Österreichische Konjunkturtheorie aus heutiger Sicht


Diplomarbeit, 2006

90 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Symbolverzeichnis

1 Einleitung

2 Grundlagen und Vorläufer der ÖKT
2.1 Vorläufer der ÖKT
2.2 Theoretische Grundlagen zum Verständnis der ÖKT
2.2.1 Österreichische Methodologie
2.2.2 Grundlagen der Kapitaltheorie
2.2.3 Sparen und die Produktionsstruktur

3 Darstellung der ÖKT
3.1 Vorbemerkungen
3.1.1 Zyklen versus Schwankungen
3.1.2 Problem der Fehlerhäufung
3.2 Positive Theorie des Zyklus
3.2.1 Wirkungen der Kreditexpansion auf die Produktionsstruktur
3.2.2 Marktreaktion auf die Kreditexpansion
3.3 Folgen des Zyklus
3.3.1 Verlust von Kapital
3.3.2 Sekundäre Depression
3.3.3 Brachliegende Ressourcen
3.3.4 Demoralisierung

4 Ergänzungen zur ÖKT
4.1 Rolle der Banken
4.2 Rolle der Börse
4.3 Preisniveaustabilisierung und ÖKT
4.4 Über- versus Fehlinvestitionen
4.5 Erholung und Rezession
4.6 BIP als unzureichende Erfassung der Vorgänge

5 Kritik an der ÖKT
5.1 Vorbemerkung
5.2 Empirische Relevanz
5.3 Rolle ungenutzter Ressourcen
5.4 Beendigung der Produktionsprozesse durch weitere Kreditexpansion
5.5 Zwangsläufiges unternehmerisches Versagen

6 Heutige Bedeutung der ÖKT
6.1 ÖKT und moderne Konjunkturtheorien
6.1.1 Gemeinsamkeiten
6.1.2 Unterschiede
6.1.3 Synthese
6.2 ÖKT als Hilfe für die heutige Geld- und Konjunkturpolitik
6.2.1 Allgemeine Empfehlungen
6.2.2 Reformvorschläge monetärer Institutionen
6.2.3 Probleme einer hundertprozentigen Goldwährung
6.2.4 ÖKT als Hilfe für Zentralbanken

7 Zusammenfassung und Ausblick

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Produktionsstruktur einer gleichgewichtigen Volkswirtschaft

Abb. 2: Wirkung von Sparen auf die Produktionsstruktur

Abb. 3: Wirkung der Kreditexpansion

Abb. 4: Anreize zur Kreditexpansion ohne Zentralbank

Abb. 5: Anreize zur Kreditexpansion bei Absicherung durch Zentralbank

Abb. 6: Das BIP in der Produktionsstruktur

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Ausgewählte Konjunkturindikatoren aus Österreichischer Sicht

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Symbolverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Die Österreichische Konjunkturtheorie (ÖKT) kann auf eine lange und wechselreiche Geschichte zurückblicken. Die Geburtsstunde der Österreichischen Konjunkturtheorie ist das Erscheinen von Ludwig von Mises bedeutendem Werk „Die Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel“ im Jahre 1912.[1] In den darauf folgenden Jahren erfreute sich die ÖKT zunehmender Akzeptanz und Verbreitung. So konnte Ludwig von Mises 1928 mit Genugtuung feststellen, dass die Zirkulationskredittheorie, wie er die ÖKT damals bezeichnete, nachdem sie 1912 „verlacht“ worden sei, „heute allgemein anerkannt“ werde.[2] Zu dieser Entwicklung hat neben der theoretischen Konsistenz der ÖKT sicherlich auch beigetragen, dass die Österreicher[3] unter den wenigen Ökonomen waren, die dank ihrer theoretischen Kenntnisse die Große Depression vorhergesagt hatten.[4]

Noch in der theoretischen Diskussion der 1930er Jahre, die von der Auseinandersetzung zwischen Keynes und Hayek geprägt war, standen die ÖKT und ihre Grundlagen im Mittelpunkt des ökonomischen Interesses.[5] Im Verlaufe der Auseinandersetzung wendete sich jedoch das Blatt gegen Hayek und die Österreicher. Die Keynessche Theorie gewann die Oberhand. Für den Keynesschen Siegeszug erscheinen zwei Begründungen plausibel. Zum einen ist die ÖKT nicht einfach zu verstehen, bisweilen nicht intuitiv und scheinbar paradox.[6] Sie baut auf einem komplexen Theoriefundament auf, u.a. einer umfassenden Kapitaltheorie. Keynes hingegen verfügte über keine Kapitaltheorie und verstand es, sich durch seine Unterkonsumptionstheorie intuitiv verständlich zu machen. Hayek bezeichnete Keynes zwar als großen Denker aber auch als einen schlecht ausgebildeten Ökonomen, der Rechtfertigungen für Politiken suchte, die er intuitiv als empfehlenswert empfand.[7]

Zum anderen wurde während der Großen Depression nicht die Geduld aufgebracht, auf die Selbstkorrekturmechanismen des Marktes zu vertrauen. Für die Politik war der Keynessche Interventionismus, der schnelle Lösungen und Aktionismus verspricht sowie die Staatsmacht ausweitet, angenehmer als die „Österreichische“ Empfehlung des Laissez-faire.[8]

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es ruhiger um die Österreichische Schule. Erst 1974 mit der Überreichung des Nobelpreises an Hayek begann eine Renaissance der Österreichischen Schule und damit auch der ÖKT. Die Bedeutung des Nobelpreises erhöhte sich dadurch, dass in der Nobelpreisbegründung besonders auf Hayeks konjunkturtheoretische Studien der 1920er und 1930er Jahre hingewiesen wurde.[9] In den folgenden Jahren begann ein erstaunlicher Aufschwung der Österreichischen Schule, der sich 1982 mit der Gründung des Ludwig von Mises Institute in Auburn, Alabama, fortsetzte.[10] Mittlerweile ist die Internetseite des Mises Institutes (http://www.mises.org) nach eigenen Angaben wahrscheinlich die meistbesuchte private Internetseite eines Ökonomieinstituts mit ca. 750.000 monatlichen Besuchern.[11]

