"Digitaler Stress". Mögliche Auswirkungen digitaler Techniken auf die Gesundheit von Arbeitnehmer:innen


Bachelorarbeit, 2021

38 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen

2.1 Konstrukt von Stress

2.2 Definition

2.3 Transaktionales Stressmodell nach Lazarus

2.4 Arbeitspsychologisches Stressmodell (Erweitertes Stressmodell)

2.5 Folgen von Stress

3. Digitaler Stress (Technostress)

3.1 Digitalisierung

3.2 Definitorische Einordnung

3.3 Ursachen und Entstehung von Technostress

4. Mögliche Auswirkungen auf die Gesundheit

5. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Das transaktionale Stressmodell

Abbildung 2: Arbeitspsychologische Erweiterung des Stressmodells

Abbildung 3: Entstehung von Technostress

Abbildung 4: Auswirkungen der Bausteine von Technostress

Abbildung 5: Häufigkeit von Krankheitsbildern bei geringem bzw. starkem digitalen Stress

Abbildung 6: Die relevantesten auslösenden Komponenten von digitalem Stress in Zusammenhang mit Gesundheit und Wohlbefinden

Abbildung 7: Belastungsfaktoren der digitalen Arbeit

Abbildung 8: Theoretisches Modell von Technostress mit allen Bausteinen

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Kurz- und langfristige Folgen von Stress

1. Einleitung

Most of the problems we have in our life today have come from previous technologies. And most of the problems in the future will come from the technologies that we’re inventing today. But I believe that the solution to the problems that technology created is not less technology, but more and better technology.

Internet-Pionier Kevin Kelly (2016)

Diesem Gedanken von Kelly folgend nimmt die Digitalisierung in der heutigen Zeit immer größeren Einfluss auf das Leben. Nicht nur im Privatleben wird dies durch die inzwischen kaum noch wegzudenkende Smartphone-Nutzung spürbar. Inzwischen bereichern das Leben auch viele andere technologische Fortschritte, wie digitale Sprachassistenten oder Roboter, die den Alltag erleichtern.

Aber auch im Berufsleben werden deutliche Fortschritte im Hinblick auf ständig neue entwickelte Informations- und Kommunikationstechnologien gemacht, die die Arbeitsplätze und Tätigkeiten in einer hohen Geschwindigkeit verändern lassen. Diese Veränderungen bringen zum einen viele Chancen, aber zum anderen auch Herausforderungen mit sich. So erleichtert und beschleunigt beispielsweise ein digitales Meeting, das für die Besprechung wichtiger Arbeitsaufgaben einberufen wird, den Arbeitsablauf und spart Zeit, die anderweitig sinnvoll genutzt werden kann. Vor allem in Zeiten der Covid-19-Pandemie erwiesen sich die digitalen Arbeitsmittel als essenziell, um Arbeitsplätze zu erhalten sowie den Arbeitsbetrieb weitgehend weiterzuführen. Viele Personen arbeiten besonders zu dieser Zeit – aber auch vor der Pandemie – bereits im Homeoffice.

Die digitalen Technologien bringen jedoch auch Herausforderungen mit sich. So können diese bei Arbeitnehmer:innen schnell zu Überforderungen führen und Stress zur Folge haben. Dieser Stress wird in Bezug zu Informations- und Kommunikationstechnologien als digitaler Stress bezeichnet (vgl. Gimpel, Lanzl, Regal, Urbach, Wischniewski, Tegtmeier, Kreilos, Kühlmann, Becker & Eimecke 2019: 11 ff.; Gimpel, Bayer, Lanzl, Regal, Schäfer & Schoch 2020: 7 ff.).

