Bildbeschreibung / Bildanalyse bei Vasari


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

24 Seiten, Note: 3


Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung:

2. Die beiden Ausgaben: 1550 und 1568

3. Aufbau der Viten:

4. Bildanalyse/Bildbeschreibung bei Vasari:
4.1 Leonardo da Vinci, Mona Lisa um (1503):
4.2 Raffael „Schule von Athen“(1509-1510):
4.3 Michelangelo „David“ (1501-1504):
4. 4 Masaccio „Der Zinsgroschen“ (um 1424-1428):

5. Giovanni Pietro Bellori (1613-1696):
5.1 Domenichino „Kommunion des Heiligen Hieronymus“ (1614):

6. André Félibien (1619-1695):
6.1 Nicolas Poussin „Mannalese“ (1639)

7. Résumé:

8. Literaturverzeichnis:

1. Einleitung:

Giorgio Vasari (1511-1574), ein humanistisch gebildeter Maler und Baumeister, veröffentlichte um 1550 erstmals ein Werk, welches Geschichte und Kunst verbindet und versucht deren Entwicklung darzustellen. Er gilt daher als Begründer einer neuen Gattung und wird vom Wiener Kunsthistoriker und Quellenforscher Julius von Schlosser als „Vater der Kunstgeschichte“ bezeichnet[1]. Geschrieben ist das Werk aus seiner Sicht als Maler und richtet sich in erster Linie an Künstler.[2] Er traf die Auswahl der „ausgezeichnetsten“ Künstler selbst und beurteilt sie ohne andere Meinungen dazu einzuholen. Insofern handelt es sich nicht um ein kunstkritisches Werk. Vasaris Viten[3] behandeln neben dem Leben der Künstler an sich auch Informationen zu ihren Werken. Warum diese aus heutiger Sicht nicht als Bildbeschreibungen bezeichnet werden können, soll anhand ausgewählter Beispiele aus seinem Buch dargelegt werden. Darüber hinaus soll untersucht werden, wie es sich mit den Bildbeschreibungen bei den nachfolgenden kunsttheoretischen Schriften von Bellori und Félibien verhält. Schlussendlich geht es um den jeweiligen Beitrag dieser unterschiedlichen Autoren, zur heutigen wissenschaftlichen Bildbeschreibung zu gelangen. Anfangs wird sich diese Arbeit allgemein mit dem Werk Vasaris beschäftigen um den Rahmen der „Bildbeschreibungen“ darzustellen und um Vasaris Ansichten zur Kunst kennen zu lernen.