Ungeachtet dieser Renaissance bleibt die ÖKT in Deutschland noch weitgehend unbekannt. So lassen sich in Lehrbüchern zur Konjunkturtheorie selten Einträge zur ÖKT finden, und falls sie vorhanden sind, wird sich ausschließlich auf Hayeks Beiträge konzentriert.[12] Neben Hayek gibt es indes noch weitere Vertreter der ÖKT, wie Mises, Machlup, Strigl, den jungen Haberler und Rothbard. Zudem wurde und wird die ÖKT durch die jüngere Österreichische Schule, z.B. von Garrison, Huerta de Soto und Hülsmann, weiterentwickelt.[13] Während die Lehrbücher noch hinterherhinken, haben Medien und Wissenschaft die ÖKT in jüngster Zeit wiederentdeckt. So gab es Artikel über die ÖKT u.a. im Barron´s, National Review und The Economist.[14] Zudem zeigen „working papers“ von IMF und BIS, dass man sich auch außerhalb der Österreichischen Schule zunehmend mit der ÖKT beschäftigt.[15]

In dieser Arbeit wird dieser Entwicklung Rechnung getragen und erstmals eine aktuelle und detaillierte Darstellung der ÖKT in deutscher Sprache entwickelt. Obgleich es keine kanonische Version der ÖKT gibt,[16] soll eine aus heutiger Sicht konsistente und von Österreichern allseits akzeptierte Version erarbeitet werden. Dies ermöglicht eine faire Kritik, was aufgrund fehlender Kenntnisse nicht immer eine Selbstverständlichkeit war. So wurde die ÖKT jüngst von herausragenden Ökonomen wie Tullock, Krugman und Samuelson in einer Weise kritisiert, die einen Mangel an detailliertem Wissen über die ÖKT manifestiert.[17] Ferner soll die Frage beantwortet werden, inwieweit die ÖKT für die heutige Wissenschaft und Wirtschaft Relevanz besitzt. Da Konjunkturzyklen weiterhin die Volkswirtschaften plagen, erscheint es ratsam zu untersuchen, ob die ÖKT der heutigen Konjunktur- und Geldpolitik Ratschläge erteilen oder behilflich sein kann.

Die Arbeit ist wie folgt aufgebaut. Nach der Einleitung in Kapitel 1 werden die Vorgänger und das theoretische Fundament der ÖKT, ohne welches ein tiefgehendes Verständnis nicht möglich erscheint, im zweiten Kapitel vorgestellt. Dies gestattet dann im dritten Kapitel eine umfassende Darstellung der ÖKT, wie sie sich uns heute darbietet, wobei zunächst der Zyklus selbst und dann seine Folgen beschrieben werden. Zur weiteren Profilierung werden im vierten Kapitel vertiefende Ergänzungen angebracht. Im fünften Kapitel erfolgt eine Kritik der ÖKT, wodurch ihre Problemstellen beleuchtet und ihre Konturen weiter geschärft werden. In diesem Zusammenhang wird eine kleine Relativierung der ÖKT erarbeitet. Darauf folgt im sechsten Kapitel eine Einschätzung der heutigen Bedeutung der ÖKT. Dabei wird zunächst ein Vergleich von ÖKT und ausgewählten modernen Konjunkturtheorien unternommen und untersucht, wie diese sich ergänzen können. Des Weiteren wird überprüft, ob und wie die ÖKT konkret für die heutige Geld- und Konjunkturtheorie eine Hilfe sein kann. Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung und einem Ausblick.

2 Grundlagen und Vorläufer der ÖKT

2.1 Vorläufer der ÖKT

Die ÖKT entstand nicht in einem theoretischen Vakuum, sondern konnte sich auf eine traditionsreiche, theoretische Vorarbeit stützen. Es können vier wichtige Theoriestränge unterschieden werden, die vor der ÖKT existierten und in ihr verknüpft werden. Zunächst ist die Beschreibung der Wirkung einer Geldmengenerhöhung von Richard Cantillon, die später von Hume und Cairnes aufgegriffen wurde, zu nennen.[18] Cantillon zeigt, dass eine zusätzliche Geldmenge, in seinem Beispiel eine Goldförderung in einer Mine bei einer Goldwährung, immer zu einer bestimmten Zeit an einem ganz bestimmten Ort in die Volkswirtschaft eindringt und sich erst nach und nach in der gesamten Volkswirtschaft verteilt. Die Erstempfänger (Minenbesitzer und Minenarbeiter) des neuen Geldes profitieren dabei auf Kosten der Letztempfänger, die zunächst ihre Einkaufspreise steigen sehen, bevor ihr Einkommen steigt. Das Entscheidende in diesem Prozess ist nun, dass sich die Preise in der Volkswirtschaft nicht proportional erhöhen, sondern einige Preise stärker steigen als andere. Welche Preise stärker steigen als andere, hängt von den Präferenzen derjenigen ab, die das neue Geld als erste bzw. als letzte erhalten. So ergeben sich durch Geldmengenänderungen auch Änderungen der relativen Preise. Die Can-tillon/Hume/Cairnessche Theorie steht damit im Gegensatz zur einfachen Quantitätstheorie der Fisherschen Verkehrsgleichung, die proportionale Beziehungen zwischen Aggregaten bzw. Durchschnitten formuliert. Ihre Fokussierung auf den Preislevel anstatt auf relative Preise verhindert aus Österreichischer Sicht die Entdeckung konjunkturtheoretischer Zusammenhänge.[19]

Ein zweiter Theorieansatz ist der des Zwangssparens, zu dessen Entwicklung Malthus, Bentham und Thornton entscheidend beigetragen haben, dessen Be-griff allerdings auf Wicksell zurückgeht.[20] Zwangssparen liegt vor, wenn eine zusätzliche Geldmenge in die Hände von Produzenten gelangt und zur zusätzlichen Produktion von Kapitalgütern verwendet wird. Der folgende geldmengenbedingte Anstieg der Konsumgüterpreise führt dazu, dass die Konsumenten gezwungener Weise ihren Konsum einschränken müssen. Vor diesem Hintergrund entwickelte sich eine Krisentheorie, die als Vorläufer der ÖKT angesehen werden kann.[21] Durch das Zwangssparen wird Umlaufkapital (Konsumgüter) in Anlagekapital (langlebige Kapitalgüter) umgewandelt. Dies führt zu einer Knappheit von verfügbaren freien Kapitalgütern, sodass Investitionsprojekte nicht mehr vollendet werden können und aufgegeben werden müssen.

