Zur Figur der Félicité aus "Un coeur simple". Eine fromme Heldin der Moderne?


Bachelorarbeit, 2021

24 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Hauptteil

1 Im Zeichen der (vermeintlichen) Ironie
1.1 Eine fragwürdige Heldin
1.2 Kritik des Kleinbürgertums
1.3 Funktion in der Dysfunktionalität
1.4 Eine vielfältige Liebe

2 Eine unkonventionelle Heldin
2.1 Eine andere Art der Heldenhaftigkeit
2.2 Eine andere Art des Glaubens

3 Spiel mit der Zeit

4 Metamorphose
4.1 Der Tod
4.2 Die Apotheose

Fazit

5 Literaturverzeichnis

Einleitung

Gustave Flauberts (1821-1880) Trois Contes ist aufgrund des Formats der einzelnen drei Er­zählungen einerseits ein atypisches Werk für diesen Autor. Er ist für seine Romane bekannt. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Buchs im Jahr 1877 liegt beinahe sein gesamtes Lebenswerk schon hinter ihm. Andererseits finden sich viele typische Flaubertsche Elemente wieder. Beispielsweise erhält die erste der drei Erzählungen, Un ca’iir simple, um die es sich bei dieser Arbeit drehen wird, zahlreiche Verknüpfungen zu seinem erfolgreichsten Roman Madame Bovary, den er zwanzig Jahre zuvor veröffentlichte. Die Kunst von Flaubert bleibt in vielerlei Hinsicht nicht verborgen. Trotzdem lässt sich im Vergleich ein dunklerer Schreibstil wahrnehmen, mit Hinblick auf die Tatsache, dass es sich hier um das letzte Buch seines Lebens handelt (Bouvard et Pécuchet blieb unvollendet und wurde erst nach Flauberts Tod veröffent- licht).1 1875, das Jahr, in dem er die Trois Contes verfasst, ist sein Schwiegersohn finanziell ruiniert. Flaubert ist gezwungen, ihm zu helfen und sich damit selbst in finanzielle Schwierig­keiten zu begeben.2 Im Oktober 1875 schickt er einen Brief an Madame Roger des Genettes:

L'avenir ne m'offre rien de bon et le passé me dévore. Je ne pense qu'aux jours écoulés et aux gens qui ne peuvent revenir. Signe de vieillesse et de décadence. Quant a la littérature, je ne crois plus en moi, je me trouve vide, ce qui est une découverte peu consolante [...] .3

Seine seelische Verfassung war melancholisch. Nichtsdestotrotz konvertiert er diese Schwer­mut in das Prinzip des Schreibens. So ist die Melancholie in jedem einzelnen der Trois Contes zu spüren. Albert Thibaudet lädt in seinem Essay namens Gustave Flaubert dazu ein, die Trois Contes folgend zu betrachten:

[...]comme un de ses livres les plus représentatifs, les plus clairs et, ou il est allé le plus loin dans le gout et dans l'expression d'un de ses sentiments profonds : a savoir cette passion de l'histoire, de la vie passée qui d'être passée acquiert pour l'homme de rêve un prestige singulier, [.].4

Die Fantasie verlängert die Geschichte und das Wissen. Keine der drei Erzählungen fällt Thi- baudet zufolge in die Kategorie des Geschichtenschreibens. Flaubert behauptet nicht von sich, Geschichtsschreiber zu sein. Er nutzt diese, um daraus Kunst zu machen. Es ist diese Umwand­lung von Geschichtswerken über zur Kunst, die Flaubert interessiert und passioniert.5

Schon der Titel Trois Contes platziert den Akzent auf die Gattung des Werks. Es wird keine Thematik in Angriff genommen, sondern nur die gattungsmäßige Zugehörigkeit. Die Gattung des Märchens hat eine lange Tradition. Trotzdem wagt sich Flaubert, dieser durch viele Para­doxien zu widersprechen. Zu den klassischen Merkmalen gehören unter anderem eine Hand­lung, die weder örtlich noch zeitlich festgelegt ist (Die Erzählung Un cteur simple ist konkret in Pont-l'Évêque angesiedelt und spielt sich offensichtlich im 19. Jahrhundert ab), das Erschei­nen fantastischer Wesen wie sprechende Tiere (Loulou, der Papagei, wird eine wichtige Rolle spielen) und ein glückliches Ende (Gewiss wird die Heldin am Ende zur Heiligen erhoben, das allerdings nur durch ihren tragischen Tod; somit bleibt dieser Punkt umstritten). Flaubert hat im Text offensichtlich viel Raum gelassen, um unterschiedliche und sogar entgegengesetzte Interpretationen zuzulassen.

