Giorgio Vasari (1511-1574), ein humanistisch gebildeter Maler und Baumeister, veröffentlichte um 1550 erstmals ein Werk, welches Geschichte und Kunst verbindet und versucht deren Entwicklung darzustellen. Er gilt daher als Begründer einer neuen Gattung und wird vom Wiener Kunsthistoriker und Quellenforscher Julius von Schlosser als „Vater der Kunstgeschichte“ bezeichnet . Geschrieben ist das Werk aus seiner Sicht als Maler und richtet sich in erster Linie an Künstler. Er traf die Auswahl der „ausgezeichnetsten“ Künstler selbst und beurteilt sie ohne andere Meinungen dazu einzuholen. Insofern handelt es sich nicht um ein kunstkritisches Werk. Vasaris Viten behandeln neben dem Leben der Künstler an sich auch Informationen zu ihren Werken. Warum diese aus heutiger Sicht nicht als Bildbeschreibungen bezeichnet werden können, soll anhand ausgewählter Beispiele aus seinem Buch dargelegt werden. Darüber hinaus soll untersucht werden, wie es sich mit den Bildbeschreibungen bei den nachfolgenden kunsttheoretischen Schriften von Bellori und Félibien verhält. Schlussendlich geht es um den jeweiligen Beitrag dieser unterschiedlichen Autoren, zur heutigen wissenschaftlichen Bildbeschreibung zu gelangen. Anfangs wird sich diese Arbeit allgemein mit dem Werk Vasaris beschäftigen um den Rahmen der „Bildbeschreibungen“ darzustellen und um Vasaris Ansichten zur Kunst kennen zu lernen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die beiden Ausgaben: 1550 und 1568
3. Aufbau der Viten
4. Bildanalyse/Bildbeschreibung bei Vasari
4.1 Leonardo da Vinci, Mona Lisa um (1503)
4.2 Raffael „Schule von Athen“(1509-1510)
4.3 Michelangelo „David“ (1501-1504)
4. 4 Masaccio „Der Zinsgroschen“ (um 1424-1428)
5. Giovanni Pietro Bellori (1613-1696)
5.1 Domenichino „Kommunion des Heiligen Hieronymus“ (1614)
6. André Félibien (1619-1695)
6.1 Nicolas Poussin „Mannalese“ (1639)
7. Résumé
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die historische Entwicklung der Bildbeschreibung in der Kunstgeschichte, ausgehend von Giorgio Vasaris Viten bis hin zu den kunsttheoretischen Ansätzen von Bellori und Félibien. Ziel ist es, die Wandlung von moralisierenden, subjektiven Werkbesprechungen hin zu einer zunehmend wissenschaftlich-objektiven Beschreibungsmethodik aufzuzeigen und zu analysieren, welchen Beitrag die unterschiedlichen Autoren zur modernen wissenschaftlichen Bildbeschreibung geleistet haben.
- Vergleich der Ekphrasis bei Vasari mit späteren Beschreibungsmethoden
- Analyse der Funktion von Künstlerbiographien als Moralvorbilder
- Untersuchung der Bedeutung der Naturnachahmung und des Ausdrucks
- Gegenüberstellung von subjektiven Beschreibungen und neutralen Darstellungsstilen
- Bewertung des Einflusses kunsttheoretischer Regelwerke auf die Bildbeschreibung
Auszug aus dem Buch
4.1 Leonardo da Vinci, Mona Lisa um (1503):
„Hierauf unternahm es Leondardo, für Francesco del Giocondo das Bildnis seiner Gattin, der Mona Lisa, zu malen. Nachdem er vier Jahre lang daran gearbeitet, liess er es unvollendet. Es befindet sich heute im Besitz des Königs Franz von Frankreich in Fontainebleau25.
Wer sehen wollte, wie weit die Kunst überhaupt imstande ist die Natur nachzuahmen, konnte es an diesem schönen Kopf erkennen, denn hier fanden sich die winzigsten Einzelheiten auf sorgsamste nachgebildet. Die Augen zeigten den feuchten Glanz26, den wir an Lebenden sehen, sowie ringsherum die zartvioletten Schatten und die Wimpern, wie sie nur der feinste Pinsel auszuführen vermag. Die Brauen, bei denen man deutlich erkennt, wie die einzelnen Haare den Poren entspriessen und, erst spärlich, dann immer voller werdend, die Wölbung des Knochens nachzeichnen, könnte nicht natürlicher sein, wie auch die Nase mit den zarten rosigen Pünktchen zu leben schien. Der Mund mit den feingeschwungenen Winkeln, wo das Rot der Lippen ich vom Fleischton der Wangen abhebt, könnte nicht gemalt, sondern aus Fleisch und Blut sein. Wenn man das Halsgrübchen aufmerksam betrachtet, glaubte man darin den Puls schlagen zu sehen. Kurz, man kann sagen, alles war so gemacht, dass auch der tüchtigste Künstler, sei er, wer er wolle, davor erblassen musste. Mona Lisa war sehr schön, und Leonardo gebrauchte noch die Vorsicht, dass er beim Malen ständig jemanden in der Nähe hielt, der sie durch Gesang oder Lautenspiel oder lustige Geschichten erheiterte, um so den melancholischen Zug zu verbannen, der sich allzuoft auf dem Antlitz von Porträtierten zeigt. Auf diesem Angesicht aber spielte ein so liebliches Lächeln, dass es eher himmlischer als irdischer Natur zu sein schien, und das Bildnis wurde wegen seiner Lebenswahrheit als etwas ganz Wunderbares gepriesen.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik der kunstgeschichtlichen Bildbeschreibung ein und stellt Vasari als zentrale Figur vor, deren Werk den Ausgangspunkt der Untersuchung bildet.