Als dritter Ansatz ist die Theorie der Currency School zu nennen. Mises geht so weit, seine Konjunkturtheorie als eine Fortführung der Currency School Theorie zu bezeichnen.[22] Nach der Currency School kommt es bei einer Ausdehnung der Kreditmenge durch eine Ausgabe von Banknoten, die nicht durch Gold gedeckt sind, zu einer Zinssenkung, was zu einem allgemeinen Aufschwung führt. Durch die Erhöhung der Kreditmenge steigt jedoch das Preisniveau, was zu einem Rückgang der Exporte und einer Zunahme der Importe führt. Der resultierende Goldabfluss vermindert die Goldreserven der Notenbank, die deshalb die Zinsen wieder erhöhen muss. Es kommt mithin zu einer Kreditkontraktion und einem Ende des Booms. Die wichtigste Unzulänglichkeit der Currency School ist, dass sie die Zirkulationskredittheorie nur auf Vorgänge zwischen Ländern einer Goldwährung bezog.[23]

Knut Wicksell verstand es als erster, die beiden letztgenannten Ansätze zu kombinieren.[24] Er unterscheidet zwischen dem natürlichen Zins, der das Angebot und die Nachfrage von Kapital zum Ausgleich bringt und zugleich ein stabiles Preisniveau sichern soll, und dem Geldzins, der auf dem Geldmarkt vorherrscht. Sinkt der Geldzins unter den natürlichen Zins, kommt es zu einem Preisniveauanstieg, wie ihn die Currency School vorhersagt, sowie zum Zwangssparen, wenn die Unternehmen das neue Geld in die Produktion investieren. Das größte Defizit in der Wicksellschen Analyse ist die Annahme, dass Geldmengenänderungen sich nur auf das allgemeine Preisniveau auswirken. Wicksell vernachlässigt damit die geldmengenbedingten Wirkungen auf die relativen Preise, die Cantillon entdeckt hatte. Dennoch ist Wicksell ein bedeutender Wegbereiter der ÖKT.[25]

Ein letztes Theoriefundament, auf dem die ÖKT aufbaut, ist die Kapitaltheorie von Böhm-Bawerk und Jevons. Die Kapitaltheorie beschreibt, wie durch Sparen und Kapitalbildung Produktionsumwege möglich werden, die nach einer gewissen Zeit eine ergiebigere Produktion ermöglichen. Von der Österreichischen Kapitaltheorie wird im Weiteren noch ausführlich die Rede sein.

2.2 Theoretische Grundlagen zum Verständnis der ÖKT

2.2.1 Österreichische Methodologie

Die Betrachtung der Österreichischen Methodologie dient dazu, verständlich zu machen, worin die ÖKT sich von anderen Konjunkturtheorien unterscheidet und wie es zu dieser von modernen Konjunkturtheorien so verschiedenen ÖKT kommen konnte. Zudem ist ihre Darstellung zum Begreifen des Erklärungsanspruches der ÖKT hilfreich.

In der Tat kann die Methodologie, das wissenschaftliche Verfahren, der Österreichischen Schule als ihr wichtigstes Herausstellungsmerkmal angesehen werden.[26] So erklärt Machlup den methodologischen Subjektivismus und den methodologischen Individualismus als auszeichnende Charakteristika der Österreichischen Schule.[27] Unter methodologischem Subjektivismus ist zu verstehen, dass Werte und Wertungen als etwas Subjektives angenommen werden und im Vordergrund der ökonomischen Theorie stehen. Der methodologische Individualismus steht dafür ein, dass bei der Erklärung von Phänomenen der Realität immer von Handlungen von Individuen ausgegangen wird. Dies macht verständlich, warum die Österreicher Aggregaten und Durchschnitten auch in der Geld- und Konjunkturtheorie kritisch gegenüberstehen.[28]

Im Hinblick auf den Erklärungsanspruch der ÖKT ist das Verhältnis von Theorie und Empirie aus Österreichischer Sicht von Bedeutung. Die Erkenntnis ökonomischer Gesetze erfolgt nach Mises a priori, also vor der Erfahrung.[29] Die Theorie versucht, in logisch deduktiver Weise allgemeingültige, d.h. von Zeit und Ort unabhängige Beziehungen zwischen menschlichem Verhalten und anderen Ereignissen herzuleiten.[30] Demnach ist es nicht notwendig, diese Gesetze mittels der Empirie zu überprüfen. Ferner sind diese Gesetze durch die Empirie, die immer als ein komplexer Tatbestand und Ergebnis nicht isolierbarer Einflüsse erscheint, nicht verifizierbar oder falsifizierbar.[31] Sie ergeben sich vielmehr aus der Reflektion über strukturelle Eigenschaften des menschlichen Handelns. Erst seine theoretischen Erkenntnisse ermöglichen es dem Forscher, die empirischen Tatsachen zu erfassen und zu interpretieren.[32] Aufgabe der Empirie aber ist es, den Fokus des Theoretikers auf zu erklärende Geschehnisse, wie z.B. Konjunkturzyklen, zu lenken.[33] Die klare Trennung von Theorie und Empirie bedeutet aber nicht, dass empirisches Forschen, d.i. im Österreichischen Sinne Wirtschaftsgeschichte, abgelehnt wird, sondern lediglich, dass empirisches Forschen nicht in den Bereich der Nationalökonomie fällt.

Des Weiteren wird von der Österreichischen Schule im Allgemeinen der mathematische Formalismus abgelehnt. Dies wird mit einer überflüssigen mathematischen Übersetzung verbaler Erkenntnisse, des Verschwindens des genetisch-kausalen Erklärungsmoments und menschlichen Handelns in mathematischen Gleichungen sowie dem Fehlen von konstanten Beziehungen im menschlichen Handeln begründet.[34] Die Ablehnung des modernen Positivismus und des mathematischen Formalismus, der gemeinhin als Zeichen von wissenschaftlicher Exaktheit gilt, hat sicherlich in einer Welt, die beide verehrt, zum zwischenzeitlichen Niedergang der Österreichischen Schule beigetragen.

