Das SS-Personal in den Konzentrationslagern


Referat (Handout), 1998
8 Seiten

Leseprobe

Das SS-Personal in den Lagern

Das absolute Verbrechen wurde nicht von absoluten Verbrechern verübt.

GYÖRGY KONRÁD

Vorbemerkungen

Bei dem Versuch, die Soziologie, die Motive und das Selbstverständnis der Täterinnen und Tätern in den Konzentrationslagern zu untersuchen, ist sehr schnell eine Situation erreicht, in der die scheinbar zunächst klare De£nition des „Täters“ zu verschwimmen beginnt. Die Lagerwelt ist weit davon entfernt, in zwei Klassen – die der Täter und die der Opfer – eingeteilt werden zu können.[1] Auch wenn „Kapos“ und „Funktionshäftlinge“ häu£g grau- samer waren als die eigentlichen SS-Aufseher, fällt es außerordentlich schwer, sie mit dem Täterbegriff zu belegen, und damit der SS gleichzusetzen. Als Opfer des Nazi-Terrors ins KZ gesperrt, wurden sie von der SS bewusst ausgewählt, deren Terror nach unten weiter- zugeben. Diese Häftlinge sahen sich mit der Schizophrenie konfrontiert, um ihres Lebens Willen, ihresgleichen zu quälen. Siemusstengrausam sein, um ihre Existenzberechtigung zu unterstreichen.[2] Aleksandar Tis®ma beschreibt in seinem Roman „Kapo“ eindringlich, in welch unentwirrbares Ge¤echt aus Angst und Terror sie verwickelt waren.[3] An realen

Beispielen mangelt es nicht. Bekannt wurde v.a. das des „Henkers von Sachsenhausen“ Paul Sakowski.[4]

Dieses Thesenpapier wagt daher nicht, die Grenze zwischen Tätern und Opfern zu ziehen und zu beurteilen, sondern wird sich auf die (meist klare) Täterschaft des SS-Personals in den Lagern konzentrieren. Zumindest bis zum Anfang des Krieges waren sie nicht zwangs- weise in die Lager abkommandiert, sondern aus den unterschiedlichsten Motiven freiwillig dort angetreten.

Die SS in den Lagern

Man nimmt der SS ihren Schrecken, bezeichnet man sie einfach als einen zügellosen Mör- derhaufen. Die Organisation der SS war im Laufe der Zeit sorgsam auf- und ausgebaut worden und verfügte nach und nach über eine Million Mitglieder[5], eigene Frontverbände, Wirtschaftsunternehmen und ein Netzwerk an bürokratischen Strukturen. Sie war ein Staat im Staate, ausgestattet mit den Insignien preußischer Manneszucht, einer eigenen Uniform und dem staatlichen Auftrag zur „Lösung von Sonderaufgaben“. Als Grundlage dieses Auftrags diente das Ermächtigungsgesetz von 1933.

Zunächst wurden die Gefangenenlager von lokalen Einheiten der SA, der Allgemeinen SS und der Polizei bewacht. 1934 wurde die Lagerbewachung im „Vorbildlager“ Dachau kom- plett von der SS übernommen, kurze Zeit später gliederte man die Wachverbände aus der Allgemeinen SS aus und integrierte sie direkt im KZ-System. Diese Verbände wurden ab 1936 als „Totenkopfverbände“ bezeichnet. Als nach Kriegsbeginn die „Totenkopfdivision“ hinter den Wehrmachtseinheiten ihren systematischen Vernichtungszug begann, wurden die Lücken in der Lagerbewachung wieder durch die Allgemeine SS abgedeckt.