In der vorliegenden Arbeit soll daher die Forschungsfrage thematisiert werden, wie digitaler Stress entsteht und welche Auswirkungen dies auf die Gesundheit von Arbeitnehmer:innen haben kann. Zur Annäherung an die Fragestellung soll im folgenden Kapitel 2 der zentrale Begriff „Stress“ definiert werden. Darüber hinaus soll anhand des transaktionalem Stressmodells nach Lazarus und des erweiterten arbeitspsychologischen Stressmodells nach Bamberg die Stressentstehung erklärt werden und als Grundlage der digitalen Stressforschung dienen. Abschließend wird ein Überblick über Stressfolgen gegeben. Im Rahmen des dritten Kapitels erfolgt eine definitorische Einordnung von digitalem Stress – auch als Technostress bezeichnet. Anschließend wird auf die Ursachen und Entstehung von Technostress mithilfe der als Grundlage zuvor thematisierten Stressmodelle eingegangen. Daran schließt Kapitel 4 mit den gesundheitlichen Folgen digitaler Arbeit an, bevor im Fazit, dem letzten und 5. Kapitel, abschließend die zentralen Erkenntnisse über die Entstehung von digitalem Stress und die möglichen Auswirkungen auf die Gesundheit von Arbeitnehmer:innen zusammengefasst werden.

2. Theoretische Grundlagen

Um ein theoretisches Verständnis zu erlangen, wird in diesem Kapitel auf zwei Konzepte eingegangen, die aufeinander aufbauende Ansätze zum Thema Stress vorstellen. In erster Instanz ist dafür die Begrifflichkeit für Stress wichtig zu definieren. Anschließend wird auf die Stresswahrnehmung sowie Stressfolgen eingegangen.

2.1 Konstrukt von Stress

Der Begriff „Stress“ ist inzwischen gleichsam und allgegenwärtig, denn er ist ein Bestandteil des alltäglichen Lebens geworden. Im privaten ebenso wie im beruflichen Umfeld wird kaum ein Wort so oft verwendet wie die Begrifflichkeit Stress. Jedoch hat sich das Wort „Stress“ so in den alltäglichen Wortschatz integriert, dass eine eindeutige Begriffsdefinition schwerlich an Beachtung findet und aus diesem Grund zahlreiche Definitionen in der Fachliteratur aufzufinden sind. Nach dem Gesundheitspsychologen Kaluza ist durch seinen Beruf bereits jede:r dritte Arbeitnehmer:in von Stress betroffen (vgl. Kaluza 2007: 4). In der heutigen Gesellschaft ist diese Omnipräsenz von Stress jedoch kritisch zu betrachten, denn der Begriff ist stark differenzierbar, da inzwischen jede:r von Stress spricht. Es bestehen sowohl bei den gesundheitswissenschaftlichen Bereichen als auch bei den theoriebezogenen Ansätzen, dem im Zusammenhang stehenden Stress und den gesundheitlichen Auswirkungen mehrere Auffassungen und Begriffsbestimmungen von Stress. Einflussfaktoren sind hierbei unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen sowie die komplexen Stresskonzeptentwicklungen. Daher ist eine allgemeingültige einheitliche Definition für den Begriff Stress nicht möglich (vgl. Plaumann, Busse & Walter 2006: 3).

Trotzdem ist es für diese Arbeit wichtig, den Stressbegriff sowie die Stressentstehung zu verstehen. Eine der größten Herausforderungen stellt Stress am Arbeitsplatz für den modernen Arbeits- und Gesundheitsschutz dar. Unter anderem wird dies durch zunehmende Diagnosezahlen an Arbeitsunfähigkeit durch psychische Störungen deutlich. Da auch in der Forschung hauptsächlich die negativen Belastungszustände von Stress im Mittelpunkt stehen, soll ebenso im Kontext dieser Arbeit Stress als die von den Arbeitnehmer:innen negativ empfundene Situation beleuchtet werden.

2.2 Definition

Der Begriff „Stress“ wurde ursprünglich im Bereich der Physik aus dem Englischen übernommen, in dem er Druck, Spannung oder Belastung bezeichnet. Erstmals wurde der Begriff „Stress“ 1950 von Hans Selye, einem der bekanntesten und ersten Stressforscher im medizinischen Kontext, etabliert. Dieser bezeichnet Stress als „[…] the nonspecific response of the body to any demand made upon it.” (Selye 1973: 692). Der im All­tag verwendete Stressbegriff, der die subjektive Wahrnehmung einer stressauslösenden Situation beschreibt und daraus resultierend die psychische und körperliche Gesundheit beeinträchtigt, unterscheidet sich jedoch maßgeblich von den Definitionen der wissenschaftlichen Stressforschung (vgl. Nitsch 1981: 29). Aufgrund der vielfachen Untersuchung des Stressbegriffes gibt es dementsprechend viele Ansätze von Definitionen. Aus dem technisch-physikalischen Zusammenhang übertragen bezog sich zunächst Stress allgemein lediglich auf die durch einen Reiz entstandene Weise der Reaktion.