2.2.2 Grundlagen der Kapitaltheorie

Um die Verzerrungen in der intertemporalen Allokation und den ihnen entgegenwirkenden Marktprozess nachvollziehen zu können, ist ein Verständnis der Kapitaltheorie unabdingbar.

Die Österreichische Theorie nimmt ihren Ausgangspunkt in der Analyse von menschlichen Handlungen, so auch in der Kapitaltheorie. Menschen handeln, indem sie Mittel einsetzen, die sie subjektiv für geeignet halten, um ihre subjektiv als erstrebenswert erachteten Ziele zu erreichen. Dabei entwerfen sie Pläne ihrer Handlungen, die mehrere Mittel und aufeinander aufbauende Ziele beinhalten können.[35] So werden oftmals mehrere Zwischenschritte durchlaufen, um in den Genuss eines Konsumgutes zu kommen. Ein Konsumgut befriedigt ein menschliches Bedürfnis direkt. Carl Menger, der Begründer der Österreichischen Schule, bezeichnet Konsumgüter, auf die das menschliche Handeln letztendlich abzielt, als Güter erster Ordnung und die Güter der Zwischenstufen als Güter höherer Ordnung.[36] Die Summe der Zwischenschritte zum Erreichen eines Ziels ist ein Produktionsprozess, und das komplexe Miteinander der Produktionsprozesse in einer Volkswirtschaft kann als deren Produktionsstruktur definiert werden.[37]

Was den Handelnden von seinem Ziel trennt, sind die Zwischenschritte, die er zum Erreichen des Zieles durchlaufen muss. Ein Handelnder versucht, ein gegebenes Ziel so schnell als möglich zu erreichen - je weniger Zwischenschritte er noch bis zu seinem Ziele vor sich hat, desto besser. Dies ist die logische Kategorie der Zeitpräferenz.[38] Durch sein Handeln demonstriert der Mensch, dass er Gegenwartsgüter Zukunftsgütern vorzieht. Würde die Zeitpräferenz nicht gelten, und würde hingegen immer die fernere Befriedigung der rascheren Befriedigung vorgezogen, so würde der Mensch den Konsum immer weiter hinausschieben und niemals konsumieren.

Die Zwischenstufen in dem Handlungsprozess, die dem Handelnden subjektiv zur Erlangung seines Ziels als geeignet erscheinen, können als Kapitalgüter definiert werden.[39] Ein Kapitalgut wird mithin nicht durch seine physischen Eigenschaften, sondern teleologisch, d.h. durch sein Verwendungsziel bestimmt.[40] Die conditio sine qua non für die Entstehung von Kapitalgütern ist das Sparen.[41] Sparen ist Konsumverzicht und bedeutet, dass auf die Befriedigung von unmittelbaren Zielen verzichtet wird, um in der Zukunft einen höheren Bedarf decken zu können.[42] Das Sparen und die Bildung von Kapitalgütern erfolgt zunächst immer in der Form von Konsumgütern, die nicht konsumiert werden, sondern in andere Kapitalgüter transformiert werden.[43] Diese gesparten Konsumgüter ermöglichen die Versorgung der Produktionsfaktoren während der zeitaufwendigeren Produktionsprozesse.

Wird in einer Gesellschaft vermehrt gespart, werden zeitaufwendigere Produktionsprozesse möglich. Diese Produktionsprozesse sind ex ante aus Sicht des Handelnden ergiebiger als kürzere bzw. ermöglichen die Produktion neuer Produkte. Zeitaufwendigere Produktionsprozesse, Böhm-Bawerk nennt sie Produktionsumwege, werden nur unternommen, wenn sie ein wertvolleres Produkt ermöglichen als kürzere, da andernfalls der kürzere Produktionsumweg eingeschlagen werden würde.[44] Dies folgt aus der Kategorie der Zeitpräferenz. Das klassische Sparbeispiel von Böhm-Bawerk ist das des Robinsons, der seinen Früchteverzehr (Konsum) zunächst einschränkt und sich so während der Produktion von Pfeil und Bogen (Kapitalgüter) von den nicht verzehrten (gesparten) Früchten ernähren kann. Die erstellten Jagdwerkzeuge ermöglichen es ihm schließlich, ergiebiger zu jagen.[45]

Das Ausmaß des Sparens hängt von der individuellen Zeitpräferenzrate ab, also der psychischen Intensität, mit der die Gegenwartsgüter den Zukunftsgütern vorgezogen werden. Diese Intensität kann von Individuum zu Individuum unterschiedlich sein, sodass Gegenwartsgüter und Zukunftsgüter auf den subjektiven Rangordnungen der Individuen unterschiedliche Rangplätze einnehmen können.[46] So werden auf dem Zeitmarkt Gegenwartsgüter gegen Zukunftsgüter getauscht. Die Verkäufer (Anbieter) von Gegenwartsgütern sind die Sparer. Die Käufer (Nachfrager) von Gegenwartsgütern sind die Konsumenten. Als Ergebnis dieses Prozesses ergibt sich ein Marktpreis, der Zinssatz. Der Zinssatz ist der Diskont (Preisabschlag) von Zukunftsgütern gegenüber Gegenwartsgütern.[47] In einer Geldwirtschaft bieten Sparer, d.h. Kapitalisten, das Gegenwartsgut Geld an. Die Nachfrager des Gegenwartsguts Geld sind die Besitzer von Zukunftsgütern, d.h. die Besitzer von originären Produktionsfaktoren (Arbeit und Boden), die den Kapitalisten im Tausch ihre Leistungen anbieten. Das bedeutet, dass in der ganzen Produktionsstruktur Gegenwartsgüter gegen Zukunftsgüter gehandelt werden. Der Zins ist in der gleichgewichtigen Produktionsstruktur der Unterschied zwischen den Preisen, die der Kapitalist für die Produktionsfaktoren bezahlen muss, und den Preisen, die er später für seine Produkte erzielt. Er ist die Entlohnung für die Zeit, die benötigt wird, die Leistungen der Produktionsfaktoren in ihre Produkte umzuwandeln. Der Zinssatz, manchmal auch Gewinnrate genannt, gleicht sich intratemporal und intertemporal über die Produktionsstruktur der Volkswirtschaft an.[48] Ist der Zinssatz in einer Produktionslinie höher als in anderen, wird in dieser investiert werden, worauf der Zinssatz in ihr sinkt, bis er sich dem im Markt vorherrschenden Zinssatz anpasst. Ist der Zinssatz in einer Produktionslinie niedriger als in anderen, verläuft die Anpassung umgekehrt.

