Alfred Kubins Roman „Die andere Seite“

Farben als Symbole zentraler Wesensmerkmale der Figuren Pateras und Bells


Hausarbeit, 2005
16 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Die Farben Pateras: Grau, Grün und Braun
1.1 Die „Unfarbe“ Grau
1.2 Das harmonische Grün
1.3 Das altmodische Braun

2. Die Farben Bells: Schwarz und Rot
2.1 Das negative Schwarz
2.2 Das aktive Rot
2.3 Die Teufelsfarben Schwarz und Rot

3. Was die Farbsymbolik über die Beziehung zwischen Patera und Bell aussagt

Schluss

Literatur

Einleitung

„Da die Farbe in der Reihe der uranfänglichen Naturerscheinungen einen so hohen Platz behauptet [...], werden wir uns nicht wundern, wenn wir erfahren, daß sie auf den Sinn des Auges, dem sie vorzüglich zugeeignet ist und durch dessen Vermittlung, auf das Gemüt, in ihren allgemeinsten elementaren Erscheinungen [...] einzeln eine spezifische, in Zusammenstellung eine teils harmonische, teils charakteristische, oft auch unharmonische, immer aber eine entschiedene und bedeutende Wirkung hervorbringe, die sich unmittelbar an das Sittliche anschließt. Deshalb denn Farbe, als ein Element der Kunst betrachtet, zu den höchsten ästhetischen Zwecken mitwirkend genutzt werden kann.“[1]

Was Goethe hier über die Wirkung von Farben in der Kunst allgemein schreibt, gilt insbesondere für die Literatur. Auch in Kubins Roman „Die andere Seite“ hat die Farbsymbolik einen hohen Stellenwert. Im Traumreich gibt es „keine lustigen Farben“ (DAS 74), „das Beste, die Buntheit“ fehlt (DAS 52). „Die Menschen“, so schreibt aber Goethe, „empfinden im allgemeinen eine große Freude an der Farbe. Das Auge bedarf ihrer, wie es des Lichtes bedarf.“[2] Diese Freude ist den Träumern versagt, mangelt es im Traumreich doch sowohl an Farbe als auch an Licht. Umso bedeutender aber muss die Symbolik der wenigen Farben sein, die im Roman vorkommen.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich zunächst mit den Farben Pateras: Grau, Grün und Braun. Warum können diese überhaupt als die Farben des Herrschers bezeichnet werden? In welchen Kontexten erscheinen sie? Und vor allem: Was symbolisieren sie allgemein, insbesondere aber im Roman? Diese Fragen versucht der erste Teil der Arbeit zu beantworten. Nach dem gleichen Muster ist der zweite Abschnitt aufgebaut. Hier stehen allerdings die für Herkules Bell charakteristischen Farben, Schwarz und Rot, im Fokus des Interesses.

Abschließend wird, ausgehend von der zuvor erarbeiteten Farbsymbolik, versucht, das Verhältnis zwischen Patera und Bell zu charakterisieren. Vor allem soll die Frage beantwortet werden, ob und inwieweit die beiden Protagonisten des Romans tatsächlich Widersacher sind.

Zur Interpretation der für die Arbeit relevanten Farbsymbolik wurden in erster Linie Goethes „Farbenlehre“[3] sowie „Wie Farben wirken“ von Eva Heller[4] ausgewertet. Dass dabei nicht alle farbsymbolischen Aspekte berücksichtigt werden konnten, schon gar nicht in ihrer ganzen Breite, erklärt sich durch den begrenzten Umfang der vorliegenden Arbeit.

1. Die Farben Pateras: Grau, Grün und Braun

Die „Farben Pateras“ (DAS 78) und die des Traumreichs sind Grau, Grün und Braun. Besonders deutlich wird das in einer Beschreibung der Landschaft:

„Saftiges Grün war nirgends zu sehen, in ein stumpfes Oliv, ein grünliches Grau waren unsere Pflanzen, Gräser, Gesträuche und Bäume getaucht. Was in der Heimat in reichen Farben prangte, hier war es gedämpft, matt. Während bei den meisten Landschaften das Blau der Luft mit dem Gelb des Bodens die Stimmung beherrschen und dazwischen die andern Töne nur eingesprengt erscheinen, waren hier Grau und Braun vorherrschend. Das Beste, die Buntheit, fehlte.“ (DAS 52)