Es kommt nicht selten zu Situationen der Unsicherheit seitens des Lesers, ob es sich um tat­sächliche Ironie handelt oder diese nur angedeutet wird - gerade, um zu unterstreichen, dass dies nicht der Fall ist. Zwar existiert hier eine Heldin, doch könnte sie kaum anonymer sein: Nicht einmal der Titel der Erzählung erwähnt ihren Namen und nennt sie nur ,ein schlichtes Herz‘. Sie scheint nichts Besonderes an sich zu haben, das sie ausmacht. Trotzdem macht Flau­bert ausgerechnet aus einer so unscheinbaren Person die Heldin seiner Erzählung Un ca’iir simple. Was genau an ihr ist heroisch? Wie findet sie zum Glauben, durch den sie zum Para­digma des heiligen und glücklichen Sterbens erhoben wird?6 Wie schafft es Flaubert, die Re­zipienten für Félicité zu begeistern und den Titel der frommen Heldin zu akzeptieren, den er impliziert?

Diese Arbeit untersucht die Frage: „Die Figur der Félicité aus Un cteur simple - eine fromme Heldin der Moderne?“ Dabei wird auf die besondere Art der Heldenhaftigkeit und der Fröm­migkeit von Félicité unter der besonderen Poetik Flauberts eingegangen. Mithilfe ihrer Wegbe­gleiter, die Félicités Schicksal auf unterschiedliche Art und Weise beeinflussen, werden Félicités Charakterzüge, Entscheidungen und ihre vielfältige Fähigkeit, zu lieben, analysiert: Ihre romantische Liebe zu einem Mann, ihre mütterliche Liebe zur kleinen Virginie, die ihr anvertraut wird, zu ihrem Neffen Victor und dem Papageien Loulou und schlussendlich ihre freundschaftliche Liebe zu ihrer Dienstherrin, Madame Aubain. Die Erkenntnisse werden in einem Fazit zusammengefasst.

Hauptteil

1 Im Zeichen der (vermeintlichen) Ironie

1.1 Eine fragwürdige Heldin

Der unbestimmte Artikel ,Un‘ im Titel platziert die Figur in die Sphäre des Anonymen. Félicité wird direkt durch eine Periphrase beschrieben, die mit einem unbestimmten Artikel assoziiert ist: ,Un creur simple‘. Es handelt sich nicht um ,Le creur simple‘, was einer Wertschätzung des Charakters entspräche, sondern um eine absichtliche Unterbewertung: eine Verallgemeinerung ein Abschwächungseffekt, als ginge es hauptsächlich darum, den Charakter eben nicht durch den Titel zu heroisieren. Sie ist ,Un creur simple‘ unter vielen anderen. Félicité gelangt nicht zur Namensgebung im Titel und damit auf den Rang der Legendenfiguren, die man identifizie­ren könnte (wie es der Fall bei La légende de Saint Julien L‘Hospitalier und Hérodias ist, die Titel der anderen beiden Erzählungen im Buch). Es folgt eine Synekdoche, die den Charakter beschreibt, dessen fundamentale Eigenschaft ihr Herz - ,creur‘ - ist und eine besondere Groß­zügigkeit sowie Sensibilität der Heldin impliziert. ,Simple‘ ist ein Attribut, das sofort die Ei­genschaft oder essenzielle Tugend in den Vordergrund stellt: die Bescheidenheit. Das Adjektiv ,simple‘ kann viele Konnotationen mit sich tragen: Es suggeriert ebenso die Naivität. Zudem ist es ein Euphemismus der bourgeoisen Sprache, um die Armut zu beschreiben.