Nach Österreichischer Auffassung wird auf dem Zeitmarkt durch die unternehmerische Funktion künftiges Verhalten und gegenwärtiges Verhalten (bzw. Sparen und Konsum) koordiniert, wobei der Marktpreis Zins eine wichtige Rolle spielt.[49] Wird z.B. mehr gespart, werden mehr Gegenwartsgüter angeboten und der Zins sinkt. Der sinkende Zins signalisiert den Unternehmern, dass mehr Gegenwartsgüter zur Einschlagung zeitaufwendigerer Produktionsprozesse, d.h. zu Verlängerung der Produktionsstruktur, zur Verfügung stehen.

An dieser Stelle sei eine Produktionsstruktur in Anlehnung an Hayek dargestellt. Diese Darstellungsart wird auch Hayekianisches Dreieck bezeichnet. Die Einteilung der Struktur der Volkswirtschaft in fünf Zwischenschritte ist ebenso willkürlich, wie das eine Jahr Produktionszeit, welches jede Stufe benötigt. Die schematische Darstellung dient lediglich der Illustration.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Produktionsstruktur einer gleichgewichtigen Volkswirtschaft

In Anlehnung an Huerta de Soto (2002), S. 234.

Wie aus Abbildung 1 zu erkennen ist, werden fünf Produktionsstufen (Zwischenschritte) angenommen, die die Güter höherer Ordnung sukzessive durchlaufen, um in ein Konsumgut transformiert zu werden. In einer gleichgewichtigen Wirtschaft können die Produktionsstufen auch synchron gedacht werden. Die Kapitalisten jeder Produktionsstufe, bis auf die der fünften Stufe, müssen Kapitalgüter aus der nächsthöheren Stufe erwerben. Die Kapitalgüter werden durch die horizontalen Balken dargestellt. Ferner kaufen die Kapitalisten originäre Produktionsfaktoren (Arbeit und Boden) mit deren Hilfe das Produkt der Stufe erstellt wird. Die Zahlungen an die originären Produktionsfaktoren werden durch die senkrechten Pfeile abgebildet. Das erzeugte Produkt wird dann an die nächsttiefere Stufe weiterverkauft bis es schließlich zum Konsumgut gereift ist. Im Gleichgewicht ergibt sich eine Differenz (Zins) zwischen den Beträgen, die für die Kapitalgüter und originären Produktionsfaktoren ausgeben werden und den Beträgen, für die die erzeugten Produkte schließlich weiterverkauft werden. Die Zinsen werden durch die horizontalen Pfeile dargestellt. Als Beispiel sei die erste Stufe betrachtet. Die Kapitalisten der 1. Stufe kaufen zu Beginn der Periode für 80 Geldeinheiten Kapitalgüter von den Kapitalisten der 2. Stufe und für 10 Geldeinheiten originäre Produktionsfaktoren mit deren Hilfe das Produkt der 1. Stufe erzeugt wird. Am Ende des Jahres wird das Produkt für 100 Geldeinheiten an die Konsumenten verkauft, sodass Zinsen in Höhe von 10 Geldeinheiten für die Kapitalisten übrig bleiben. Es ergibt sich ein Zinssatz (Gewinnrate) von ungefähr 11% (100 Verkaufserlös/90 Einkaufspreise). Diese Analyse gilt mutatis mutandis für die übrigen Produktionsstufen. Der Zinssatz von 11% herrscht in der gesamten Produktionsstruktur vor. Die Summe der Zinserlöse (30) und die Summe der Einkommen der originären Produktionsfaktoren (70) ergeben die 100 Geldeinheiten Nettorente, die durch den Konsumgüterkauf entstehen.

2.2.3 Sparen und die Produktionsstruktur

Zum Abschluss dieses Kapitels soll untersucht werden, wie sich ein Anstieg in der Relation von Sparen zu Konsum (Spar-Konsum-Verhältnis) auf die Produktionsstruktur auswirkt. Dies ermöglicht im nächsten Kapitel den Vergleich mit den Effekten der Kreditexpansion, d.h. der Vergabe zusätzlicher Kredite durch Schaffung neuer Zahlungsmittel (Sichteinlagen und Banknoten)[50] auf die Produktionsstruktur. Warum im letzteren Falle eine Krise auftritt, wird durch dieses Vorgehen deutlich.[51]

Wenn die Zeitpräferenzrate der Wirtschaftssubjekte sinkt, wird mehr gespart, d.h. es werden mehr Gegenwartsgüter angeboten, als es ohne dieses Absinken der Fall gewesen wäre. Die Folgen, die sich durch diesen Sparanstieg ergeben, konstituieren einen sehr wichtigen Prozess.[52] Dieser Prozess beinhaltet drei verschiedene sich ergänzende Effekte.

Der erste Effekt wird durch die unterschiedlichen Gewinne in den verschiedenen Produktionsstufen hervorgerufen. Durch den Sparanstieg sinkt die monetäre Nachfrage nach Konsumgütern. Durch diesen Nachfragerückgang sinken die Preise im Konsumgütersektor und den relativ nahe am Konsum gelegenen Industrien. Die Gewinne in höheren Produktionsstufen bleiben hingegen konstant. Dies ist ein Zeichen für die Unternehmer, die Investitionen in tieferen, dem Konsum nahe gelegene Produktionsstufen zu Gunsten höherer, vom Konsum entfernt gelegenen Produktionsstufen umzuschichten. Dies führt zu einem Anstieg der Preise der Produktionsfaktoren, die in den höheren Produktionsstufen benötigt werden. Da gleichzeitig die Preise für Konsumgüter sinken, kommt es über die gesamte Produktionsstruktur zu einer Verringerung der Spanne zwischen Einkaufs- und Verkaufspreisen.[53] Somit reflektiert sich die gesunkene Zeitpräferenzrate in einem Zinsrückgang (bzw. einem Rückgang der Gewinnrate).