Auch das Lederetui, das der Agent Franz Gautsch dem Ich-Erzähler im Namen Pateras überreicht, ist „von graugrüner Farbe“ (DAS 14). Der Tempel am See, in dem die Reichtümer des Traumlandes aufbewahrt werden, ist ebenfalls „in Braun, Grau und Grün, den Farben Pateras gehalten.“ (DAS 78)

Obwohl Braun hier an erster Stelle genannt wird, ist Grau im Roman die dominierende der drei Farben. Charakteristisch für das Traumreich ist „ein grauer Nebel“ (DAS 42) oder, wie es später heißt, graues „Zwielicht“ (DAS 201), welches das Sonnenlicht nicht zu durchdringen vermag. Zentrale Stätten wie das Archiv (vgl. DAS 56) und der Turm auf dem Hauptplatz (vgl. DAS 72) sind ebenfalls grau. Die Augen Pateras, ein bedeutendes Motiv im Roman, ähneln „zwei blanken hellen Metallscheiben“ (DAS 110), sie sind „von hellgrauer Farbe“ (DAS 10). Auch bei den Begegnungen des Ich-Erzählers mit Patera ist Grau die vorherrschende Farbe. Der Raum, in dem die beiden aufeinandertreffen ist „mit bleigrauen schweren Stoffen ausgeschlagen“ (DAS 109), Patera ist „in Grau“ (DAS 109) gekleidet, später „in ein schleierhaftes silbergraues Gewand gehüllt“ (DAS 189), sein Gesicht wird schließlich „grau wie die Wand“ (DAS 111).

Die Pflanzen im Traumreich dagegen sind oliv, grünlich grau (vgl. DAS 52). Darüber hinaus kommt Grün aber auch im direkten Zusammenhang mit der Figur Patera vor. Bei der zweiten Audienz bemerkt der Ich-Erzähler grünliche Schatten um Pateras Augen (vgl. DAS 189). Unmittelbar danach fragt der Herrscher des Traumreichs wiederholt: „Hörst du die Toten singen, die lichtgrünen Toten?“ (DAS 189). Weiter trägt die Wachspuppe, die Patera darstellt, einen „grünsamtenen Mantel“ (DAS 229). Als der Herrscher stirbt, färbt sich eine zunächst orangegelbe Flamme grün, bevor sie schließlich erlischt (vgl. DAS 243).

Dass Braun die dritte charakteristische Farbe Pateras ist, kann außer durch die bereits genannten Beispiele nur an einer Stelle belegt werden: Der Herrscher des Traumreichs hat „braune Locken“ (DAS 14).

1.1 Die „Unfarbe“ Grau

In seiner „Farbenlehre“ nennt Goethe Grau den Repräsentanten des Schattens, „welcher mehr oder weniger von Licht und Finsternis partizipiert und also manchmal zwischen beiden in der Mitte steht.“[5] Die Assoziation mit Schatten, Dämmerung und Nebel scheint sich im Hinblick auf „Die andere Seite“ nahezu aufzudrängen, ist doch der Himmel im Traumreich „ewig trübe“ (DAS 51) und die Wolken hängen „ewig gleichmäßig [...] bis tief zur Erde herab“ (DAS 51). Die Dämmerung aber ist ein Zwischenzustand, „der Zustand zwischen Tag und Nacht, Licht und Finsternis, Leben und Tod“[6]. Ein Zustand, der nicht greifbar ist und demzufolge Unsicherheit und Ängste evoziert. Ebenso wenig greifbar ist die Gestalt Pateras selbst. Ist er Mensch, Gott oder aber „eine leblose Paterapuppe“ (DAS 249), von den Blauäugigen geschaffen und gelenkt? „Das Phänomen Patera bleibt ungelöst“, heißt es im Text (DAS 249). Es ist genauso unsicher, genauso schemenhaft wie es die Dämmerung, der Schatten, der Nebel sind. Der Dämmerung und damit dem Grau kommt überhaupt im ganzen Roman eine zentrale Bedeutung zu. „Die Dämmerung ist das Motiv, das den Zeichner im Traumreich von Anfang bis Ende begleitet.“[7] Wie die Dämmerung den Zustand zwischen Tag und Nacht darstellt, befindet sich das Traumreich „ zwischen Tod und Leben, zwischen Traum und Wirklichkeit. So wie sich die Abenddämmerung zur Nacht hin bewegt, neigt sich das Traumland unaufhaltsam dem Tode zu.“[8]

