist (Hanns &. Langer 2003: 9).

Bereits in der Ausbildung der Pflegenden wird EBN gefordert. In den früheren Geset­zen derAltenpflege und der Krankenpflege war dies festgeschrieben (AltPflG; KrPflG). Nun wurden die beiden Gesetze im Zuge der neuen generalistischen Pflegeausbildung zum Pflegeberufegesetz zusammengeführt. Auch in dem neuen Gesetz wird EBN gefor­dert. In §5 Abs. 2S.2 ist folgendes festgeschrieben:

„Sie erfolgt entsprechend dem allgemein anerkannten Stand pflegewissen­schaftlicher, medizinischer und weiterer bezugswissenschaftlicher Erkennt­nisse auf Grundlage einer professionellen Ethik.“ (PflBG).

Durch die aufgeführten Gesetzesauszüge wird deutlich, welch großen Stellenwert EBN hat. Doch EBN ist nicht nur sinnvoll, weil es gesetzlich vorgeschrieben ist, sondern spielt ebenfalls eine wesentliche Rolle in Bezug auf die Qualitätssicherung (Hanns &. Langer 2003: 10).

Um den Zusammenhang von EBN und der Qualitätssicherung darzustellen werden vor­erst Definitionen von Qualität aufgeführt:

Die Definition von Pflegequalität der U.S. National Associaton of quality assureance Professionals lautet:

„Stufen zu bestmöglichen Leistungen, die im Prozess der Pflege erbracht und dokumentiert werden. Sie basieren auf dem neuesten Kenntnisstand und den Möglichkeiten einer bestimmten Einrichtung.“ (Hanns & Langer 2003: 10).

Auch die Definition der Joint Commission stellt dar, dass die Pflegequalität mit der An- wendungvon wissenschaftlichen Erkenntnissen engverknüpftist, denn diese lautet:

„Grad, zu dem die Pflege die gewünschten Ziele erreicht und die unterwünsch­ten Resultate unter Berücksichtigung des aktuellen Kenntnisstandes redu­ziert.“ (Hanns & Langer 2003: 10).

Durch die aufgeführten Definitionen wird der Zusammenhang von Pflegequalität und EBN ersichtlich. Denn Interventionen, die auf wissenschaftlichen Belegen beruhen, führen eher zu gewünschten Zielen und reduzieren unerwünschte Ergebnisse (Hanns &. Langer 2003: 10). Dies wurde unter anderem in einem Forschungsprojekt in Groß­britannien nachgewiesen, bei welchem der Zugang zu relevanter Literatur und aktuel­len Expertenstandards zu deutlichen Qualitätsverbesserungen führte. Auch in Deutschland wurde bereits nachgewiesen, dass die Behandlung auf evidenzbasierter Grundlage zu Qualitätsverbesserungen von pflegerischen Leistungen führt (Büscher &. Blumenberg 2012: 25).

Eine zentrale Schlüsselfigur im Rahmen der Qualitätssicherung ist das Deutsche Netz­werk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP). Dieses verfolgt das Ziel, das ver­fügbare pflegerische Fachwissen zur Verbesserung der Pflegequalität zu nutzen. Hierzu entwickelt das DNQP evidenzbasierte Praxis- und Expertenstandards, welche als Grundlage für das evidenzbasierte pflegerische Handeln dienen (Hochschule Osnar- brück 2021). Um eine nachhaltige Qualitätsentwicklung in der Pflege zu erreichen, müssen wissenschaftliche Erkenntnisse bewertet werden und in die Pflege integriert werden (Büscher &. Blumenberg 2012: 23). Dieses Vorgehen entspricht der Evidence­based Nursing Methode. Diese wird im nächsten Kapitel genauer beschrieben.

2.4 Die Methode Evidence-based Nursing

Im Folgenden wird die Methode des Evidence-based Nursing dargestellt. Behrens und Langer beschreiben den EBN Prozess als ein systematisches Vorgehen, welches aus sechs Schritten besteht (Behrens &. Langer 2016: 37; Hanns &. Langer 2003: 4). Dabei wird ausgehend von der internen Evidenz die externe Evidenz, sprich die Erfahrungen anderer genutzt. Die nachfolgende Abbildung 2 stellt die einzelnen Schritte und dessen Beziehungen zueinander dar. Die dicken Pfeile zeigen, wie das systematische Vorgehen im Idealfall verläuft. Jedoch verläuft dies in der Praxis nicht immer so linear wie darge­stellt. Unter Umständen kann es notwendig sein, nach einer erfolglosen Literatur­recherche die Fragestellung nochmals anpassen zu müssen. In Abbildung 2 sind diese möglichen abweichenden Vorgehensweisen, welche in manchen Fällen erforderlich sind, anhand der dünnen Pfeile abgebildet (Hanns &. Langer 2003: 4).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Die sechs Schritte der EBN Methode. (Modifiziert nach Behrens & Langer 2016: 37).

Auch wenn jeder dieser sechs Schritte für die Praxis von großer Bedeutung ist, werden in dieser Arbeit die Schritte Literaturrecherche und Kritische Beurteilung nicht weiter aufgeführt, da diese für die vorliegende Arbeit ohne Relevanz sind.