Selye unterteilt jedoch Stress auch nach positiv und negativ. Der Stress, der eine positive Wahrnehmung erzeugt, wird als Eustress bezeichnet. Im Gegensatz dazu gibt es den Disstress und chronischen Stress, der zu stressbedingten Erkrankungen führen kann. Daraus lässt sich schließen, dass durch Stress das Wohlbefinden des Menschen nicht direkt negativ beeinflusst wird (vgl. Nerdinger, Blickle & Schaper 2008: 518).

Im Laufe der Zeit wurde in der Stressforschung jedoch auch der auslösende Reiz in Betracht gezogen. Demzufolge handelt es sich bei Stress um eine komplexe Herausforderung im Alltag, die durch eine bestimmte reizvolle Situation mit einer körperlichen Reaktion einhergeht. Stressforscher:innen sehen dies als einen länger anhaltenden psychischen (Verhalten und Emotionen) und somatischen (biologische Prozesse des menschlichen Körpers) Erregungszustand an (vgl. Janke, Erdmann & Kallus 1985: 7).

Nach der Definition von Zimbardo und Gerrig ist Stress als „[…] ein Muster spezifischer und unspezifischer Reaktionen eines Organismus auf Reizereignisse, die sein Gleichgewicht stören und seine Fähigkeiten zur Bewältigung strapazieren oder überschreiten…“, (Zimbardo & Gerrig 1999: 370) zu sehen. Des Weiteren ist für ihn Stress eine Verhaltensweise auf Anforderungen, die durch kognitive Bewertungen von Stressoren und Ressourcen herbeigerufen werden.

Darüber hinaus wird Stress als „…ein subjektiv intensiv unangenehmer Spannungszustand, der aus der Befürchtung entsteht, dass eine stark aversive, subjektiv zeitlich nahe (oder bereits eingetretene) und subjektiv lang andauernde Situation sehr wahrscheinlich nicht vollständig kontrollierbar ist, deren Vermeidung aber subjektiv wichtig erscheint“ (Greif, 1991: 13), definiert. Stressauslösende Situationen können durch physische (z. B. körperliche Belastung, Lärm) als auch psychologische (z. B. öffentlicher Vortrag, Mensch-Maschine-Interaktion) Faktoren ausgelöst werden (vgl. Riedl, Kindermann, Auinger & Javor 2012: 61). In der Stressforschung werden diese als Stressoren oder psychische Belastungen bezeichnet. Greif, Bamberg & Semmer (1991) berücksichtigen zudem auch die Intensität, Qualität und Dauer, die durch Stressoren ausgelöste Situation sowie in Hinblick auf den Stressor die subjektiven Erwartungen und Bewertungen.

Von der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz wird speziell arbeitsbedingter Stress als Wechselbeziehung zwischen Arbeitsumgebung und Arbeitnehmer:innen definiert. Übersteigen die Anforderungen der Arbeitsumgebung die Arbeitnehmer:innenfähigkeiten, kann von Stresserleben gesprochen werden, wenn diese daraufhin ausgeglichen oder bewältigt werden können.

Damit haben alle Stressdefinition gemeinsam, dass sie Stress als Reaktion auf als negativ empfundene Situationen, die Bewältigungsmöglichkeiten des Menschen übersteigen und die nicht kontrollierbar sind, bezeichnen.