Nach Goethe ergeben alle Farben gemischt die „Unfarbe“[9] Grau, „aber in dieser Totalität ist das Einzelne nicht mehr zu entdecken, so daß nur das Allgemeinste der Farbe, ihre schattenhafte Eigenschaft, die Schleierhaftigkeit des Trüben, übrig bleibt.“[10] Im Grau wird demnach die Individualität der Farben aufgehoben, was bleibt ist allenfalls eine Ahnung ihrer einstigen Existenz. Sind die Bewohner des Traumreichs aber nicht auch frei von jeglicher Individualität? Oberflächlich betrachtet mag das bestritten werden, gibt es doch den philosophierenden Friseur, die attraktive und lasterhafte Melitta, den Insektenforscher Korntheur und viele andere einzigartige Individuen. Aber ist das nicht nur scheinbare Individualität, eben eine Ahnung derer? Sind die Träumer letztlich nicht nur Typen? Typen, die dem einen Willen, dem Willen Pateras, unterworfen sind? Letztlich denken sie alle die Gedanken Pateras und fühlen seine Gefühle. Die Träumer sind Marionetten ihres Herrschers. Auch äußerlich sind sie durch einheitliche Kleidung uniformiert. Der Erzähler und seine Frau sind dem Zwang der Einheitskleidung bereits kurz nach ihrer Ankunft im Traumreich unterworfen:

[...]


[1] von Goethe, Johann Wolfgang: Farbenlehre. Tübingen: Wissenschaftliche Buchgemeinschaft e.V. 1953 (=Vollständige Ausgabe der theoretischen Schriften 1), S.325f.

[2] Goethe: Farbenlehre, S.326.

[3] Siehe bibliographische Angabe in Fußnote 1.

[4] Heller, Eva: Wie Farben wirken. Farbpsychologie, Farbsymbolik, Kreative Farbgestaltung. Hamburg: Rowohlt 11 2001.

[5] Goethe: Farbenlehre, S.90.

[6] Schmidt, Peter: Goethes Farbensymbolik. Untersuchungen zu Verwendung und Bedeutung der Farben in den Dichtungen und Schriften Goethes. Hg. von Wolfgang Binder, Hugo Moser, Karl Stackmann und Wolfgang Stammler. Berlin: Erich Schmidt 1965 (= Philologische Studien und Quellen 26), S.154f.

[7] Geyer, Andreas: Träumer auf Lebenszeit. Alfred Kubin als Literat. Hg. vom Adalbert-Stifter-Institut des Landes Oberösterreich. Wien, Köln, Weimar: Böhlau 1995 (= Schriften zur Literatur und Sprache in Oberösterreich 3), S.137.

[8] Geyer: Träumer auf Lebenszeit, S.137.

[9] Goethe: Farbenlehre, S.477.

[10] von Goethe, Johann Wolfgang: Gesamtausgabe der Werke und Schriften. 22 Bde und ein Erg.Bd. Bd.22. Stuttgart: Cotta 1949ff., S.313. Zit. nach Schmidt: Goethes Farbensymbolik, S.155.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Alfred Kubins Roman „Die andere Seite“
Untertitel
Farben als Symbole zentraler Wesensmerkmale der Figuren Pateras und Bells
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Veranstaltung
PS: Traumkraut. Wahrnehmungsänderungen in der literarischen Moderne
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
16
Katalognummer
V114006
ISBN (eBook)
9783640144839
ISBN (Buch)
9783640146048
Dateigröße
441 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Alfred, Kubins, Roman, Seite“, Traumkraut, Wahrnehmungsänderungen, Moderne
Arbeit zitieren
Ann-Kathrin Thoennes (Autor), 2005, Alfred Kubins Roman „Die andere Seite“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114006

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