Im ersten Schritt (Auftragsklärung) wird, gemeinsam mit dem Klienten, der pflegeri­sche Auftrag geklärt, sprich die Aufgabenstellung der Pflege definiert. Dadurch werden die pflegerischen Zuständigkeitsbereiche abgegrenzt. In der Pflege ist dies von sehr großer Bedeutsamkeit, da diese mit einem interdisziplinären Team zusammenarbeitet. Aus diesem Grund müssen die Zuständigkeiten und Aufgabenbereiche klar definiert und eindeutig von anderen Berufsgruppen abgegrenzt sein (Behrens &. Langer 2016: 89ff; Hanns & Langer 2003: 5).

Dieser Schritt gilt als Merkposten und ist Voraussetzung für alle weiteren Schritte des EBN Prozesses. Denn erst wenn ein konkreter Auftrag bzw. eine konkrete Aufgabe vorliegt lässt sich ein Problem erkennen und die nachfolgende Fragestellung erhält ei­nen Sinn. Einfach gesagt bedeutet die Auftragsklärung demnach: Was ist meine Auf­gabe als Pflegender? (Behrens & Langer 2016: 37; 89ff; Hanns & Langer 2003: 5).

Nachdem der Auftrag geklärt und ein Problem identifiziert wurde, welches in das Auf­gabengebiet der Pflege fällt, wird im zweiten Schritt der EBN Methode (Fragestellung) eine klare, beantwortbare Frage formuliert (Behrens &. Langer 2016: 107). Dabei wird das bisherige Verhalten reflektiert, und das Problem, für welches eine Lösung gesucht wird, beschrieben. Dieser Schritt ist notwendig, um präzise Ergebnisse zu erzielen (Behrens & Langer 2016: 107, Hanns & Langer 2003: 5).

Nachdem die Literaturrecherche und die Bewertung abgeschlossen sind, soll im fünf­ten Schritt (Implementierung und Adaption) das am besten bewertete Wissen in die Pflegepraxis implementiert werden (Behrens &. Langer 2016: 37, 245). In diesem Schritt treten häufig Barrieren auf, welche im weiteren Verlauf dieser Arbeit noch aus­führlich erläutert werden.

Im letzten Schritt dieses Prozesses erfolgt die Wirksamkeitskontrolle (Evaluation). Dabei wird überprüft, ob die gewonnenen Erkenntnisse, welche in die Pflegepraxis im­plementiert wurden, eine erfolgreiche Wirkung erzielen konnten (Behrens &. Langer 2016: 37).

3 Der Theorie-Praxis-Transfer von EBN

Bei dem Transfer von pflegewissenschaftlichen Erkenntnissen in die Praxis können ei­nige Probleme auftreten. Um diese Probleme bewältigen zu können, soll die Methode Evidence-based Nursing unterstützen (Breimeier &. Lohrmann 2011: 3f.; Schilder 2010: 49). Allerdings treten bei der Umsetzung von EBN in die Praxis ebenfalls einige Barrieren auf. Im Folgenden werden diese Barrieren aufgezeigtsowie Lösungsansätze zur Überwindung der Barrieren dargestellt.

3.1 Barrieren bei der Umsetzung von EBN in die Praxis

Als Grundlage bei der Darstellung der Barrieren bei der Umsetzung von EBN dient un­ter anderem eine systematische Übersichtarbeit über Barrieren für eine evidenzba­sierte Pflegepraxis von Solomons und Spross 2010.

Solomons und Spross unterteilen diese Barrieren in vier Dimensionen:

- Strategische Barrieren
- Kulturelle Barrieren
- TechnischeBarrierenund
- Strukturelle Barrieren (Solomons & Spross 2011: 115).

Zu den strategischen Barrieren zähltbeispielsweise der Zeitmangel. Pflegende haben oftmals keine Zeit, zusätzlich zu der hohen Arbeitsbelastung noch wissenschaftliche Publikationen zu lesen. Viele Mitarbeiter sind außerdem der Meinung, dass die Einfüh­rung von EBN in die Praxis zu lange dauert. Des Weiteren besteht oftmals das Problem, dass Führungskräfte andere Zielsetzungen haben als die Implementierung einer evi­denzbasierten Pflegepraxis. Hinzu kommt der Mangel an Unterstützung der Verwal­tung für die Veränderung der Praxis. Eine weitere strategische Barriere ist die Schwie­rigkeit bei der Rekrutierung und Bindung von Personal. Außerdem stellt der Mangel an Ressourcen, wie zum Beispiel ein zu hoher Arbeitsaufwand aufgrund zu wenig per­soneller Ressourcen sowie eine fehlende Infrastruktur zur Umsetzung von EBN ein Problem dar (Solomons & Spross 2011: 115).