2.3 Transaktionales Stressmodell nach Lazarus

Das bis heute einflussreichste Erklärungsmodell in der psychologischen Stressforschung ist das transaktionale Stressmodell nach dem amerikanischen Psychologen R. S. Lazarus. In der Psychologie ist das transaktionale Stressmodell ein etabliertes kognitives Erklärungsmodell und dient bis heute auch für die Forschung im Bereich Gesundheit und Arbeit. Grundlegend ist dabei, dass die Transaktion zwischen Umwelt und Mensch als Stress aufzufassen ist (vgl. Lützenkirchen 2017: 25). Psychologischer Stress ist „[…] a particular relationship between the person and the environment that is appraised by the person as taxing or exceeding his or her resources and endangering his or her well-being” (Lazarus & Folkman 1984: 19). Es handelt sich also nicht um ein einfaches Ursachen-Wirkungs-Schema eines Reizes und der darauffolgenden Reaktion, so wie beim einem reiz- und reaktionsorientierten Stressmodell (Reiz-Reaktions-Modell), sondern um Prozesse der emotionalen und kognitiven Bewertung einer Situation und der vorhandenen Bewältigungsmöglichkeiten eines Individuums. Somit ist nicht die objektive Beschaffenheit des Reizes für die Stressreaktion entscheidend, sondern es sind die psychischen (subjektiven) Bewertungs- und Bewältigungsprozesse des Individuums ausschlaggebend, woraus sich auch die individuelle wahrgenommene Belastung ergibt. (vgl. Franke 2012: 118, 123; Kramis-Aebischer 1995: 32 f.). Demzufolge werden Stresssituationen in dem Stressmodell von Lazarus als „komplexe und dynamische Interaktions- und Transaktionsprozesse zwischen den Anforderungen der Situation und dem handelnden Individuum“ beschrieben (Greif 1991: 9). Durch Sollwerte, Lebenserfahrungen und Dispositionen der jeweiligen Person werden die kognitive Bewertung und das persönliche Wahrnehmen der Stressoren bzw. der Umwelt beeinflusst. Dabei werden unter Sollwerten folgendermaßen die jeweiligen Grundbedürfnisse einer Person wie die Selbstverwirklichung oder das Bedürfnis nach Liebe und Zuneigung verstanden (vgl. Busse, Plaumann & Walter 2006: 69). Ist also das Wohlbefinden der jeweiligen Person durch eine starke Differenz zu den eigenen Sollwerten gefährdet, so kommt es zu Stress. Aber auch persönliche Faktoren wie Perfektionismus oder zu hohe Ansprüche an sich selbst können hier als Stressverstärker auftreten (vgl. Lazarus & Folkman 1984: 96; Schaarschmidt 2005: 31 f., 35). Bei der Wahrnehmung oder Verarbeitung von Stress kommt es nicht nur auf kognitive Handlungen und Bewertungen an, sondern ebenso auf individuelle Emotionen. Hierfür dienen die kognitiven Bewertungen der Einschätzung der Auswirkungen auf das Wohlbefinden des Individuums und die stressauslösenden Umweltbedingungen. Wohingegen die Handlungen das Wohlergehen sichern, indem versucht wird, zum ursprünglichen Zustand zurückzukehren. Die Gefühle und Emotionen wiederum treten bei der subjektiven Bewertung als Begleit- und Folgeerscheinung auf (vgl. Kramis-Aebischer 1995: 33). Die Bewertungsprozesse sind dabei entscheidend, ob eine Situation relevant für die Stresswahrnehmung wird. In welchem Ausmaß und warum eine bestimmte Situation zwischen Umwelt und Person als stressend wahrgenommen wird, wird mit diesen Prozessen festgelegt.

Die Bewertungsprozesse des transaktionalen Stressmodells, wie in Abbildung 1 schematisch dargestellt, werden in drei Stadien unterteilt. Ein Stressor kann somit in die primäre Bewertung (primary appraisal), die sekundäre Bewertung (secondary appraisal) und die Neubewertung (reappraisal) eingestuft werden. Dies erfolgt jedoch meist intuitiv, und auch die zeitliche aufeinanderfolgende Reihenfolge, wie die Bezeichnung der Stadien vermuten lässt, weist keine Relevanz bei dem Einschätzungsprozess auf. Die primäre und die sekundäre Bewertung können zudem gleichzeitig ablaufen oder sich gegenseitig beeinflussen (vgl. Lazarus 1995: 215; Schaarschmidt 2005: 33; Busse et al. 2006: 69). Vorab muss der potenzielle Stressor bzw. eine Situation bestimmte Merkmale aufweisen, um mithilfe der kognitiven Bewertungsprozesse als stressauslösend vom Individuum wahrgenommen zu werden. Dabei fängt der zweistufige Bewertungsprozess mit der primären Bewertung an. Hierbei werden die Auswirkungen des Stressors in Bezug auf das persönliche Wohlergehen der betroffenen Person eingeschätzt (vgl. Kramis-Aebischer 1995: 33 f.). Die nachfolgende Abbildung 1 zeigt genau diesen bisher beschriebenen Prozess, der im folgendem nun noch detaillierter beleuchtet wird.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Busse et al., 2006, S. 70