2. Die beiden Ausgaben: 1550 und 1568

Im April 1550 erscheint die erste Ausgabe der „Lebensbeschreibungen“ auf zwei Bände verteilt im Quartformat mit insgesamt 922 Seiten[4]. Sie trägt den Titel „Lebensbeschreibungen der ausgezeichnetsten italienischen Baumeister, Maler und Bildhauer von Cimabue bis in unsere Zeit, in toskanischer Sprache von Giorgio Vasari, Maler aus Arezzo, geschrieben mit einer hilfreichen und nützlichen Einführung in die Kunst“. Welchen Zweck Vasari mit seinem Werk verfolgt, ist bereits dem Titel zu entnehmen. Da es sich um „Lebensbeschreibungen“ handelt, geht es in erster Linie um den Künstler selbst, sein Leben und seine Persönlichkeit und wie dieses Einfluss auf sein Schaffen nahm und natürlich auch um seinen Beitrag zur Entwicklung der Kunst. Dass Vasari sich so intensiv mit dem Leben und dem Charakter des Künstlers auseinandersetzt ist nicht ungewöhnlich. Dieser Personenkult ist nicht seine Erfindung, sondern setzt in Italien bereits mit dem 12. und 13. Jahrhundert ein.[5] Da Vasari sich als Maler im Titel nennt, gibt er Aufschluss über die Perspektive, aus der seine Schrift verfasst wurde, nämlich weniger aus der Sicht eines Gelehrten, als von jemandem, der sich mit den technischen Fertigkeiten der Kunst auskennt. Hinzu kommt, dass Vasari in toskanischer Sprache schreibt. Dies zeigt, dass er sich nicht nur an Gelehrte richtet, sondern eher an die Künstler, die selten so gebildet waren, wie es der Autor selbst war. Verleger des Buches ist Torrentino, daher stammt die Bezeichnung Torrentiniana für die erste Ausgabe der Viten.[6] Anfang des Jahres 1568 erscheint die zweite Ausgabe mit dem Titel: „Lebensbeschreibungen der ausgezeichnetsten Baumeister, Maler und Bildhauer, geschrieben von Giorgio Vasari, Maler und Architekt aus Arezzo, überarbeitet vom Autor persönlich, bereichert durch Künstlerporträts und seit dem Jahre 1550 bis 1567 um weitere Biographien von lebenden und verstorbenen Künstlern erweitert“. Hier können wir dem Titel Neuerungen entnehmen. Zunächst einmal ist auffällig, dass Vasari sich hier nicht nur als Maler, sondern auch als Architekt ausgibt. Dies spricht für das gewachsene Selbstbewusstsein des Autors. Des weiteren werden Künstlerporträts erwähnt. Hierbei handelt es sich um Holzschnitte, die am Anfang einer jeden Biographie stehen. Die zweite Auflage erscheint in 3 Bänden, ebenfalls im Quartformat mit insgesamt 1012 Seiten und 4 Inhaltsverzeichnissen. Auch sie ist nach ihrem Verleger benannt worden und zwar als Giuntina. Ziel dieser zweiten Ausgabe war es das neue Material Vasaris, welches sich in den achtzehn Jahren zwischen den beiden Ausgaben angesammelt hatte, in das neue Werk einzugliedern, ohne die bestehende Struktur zu verändern. Im Gegensatz zu seiner ersten Ausgabe, deren Künstler bis auf Michelangelo zu diesem Zeitpunkt längst verstorben waren, befasst sich Vasari nun mit seinen Zeitgenossen. Hier sind u.a. zu nennen Primaticcio, Tizian, Sansovino, Künstler aus der Lombardei und aus Ferrara[7]. An den Schluss fügt er seine eigene Autobiographie, an dieselbe Stelle die er Michelangelo in der ersten Ausgabe zugedacht hatte. Dadurch bekundet er auch seinen eigenen Anteil an der Geschichte der Kunst. In der zweiten Auflage scheint sich auch seine Sicht der Kunstentwicklung zu ändern. Er scheint von der Idee abgekommen zu sein, dass sich die Entwicklung zwangsläufig bis hin zu einer Perfektion vollzieht, auf die ein Niedergang folgt. Durch das Einbeziehen der zeitgenössischen Künstler zeigt er Vertrauen in deren Wert[8].

