Der Begriff der Emanzipation in der Tradition von Karl Marx

Eine Analyse seiner Rezension von "Zur Judenfrage" (1843) von Bruno Bauer


Hausarbeit, 2018

13 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Karl Marx Darstellung und Auseinandersetzung Bruno Bauers in „Zur Judenfrage“ (1843)
2.1.) Exkurs: Staatliche Verhältnisse in Deutschland, Frankreich und den Vereinigten Staaten um 1840
2.2.) Die tiefe Bedeutung der Grund- und Menschenrechte für die politische Emanzipation und ihr Verhältnis zur Religion
2.3.) Das Recht der Freiheit und des Privateigentums
2.4.) Die politische Revolution und die Befreiung aus der Feudalität

3.) Fazit

4.) Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Emanzipation. Im römischen Recht bedeutete ‹E.› allgemein die Freilassung von Sklaven, näherhin das Rechtsgeschäft der Entlassung des erwachsenen Sohnes aus väterlicher Gewalt. War die E. von Sklaven und Leibeigenen im Altertum und Mittelalter meist ein individueller Akt, so bedeutet E. in ihrem modernen Sinn die Selbstbefreiung oder Entlassung gesellschaftlicher Gruppen aus geistiger, rechtlicher, sozialer oder politischer Bevormundung, Benachteiligung oder als Unrecht empfundener Herrschaft.“1

Emanzipation ist seit Jahrhunderten ein Begriff, der die Menschheit prägt und in vielerlei Hinsicht verwendet wird. Im römischen Reich war die Bedeutung primär die Freilassung der Sklaven, heute wird es im Volksmund weitestgehend für die Gleichstellung der Frau gegenüber dem Mann verwendet. Die Bedeutungsverschiebung des Begriffes erfolgte im 17. Und 18. Jahrhundert und aus der bloßen Bedeutung der Freilassung wurde eine Bedeutung der Selbstbefreiung, insbesondere im politischen und gesellschaftlichen Sinne. Im philosophischen Sinne steht die Bedeutung der Mündigkeit, welche eine Selbstbefreiung in jeglicher Hinsicht erst ermöglicht, vordergründig. Mündigkeit beschreibt dahingehend die Selbstbestimmung und Eigenverantwortung der Individuen, welche sie zur Unabhängigkeit führt. Besonders Immanuel Kant prägte diese Bedeutung, in seinem Text „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“, immens. Dort schrieb er im Jahr 1785:

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“2

Aber nicht nur Kant hat sich ausgiebig mit der Emanzipation bzw. der Aufklärung auseinandergesetzt, auch viele andere Philosophen haben sich zu diesem Themenbereich geäußert. Darunter auch Karl Marx, um dessen Emanzipationsbegriff es in dieser Arbeit hauptsächlich gehen soll. Er beschäftigte sich mit dem Thema besonders im Hinblick auf das Judentum in der Gesellschaft und in der Politik. In der Abhandlung „Zur Judenfrage“ aus dem Jahr 1848 von Karl Marx, rezensierte er die Texte „Die Judenfrage“ und „Die Fähigkeit der heutigen Juden und Christen, frei zu werden“ von Bruno Bauer.

„Alle Emanzipation ist Zurückführung der menschlichen Welt, der Verhältnisse, auf den Menschen selbst.“3

Karl Marx setzte sich diesbezüglich speziell mit den Texten des Philosophen Bruno Bauer auseinander und widmet sich der Frage nach politischer und menschlicher Emanzipation, sowie der Diskrepanz zwischen politischem Staat und bürgerlicher Gesellschaft. Diese Rezension der Texte soll in dieser Arbeit, hinsichtlich der Frage inwiefern sich daraus ein Emanzipationsbegriff ableiten lässt, analysiert werden. Weiterhin wird untersucht, welche Rolle der Staat dabei einnimmt. Folglich beginnt diese Arbeit mit der Auseinandersetzung und Darstellung der Texte von Bruno Bauer in der Rezension von Karl Marx „Zur Judenfrage“.