Bei der primären Bewertung (primary appraisal) kann der Reiz als neutral/irrelevant, positiv oder stresshaft bewertet werden. Wird eine Situation als neutral bzw. irrelevant bewertet, so wird kein Stress ausgelöst, da der Stressor keine Auswirkungen auf das Wohlbefinden hat. Die Situation wird als sicher wahrgenommen, wenn eine positive Bewertung erfolgt. Es entsteht ebenfalls kein Stress, da das Individuum den Zustand als entspannt und angenehm empfindet (vgl. Kramis-Aebischer 1995: 33). Erfolgt jedoch eine stresshafte Bewertung, so führt dies als einziges zu einer Stressreaktion. Hierbei wird subjektiv zwischen einer Herausforderung, einer Bedrohung oder einem Schaden bzw. Verlust differenziert. In dieser Stressentstehungsphase können bereits erste Merkmale wie Angst, Selbstunterschätzung oder Ärger auftreten (vgl. Sonntag, Frieling & Stegmaier 2012: 265; Bamberg, Mohr & Busch 2012: 117). Ergibt sich bereits eine erlebte Beeinträchtigung aus einer Situation, so definiert dies eine Schädigung bzw. einen Verlust für die betroffene Person, die mit negativen Emotionen zusammenhängen. Beispielsweise kann der Stressor durch eine Störung der Selbstwerteinschätzung, fehlende soziale Anerkennung, ein erschütterndes Welt- und Selbstbild sowie einen zwischenmenschlichen Verlust oder eine unfallbedingte Verletzung entstehen. Durch passive Reaktionen versucht sich die Person somit vor größeren Auswirkungen zu schützen, da besonders die erwarteten Folgeschäden eine große Rolle spielen. Bei einer Bedrohung hingegen bestehen für das Individuum diese Beeinträchtigungen noch nicht, allerdings werden sie erwartet. Hierbei kommt es oft zu Vermischungen mit der Kategorie der Schädigung, da ähnliche Situationen beschrieben werden. Denn das Individuum kann einer schädigenden Situation unterliegen und zugleich die resultierende Folge als Bedrohung aufnehmen. Auch hier gehen ebenfalls negative Emotionen, wie bspw. Resignation oder Schmerz, einher. Genauso wie die Bedrohung richtet sich auch die Kategorie der Herausforderung auf die Zukunft. Jedoch ist diese im Gegensatz zu den zuvor beschriebenen Kategorien voneinander abzugrenzen, da sie für das Individuum einen möglichen Erfolg sowie ein positives Gefühl hervorrufen kann. Aufgrund vorhandener Bewältigungsstrategien werden die Anforderungen als realisierbar bewertet. Somit erfolgt bei der Person eine Weiterentwicklung und Stärkung ihrer Kompetenzen. Durch bewältigte Herausforderungen erzielt das Individuum einen höheren Nutzen und minimiert so die Angst vor Misserfolg. Trotzdem können die drei Kategorien alle Stressreaktionen auslösen und werden infolgedessen mit den verfügbaren Ressourcen in der sekundären Bewertung abgeglichen (vgl. Kramis-Aebischer 1995: 33 f.; Lazarus 1995: 212).

Bei der sekundären Bewertung wird vorerst versucht, die denkbar belastende Situation durch routiniertes Verhalten zu bewältigen, um so das ursprüngliche Gleichgewicht wiederherzustellen. Ist dies jedoch nicht möglich, wird eine negative Auswirkung auf psychologischer, psychosozialer und physischer Ebene in Betracht gezogen. Zusätzlich werden weitere vorhandene Bewältigungsformen, wie die Reaktion der Flucht oder des Angriffs, aber auch Veränderungen der Situation oder Verleugnungen der Realität erwogen. Die Person evaluiert hierbei ihre individuellen Bewältigungsfähigkeiten. Dabei werden die zur Verfügung stehenden Bewältigungsstrategien bewertet und die Erfolgswahrscheinlichkeiten der Bewältigungsmöglichkeiten sowie deren Anwendbarkeit abgeschätzt (vgl. Bandura 1977: 193; Busse et al. 2006: 70; Kramis-Aebischer 1995: 34). Stuft die Person ihre Möglichkeit als zu gering ein und bewertet sie die eigenen Ressourcen als unzureichend, besteht die Gefahr einer Stressauswirkung. Die damit verbundenen Emotionen können sich als Angst, Ärger, Furcht oder Depression erkenntlich zeigen. Werden für die Situationsbewältigung die eigenen Ressourcen als ausreichend eingeschätzt, so endet der Bewertungsprozess der Situation (vgl. Busse et al. 2006: 70). Die Situationsbewertung kann sich jedoch jederzeit ändern, daher ist eine fortlaufende Neubewertungen unausweichlich.