3. Aufbau der Viten:

Die erste Ausgabe des Buches beginnt mit der Widmung an Cosimo I., in dem er schreibt: „.deshalb scheint es mir, es werde Euch die Mühe wohlgefallen, welche ich angewandt habe, die Lebensereignisse, Arbeiten, Verfahrensweisen und Verhältnisse all derer aufzuzeichnen, welche jene einst erloschenen Künste zuerst wieder erweckt, darauf allmählich vervollkommnet und bereichert, und endlich zu der Stufe der Herrlichkeit und Hoheit gebracht haben, zu welcher sie in unseren Tagen gelangt sind[9].“ In dieser Widmung drückt sich Vasaris Ziel aus, den Ruhm der verstorbenen Künstler zu bewahren. Daran schließt sich eine zweite Widmung zu Ehren der Meister der Zeichenkünste, die die von Benedetto Varchi[10] begonnene Debatte über den Vergleich von Malerei und Bildhauerei aufgreift, welche der beiden Künste der anderen überlegen sei. „Doch weil ich glaube, dass die Bildhauer mit zuviel Vermessenheit und die Maler mit zuviel Verachtung gesprochen haben, so sage ich also, dass die Bildhauerei und die Malerei in Wahrheit Schwestern sind, die von einer Mutter, nämlich der Zeichnung, herstammen und die gleichzeitig auf die Welt gekommen sind. Und keine von beiden Künsten übertrifft die andere."[11] Somit macht er deutlich, dass für ihn die Meister der drei Gattungen auf einer Stufe miteinander stehen. Bevor nun die „Lebensbeschreibungen“ beginnen, die sich an die klassische und humanistische Biographie anlehnen, gibt uns Vasari eine Abhandlung über die „drei Künste der Zeichenkunst“, also der Architektur, Malerei und Bildhauerei. Nun folgen die 187 Biographien, eingeteilt in drei Epochen. Den Anfange macht die prima età[12], beginnend mit Cimabue, der nach Vasari die Kunst wiedererweckte. In diese Phase gehören u.a. auch Nicola und Giovanni Pisano, Giotto, Buanamico Buffalmacco, Simone Martini und Duccio di Buoninsegna. Für Vasari beginnt die Überwindung der „griechischen Manier“ in der Malerei zunächst durch Cimabue und wird von Giotto weiterentwickelt. Fortschritte sieht er in der Aufgabe von Umrisslinien und spitz gezeichneten Händen und Füßen, sowie der Schattenlosigkeit. Die Haltung der Figuren wird verbessert, Kolorit, Perspektive und Verkürzung und außerdem der Ausdruck[13]. Danach die zweite Epoche, die seconda età (Quattrocento), deren wichtigste Vertreter waren Brunelleschi für die Architektur, Donatello für die Bildhauerei und Masaccio für die Malerei. In dieser Zeit verbessert sich in der Malerei nach Vasari die Komposition, indem sie mit mehr Figuren ausgestattet wird. Die Zeichnung lehnt sich mehr und mehr an die Natur an und auch in der Verwendung des Kolorits sieht er eine Entwicklung[14]. Den Schluss bildet die dritte Epoche, die terza età (Cinquecento), die mit Leonardo beginnend über Raffael verläuft und mit Michelangelo endet. Michelangelo hat für Vasari in allen Bereichen der Kunst Perfektion erreicht „... da beschloss er, um uns von so vielen Irrtümern zu erlösen, einen Geist zur Erde zu senden, der allvermögend in jeder Kunst und jedem Beruf sei; der durch sich allein dartun könne, was Vollkommenheit der Kunst der Zeichnung sei in Entwurf, Umriß, Licht und Schatten, um in der Malerei den Dingen Relief zu verleihen; der die Bildhauerei nach richtiger Einsicht zu üben und durch Kenntnis der Baukunst Wohnungen bequem, sicher, gesund, heiter, nach richtigem Verhältnis und reich an mancherlei Schmuck aufzuführen wisse. Zudem gab er ihm wahre Philosophie und die holde Dichtkunst, damit die Welt ihn im Leben, im Wirken, in der Frömmigkeit der Sitten und in allen menschliche Handlungen als ihr höchst seltenes Vorbild wählte und bewunderte und dass er von uns mehr ein himmlisches denn ein irdisches Gut genannt werde. Und da er sah, dass in solcherlei Fertigkeiten und besonders in diesen ganz eigentümlichen Künsten, das heisst in Malerei, Bildhauerei und Architektur, sich die Geister Toskanas stets weit über die anderen erhoben haben, indem sie mehr als irgendein Stamm Italiens Fleiss und Studium in allen Bereichen aufwenden, wählte er Florenz, die würdigste vor den übrigen Städten, zu seiner Heimat, um dort die wohlverdiente Vollendung allen Vermögens schliesslich in einem ihrer Bürger gipfeln zu lassen[15].“ Diese drei Perioden repräsentieren die drei Stufen der Entwicklung der Kunst. Die erste ist die Emanzipation. Sie steht für die Überwindung des Mittelalters der maniera tedesca. Die zweite steht für die Reifung der Kunst und die dritte steht für die Perfektion, der perfetta maniera[16]. Somit ist eine Einteilung in Stilepochen gegeben. Vasari hat das Bild von Wachstum und Blüte der Natur auf die Kunst übertragen, die mit Cimabue neu erweckt wurde, dann gereift ist bis hin zur Perfektion, die durch Michelangelo verkörpert wird, dem sich nach Meinung des Autors der Niedergang zwangsläufig anschließen würde, da Vasari der Überzeugung war, Michelangelo habe sogar die Antike überwunden[17]. Dieses Bild der drei Zeitalter Blüte, Verfall und Neubeginn, die er als Grundlage seiner Kunstentwicklung verwendet, wurde bereits von Plinius benutzt. Die naturgetreue Abbildung, die für Vasari ein wichtiges Kriterium zur Beurteilung von Kunstwerken ist, findet sich bereits in den Schriften von Platon, in denen er sich mit dem nachahmenden Charakter der Kunst beschäftigt. Zu den einzelnen Biographien ist zu sagen, dass sie mit einer moralisierenden Einführung beginnen, die uns erzählt wie dem Künstler durch die Kräfte des Himmels sein ingenio, seine Begabung, verliehen wurde. Daraufhin erfahren wir von der Geburt, der Erziehung, dem Werdegang, bis hin zu den Kunstwerken und deren Besonderheit. Hier finden wir auch amüsante Anekdoten über den Charakter und die Eigenheiten des Künstlers, die den Text auflockern. Am Ende einer jeden Biographie geht Vasari auf die Künstler ein, die aus jener betreffenden Werkstatt hervorgingen. Schlussendlich erwähnt er das Datum des Todes jenes Künstlers und seine Grabinschrift. Wie wir der Vite Michelangelos entnehmen können, lobt er die jeweiligen technischen Fertigkeiten eines jeden Künstlers getrennt von den Beschreibungen seiner Werke. Ferner gibt uns der o.g. Textauszug Auskunft darüber, welche Funktion die Biographien inne haben. Sie dienen als nachahmenswerte sittliche Vorbilder. Darüber hinaus kommt der starke Lokalpatriotismus Vasaris zum Ausdruck, der sich außerdem in seiner Auswahl der Künstler bestätigt, da diese sämtlich aus der Toskana stammen, zumindest in der ersten Ausgabe. Eine Gesamtansicht der Viten Vasaris zeigt, dass sie aus verschiedenen Teilen zusammengesetzt sind. Zum einen aus der Biographie berühmter Männer, wie sie bereits seit der Antike z. B. von Plutarch bekannt ist. Zum anderen aus „Beschreibungen“ von Werken auf die im folgenden noch eingegangen werden soll. Sowie aus Einleitungen zu jedem Teil in der er die Stilentwicklung unter dem Gesichtspunkt der drei Zeitalter von Plinius untersucht und schließlich aus den technischen Vorwörtern[18]. Im folgenden sollen nun die Werkbesprechungen gesondert untersucht werden.