Der zweite Effekt besteht in der Wirkung der Zinssenkung, die durch den Sparanstieg bedingt ist, auf den Marktpreis von Kapitalgütern. Der Marktpreis von Kapitalgütern tendiert gegen die erwarteten diskontierten zukünftigen Erträge. Durch die Zinssenkung und die geringere Diskontierung steigt der Kapitalwert der Kapitalgüter an. Er steigt in jenen Produktionsstufen relativ stärker an, die weiter vom Konsum entfernt sind. Dies ist Ausdruck davon, dass durch die sinkende Zeitpräferenzrate die Bewertung von Zukunftsgütern relativ zu Gegenwartsgütern gestiegen ist. Es folgt eine vertikale Verlängerung und horizontale Verbreiterung der höheren Produktionsstufen, da die Zinssenkung neue Kapitalgüter und Produktionsprozesse profitabel werden lässt, die dies ohne die Zinssenkung nicht gewesen wären.

Der dritte Effekt ist der sogenannte Ricardo-Effekt.[54] Er tritt ein, wenn die Nominallöhne rigide sind. Durch den Sparanstieg fallen die Konsumgüterpreise, die Reallöhne steigen und die Gewinne fallen. Bei flexiblen und fallenden Investitionsgüterpreisen wird es profitabel, Arbeit durch Kapitalgüter zu substituieren. Die Produktionsstruktur wird verlängert und kapitalintensiver.

Es sollte betont werden, dass bei dem skizzierten Wachstumsprozess zunächst der Konsum zurückgehen muss. Erst dann werden die Konsumgüter frei, die zur Vergrößerung des Subsistenzmittelfonds, d.i. ein Fonds von Gütern, der zur Versorgung der Eigentümer von Produktionsfaktoren und Unternehmern während der Produktionsprozesse dient, genutzt werden. Der Subsistenzmittelfonds muss vergrößert werden, um die Versorgung der Produktionsfaktoren bis zur Beendigung der nunmehr verlängerten Produktionsprozesse gewährleisten zu können. Außerdem werden durch den Konsumrückgang Produktionsfaktoren in den konsumgüternahen Industrien frei und können in den neuen Produktionsprozessen eingesetzt werden.[55] Durch das individuelle Sparen und den Nachfragerückgang nach Konsumgütern erhöht sich letztlich die Produktivität des ökonomischen Systems. Die verlängerten Produktionsprozesse sind produktiver als die alten, kürzeren Produktionsprozesse, weil zeitaufwendigere Produktionsprozesse im Allgemeinen nur eingeschlagen werden, wenn sie produktiver sind. So werden sich der Konsumgüterausstoß und die Realeinkommen nach einer Wartezeit erhöhen. Die Produktionsstruktur im neuen Gleichgewicht bei einem höheren Spar-Konsum-Verhältnis sei in Abbildung 2 dargestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Wirkung von Sparen auf die Produktionsstruktur

In Anlehnung an Huerta de Soto (2002), S. 266.

Zusammengefasst ist das Ergebnis der gefallenen Zeitpräferenzrate und des erhöhten Spar-Konsum-Verhältnisses ein geringerer Preisunterschied zwischen den Produktionsstufen (Zins), eine vertikale Verlängerung der Produktionsstruktur, eine Verbreiterung der von den Konsumgütern entfernteren Produktionsstufen, eine Verengung der konsumnahen Produktionsstufen, ein Rückgang des monetären Konsums und ein Anstieg der realen Produktion. Der Konsum ist nominal um 25 Geldeinheiten, die zusätzlich gespart werden, zurückgegangen. Auch die 2. und 3. Produktionsstufe sind nominal geschrumpft. Die 4. und 5. Produktionsstufe haben sich durch das Sparen verbreitert. Es sind zwei neue Produktionsstufen entstanden. Der Zinssatz bzw. die Gewinnrate ist auf ca. 1,7% gesunken.

3 Darstellung der ÖKT

3.1 Vorbemerkungen

3.1.1 Zyklen versus Schwankungen

Bevor die ÖKT dargestellt wird, sollte zunächst das Problem, vor das die Konjunkturtheorie den Ökonomen stellt, abgegrenzt werden, um zu erläutern, welches reale Phänomen die ÖKT zu erklären sucht. Dabei gilt es zwischen dem Auf- und Abstieg einzelner Industrien (Strukturwandel) und dem Phänomen des Konjunkturzyklus zu unterscheiden. Schwankungen einzelner Industrien sind in einer dynamischen Wirtschaft alltäglich. Wir leben in einer Gesellschaft, die ständigen Veränderungen unterworfen ist. So ändern sich beispielsweise die Konsumentenpräferenzen, die Zeitpräferenzraten der Wirtschaftssubjekte, die Technologie oder die Quantität und Qualität des Faktors Arbeit. Unternehmer versuchen, diese Veränderungen vorherzusehen und auszunutzen. Mithin kommt es zum Auf- oder Abstieg einzelner Unternehmen oder Industrien.[56] Diese gleichen sich indes in der Regel aus. So erleidet die Kutschenindustrie einen Einbruch zu Gunsten der Automobilindustrie. Industrielle Schwankungen sind in der Regel relativ leicht mit individuellen Fehlern zu erklären. Bei der Frage der Konjunkturzyklen im Österreichischen Sinne geht es nicht um industrielle Schwankungen, sondern um die schwierigere Erklärung von allgemeinen Aufschwüngen und allgemeinen Depressionen.[57]

3.1.2 Problem der Fehlerhäufung

Eine Theorie der Depression muss erklären, warum Unternehmern nach einer allgemeinen Phase der Prosperität plötzlich gehäuft Fehler unterlaufen.[58] Diese Fehlerhäufung erscheint zunächst rätselhaft, da Unternehmer versuchen, die zukünftigen Entwicklungen zu erahnen und auszunutzen. Sie schätzen die künftigen Preise und den Absatz ihrer Produkte und bezahlen im Hinblick auf diese die Produktionsfaktoren, die sie zur Produktion benötigen. Ferner ist der Markt ein Ausleseverfahren, das versichert, dass diejenigen Unternehmer im Markt bleiben, die die wenigsten Fehler begehen und zukünftige Veränderungen am Besten voraussehen können, da gute Unternehmer Gewinne machen und schlechte Unternehmer Verluste. Warum diese zur Zeit besten Unternehmer kollektiv Fehler begehen, will die ÖKT erklären. Außerdem steht eine Konjunkturtheorie vor der schwierigen Aufgabe, begreiflich zu machen, warum sich diese Fehlerhäufungen zyklisch wiederholen.[59]