Durch neue Informationen der Umwelt kommt es zu einer Änderung der ursprünglichen Bewertung des Stressors, die als Neubewertung betitelt wird. Inhaltlich unterscheidet sich die Neubewertung von der primären und sekundären Bewertung jedoch nicht, da sie ausschließlich eine Wiederholung und Modifizierung der kognitiven Bewertungsprozesse der Person-Umwelt-Konstellation darstellt (vgl. Schmid 2003: 57). „Eine Neubewertung ist einfach eine Bewertung, die einer früheren Bewertung derselben Situation folgt und sie modifiziert“ (Lazarus & Folkman 1984: 34, eigene Übersetzung). Allerdings kann sich hierbei auch die Erkenntnis ergeben, dass bei dem Prozess der Neubewertung eine Rückkehr zur ursprünglichen Ausgangslage nicht realisierbar ist und dadurch eine pathologische Anpassung entsteht. Ein Beispiel hierfür ist die Verringerung der eigene Leistungsansprüche (vgl. Busse et al. 2006: 70).

In Abbildung 1 wird zudem ersichtlich, dass im transaktionalen Stressmodell die hieraus entstehenden Stressbewältigungsprozesse, auch als Coping bezeichnet, von zentraler Bedeutung sind und nicht nur die primären und sekundären Bewertungsresultate, die über das Ausmaß und die Entstehung von Stress entscheiden. Definiert wird Coping als „[…] die kognitiven und verhaltensbezogenen Strategien, die Individuen einsetzen, um sowohl mit einer belastenden Situation als auch mit den negativen emotionalen Reaktionen, die durch dieses Ereignis ausgelöst werden, umzugehen“ (Stroebe & Jonas 2002: 608). Ist somit eine Person den durch Stress verbundenen Emotionen ausgesetzt, wird versucht, das Wohlbefinden wiederherzustellen, indem der Versuch der Reduzierung der Stressoren erfolgt. Dieser Versuch der Änderung der Person-Umwelt-Beziehung wird als Stressbewältigung deklariert. Hierbei wird zwischen zwei Kategorien der Stressbewältigung unterschieden: die problemzentrierte („problem-focused coping“) und emotionszentrierte („emotion-focused coping“) Bewältigung. Problemorientiertes Coping beinhaltet interpersonale Merkmale oder richtet sich an die Umwelt in Form von Veränderungen der Ressourcen, Umweltbelastungen, Hindernissen und Abläufen. Es umfasst zudem Problemdefinitionen, alternative Lösungsmöglichkeiten sowie Entscheidungen und Kosten-Nutzen-Abwägungen über alternative problemlösende Handlungsstrategien (vgl. Busse et al. 2006: 70). Die Person versucht somit für die stressauslösende Situation oder das Problem, aus dem eine Herausforderung, Bedrohung oder Schädigung herbeigerufen wird, eine direkte, zielgerichtete Lösung zu erzielen bzw. den Stressor zu beseitigen. Bei der problemorientierten Strategie liegt der Fokus auf der Umgestaltung der Kognition und der Motivation der jeweiligen Person. Dies gelingt, indem die Ich-Beteiligung und eigenen Ansprüche gesenkt, Verhaltensweisen und Bedürfnisbefriedigungen modifiziert und neue Fähigkeiten erlernt werden oder durch Umweltveränderungen (vgl. Lazarus & Folkman 1984: 152). Gegenüber dem problemorientierten Coping liegt beim emotionsorientierten Coping der Fokus auf den Emotionen, sprich auf der Veränderung der innerpsychischen Einstellung zum wahrgenommenen Stressor. Diese Strategie beinhaltet motorische Handlungen, wie Flucht und Angriff, oder auch kognitive Prozesse. Hierbei ist die Person der Ansicht, die belastende Situation nicht ändern zu können oder zu wollen und greift somit auf kognitive Prozesse zurück. Diese Prozesse zielen darauf ab, durch Distanzierung, Vermeidung, Herunterspielen oder Bemühung, aus der negativen Situation etwas Positives zu entnehmen, das emotionale Stresslevel zu senken (vgl. Busse et al. 2006: 70 f.; Lazarus & Folkman 1984: 150 ff.). Die emotionsorientierte Bewältigungsstrategie kann anfänglich auch mit einem erhöhtem Disstress einhergehen: „Some individuals need to feel worse before they can feel better“ (Lazarus & Folkman 1984: 150). Darüber hinaus sind Verhaltensweisen wie das Herauslassen der Emotionen, Ablenkung, Meditationen, Sport oder auch die Festhaltung an den Glauben weitere Formen des emotionalen Copings. Jedoch kann auch eine Einstellungsveränderung gegenüber dem Stressor als eine geringere Bewertung der Situation, ähnlich wie bei der Neubewertung, in Erwägung gezogen werden. Bei dieser Form wird die Situation als gering bewertet, ähnlich wie bei der Neubewertung. Dabei schätzt die Person durch die Situation ihr Wohlergeben als weniger gefährdet ein und kann somit die Stressentstehung bewältigen (vgl. Lazarus & Folkman 1984: 150 ff.).