2. Karl Marx Darstellung und Auseinandersetzung Bruno Bauers in „Zur Judenfrage“ (1843)

Die große Frage in „die Judenfrage“ von Bruno Bauer sei, wie die Juden in einem christlichen Staat emanzipiert werden könnten. Eingangs beschreibe er, dass dies keineswegs möglich wäre, da Christen selbst nicht emanzipiert seien. Bauer versuche eine Lösung zu finden, wie Jüdinnen und Juden emanzipiert werden könnten. Vorerst komme er zu dem Schluss, dass dies nicht möglich sei, „Solange der Staat christlich und der Jude jüdisch ist […]“4. Im Vordergrund seiner Untersuchungen stehe also der Gegensatz zwischen den Religionen. Die Lösung der Judenfrage sei für Bauer letztlich, dass man sich zuerst selbst emanzipieren müsse, um andere emanzipieren zu können. Dahingehend fordere er von den Juden die Emanzipation von ihrer Religion, um staatsbürgerlich emanzipiert werden zu können. Bauer fordere also von den Juden, fortan Atheisten zu sein. Die Emanzipation von der Religion würde „[…] als Bedingung gestellt, sowohl an den Juden, der politisch emanzipiert sein will, als an den Staat, der emanzipieren und selbst emanzipiert sein soll“5. Für Bauer sei die Judenfrage folglich eine Frage nach dem „[…] Verhältnis von der Religion zum Staat, von dem Widerspruch der religiösen Befangenheit und der politischen Emanzipation.6 An dieser Stelle zeigt sich bereits der Widerspruch, den Marx gegenüber Bauer erhebt. Marx erklärt Bauers Fassung der Judenfrage als einseitig, denn es reiche nicht zu fragen, wer emanzipiert werden solle und wer emanzipieren solle. Marx konstatiert, dass eine dritte Fragestellung hinzugezogen werden müsse.

„Es genügte keineswegs zu untersuchen: Wer soll emanzipieren? Wer soll emanzipiert werden? Die Kritik hatte ein Drittes zu tun. Sie mußte fragen: Von welcher Art der Emanzipation handelt es sich? Welche Bedingungen sind im Wesen der verlangten Emanzipation begründet?“7

Nach Marx sei die Vernachlässigung dieser dritten Frage der Grund, warum Bauer sich in Widerspruche verstricke. Er stelle Bedingungen, die nicht im Wesen der politischen Emanzipation begründet seien.8 Der konkrete Fehler in Bauers Argumentation liege nach Marx im Folgenden:

„[…] daß er nur den „christlichen Staat“, nicht den „Staat schlechthin“ der Kritik unterwirft, daß er das Verhältnis der politischen Emanzipation zur menschlichen Emanzipation nicht untersucht, und daher Bedingungen stellt, welche nur aus einer unkritischen Verwechslung der politischen Emanzipation mit der allgemein menschlichen erklärlich sind.“9

Weiterhin kritisiert Marx an dieser Stelle, dass Bauers Kritik der Judenfrage nichts als eine rein theologische Kritik sein könne, denn in Deutschland, indem zu dieser Zeit kein Staat schlechthin existierte, könne es nur eine theologische Frage sein.

„Nur wo der politische Staat in seiner vollständigen Ausbildung existiert, kann das Verhältnis des Juden, überhaupt des religiösen Menschen, zum politischen Staat, also das Verhältnis der Religion zum Staat, in seiner Eigentümlichkeit, in seiner Reinheit heraustreten.“10

Marx vergleicht ebenda den französischen, zu dieser Zeit konstitutionellen Staat und die Vereinigten Staaten mit dem deutschen Staat. Bauers Kritik würde in Frankreich greifen, da dort die Judenfrage eine Frage des Konstitutionalismus wäre und so zumindest ein Schein einer Staatsreligion bestünde, sodass eben ein Schein eines theologischen Gegensatzes bleibe. In den Vereinigten Staaten jedoch, würde die Judenfrage ihren theologischen Sinn verlieren und zu einer weltlichen Frage werden.

2.1.) Exkurs: Staatliche Verhältnisse in Deutschland, Frankreich und den Vereinigten Staaten um 1840

Um einen kurzen Überblick über die damaligen staatlichen Verhältnisse der Länder Deutschland, Frankreich und den Vereinigten Staaten zu bekommen, um die es in Marx „zur Judenfrage“ geht, folgt an dieser Stelle ein Exkurs.