Die Totenkopfverbände waren mehr als nur eine Lagerwache. Nur ein Bruchteil war im eigentlichen Lagerbetrieb eingesetzt. Verglichen mit den Häftlingszahlen überproportional groß (1:1 Verhältnis 1939) und paramilitärisch organisiert galten sie als Keimzelle der Waf- fen SS. Die Zahl derer, die bei oder in einem Konzentrationslager gearbeitet hatten, lässt sich aufgrund der ständigen (Zwangs-) Verschiebungen zwischen Frontverbänden und La- gereinheiten nur schwer bestimmen. Insgesamt haben wohl 55000 SS-Leute in den Lagern gearbeitet, davon allerdings nur ein kleiner Teil im inneren Kommando- und Verwaltungs- apparat.

Die soziale Zusammensetzung der Lager-SS

Um die relativ überalterte SS-Kader gefügiger und formbarer zu machen, wurden ab 1936 von der SS mit großem Erfolg gezielt jüngere Männer angeworben. Ende 1938 lag das Durchschnittsalter der SS schon bei 20,7 Jahren! Die Motive der jungen Männer waren vielfältiger Art: es winkte ein sozialer Aufstieg, vielleicht sogar in den Of£ziersrang ohne die sonst übliche Vorbildung, für viele schien es eine Möglichkeit, erstmals unabhängig vom Elternhaus ein festes Einkommen zu beziehen. Zudem lockte das Gefühl der Männer- gemeinschaft und zuletzt natürlich die schwarze Uniform.

Es ist verständlich, aber wohl zu einfach, wenn man – wie Kogon – die Lager-SS als rund- weg anormal, deklassiert, hasserfüllt und geltungssüchtig bezeichnet. Polnische Autoren beschreiben die SS-Schergen im Lager als erschreckend unspektakulär, ein Abbild der deutschen Gesellschaft mit allen sozialen und beru¤ichen Kategorien.[6] Auffällig, aber nicht symptomatisch ist die hohe Anzahl gescheiterter Existenzen, die „negative Auslese des Adel, der Intellektuellen und des Bürgertums“ (Kogon), Leute, deren beru¤iche Kar- riere nicht recht vorrangig, oder die sich einfach vor der Front drückten.

„Die Ordnung des Terrors“

Drill und Kameraderie

Die SS belegte als reine Parteiorganisation mit umfangreichen Rang- und Statussymbolen eine Grauzone. Mittels Uniformen und Abzeichen sollte sich der SS-Mann nicht als Hilfs- polizist, sondern vielmehr als „politischer Soldat“ sehen. Der Drill während der Ausbil- dung sollte die Männer den „inneren Feind“ – Mitleid und Schwäche – nie mehr vergessen lassen. Zwar wurde schon dort ein klares Feindbild geschaffen, doch zählte die Ideologie weit weniger das Bewusstsein absoluter Macht. Wenige Parolen und Bruchstücke bürgerlichen Denkens genügten zur politischen Bildung.

[...]


[1] Sofsky, Wolfgang: Die Ordnung des Terrors. Das Konzentrationslager, Frankfurt am Main, 1993, S. 115.

[2] Sofsky, Wolfgang: Absolute Macht. Zur Soziologie des Konzentrationslagers, in: Leviathan 4/90, S. 525

[3] Tis®ma, Aleksandar: Kapo, München, 1997.

[4] Hrdlicka, Manuela R.: Alltag im KZ. Das Lager Sachsenhausen bei Berlin, Opladen, 1992, S. 134ff.

[5] Stand April 1945; zum Vergleich 1936: 2855 Mann

[6] Kogon, Eugen: Der SS-Staat, Frankfurt am Main, 1964, S. 349 und Armanski, Gerhard: Maschinen des Terrors, Münster, 1993, S. 96.

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Details

Titel
Das SS-Personal in den Konzentrationslagern
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Fachbereich Geschichte)
Veranstaltung
Exkurs zu KZ Groß-Rosen
Autor
Jahr
1998
Seiten
8
Katalognummer
V1140
ISBN (eBook)
9783638107136
Dateigröße
370 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Vom Versuch eines Täterprofils.
Schlagworte
Täter, SS, Kapo, absolute Macht, Lagerwachen
Arbeit zitieren
Markus Horeld (Autor), 1998, Das SS-Personal in den Konzentrationslagern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1140

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