Interaktionistisches Entwicklungsmodell


Hausarbeit, 2007

9 Seiten, Note: 1,0


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Inhaltsverzeichnis

1 Theoretische Grundlagen
1.1 Vier Typen von Entwicklungstheorien
1.2 Grundaussagen der interaktionistischen Entwicklungstheorien
1.2.1 Mensch und Umwelt als Gesamtsystem
1.2.2 Vielfalt und individuelle Unterschiede in der Entwicklung
1.2.3 Historische Einbettung der Entwicklung

2 Praxisbeispiel
2.1 Wirkung der einflußnehmenden Dimensionen auf die Entwicklung
2.2 Prävention und Intervention

3 Resümee

Literaturverzeichnis

1 Theoretische Grundlagen

Die Geschichte der Entwicklungspsychologie ist geprägt durch verschiedene Versuche, angemessene anthropologische Grundannahmen zu generieren: Was ist das Wesen des Menschen? Was ist das Wesen von Entwicklung?[1]

Diese Grundannahmen finden sich wieder in den Forschungsfragen, in Beschreibungs- und Erklärungsmodellen, in der Datenerhebung und Datenauswertung und sie leiten die Interpretation von Befunden.

1.1 Vier Typen von Entwicklungstheorien

Unter den Beschreibungs- und Erklärungsmodellen der Entwicklungspsychologie lassen sich heute vier Typen von Entwicklungstheorien unterscheiden. Die Unterscheidungen liegen in den Grundannahmen, ob dem Entwicklungssubjekt und/ oder dem Entwicklungskontext Aktivität oder Passivität im Entwicklungsprozess zugeschrieben wird.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Subjekt

(Tabelle 1)[2]

Ich werde im Folgenden auf die interaktionistischen Theorien eingehen.

1.2 Grundaussagen der interaktionistischen Entwicklungstheorien

In den interaktionistischen Entwicklungstheorien unterscheiden sich zwei Ansätze: das dialektische Modell und die Kontexttheorie.

Im dialektischen Modell werden neben den innerbiologischen und innerpsychischen Faktoren und den Umweltstimuli außerdem der kulturelle und historische Kontext einbezogen, in welchem sich die Entwicklungsprozesse abspielen.[3]

In der Kontexttheorie steht die Interaktion zwischen dem in einen sozialen Kontext eingebundenen Individuum und anderen Personen.[4] „Dabei beeinflussen sich die in sozialer Interaktion stehenden Personen nicht nur gegenseitig, sondern sind selbst wiederum vom sozialen Kontext und den dort zum Ausdruck kommenden kulturellen Werten, Überzeugungen, Kenntnissen, Fertigkeiten etc. beeinflusst.“[5]

Im Weiteren werde ich diese Ansätze nicht explizit unterscheiden.

1.2.1 Mensch und Umwelt als Gesamtsystem

In den interaktionistischen Theorien gelten Mensch (Subjekt) und Kontext (umgebenden Umwelt) als Gesamtsystem. Man kann sich beispielsweise folgende Fragen stellen: Wie beeinflussen die Eltern das Kind? Wie beeinflusst das Kind die Eltern?[6]

Die verschiedenen auf das Individuum einwirkenden Dimensionen (biologische, psychologische, kulturelle und historische) stehen in ständigem Austausch miteinander. Jeder Dimension kommt dabei ihre eigene Bedeutung zu, welche sich ebenfalls ständig verändert. Durch diese beständige Interaktion zwischen den Dimensionen kann es auch zu Krisen oder zur Bewältigung anstehender Entwicklungsaufgaben kommen.[7]

1.2.2 Vielfalt und individuelle Unterschiede in der Entwicklung

Die Art der Beziehungen zwischen den verschiedenen Dimensionen ist keinesfalls festgelegt, sondern in einem ständigen Veränderungsprozess. Je nach dem, wie biologische Anlagen und Entwicklungskontext des Individuums zeitlich zusammenspielen, wird die individuelle Entwicklung geprägt. So kommt es zu einer großen Variabilität in der menschlichen Entwicklung und keine gleicht der anderen. Eine Verallgemeinerung der menschlichen Entwicklung kann also nicht getroffen werden. Somit sind Prognosen nicht zuverlässig.

Es kann also nicht davon ausgegangen werden, dass sich zwei Individuen gleich entwickeln, wenn sie im selben Kontext aufwachsen. Hier spielt die biologische Dimension der individuellen Anlagen eine zu große Rolle.

1.2.3 Historische Einbettung der Entwicklung

Da alle Dimensionen der Entwicklung eines Individuums in einen historischen und kulturellen Kontext eingebettet sind, wird klar, dass diese die Entwicklung auch beeinflussen. Hier sind die Werte, Normen, Kenntnisse etc. der Zeit, welche von Gesellschaft zu Gesellschaft und von Zeit zu Zeit variabel sind, prägend.

Umgekehrt beeinflusst der Mensch aber diesen Kontext ebenso. Denn nur durch das Handeln des Menschen entwickelt sich dieser Kontext weiter. Nur so konnte es in der Geschichte zu sich verändernden Werten, Normen, Kenntnissen usw. kommen.

2 Praxisbeispiel

Für mein Praxisbeispiel möchte ich einen Entwicklungsschritt einer Frau, Sarah, aus meinem Bekanntenkreis beschreiben.

Sarah ist Anfang 50 und lebt mit ihrem Mann in einer mittelgroßen Stadt. Die beiden haben zwei Kinder, 20 und 23 Jahre alt. Seit ca. einem Jahr leben beide Kinder nicht mehr zu Hause.

Sarah arbeitet seit vielen Jahren Vollzeit in der Verwaltung der Technischen Universität ihrer Heimatstadt.

Vor ca. zwei Jahren bekam sie die Diagnose Brustkrebs. Daraufhin unterzog sie sich einer einjährigen intensiven Behandlung mit Chemotherapie und Bestrahlung.

Im Weiteren möchte ich Sarahs Entwicklungsschritt beschreiben, welchen sie meiner Ansicht nach in der Zeit vor ihrer Erkrankung und danach gemacht hat.

2.1 Wirkung der einflußnehmenden Dimensionen auf die Entwicklung

Vor der Diagnose Brustkrebs war Sarahs Leben durch ihre Arbeit bestimmt. Probleme, welche hier auftraten, ließen sie auch zu Hause nicht los. So konnte sie nicht richtig entspannen und machte sich zu jeder Tages- und Nachtzeit Gedanken.

Durch diese Tatsache wurde sie auch lustlos, wollte sich nicht bewegen, hatte wenig Lust auf Aktivität. Dies war auch in ihrer Gesundheit spürbar. Denn sie bewegte sich wenig und ernährte sich unausgewogen. Zudem versuchte sie, den Stress durch Zigaretten und eine abendliche Ration Alkohol abzubauen.

Hier wird deutlich, wie die kulturelle Dimension (Arbeitsplatz und dortige Vorkommnisse) auf die individuell psychologische (Stress und Lustlosigkeit) wirkt.

Durch diesen ungesunden Lebensstil wurde der Krebs in Sarah (vermutlich) ausgelöst und begünstigt. Im Alter von 52 Jahren erhielt sie dann die Diagnose Brustkrebs. Sarah wurde sofort operiert und eine Chemotherapie, sowie eine darauf folgende Bestrahlung wurden durchgeführt. So war Sarah für ein Jahr krank geschrieben.

Nun wird das Wirken der individuell psychologischen Dimension (Stress und Lustlosigkeit) mit dem daraus resultierenden Verhalten (Rauchen, Alkoholtrinken, ungesunde Ernährung) auf die innerbiologische Dimension (Brustkrebs) sichtbar.

In diesem freien Jahr konnte sich Sarah ganz auf sich besinnen und sich so ihres fatalen Lebensstiles bewusst werden.

Sie begann sich für alternative Heilkunde und Möglichkeiten der ausgewogenen Ernährung zu interessieren, hörte mit dem Rauchen und dem Alkoholgenuss auf, trieb regelmäßig Sport.

Allein dadurch war eine baldige Veränderung sichtbar, denn Sarah nahm deutlich ab, wirkte frischer und lebensfroher.

Ebenso wurde Sarah klar, dass sie sich von ihrem Berufsleben hatte leiten lassen und achtete nun mehr auf ihre Familie und Freunde. So wurde sie bald zu einer wichtigen Ratgeberin für ihre Kinder und auch für ihre Freunde und Bekannten. Sie fühlte sich gebraucht. Dieses Verhalten beeinflusste auch das Verhalten ihrer Familie und ihrer

Freunde. Denn durch den neuen Lebensmut und die intensiven Gespräche, konnten auch sie eine neue Sichtweise erlangen, was wiederum ein Entwicklungsschritt ist.

Hier wird das Wirken der biologischen Dimension (Brustkrebs) auf die individuell psychologische Dimension (neue Interessen, Konzentration auf Familie und Freunde) deutlich, woraufhin sich das Verhalten ändert (gesunde Ernährung, Sport, Rauchen und Alkoholgenuss werden aufgegeben). Was wiederum auf die biologische Dimension (Abnahme, besseres Lebensgefühl) wirkt.

Aus diesem neuen Lebensstil heraus, veränderte sich auch Sarahs Verhalten auf der Arbeit: Sie war weniger gestresst und nahm alles etwas leichter, was sich auch auf das Verhalten ihrer Kollegen auswirkte. Diese bekamen so eine neue Sichtweise auf die Arbeit, während sie zuvor ebenso gestresst waren wie Sarah.

Somit wird das Wirken der individuell psychologischen Dimension (weniger Stress, Konzentration auf Familie und Freunde), mit dem daraus resultierenden veränderten Verhalten (alles leichter nehmen, weniger Stress), auf die kulturelle Dimension (Arbeitskollegen verhalten sich ebenfalls anders) deutlich.

Zusammenfassend kann also gesagt werden, dass sich Sarahs gesamtes Verhalten im Leben verändert hat. Dies wurde durch eine biologische Reaktion ausgelöst, wodurch sich dann das Verhalten aufgrund der anderen psychologischen Einstellung veränderte.

Dieser Entwicklungsschritt betraf allerdings nicht nur Sarah selbst, sondern er beeinflusste auch die sie umgebenden Menschen, welche dadurch ebenfalls einen Entwicklungsschritt machen konnten.

2.2 Prävention und Intervention

In diesem Fall kann ich keine passenden Präventions- oder Interventionsmaßnahmen der sozialen Arbeit finden. Vielmehr sind hier Prävention und Intervention auf der persönlichen Ebene von Sarah (und auch ihrem engsten Umfeld) zu suchen.

Denkbar wäre z.B. ein früheres Erkennen der fatalen Lebensweise. So hätte der Krebs evtl. verhindert werden können, was als Intervention anzusehen wäre.

Dieses frühe Erkennen hätte z.B. durch ein sensibles Beobachten der Familie bzw. Freunde geschehen können. Eine solche Sensibilität wäre sicherlich noch durch eine Aufklärung bezüglich der Risikofaktoren für Krebs verstärkt worden. So hätte das nähere Umfeld von Sarah die Krebs- begünstigenden Verhaltensweisen erkennen und ansprechen können. Doch selbst dann wäre nicht garantiert gewesen, dass Sarah daraufhin ihr Verhalten verändert hätte.

Eine Intervention hätte auch von Sarah selbst ausgehen können. Durch einen reflektierenden Blick auf das eigene Leben und den darin enthaltenen Verhaltensweisen (und evtl. eine Aufklärung bezüglich der Risikofaktoren für Krebs) hätte evtl. sie zu einer Einsicht kommen und ihr Leben daraufhin verändern können.

Präventive Maßnahmen sind schwerer zu finden, da sie schon sehr früh hätten einsetzen müssen, d.h. noch bevor Sarah in das Berufsleben eintrat. Dies wäre nötig gewesen um sie für dieses Thema zu sensibilisieren.

Denkbar wären hier allerdings eine Aufklärung der Jugendlichen über Krebs, seine Ursachen, begünstigende Verhaltensweisen und deren Folgen. Da dies aber in der Jugendzeit von Sarah eher ein Tabu- Thema gewesen ist, war eine frühe Aufklärung kaum möglich.

3 Resümee

Ich persönlich halte das interaktionistische Entwicklungsmodell für sehr wichtig in der sozialen Arbeit. Denn es kann das Verständnis des Sozialarbeiters für den Klienten fördern, in dem es die Einflüsse der Umwelt als zentralen Ausgangspunkt für Entwicklung neben die persönlichen, individuellen Einflüsse stellt. So kann das abwertende Menschenbild der Selbstverschuldung nicht aufkommen. Denn meiner Meinung nach ist das soziale und gesellschaftliche „Versagen“ eines Menschen immer durch persönliche Einflüsse und Umwelteinflüsse und vor allem durch den gescheiterten Umgang mit diesen Voraussetzungen geprägt.

Das interaktionistische Entwicklungsmodell kann den Sozialarbeiter auf die Umwelt des Klienten schauen lassen, aus welcher sich oft persönliche Probleme des Klienten erschließen. Konzepte wie die rekonstruktive Sozialpädagogik und der systemische Ansatz in der sozialen Arbeit profitieren von diesem Blick und machen ihn zu ihrer Basis.

Literaturverzeichnis

Oerter, R./ Montada, L.: Entwicklungspsychologie. 5. vollständig überarb. Aufl.

Weinheim, Basel, Berlin: Beltz , 2002.

Trautner, H. M.: Allgemeine Entwicklungspsychologie. Stuttgart: Kohlhammer, 2003.

Grande, Prof. Dr. Gesine: Vorlesungsskript Entwicklungspsychologie:

Entwicklungsmodelle und –faktoren. http://lserv.sozwes.htwk- leipzig.de/lehre/Psych_Entwicklu/dateien/Entwicklungsmodelle%20und%20Entwicklungsfaktoren.pdf, 2007.

[...]


[1] Vgl. Oerter/ Montada, 2002, S.5

[2] Ebenda.

[3] Vgl. Trautner, 2003, S.119

[4] Ebenda.

[5] Vgl. Trautner, 2003, S.119 ff

[6] Vgl. Grande, 2007, S.4

[7] Vgl. Traunter, 2003, S.119

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Details

Titel
Interaktionistisches Entwicklungsmodell
Hochschule
Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig
Veranstaltung
Entwicklungspsychologie
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
9
Katalognummer
V114090
Dateigröße
343 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Interaktionistisches, Entwicklungsmodell, Entwicklungspsychologie
Arbeit zitieren
Charlotte Remde (Autor), 2007, Interaktionistisches Entwicklungsmodell, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114090

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