3.2 Positive Theorie des Zyklus

3.2.1 Wirkungen der Kreditexpansion auf die Produktionsstruktur

Die Österreichische Erklärung der sich wiederholenden Fehlerhäufungen nimmt ihren Ausgang bei der Kreditexpansion, zu welcher die Banken - zumindest bei den heutigen institutionellen Gegebenheiten - in der Lage sind. Die Kreditexpansion geschieht gegenwärtig durch die Vergabe von zusätzlichen Krediten, die nicht aus gespartem Geld resultieren, sondern durch die Buchgeldschöpfung der Banken entstehen.[60] Durch die Kreditexpansion steigt das Kreditangebot auf ein Niveau, das höher liegt, als es ohne die Kreditexpansion gewesen wäre. Die Wirkung der Kreditexpansion ist zunächst den oben beschriebenen Wirkungen eines Anstiegs des Sparvolumens sehr ähnlich.[61] Zunächst sinkt der Geldzins, da für die zusätzlichen Kredite nur bei einer Zinssenkung durch die Banken Nachfrage entsteht. Die Kreditexpansion wird also erst durch eine künstliche Herabsenkung unter das Marktzinsniveau, das durch freiwilliges Sparen bestimmt wird, möglich. Dabei muss der Geldzins nicht absolut fallen, sondern kann sogar absolut steigen. Für eine Kreditexpansion genügt es, dass der Geldzins relativ zu dem Niveau, welches er ohne die Kreditexpansion gehabt hätte, gesenkt wird.[62]

Durch die relative Geldzinssenkung steigt der Wert der Kapitalgüter relativ an, und es erscheinen Projekte profitabel, die ohne die relative Zinssenkung nicht profitabel erschienen wären. Hierbei werden von der Zinssenkung Projekte, die länger dauern, bzw. langlebige Kapitalgüter relativ stärker in ihrer Rentabilität bzw. ihrem Wert betroffen sein, als kürzere Projekte und kurzlebige Kapitalgüter, weil der Zeitfaktor bei ersteren eine größere Rolle spielt.[63] Dies lässt die Nachfrage nach Kapitalgütern steigen. Durch diesen Nachfrageanstieg können die Produzenten dieser Kapitalgüter nun Produktionsfaktoren, die zuvor in anderen, dem Konsum näher gelegenen Produktionsstufen verwendet wurden, an sich ziehen. Mithin besitzt die Kreditexpansion Auswirkungen auf die reale Produktionsstruktur, die in einer Verlängerung und Verbreiterung der höheren Produktionsstufen bestehen.[64]

Indem Unternehmer neue und zeitaufwendigere Projekte beginnen, handeln sie so, als ob das Sparvolumen und damit der Subsistenzmittelfonds, der die Versorgung der Arbeiter und Unternehmer während der verlängerten Produktionsprozesse sichert, angestiegen wäre.[65] Zugleich konsumieren die Verbraucher im ungebremsten Rhythmus.[66] Diese fehlende Koordination im Verhalten der Wirtschaftssubjekte ist durch die Verfälschung der Kalkulation der Unternehmer zustande gekommen.[67] Die Verfälschung der Kalkulation ergibt sich aus der Verzerrung des zur intertemporalen Koordination so wichtigen Preises, des Zinssatzes.

Der Glaube, man könne die Produktionsstruktur verlängern und ertragreicher gestalten, ohne zwischenzeitlich auf Konsum verzichten zu müssen, kann in der Gesellschaft zu einer Euphorie und weiteren Investitionen führen.[68] Die intertemporalen Verzerrungen zwischen der Produktionsstruktur und dem Verhältnis von Sparen zu Konsum werden verschärft.[69] Die intertemporale Verzerrung ist auch graphisch darstellbar.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Wirkung der Kreditexpansion

In Anlehnung an Huerta de Soto (2002), S. 283.

Durch die Kreditexpansion werden im Vergleich zur Ausgangssituation (Abb. 1) alle höheren Produktionsstufen breiter und es tritt eine Verlängerung auf. Die zusätzlichen Projekte (Verlängerung und Verbreiterung der Produktionsstruktur) sind hellgrau gehalten. Im Gegensatz zur Sparsituation (Abb. 2) gehen der Konsum und die Produktion in den tieferen Produktionsstufen nicht zurück. Das Einkommen der originären Produktionsfaktoren erhöht sich nominal auf 84 Geldeinheiten. Der Zinssatz verringert sich auf 4%.

Im Weiteren werden die mikroökonomischen Gründe für die Gegenbewegung,[70] welche die „makroökonomischen“ intertemporalen Verzerrungen beendet und den Geldzins wieder dem gleichgewichtigen Zins annähert, untersucht.

3.2.2 Marktreaktion auf die Kreditexpansion

Der übertriebene Optimismus und die künstliche Expansion der Produktionsstruktur verursachen letztlich eine Gegenbewegung des Marktes. Diese Gegenbewegung und damit das makroökonomische Phänomen der Krise und Rezession wird in der Österreichischen Analyse auf mikroökonomische Ursachen zurückgeführt.[71]

Die erste Reaktion des Marktes, welche die Euphorie bremst, ist der relative Anstieg der Preise der Güter höherer Ordnung (Rohstoffe, Halbfabrikate und Löhne). Die Preise der Güter höherer Ordnung steigen, weil durch die Kreditexpansion und die Aufnahme neuer Produktionsprojekte eine erhöhte nominale Nachfrage nach Produktionsfaktoren besteht. Im Gegensatz zum Fall des Sparanstiegs werden keine Produktionsfaktoren in den Produktionsstufen, die dem Konsum am nächsten stehen, freigesetzt. Die Produktionskosten werden somit höher als erwartet ausfallen.[72]

Der nächste und wichtigste Schritt im gegenläufigen Prozess ist der relative Anstieg der Konsumgüterpreise , wenn der Konsumgüterpreisanstieg den Preisanstieg der Produktionsmittel, d.i. der originären Produktionsfaktoren und Kapitalgüter, überflügelt.[73] Dieser Anstieg hat drei sich ergänzende Ursachen.