Bei den kulturellen Barrieren spielt die Haltung der Pflegenden eine große Rolle. Bei­spielsweise ist es unmöglich, EBN in die Pflegepraxis zu implementieren, wenn Füh­rungskräfte und Mitarbeiter eine abwehrende Haltung gegenüber Veränderungen in der Pflegepraxis haben. Hinzu kommt ein Mangel an Autorität, die Pflegepraxis zu än­dern sowie eine mangelnde Werthaltung gegenüber der Wissenschaft und Forschung. Pflegende sind oftmals nicht bereit, EBN in die Praxis zu übernehmen, was eine Einfüh­rung von EBN kaum möglich macht. Einige Pflegende sind der Meinung, dass die wis­senschaftlichen Erkenntnisse nichts mit der Pflegepraxis am Krankenbett zu tun haben (Solomons &. Spross 2011: 116). Im deutschsprachigen Raum treten zusätzlich noch weitere Barrieren auf. Hierzu zählen vor allem sprachliche Barrieren. Wissenschaftli­che Studien sind meist in englischer Sprache veröffentlicht. Aufgrund fehlender Sprachkenntnisse können diese von einigen Pflegenden nicht verstanden werden. Au­ßerdem ist im Gegensatz zu anderen Ländern das Verständnis über die Notwendigkeit und Akzeptanz von Pflegewissenschaft im deutschsprachigen Raum gering und weni­ger ausgeprägt (Meyer &. Köpke 2012: 40).

Als technische Barrieren zählen die Autoren, dass die technischen Systeme nicht aus­reichend leistungsfähig sind und auch dass der Zugang zu den technischen Systemen und somit auch zu den Forschungsdatenbanken nicht allen Pflegenden gegeben ist. Hinzu kommt, dass die Mitarbeiter unzureichend geschult sind und dadurch Datenban­ken wie MEDLINE und CINAHL nicht bedienen können. Dies führt dazu, dass wichtige Informationen nicht gefunden werden (Solomons &. Spross 2011: 116f.).

Der fehlende Zugang zu Forschungsergebnissen aufgrund eines mangelnden Bewusst­seins für die Forschung und die Zugangsmöglichkeiten stellt eine strukturelle Barri­ere dar. Ebenfalls hierzu zählt, dass die Informationen nicht an einem Ort gesammelt wurden, sondern an mehreren Orten, in mehreren Journals etc. aufbewahrt sind. Au­ßerdem sehen es Mitarbeiter als eine Barriere, dass es zu viele Journals gibt, in denen Forschungsergebnisse veröffentlicht werden. Hinzu kommt die komplexe wissen­schaftliche Sprache (Solomons &. Spross 2011: 117). Die strukturellen Rahmenbedin­gungen bereits in der Ausbildung des Pflegeberufs erschweren die Implementierung von EBN in die Praxis ebenfalls stark. Beispielsweise sind die theoretischen und die praktischen Lehrpläne in der Ausbildung nicht synchron, was dazu führt, dass theore­tisch erlernt Kenntnisse nicht zeitnah in der Praxis angewandt werden und umgekehrt (Behr et al. 2015: 121).

Eine weitere strukturelle Herausforderung stellen die organisatorischen Rahmenbe­dingungen dar. Zu betrachten sind an dieser Stelle drei Ebenen - die Mikroebene, die Mesoebene und die Makroebene. Auf der Mikroebene befinden sich die Pflegenden, also die Pflege direkt „am Bett”. Die Implementierung wissenschaftlicher Erkenntnisse auf dieser Ebene ist besonders wichtig, da diese zur Verbesserung der Pflegequalität beitragen. Jedoch besteht unter anderem aufgrund des Zeitmangels das Problem, die komplette Methode neben der Pflegepraxis zu integrieren. Als Mesoebene wird die In­stitution bezeichnet, in welcher speziell ausgebildete Pflegeexperten z.B. in Qualitäts­zirkeln oder Arbeitsgruppen zu finden sind. Auch Bereichsleitungen gehören dazu. Zwar sind diese in der Lage, die Methode der EBN zu verstehen und besitzen die not­wendigen Kompetenzen, arbeiten aber meist nicht direkt am Patienten, sodass die The­orie nicht auf direktem Weg in die Praxis umgesetzt werden kann. Die Erarbeitung von Gesetzen und Vorschriften erfolgt auf der Makroebene. Auf dieser Ebene besteht eben­falls das Problem, dass die Kompetenzen zwar vorhanden sind, die Verantwortlichen aber nicht an der direkten Pflege beteiligt sind. Sie können lediglich Handlungsemp­fehlungen bereitstellen (Hanns &. Langer 2003: 7f.}.

[...]

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Evidence-based Nursing. Barrieren und Lösungsansätze zur Implementierung in die Pflegepraxis
Hochschule
Hochschule Aalen
Note
1,3
Autor
Jahr
2021
Seiten
25
Katalognummer
V1139731
ISBN (eBook)
9783346514882
ISBN (Buch)
9783346514899
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Evidence-based Nursing, Evidenzbasierte Pflegepraxis, Evidenzbasierte Pflege, Akademisierung der Pflege
Arbeit zitieren
Vera Haas (Autor:in), 2021, Evidence-based Nursing. Barrieren und Lösungsansätze zur Implementierung in die Pflegepraxis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1139731

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