[...]


[1] Vasari 1993 Nachwort S. 493-496

[2] Vasari 1916 Schlußwort an die Künstler S. 26

[3] Vite de´più eccelenti architetti, pittori, et scultori italiani, da cimabue insino a´tempi nostri. descrite in lingua Toscana, da Giorgio Vasri Pittore Aretino. Con una sua utile & neccessaria introduzzione a le arti loro (1550)

[4] LeMollé 1998 S. 119

[5] Ibid. S. 150

[6] Titelblatt der Ausgabe von 1550 siehe S. 25

[7] LeMollé 1998 S. 121f

[8] LeMollé 1998 S. 123

[9] Zitat aus Le Mollé 1998 S. 107

[10] Literat und Philosoph Varchi (1503-1565), seit 1547 offizieller Geschichtsschreiber Cosmisos I. de´Medicis, führte eine Umfrage unter den bedeutendsten Florentiner Malern und Bildhauern zum Primat der Künste der Malerei und Bildhauerei durch, über die er am 13.03.1547 eine Vorlesung in der Florentiner Akademie hielt.

[11] Zitat aus Le Mollé 1998 S. 175

[12] italien. „Alter, Zeitalter“

[13] Vasari 1916 S. 38f

[14] Ibid. S. 42

[15] Vasari 1993 S. 481f

[16] Le Mollé 1998 S. 116f

[17] Kultermann 1998 S. 65

[18] Alpers 1995 S. 220

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Bildbeschreibung / Bildanalyse bei Vasari
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Kunstgeschichtliches Institut)
Veranstaltung
Staatsdienst oder Kunstautonomie? Die Vorträge der Maler in der königlichen Akademie zu Paris
Note
3
Autor
Jahr
2002
Seiten
24
Katalognummer
V11408
ISBN (eBook)
9783638175807
ISBN (Buch)
9783638698283
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bildbeschreibung, Bildanalyse, Vasari, Staatsdienst, Kunstautonomie, Vorträge, Maler, Akademie, Paris
Arbeit zitieren
Dana Bohlender (Autor), 2002, Bildbeschreibung / Bildanalyse bei Vasari, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/11408

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