Schon von Anfang an steht die Paradoxie im Vordergrund. Es handelt sich um einen wider­sprüchlichen Charakter in Bezug auf die Kriterien eines Märchens. Das heißt, es ist ein anti­romantisches, unheroisches Individuum. Was kann bloß Ergreifendes einer Persönlichkeit pas­sieren, die so mechanisch dargestellt wird, als wäre sie aus Holz?7 Es entsteht eine Form der Neugier um die Figur, da so sehr auf ihrer Banalität bestanden wird. Durch diese Paradoxie wird Félicité interessant. Man sieht sie vor allem in ihrem physischen Porträt:

A vingt-cinq ans, on lui en donnait quarante. Dès la cinquantaine, elle ne marqua plus aucun age ; - et, toujours silencieuse, la taille droite et les gestes mesurés, semblait une femme en bois, fonctionnant d'une manière automatique.8

Eine Frau ohne Alter, die dabei vorzeitig in die Jahre kommt - die Zeit scheint sie nicht mehr ändern zu können. Eine Geschichte zu erzählen, heißt, eine Transformation überbringen zu können. Die Vergänglichkeit der Zeit ist zentral in einer Erzählung, da sie die Protagonisten wandelt. Ohne einen Entwicklungsprozess gibt es keine Erzählung. Die Protagonistin scheint schon vollendet zu sein. Ein Leben ohne Geschichte - hier entsteht das ganze Paradoxon, eine Geschichte aus einer Person zu kreieren, über die es anscheinend nichts zu berichten gibt. Die teilweise vermeintlich untergründige Ironie Flauberts spielt in diesem Werk in Hinsicht auf die Interpretation eine nicht zu unterschätzende Rolle - angefangen mit der Protagonistin Félicité, die nach weltlichen Maßstäben nicht zwingend glückselig ist.9 Nach ihren persönlichen Maß­stäben kann es durchaus der Fall sein, dass sie sich selbst als glücklich einschätzt. Was spricht dagegen, in einer Simpelhaftigkeit sein Glück zu finden? Ganz so sinnlos, wie es oben darge­stellt wird, ist das Leben der Félicité nicht. Es handelt sich um einen sparsamen, arbeitsamen Charakter, der seiner Gebieterin treu ist - für hundert Franken im Jahr (vgl. TC, S. 19). Eine gewisse Intertextualität in Bezug auf die Figur der Dienerin ist nicht zu übersehen: Die Szene der Jahresversammlung der Landwirte in Madame Bovary erinnert stark an Félicités bedauerns­würdiges Dasein: In dieser wird einer alten Dienerin eine Medaille für ihre lebenslange Arbeit auf dem Bauernhof überreicht. Die Szene zieht die Aufmerksamkeit des Lesers auf die mitleid­erregende, ergreifende Figur, die die soziale Unterdrückung verkörpert.10 Flaubert unterstreicht die Lächerlichkeit. Er übt so eine Kritik des Kleinbürgertums auf, was im Folge des Textes ebenfalls eine wichtige Rolle spielen wird.

Félicités geistige Schlichtheit und politischer Analphabetismus gehen in der Passage hervor, in der ein Porträt des König Karl X. in ihrem Zimmer hängt: „Toutes les vieilleries dont ne voulait plus Mme Aubain, elle les prenait pour sa chambre. C'est ainsi qu'il y avait des fleurs artifi- cielles au bord de la commode, et le portrait du comte d'Artois dans l'enfoncement de la lu- carne.“11 Der König Karl X. aus der Zeit der Wiederherstellung der Monarchie Frankreichs ist eine Verkörperung des Geistes des Ancien Régimes. Es stellt sich die Frage, welche Ideologien eine Person verfolgt, die das Porträt des Comte d'Artois in ihrem Zimmer hat. Jedoch steht dieses Detail nicht für eine Überzeugung Félicités, sondern gerade für die apolitische Haltung der Heldin.

Ein weiteres Zeichen hinsichtlich Félicités Naivität findet sich anhand Monsieur Bourais Pe­danterie im dritten Kapitel: Victor ist in La Havane. Félicité möchte wissen, wo genau er sich aufhält. Bei gleicher Gelegenheit stellt Flaubert die Lächerlichkeit von Monsieur Bourais in den Vordergrund, der von Félicités Unwissenheit profitiert, um sich überlegen zu fühlen: „Il atteignit son atlas, puis commenga des explications sur les longitudes; et il avait un beau sourire de cuistre devant l'ahurissement de Félicité.“12 In ihrer Schlichtheit stellt sich Félicité La Ha- vane vor. Sie möchte auf dem Atlas, den Bourais ihr zeigt, das Haus von Victor sehen und vielleicht sogar Victor selbst:

Elle se pencha sur la carte; ce réseau de lignes coloriées fatiguait sa vue, sans lui rien apprendre; et Bourais l'invitant a dire ce qui l'embarrassait, elle le pria de lui montrer la maison ou demeu- rait Victor. Bourais leva les bras, il éternua, rit énormément ; une candeur pareille excitait sa joie ; et Félicité n'en comprenait pas le motif, - elle qui s'attendait peut-être a voir jusqu'au portrait de son neveu, tant son intelligence était bornée !13

Das Porträt der Arglosigkeit wird von der Narration festgestellt: Die exklamatorische indirekte Rede: „tant son intelligence était bornée!“, also die Pedanterie von Monsieur Bourais, erlaubt der Narration selbst, kein Urteil über die Schlichtheit von Félicité zu tragen. Das spiegelt einen Kontrast zur Aufgeblasenheit von Bourais wider. Auf diese Weise wirft die Narration eher ei­nen bemitleidenden Blick auf Félicité. Dadurch wird die Ironie auf die Figur von Bourais ge­lenkt. In keinem Fall wird Félicité hier vereinfacht dargestellt. Sie selbst erliegt keiner Ironie der Narration.

1.2 Kritik des Kleinbürgertums

Zu Beginn von Un cteur simple lässt sich durch eine externe Analepse der Abstieg von Madame Aubain beobachten. Das führt zu noch mehr Bemitleidung von Félicité: Sie dient offensichtlich in einem unsicheren Haushalt, in dem die Erzählung den Untergang unterstreicht. Die zu hin­terfragende Ironie in der Wahl der Namensvergebung ist nicht zufällig: Madame Aubain, „qui n'était cependant pas une personne agréable“14 lässt die aubaine, den Glücksfall anklingen. Gerade das ist Madame Aubain für Félicité dem ersten Anschein nach nicht.15 Dennoch erfährt Félicité dank Madame Aubain die mütterliche Liebe zu Virginie und dem Papageien Loulou sowie die schlussendlich freundschaftliche Liebe zu Madame Aubain selbst (s. hierzu Kapitel 1.4, S. 11).

Weiter wird sich auf die Beschreibung unschöner Details konzentriert. Es lässt sich etwas ab­sichtlich Nostalgisches in den Details erkennen. Die Möbel und Objekte ähneln den Überbleib­seln eines vergangenen Glücks. „Un vieux piano supportait, sous un baromètre, un tas pyrami­dale de boites et de cartons“16 wird von Roland Barthes als Beispiel für seine Theorie des „Effet de Réel“ genannt. Damit meint er insignifikante Details, die als Realitätseffekte dienen: Diese Objekte haben nicht unbedingt eine Bedeutung, aber sie geben den Lesern/Leserinnen die Illu­sion einer Realität, die sich generell durch ihre Bedeutungslosigkeit repräsentiert. Sie können allerdings eine indirekte Bedeutung mit sich tragen.17 In diesem Fall markieren die Details eine wohlhabendere Vergangenheit und den Verfall: „[.]souvenirs d'un temps meilleur et d'un luxe évanoui.“18

Die Gesamtheit des Absatzes zeugt von der kleinen Welt des Menschen in diesem Werk. Die Situation spielt sich in einer bedeutungslosen Stadt in der Normandie ab. Die räumliche Situa­tion verstärkt den Eindruck einer gewissen Einfältigkeit auf dem Land, wo die anderen Diene­rinnen Félicités Art beneideten, den Kessel zu polieren.19 In dieser Hinsicht ähnelt der Text wieder Madame Bovary, worin menschliche Einschränkungen und deren Folgen untersucht werden. Es ist eine schmerzhafte Studie über die menschlichen Grenzen und die spirituelle Iso­lation, die sie auferlegen können.