2. Die beiden Ausgaben: 1550 und 1568: Hier werden die Unterschiede und inhaltlichen Erweiterungen der beiden Viten-Ausgaben von Vasari sowie seine Absichten bezüglich der Darstellung von Künstlerleben erläutert.
3. Aufbau der Viten: Dieses Kapitel analysiert die Struktur der Biographien, die Einteilung in drei Kunstepochen und Vasaris philosophischen Ansatz hinter der Kunstgeschichte.
4. Bildanalyse/Bildbeschreibung bei Vasari: Anhand ausgewählter Beispiele wird untersucht, wie Vasari Werke beschreibt, wobei der Fokus auf der antiken Ekphrasis und der Betonung von Naturnähe liegt.
4.1 Leonardo da Vinci, Mona Lisa um (1503): Die detaillierte Analyse verdeutlicht Vasaris Schwerpunkt auf der Lebensechtheit und der naturalistischen Darstellung einzelner Details im Porträt.
4.2 Raffael „Schule von Athen“(1509-1510): Dieser Abschnitt zeigt, wie Vasari bei einer komplexen Komposition vorrangig die Identifikation der dargestellten Personen und deren Ausdruck fokussiert.
4.3 Michelangelo „David“ (1501-1504): Das Kapitel beleuchtet, wie Vasari die Entstehungsgeschichte und die Bedeutung des Werkes für das Kunstschaffen stärker gewichtet als eine rein visuelle Beschreibung.
4. 4 Masaccio „Der Zinsgroschen“ (um 1424-1428): Hier wird dargelegt, wie Vasari durch die Beschreibung der erzählerischen Momente und Affekte im Bild die dargestellte Geschichte interpretiert.
5. Giovanni Pietro Bellori (1613-1696): Dieses Kapitel stellt Belloris theoretischen Ansatz des Neuplatonismus dar und beschreibt die einsetzende Trennung zwischen Künstlerbiographie und Werkbeschreibung.
5.1 Domenichino „Kommunion des Heiligen Hieronymus“ (1614): Die Analyse zeigt Belloris systematischen Beschreibungsansatz, bei dem jede Körperpartie und deren Ausdruck einzeln erfasst werden.
6. André Félibien (1619-1695): Hier wird Félibiens neuer, neutraler Beschreibungsstil vorgestellt, der sich durch Kategorien wie Anordnung, Licht und Farbe von seinen Vorgängern unterscheidet.
6.1 Nicolas Poussin „Mannalese“ (1639): Das Beispiel verdeutlicht, wie Félibien eine methodisch neutrale Bildbeschreibung anwendet, ohne dabei interpretative oder wertende Aussagen zu treffen.
7. Résumé: Das Resümee fasst den Wandel von der subjektiven, affektbetonten Ekphrasis hin zur heutigen objektiven, wissenschaftlichen Bildbeschreibung zusammen.
Schlüsselwörter
Vasari, Bellori, Félibien, Bildbeschreibung, Ekphrasis, Viten, Kunstgeschichte, Naturnachahmung, Ausdruck, Bildanalyse, Kunsttheorie, Epochen, Michelangelo, Renaissance, Methodik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den historischen Wandel der Art und Weise, wie Kunstwerke beschrieben werden, angefangen bei Giorgio Vasaris „Viten“ bis hin zur kunsttheoretischen Methodik des 17. Jahrhunderts.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Entwicklung der Ekphrasis, die Rolle des Künstlers als Moralvorbild, der Wandel von subjektiven, wertenden Beschreibungen zu objektiven Analysen sowie die Bedeutung von Naturnachahmung und künstlerischem Ausdruck.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, den Beitrag der drei Autoren Vasari, Bellori und Félibien zur Entwicklung einer wissenschaftlich fundierten Methode der Bildbeschreibung aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen komparativen Ansatz, indem sie die Werkbeschreibungen der drei genannten Autoren an konkreten Kunstbeispielen analysiert und miteinander vergleicht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse von Vasaris Ekphrasen, Belloris neuplatonisch geprägten Beschreibungen und Félibiens systematischem, neutralem Beschreibungsstil, jeweils illustriert durch exemplarische Bildanalysen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Bildbeschreibung, Ekphrasis, Kunstgeschichte, Naturnachahmung, Methodik und Kunsttheorie charakterisieren.
Warum bezeichnet Vasari Michelangelo als Vollendung der Kunst?
Vasari sah in Michelangelo den Geist, der alle Disziplinen der Zeichenkunst beherrschte und die Antike überwand, womit die Kunst nach Vasaris Verständnis ihren absoluten Höhepunkt erreichte.
Worin unterscheidet sich der Ansatz von Félibien grundlegend von Vasari?
Während Vasari durch Ekphrasen moralisierte und den Künstler durch die „Lebensechtheit“ lobte, verfolgte Félibien einen neutralen, methodischen Ansatz, der sich auf Bildkomposition, Anordnung und Licht konzentrierte und auf jegliche Interpretation verzichtete.
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- Dana Bohlender (Author), 2002, Bildbeschreibung / Bildanalyse bei Vasari, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/11408