Nach dem Scheitern Napoleons musste auch Deutschland sich, mit Hilfe des Wiener Kongresses, neu ordnen. Deutschland war um 1840 kein Bundestaat, wie er es heutzutage ist, sondern ein Staatenbund. Der sogenannte deutsche Bund bestand aus 41 Mitgliedern, unter anderem Preußen und Österreich. Als einziges gemeinsames Organ dieser Politik fungierte ein Bundestag, ein Gesandtenkongress, der in Frankfurt am Main tagte. Der deutsche Bund bewirkte schlechterdings relativ wenig. Weder wurde sich um Wirtschaft oder Recht gekümmert, noch kam es in der Kirchenpolitik zu klaren Regelungen.11 Zar Alexander l. gründete die sogenannte Heilige Allianz, in der europäische Herrscher versprachen, ihre Völker im christlichen Sinne zu führen. Wie also schon erwähnt, war Deutschland zu dieser Zeit kein Staat im eigentlichen Sinne, aber christlich geführt.12

Frankreich befand sich ebenso in einer Zeit der Restauration nach dem Scheitern Napoleons. Das Königreich der Franzosen fand ihre verfassungsrechtliche Basis ab 1791 in der „Constitution fancaise“, der französischen Verfassung. Danach wurden noch weitere Verfassungen erhoben, wie beispielsweise die „Charte constitutionelle“ jedoch war die „Constitution francaise“ die erste, die Menschen- und Bürgerrechte einführte. Diese war die Grundlage für ein konstitutionelles System mit einer starken, monarchischen Spitze, wobei der König die Entscheidungsfreiheit über maßgebliche Urteile behielt. Sie garantierte jedoch zentrale Grundrechte, beispielsweise die Religions-, Presse und Meinungsfreiheit.13 Nach der Julirevolution 1830, wurde der liberale Louis-Philippe zum französischen König ernannt, jedoch entwickelte sich seine liberale Einstellung immer mehr in eine reaktionäre Richtung.14

Das maßgebliche Beispiel, wessen Karl Marx sich in „zur Judenfrage“ bedient, sind die Vereinigten Staaten. Die USA stecken zu dieser Zeit in vollkommen anderen Verhältnissen als Deutschland und Frankreich. In den USA geht zu dieser Zeit die Industrialisierung voran und in den Nordstaaten entstehen Bewegungen, welche die Sklaverei verbieten. Die Trennung zwischen Religion und Staat ist in den USA zu dieser Zeit, in den meisten Bundesstaten, längst gegeben. 1636 gründete ein gewisser Roger Williams den kleinsten Bundestaat der Vereinigten Staaten, Rhode Island. Dort wurden Religionsfreiheit und Niederlassungsfreiheit, unabhängig von der Religion, seit der Gründung strikt umgesetzt. Dieses Konzept setzten immer mehr Bundesstaaten um. Der Grund für die Gründung dieses Staates mit diesen neuen Freiheitsbestimmungen, waren die vielen Zuwanderer zu dieser Zeit, die meist aus Europa kamen, aufgrund von Missernten, Verarmung und politischen Missständen.15 Weiterhin ist die strikte Trennung von Staat und Kirche im Artikel VI des ersten Verfassungszusatzes in den amerikanischen Grundrechten, seit 1791 festgeschrieben und eine Errichtungsklausel, welche 1863 in Kraft trat, verbietet dem Staat eine Staatsreligion einzuführen.16

Durch die Proklamation von Grundgesetzen und Menschenrechten entsteht in diesen Revolutionen erstmals ein tatsächlich moderner Staat, der mit früheren Institutionen der Herrschaft wenig gemein hat“.17

2.2.) Die tiefe Bedeutung der Grund- und Menschenrechte für die politische Emanzipation und ihr Verhältnis zur Religion

