Diese Arbeit untersucht die Frage: „Die Figur der Félicité aus Un cœur simple – eine fromme Heldin der Moderne?“ Dabei wird auf die besondere Art der Heldenhaftigkeit und der Frömmigkeit von Félicité unter der besonderen Poetik Flauberts eingegangen. Mithilfe ihrer Wegbegleiter, die Félicités Schicksal auf unterschiedliche Art und Weise beeinflussen, werden Félicités Charakterzüge, Entscheidungen und ihre vielfältige Fähigkeit, zu lieben, analysiert: Ihre romantische Liebe zu einem Mann, ihre mütterliche Liebe zur kleinen Virginie, die ihr anvertraut wird, zu ihrem Neffen Victor und dem Papageien Loulou und schlussendlich ihre freundschaftliche Liebe zu ihrer Dienstherrin, Madame Aubain. Die Erkenntnisse werden in einem Fazit zusammengefasst.
Gustave Flauberts (1821–1880) Trois Contes ist aufgrund des Formats der einzelnen drei Erzählungen einerseits ein atypisches Werk für diesen Autor. Er ist für seine Romane bekannt. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Buchs im Jahr 1877 liegt beinahe sein gesamtes Lebenswerk schon hinter ihm. Andererseits finden sich viele typische Flaubertsche Elemente wieder. Beispielsweise erhält die erste der drei Erzählungen, Un coeur simple, um die es sich bei dieser Arbeit drehen wird, zahlreiche Verknüpfungen zu seinem erfolgreichsten Roman Madame Bovary, den er zwanzig Jahre zuvor veröffentlichte.
Die Kunst von Flaubert bleibt in vielerlei Hinsicht nicht verborgen. Trotzdem lässt sich im Vergleich ein dunklerer Schreibstil wahrnehmen, mit Hinblick auf die Tatsache, dass es sich hier um das letzte Buch seines Lebens handelt (Bouvard et Pécuchet blieb unvollendet und wurde erst nach Flauberts Tod veröffentlicht). 1875, das Jahr, in dem er die Trois Contes verfasst, ist sein Schwiegersohn finanziell ruiniert. Flaubert ist gezwungen, ihm zu helfen und sich damit selbst in finanzielle Schwierigkeiten zu begeben.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Hauptteil
1 Im Zeichen der (vermeintlichen) Ironie
1.1 Eine fragwürdige Heldin
1.2 Kritik des Kleinbürgertums
1.3 Funktion in der Dysfunktionalität
1.4 Eine vielfältige Liebe
2 Eine unkonventionelle Heldin
2.1 Eine andere Art der Heldenhaftigkeit
2.2 Eine andere Art des Glaubens
3 Spiel mit der Zeit
4 Metamorphose
4.1 Der Tod
4.2 Die Apotheose
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die zentrale Forschungsfrage, ob die Figur der Félicité aus Gustave Flauberts Erzählung „Un cœur simple“ als eine fromme Heldin der Moderne betrachtet werden kann. Dabei wird analysiert, wie Flaubert durch seine spezifische Poetik, den Einsatz von Ironie sowie die Darstellung von Félicités Naivität und ihrer vielfältigen Liebesbeziehungen eine ambivalente Protagonistin erschafft, die trotz ihrer sozialen Schlichtheit eine Form von Heldenhaftigkeit verkörpert.
- Analyse der Protagonistin Félicité im Kontext der (vermeintlichen) Ironie Flauberts.
- Untersuchung der kritischen Auseinandersetzung mit dem Kleinbürgertum des 19. Jahrhunderts.
- Bedeutung der ambivalenten Rolle des Papageis Loulou als zentrales Symbol.
- Die Darstellung von Frömmigkeit und Heldenhaftigkeit jenseits konventioneller Maßstäbe.
- Intertextuelle Verknüpfungen und die Rolle von Zeitlichkeit und Tod in der Erzählung.
Auszug aus dem Buch
1.1 Eine fragwürdige Heldin
Der unbestimmte Artikel ‚Un‘ im Titel platziert die Figur in die Sphäre des Anonymen. Félicité wird direkt durch eine Periphrase beschrieben, die mit einem unbestimmten Artikel assoziiert ist: ‚Un cœur simple‘. Es handelt sich nicht um ‚Le cœur simple‘, was einer Wertschätzung des Charakters entspräche, sondern um eine absichtliche Unterbewertung: eine Verallgemeinerung ein Abschwächungseffekt, als ginge es hauptsächlich darum, den Charakter eben nicht durch den Titel zu heroisieren. Sie ist ‚Un cœur simple‘ unter vielen anderen.