Auch wenn die transaktionale Stresstheorie nach Lazarus in der Stressforschung eines der am weitverbreitetsten Stressmodelle beinhaltet, verfügt das Modell trotz alledem über einige Limitierungen. Zum einen wird kritisiert, dass insbesondere im Bereich der Arbeitswissenschaft die objektive Beschaffenheit der externen Stressfaktoren vernachlässigt wird. Der Einsatz des transaktionalen Stressmodells ist daher im Arbeits- und Gesundheitsbereich nur schwer möglich, da durch subjektive Bewertungsmechanismen des Individuums bewertet wird, ob ein Stressor beziehungsweise eine Situation Stress auslöst (vgl. Bamberg et al. 2012: 118). Ein weiterer großer Kritikpunkt ist die ausgeprägte Komplexität des Stressmodells. Dem zufolge kann nur durch eine Verringerung der Komplexität des Modells eine sinnvolle empirische Überprüfung stattfinden. Gleicherweise ist nur durch ungenügende Maßnahmen der Wissenschaft die empirische Prüfung der fortlaufenden Prozesse möglich, weshalb ausschließlich nur Teilabschnitte des Modells festgehalten werden konnten. Trotz alledem stellt das transaktionale Stresskonzept nach Lazarus eine gute Grundlage für die psychologische Stressforschung bereit (vgl. Bamberg et al. 2012: 118; Greif et al. 1991: 18).

[...]

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
"Digitaler Stress". Mögliche Auswirkungen digitaler Techniken auf die Gesundheit von Arbeitnehmer:innen
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Interdisziplinäre Arbeitswissenschaft)
Note
1,7
Autor
Jahr
2021
Seiten
38
Katalognummer
V1139824
ISBN (eBook)
9783346514394
ISBN (Buch)
9783346514400
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stress, Gesundheit, informationstechnologie, Stressbewältigung, Stresswahrnehmung, Persönlichkeit, Technostress, Prävention, Gesundheitsmanagement, Stressbelastung, psychische Gefährung, Digitalisierung, Omnipräsenz, Wissensarbeit, digitaler Stress, Home Office, New Work, ständige Verfügbarkeit, Leistungsüberwachung, Digitaler Stress in Deutschland, Gläserne Person, PräDiTec, Technostress-Report, Präventionsmöglichkeiten, Digitale Arbeit, Crowdsourcing, Crowd Work, Arbeitssoziologie, Arbeit 4.0, Kommunikationstechnologien, Transaktionales Stressmodell, Arbeitspsychologisches Stressmodell, Coping, Stressmodell, Stresskonstrukt, gesundheitliche Auswirkungen
Arbeit zitieren
Sophia Reddigan (Autor:in), 2021, "Digitaler Stress". Mögliche Auswirkungen digitaler Techniken auf die Gesundheit von Arbeitnehmer:innen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1139824

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