Marx orientiert sich an den Staaten, die innerhalb ihrer Revolutionen Grundrechte und Menschenrechte einführten, wie es in einigen der Nordstaaten der Vereinigten Staaten durch den ersten Verfassungszusatz und die „establishment clause“ und auch in Frankreich, zumindest halbwegs, durch die „Constitution francaise“ oder die „Charte constitutionelle“, der Fall war. Zwar gab es damals sicherlich noch Ausbaubedarf dieser Grund- und Menschenrechte, jedoch war der Grundstein dafür gelegt. Für Marx waren diese Staaten augenscheinlich die Vorbilder der zukünftigen Politik. Er orientiert sich auch im weiteren Verlauf des Textes nicht am damaligen preußischen oder österreichischen Staat, sondern an den Resultaten der amerikanischen und französischen Revolution. In Marx weiterer Argumentation stellt er sich einen perfekten Staat vor, der vollkommen politisch emanzipiert ist. Er stellt die Frage: „[…] Wie verhält sich die vollendete politische Emanzipation zur Religion?“18 Er behauptet, dass selbst, wenn die Religion weiterhin existiere und nicht nur existiere, sondern in vollen Zügen ausgelebt würde, würde dies einer Vollendung des politisch, emanzipierten Staat nicht widersprechen. Für Bauer und Marx – und in diesem Punkt waren sie sich einig – sei klar gewesen, dass jede Religion eine gewisse Beschränktheit und Mangel bedeute. Der Punkt in dem sie sich nicht einig waren, war der, wie dieser gewisse Mangel somit zu verstehen sei. Marx führt an, dass nicht die Religion selbst zu kritisieren wäre, sondern nur die gesellschaftlichen Verhältnisse, die sie schaffe.

[...]


1 Martin Greiffenhagen (1972): «Emanzipation», in: J. Ritter (Hg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 2, Sp. 448-449, Basel.

2 Kant, Immanuel: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? In: ders. Schriften zur Anthropologie Geschichtsphilosophie Politik und Pädagogik, Werke Hrsg. Weischedel, Wilhelm. Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Band 9. Darmstadt 1968. S.53.

3 Karl Marx: Die Frühschriften. Hrsg.: Siegfried Landshut Bd. 209. Stuttgart Kröner 2004. S.265.

4 Ebd. S.238.

5 Ebd. S. 239

6 Ebd.

7 Ebd. S. 241.

8 Vgl. Ebd.

9 Ebd. S. 242.

10 Ebd.

11 Vgl. Nipperdey, Thomas: Deutsche Geschichte 1800-1866. Bürgerwelt u. starker Staat. München: Beck 1983. S. 355.

12 Vgl. Ebd. S. 361.

13 Vgl. Tulard, Jean: Frankreich im Zeitalter der Revolutionen 1789-1815.Geschichte Frankreichs Bd.4. Hrsg.: Jean Favier. Stuttgart 1989. S. 294ff.

14 Ebd. S. 355ff.

15 Vgl. Davis, James Calvin: On religious liberty. Selections of the work of Roger Williams. Cambridge, Massachusetts, London, England 2008. S. 1-3.

16 Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages - Fachbereich III: Verfassung und Verwaltung: Die Frage nach einem Gottesbezug in der US- Verfassung und die Rechtsprechung des Supreme Court zur Trennung von Staat und Religion (Registrierungs-Nummer: WF III - 100/04). Deutscher Bundestag. 13. Mai 2004. Abgerufen im 11. September 2018.

17 Reitter,Karl: Verdopplung und Entgegensetzung – die Staatsthematik in der Marxschen Frühschrift „Zur Judenfrage“, abrufbar unter: http://www.grundrisse.net/grundrisse05/5verdopplung.htm. Abgerufen am: 12.09.18. S.3.

18 Marx: Zur Judenfrage. S. 243.

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Details

Titel
Der Begriff der Emanzipation in der Tradition von Karl Marx
Untertitel
Eine Analyse seiner Rezension von "Zur Judenfrage" (1843) von Bruno Bauer
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
2,0
Jahr
2018
Seiten
13
Katalognummer
V1140889
ISBN (eBook)
9783346516725
ISBN (Buch)
9783346516732
Sprache
Deutsch
Schlagworte
begriff, emanzipation, tradition, karl, marx, eine, analyse, rezension, judenfrage, bruno, bauer
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