Madame Aubain funktioniert wie eine Marionette, durch die Flaubert seine Einstellung zur Bourgeoisie des 19. Jahrhunderts ausdrückt. Er schafft es, durch seine wechselhaft deutliche und wieder vermeintliche Ironie seine Meinung zu Dingen auszudrücken, ohne es wirklich zu tun. Er ist der Verfechter der Impartialité in der Literatur: „Je ne crois même pas que le roman­cier doive communiquer son opinion sur les choses de ce monde. Il peut la communiquer, mais je n'aime pas a ce qu'il la dise.“20

Viele subjektive Anmerkungen sind bei genauer Sicht aufs Detail wahrzunehmen. So macht die Erzählung eine Bestandaufnahme der Beziehungen von Madame Aubain: Sie empfängt Herren, die zum Spielen kommen, u. a. den Marquis de Grémonville, ein ruinierter Adeliger, „ruiné par la crapule.“21 „La crapule“ ist nach der Definition des Larousse ein „Ensemble des gens qui vivent dans la débauche et la malhonnêteté“22 und somit in Bezug auf die Französische Revo­lution eine deutlich konterrevolutionäre Sprache. Da es sich um eine erlebte Rede handelt, spie­gelt der Ausdruck den Blick Flauberts auf die Politik des Kleinbürgertums im ironischen Sinne wider. Es folgen die Porträts des Marquis, des Repräsentanten der Bourgeoisie und Monsieur Bourais: Hier wird wieder mit der Namensgebung gespielt. „Bourais“ erinnert an „Bovary“. Es ist ein schwerer Name. Die Figur hat alles vom mittelmäßigen Bourgeois: „[.. ,]craignait tou- jours de se compromettre, respectait infiniment la magistrature, avait des prétentions au latin.“23 Der Charakter hat etwas Liebenswürdiges an sich. Wie sich später herausstellt, handelt es sich um eine trügerische Liebenswürdigkeit (s. hierzu Kapitel 1.1, S. 4).

Ein weiteres Merkmal der Relevanz der Klassenunterschiede sieht man in Form der Ankunft des Papageis Loulou. Er wird von Madame de Larsonnière (Repräsentantin der Aristokratie) an Madame Aubain (Bourgeoisie) verschenkt, die ihn wiederum an Félicité (Proletariat) weiter­gibt. Der Papagei wird unter dem Zeichen der Überbrückungspassage präsentiert. Er wird von Hand zu Hand gereicht und durchbricht dabei die sozialen Klassen. Dabei geht er über die so­zialen Klassen hinaus, überquert die Spaltung und endet in den Händen Félicités. Sofort wird der Papagei als jemand dargestellt, der transzendiert, der die schwierigsten Grenzen überschrei­tet: die sozialen Grenzen, die noch in Zeiten des 19. Jahrhunderts relativ luftdicht koexistieren. Es folgt eine Animation des Porträts, das sich um die Beziehung Loulous mit der menschlichen Gesellschaft dreht: der Mikrokosmos, der sich um Madame Aubin dreht. Der Papagei nimmt den Lebensraum von Madame Aubain ein. „[...]il cognait les vitres avec ses ailes, et démenait si furieusement qu'il était impossible de s'entendre.“24 Mit dem Papagei wird eine Art der Furie verbunden, die die gute Ordnung der bourgeoisen Gesellschaft stört. Die allegorische Notion der Flügel, die gegen das Fenster schlagen, zeigt den Wunsch, einen zu kleinen Raum verlassen zu wollen.

Erneut wird die Figur von Bourais zum Objekt einer Satire: Das Lachen von Loulou, das Bourais in ihm weckt, funktioniert wie ein göttliches Urteil über die Sinnlosigkeit des Lebens von Bourais. Der Papagei nimmt eine übernatürliche Dimension ein und denunziert die Eitelkeit Bourais‘ durch sein Lachen. Es ist eine Art Bestrafung, weil Bourais Félicité erniedrigt hat (s. hierzu Kapitel 1.1,S. 4). Der Papagei lacht so sehr, dass Bourais gezwungen ist, sich zu verste­cken, um den höhnischen Blicken Loulous zu entkommen.25 Dieser scheint durch sein Verhal­ten und die Nachplapperei wie ein Instrument der Kritik an der Bourgeoisie sowie deren Mit­telmäßigkeit zu agieren.

1.3 Funktion in der Dysfunktionalität

Loulou repräsentiert nicht nur die Thematiken der bourgeoisen Gesellschaft. So ist er Vertreter vieler Bereiche, die Flaubert zu beschäftigen scheinen. Es handelt sich hier um eine vollständige Figur, die einen Namen, eine Persönlichkeit und ein Leben hat. ,Loulou‘ ist ein Name mit einer doppelten Silbe. Daraus erklingt eine Form der Zärtlichkeit sowie (und das ist der Widerspruch in der Sprache) der Grausamkeit für das Tier. In ,Loulou‘ lässt sich ebenfalls die Erwähnung des grausamen Tieres ,le loup‘, der Wolf, erkennen. Letztlich wird sich am Verhalten von Loulou bestätigen, dass eine bestimmte Wildheit im Charakter des Papageis liegt.