Félicité gelangt nicht zur Namensgebung im Titel und damit auf den Rang der Legendenfiguren, die man identifizieren könnte (wie es der Fall bei La légende de Saint Julien L‘Hospitalier und Hérodias ist, die Titel der anderen beiden Erzählungen im Buch). Es folgt eine Synekdoche, die den Charakter beschreibt, dessen fundamentale Eigenschaft ihr Herz – ‚cœur‘ – ist und eine besondere Großzügigkeit sowie Sensibilität der Heldin impliziert.
‚Simple‘ ist ein Attribut, das sofort die Eigenschaft oder essenzielle Tugend in den Vordergrund stellt: die Bescheidenheit. Das Adjektiv ‚simple‘ kann viele Konnotationen mit sich tragen: Es suggeriert ebenso die Naivität. Zudem ist es ein Euphemismus der bourgeoisen Sprache, um die Armut zu beschreiben. Schon von Anfang an steht die Paradoxie im Vordergrund. Es handelt sich um einen widersprüchlichen Charakter in Bezug auf die Kriterien eines Märchens. Das heißt, es ist ein antiromantisches, unheroisches Individuum. Was kann bloß Ergreifendes einer Persönlichkeit passieren, die so mechanisch dargestellt wird, als wäre sie aus Holz? Es entsteht eine Form der Neugier um die Figur, da so sehr auf ihrer Banalität bestanden wird. Durch diese Paradoxie wird Félicité interessant.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Im Zeichen der (vermeintlichen) Ironie: Dieses Kapitel analysiert Félicités Rolle als vermeintlich unheroische Figur und untersucht Flauberts Kritik am Kleinbürgertum sowie die Funktion des Papageis Loulou.
2 Eine unkonventionelle Heldin: Hier wird Félicités spezifische Form der Heldenhaftigkeit durch altruistisches Handeln und ihre eigenwillige, vom Dogma losgelöste Frömmigkeit beleuchtet.
3 Spiel mit der Zeit: Der Fokus liegt auf der Rhythmisierung des Lebens durch tragische Ereignisse und präzise historische Daten, die eine monotone Unbedeutendheit unterstreichen.
4 Metamorphose: Dieses Kapitel behandelt das Thema Tod sowie die finale Apotheose durch die Ausstopfung des Papageis, was Félicités Suche nach einer Verbindung zwischen dem Materiellen und Übernatürlichen symbolisiert.
Schlüsselwörter
Félicité, Gustave Flaubert, Un cœur simple, Ironie, Kleinbürgertum, Loulou, Frömmigkeit, Heldenhaftigkeit, Moderne, Poetik, Naivität, 19. Jahrhundert, Intertextualität, Symbolismus, Metamorphose.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Bachelorarbeit beschäftigt sich mit der Erzählung „Un cœur simple“ von Gustave Flaubert und analysiert die Protagonistin Félicité hinsichtlich ihrer Rolle als Heldin im Kontext der Moderne.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die Darstellung von Ironie, die Gesellschaftskritik am Kleinbürgertum, die Natur der Frömmigkeit und die Symbolik des Papageis Loulou.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist zu ergründen, wie Flaubert Félicité als „fromme Heldin der Moderne“ inszeniert und wie er ihre spezifische Art der Heldenhaftigkeit und Frömmigkeit durch seine literarische Technik gestaltet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine tiefgehende literaturwissenschaftliche Analyse des Primärtextes unter Einbeziehung relevanter Sekundärliteratur zu Flauberts Poetik und Werk.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Félicités Charakter, die Kritik an sozialen Strukturen, die Rolle ihrer Liebesbeziehungen, die Zeitgestaltung in der Erzählung und die Metamorphose im vierten Kapitel.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Félicité, Ironie, Frömmigkeit, Flauberts Poetik, Heldenhaftigkeit und die Figur des Papageis Loulou.
Welche Bedeutung hat der Papagei Loulou für Félicité?
Loulou dient als zentrales Identifikationsobjekt und Bindeglied zwischen Félicités irdischem Leben und ihrem spirituellen Glauben, der weitgehend außerhalb kirchlicher Dogmen existiert.
Wie bewertet die Arbeit Flauberts Umgang mit dem Begriff „simple“?
Die Arbeit zeigt, dass „simple“ nicht bloß als Naivität zu verstehen ist, sondern Félicités Fähigkeit beschreibt, komplexe religiöse und emotionale Konzepte auf eine konkrete, irdische Ebene herunterzubrechen.
- Arbeit zitieren
- Sophia Guckenberger (Autor:in), 2021, Zur Figur der Félicité aus "Un coeur simple". Eine fromme Heldin der Moderne?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1140635