Erstens steigt das monetäre Einkommen der Eigentümer der originären Produktionsfaktoren, wenn die Unternehmer die zusätzlichen Kredite zur Verlängerung der Produktionsstruktur einsetzen. Ihr Einkommen steigt, weil die zur Verlängerung der Produktionsstruktur benötigten Produktionsfaktoren von ihren ursprünglichen Verwendungen durch höhere Gebote zu einem Wechsel in höhere Produktionsstufen veranlasst werden müssen. Die Eigentümer der originären Produktionsfaktoren werden ihr gestiegenes monetäres Einkommen, sofern sich ihre Zeitpräferenzrate nicht geändert hat, in demselben Spar-Konsum-Verhältnis ausgeben wie bisher. So steigt die nominale Nachfrage nach Konsumgütern und schwenkt aus den entfernteren Produktionsstufen zurück in die konsumnahen Produktionsstufen.[74]

Zweitens wird das Angebot an Konsumgütern zurückgehen, was einen weiteren Preisdruck erzeugt. Die Verlangsamung der Konsumgütererzeugung ist auf die Verlängerung der Produktionsstruktur zurückzuführen. Produktionsfaktoren wurden aus den konsumsektornahen Industrien abgezogen und in Prozessen eingesetzt, die erst nach einer längeren Zeit Konsumgüter hervorbringen.[75]

[...]


[1] Vgl. Mises (1912), S. 414-436.

[2] Mises (1928), S. 2, Fußnote 1. Noch 1931 in Mises (1931), S. 11 spricht er von der Zirkulationskreditheorie als von der Wissenschaft allgemein anerkannt.

[3] Mit dem Ausdruck „Österreicher“ sind in dieser Arbeit Ökonomen gemeint, die in der Tradition der Österreichischen Schule der Nationalökonomie stehen.

[4] Vgl Skousen (1993), S. 264.

[5] Vgl. Hicks (1967), S. 203. Die Auseinandersetzung zwischen Keynes und Hayek ist enthalten in Hayek (1995).

[6] So bezeichnet es De Long (1991) S. 7, Fußnote 19, als beinahe unmöglich, Hayeks „Prices and Production“ zu verstehen. Vgl. zudem Hayek (1935a), S. 149.

[7] Vgl. Hayek (1983), S. 247 f.

[8] Zu dieser Einschätzung kommt auch Schumpeter (1965), S. 1360, Fußnote 102. Laidler (1994), S. 18 bezeichnet die Laissez-faire-Empfehlung als unpopulär während der Großen Depression.

[9] Vgl. Royal Academy of Science (1974), S. 470. Zur Renaissance der Österreichischen Schule siehe auch Snowdon / Vane / Wynarczyk (1994), S. 352.

[10] Vgl. zur Geschichte des Mises Institute und seinen Aufgaben Mises Institute (o.J. a), S. 1-6.

[11] Vgl. Mises Institute (o. J. b), S. 6.

[12] Vgl. Konjunkturlehrbücher, die keinen Vermerk zur ÖKT haben: Heubes (1991), Kromphardt (1993). Bei Assenmacher (1991) findet sich als Österreicher lediglich Hayek im Literaturverzeichnis. Auch Meyer (1981) konzentriert sich auf Hayek. Bei Maußner (1994) findet sich ein kurzer Abschnitt zur ÖKT. Tichy schreibt in seinem 200-seitigen Werk 1,5 Seiten über die ÖKT und gibt zu, die ÖKT würde gemeinhin unterschätzt. Vgl. Tichy (1994), S. 72.

[13] Die wichtigsten Arbeiten sind Garrison (2001), Huerta de Soto (2002) und Hülsmann (1998).

[14] Vgl. Bartlett (2002), Brimelow/Rubenstein (2001), Hanke (2002), The Economist (2002).

[15] Vgl. Oppers (2002), Eichengreen/Mitchener (2003) und Borio/Lowe (2002).

[16] Vgl. Block / Garschina (1996), S. 77-94 für die Unterschiede zwischen der Misesschen und Hayekschen Konjunkturtheorie.

[17] Vgl. die auf Unkenntnis der ÖKT ruhende Kritik von Samuelson (2005), S. 5, Tullock (1987), sowie Tullock (1989). Krugman (1998), S. 1 hält es nicht für gewinnbringend die ÖKT zu studieren, kritisiert sie aber dennoch. Garrison (1986), S. 437 beklagt, dass das Wissen über die ÖKT leider größtenteils falsch ist.

[18] Vgl. Hayek (1935b), S. 8-11. Siehe direkt auch Hume (1987), S. 285-287 und Cantillon (1931), S. 103-112.

[19] Vgl. Hayek (1935b), S. 3-8 für eine Kritik der „mechanistischen“ Quantitätstheorie.

[20] Vgl. ebenda, S. 19-24, sowie derselbe (1932), S. 183-197.

[21] Vgl. derselbe (1935b), S. 101.

[22] Vgl. Mises (1924), S. VI.

[23] Vgl. zur Currency School Hayek (1935b), S. 15-17, sowie Mises (1986), S. 25-27.

[24] Vgl. Hayek (1935b), S. 22 f., sowie Wicksell selbst (1968), S. 93-143.

[25] Vgl. Seccareccia (1994), S. 55.

[26] Vgl. Machlup (1980), S. 5.

[27] Vgl. Machlup (1980), S. 4. Vgl. Mises (1998), S. 21und S. 41-43 zum Subjektivismus und zum methodologischen Individualismus.

[28] Vgl. Hayek (1935b), S. 4-7.

[29] Vgl. Mises (1980), S. 16 f.

[30] Vgl. ebenda (1980), S. 18 f., sowie Hülsmann (2003a), S. x f.

[31] Vgl. Mises (2002), S. 63 f.

[32] Vgl. derselbe (1980), S. 22. Vgl. Hayek (1976), S. 5 für eine folgerichtige Einschätzung der Bedeutung der Statistik für die Konjunkturtheorie.

[33] Vgl. Hayek (1976), S. 6.

[34] Vgl. Rothbard (2001), S. 278 f., Mises (1985), S. 11 f., sowie derselbe (2003), S. 127-129.

[35] Vgl. Huerta de Soto (2001), S. 44 f., sowie Kirzner (1996), S. 20.

[36] Vgl. