Bei dem Versuch, die Soziologie, die Motive und das Selbstverständnis der Täterinnen und Tätern in den Konzentrationslagern zu untersuchen, ist sehr schnell eine Situation erreicht, in der die scheinbar zunächst klare De£nition des „Täters“ zu verschwimmen beginnt. Die Lagerwelt ist weit davon entfernt, in zwei Klassen – die der Täter und die der Opfer – eingeteilt werden zu können.(1) Auch wenn „Kapos“ und „Funktionshäftlinge“ häu£g grausamer waren als die eigentlichen SS-Aufseher, fällt es außerordentlich schwer, sie mit dem Täterbegriff zu belegen, und damit der SS gleichzusetzen. Als Opfer des Nazi-Terrors ins
KZ gesperrt, wurden sie von der SS bewusst ausgewählt, deren Terror nach unten weiterzugeben. Diese Häftlinge sahen sich mit der Schizophrenie konfrontiert, um ihres Lebens Willen, ihresgleichen zu quälen. Sie mussten grausam sein, um ihre Existenzberechtigung
zu unterstreichen.(2) Aleksandar Ti®sma beschreibt in seinem Roman „Kapo“ eindringlich, in welch unentwirrbares Ge¤echt aus Angst und Terror sie verwickelt waren.(3)
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1 Sofsky, Wolfgang: Die Ordnung des Terrors. Das Konzentrationslager, Frankfurt am Main, 1993, S. 115.
2 Sofsky, Wolfgang: Absolute Macht. Zur Soziologie des Konzentrationslagers, in: Leviathan 4/90, S. 525
3 Ti®sma, Aleksandar: Kapo, München, 1997.
Inhaltsverzeichnis
1. Vorbemerkungen
2. Die SS in den Lagern
3. Die soziale Zusammensetzung der Lager-SS
4. „Die Ordnung des Terrors“
4.1 Drill und Kameraderie
4.2 Gefolgschaftstreue und Delegation
4.3 Das Mehrliniensystem
4.4 Standardisierung und Deregulierung
5. „Wildgewordene Kleinbürger“?
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Soziologie, die Motive und das Selbstverständnis des SS-Personals in Konzentrationslagern, um die Entstehung von Täterstrukturen jenseits einer simplen Schwarz-Weiß-Darstellung zu beleuchten.
- Struktureller Aufbau und Organisationsformen der SS-Lagerwachen
- Soziale Rekrutierung und Motive des SS-Personals
- Psychologische Mechanismen von Gehorsam, Drill und Kameradschaft
- Die Auswirkungen der Lagerordnung auf Gewalt und Willkür
- Charakterliche Deformation und Verdrängungsmechanismen der Täter
Auszug aus dem Buch
Die SS in den Lagern
Man nimmt der SS ihren Schrecken, bezeichnet man sie einfach als einen zügellosen Mörderhaufen. Die Organisation der SS war im Laufe der Zeit sorgsam auf- und ausgebaut worden und verfügte nach und nach über eine Million Mitglieder, eigene Frontverbände, Wirtschaftsunternehmen und ein Netzwerk an bürokratischen Strukturen. Sie war ein Staat im Staate, ausgestattet mit den Insignien preußischer Manneszucht, einer eigenen Uniform und dem staatlichen Auftrag zur „Lösung von Sonderaufgaben“. Als Grundlage dieses Auftrags diente das Ermächtigungsgesetz von 1933.
Zunächst wurden die Gefangenenlager von lokalen Einheiten der SA, der Allgemeinen SS und der Polizei bewacht. 1934 wurde die Lagerbewachung im „Vorbildlager“ Dachau komplett von der SS übernommen, kurze Zeit später gliederte man die Wachverbände aus der Allgemeinen SS aus und integrierte sie direkt im KZ-System. Diese Verbände wurden ab 1936 als „Totenkopfverbände“ bezeichnet. Als nach Kriegsbeginn die „Totenkopfdivision“ hinter den Wehrmachtseinheiten ihren systematischen Vernichtungszug begann, wurden die Lücken in der Lagerbewachung wieder durch die Allgemeine SS abgedeckt.
Die Totenkopfverbände waren mehr als nur eine Lagerwache. Nur ein Bruchteil war im eigentlichen Lagerbetrieb eingesetzt. Verglichen mit den Häftlingszahlen überproportional groß (1:1 Verhältnis 1939) und paramilitärisch organisiert galten sie als Keimzelle der Waffen SS. Die Zahl derer, die bei oder in einem Konzentrationslager gearbeitet hatten, lässt sich aufgrund der ständigen (Zwangs-) Verschiebungen zwischen Frontverbänden und Lagereinheiten nur schwer bestimmen. Insgesamt haben wohl 55000 SS-Leute in den Lagern gearbeitet, davon allerdings nur ein kleiner Teil im inneren Kommando- und Verwaltungsapparat.
Zusammenfassung der Kapitel
Vorbemerkungen: Einleitung in die Problematik der Täterdefinition und die Schwierigkeit, die Grenze zwischen Opfern und Tätern im Kontext der Funktionshäftlinge zu ziehen.
Die SS in den Lagern: Beschreibung des organisatorischen Aufbaus der SS sowie der Entwicklung der Totenkopfverbände als zentrales Element der Lagerbewachung.
Die soziale Zusammensetzung der Lager-SS: Analyse der Rekrutierung jüngerer Männer ab 1936 und der sozio-ökonomischen Hintergründe, die zum Beitritt in die SS führten.
„Die Ordnung des Terrors“: Detaillierte Betrachtung der Mechanismen von Drill, Gehorsam, Delegation von Befehlen und der bürokratischen Struktur innerhalb der Lager.
„Wildgewordene Kleinbürger“?: Kritische Hinterfragung des Täter-Selbstverständnisses und der psychologischen Prozesse, die zur Verrohung und zur Ausbildung eines „kriminellen Über-Ichs“ führten.
Schlüsselwörter
Konzentrationslager, SS-Personal, Totenkopfverbände, Tätersoziologie, Nationalsozialismus, Gehorsam, Kameradschaft, Gewaltstrukturen, Lagerordnung, Psychotaktik der Verdrängung, Willkür, Korruption, Indoktrination, Politischer Soldat, SS-Staat
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die soziologischen und psychologischen Grundlagen des SS-Personals, das in den Konzentrationslagern tätig war.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen den organisatorischen Wandel der SS, die soziale Herkunft der Täter, Mechanismen der Machtausübung und psychologische Aspekte der Täterwerdung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Entstehung der Täterstrukturen zu verstehen, ohne dabei auf vereinfachende Klischees eines rein „anormalen“ Mörderhaufens zurückzugreifen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine thesengeleitete Untersuchung, die auf soziologischer Literatur und historischen Quellen basiert, um das Selbstverständnis und die Handlungslogik der SS-Leute zu dekonstruieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Themenkomplexe zur Organisation der Lager, die soziale Zusammensetzung, Ausbildung durch Drill sowie die bürokratischen und psychologischen Steuerungsmittel.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Tätersoziologie, Totenkopfverbände, Lagerordnung, psychologische Deformation, Gehorsam und der Begriff des „politischen Soldaten“.
Was versteht die Autorin/der Autor unter dem „Mehrliniensystem“?
Es beschreibt die Gliederung der Lagerleitung in fünf überschneidende Abteilungen, deren Kompetenzgerangel und mangelnde Transparenz erst die Basis für die willkürliche Machtausübung der SS-Angehörigen schuf.
Warum reicht der Verweis auf das „kriminelle Über-Ich“ zur Erklärung der Taten aus?
Das Konzept erklärt, wie unter dem massiven Gewaltappell der SS ein Persönlichkeitsmodell entstand, das moralische Instanzen ausschaltete und die Täter in die Lage versetzte, Grausamkeiten als routinierte Handlungen auf einer „fremden Bühne“ zu betrachten.
- Quote paper
- Markus Horeld (Author), 1998, Das SS-Personal in den Konzentrationslagern, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1140