Loulou wird auf eine kurze Art und Weise beschrieben, mit vielen simplen Merkmalen, die die Farben seiner Federtracht wertschätzen. Was hier hervorsticht, ist die Nüchternheit der Ausfüh­rung. Es entsteht der Eindruck, Flaubert arbeite in Rückhaltung. Er ist durchaus imstande, de­tailreicher zu definieren, zieht es aber vor, sich auf einige wenige, generelle Bemerkungen über die Buntheit der Figur - ,vert, rose, bleu, dorée‘26 - zu beschränken. Man verspürt fast eine Art der Überraschung. Letztendlich kommen einige Elemente der Bildlichkeit zustande. Es erinnert an eine elementare Beschreibung eines zoologischen Bildes, wie ein enzyklopädisches Wörter­buch. Die Erzählung unterstreicht den Kontrast zwischen der bildlichen Schönheit des Tieres und dem wilden, indisziplinierten Verhalten. Darauf folgt eine Aufzählung unordentlicher Ak­tionen: Das Bild des ersten Paragrafen wird lebendig, um der Flut der Unordnung Platz zu

[...]


1 Vgl. Thibaudet, Albert, Gustave Flaubert, Paris: Gallimard 1935, S. 202.

2 Vgl. Vinken, Barbara, Trois Contes, Berlin/Boston: De Gruyter 2020, S. 4.

3 Flaubert, Gustave, Correspondance. Précédé de Souvenirs intimes. IV. 1869 - 1880 / par Mme Caroline Com- manville, Paris: Charpentier 1893, S. 216.

4 Thibaudet, Albert, Gustave Flaubert, Paris: Gallimard 1935, S. 196.

5 Ebd.

6 Vgl. Schulz-Buschhaus, Ulrich Flaubert - Die Rhetorik des Schweigens und die Poetik des Zitats, Münster: Lit 1995, S. 87.

7 Flaubert, Gustave: Trois Contes, Paris: Gallimard, 1999, S. 22. Zitate aus diesem Werk werden im Folgenden mit der Sigle „TC“ und der jeweiligen Seitenzahl zitiert.

8 TC, S. 21 f.

9 Vgl. Vinken, Barbara: Flaubert, Fischer: Frankfurt am Main 2009, S. 383.

10 Vgl. Flaubert, Gustave: Madame Bovary, Diogenes: Zürich 1987, S. 178 f.

11 TC, S. 69 f.

12 TC, S. 48.

13 TC, S. 49.

14 TC, S. 19.

15 Vgl. Vinken, Barbara : Flaubert, Fischer: Frankfurt am Main 2009, S. 383.

16 TC, S. 20.

17 Vgl. Barthes, Roland: L'Effet du Réel, in: Communications, 11, 1968, S. 84 (https://doi.org/10.34Q6/comm.1968.1158, zuletzt aufgerufen am 28.07.2021).

18 TC, S. 21.

19 Vgl. TC, S. 21.

20 https://flaubert.univ-rouen.fr/jet/public/correspondance/trans.php?action=M&corpus=correspon- dance&id=11266&mot=, zuletzt aufgerufen am 15.07.2021.

21 TC, S. 28.

22 https://www.larousse.fr/dictionnaires/francais/crapule/20210, zuletzt aufgerufen am 09.05.2021.

23 TC, S. 29.

24 TC, S. 62.

25 Vgl. TC, S. 63.

26 Vgl. TC, S. 61.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Zur Figur der Félicité aus "Un coeur simple". Eine fromme Heldin der Moderne?
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Romanische Philologie)
Note
1,3
Autor
Jahr
2021
Seiten
24
Katalognummer
V1140635
ISBN (eBook)
9783346516251
ISBN (Buch)
9783346516268
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Flaubert, Literaturwissenschaft, Trois Contes
Arbeit zitieren
Sophia Guckenberger (Autor:in), 2021, Zur Figur der Félicité aus "Un coeur simple". Eine fromme Heldin der Moderne?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1140635

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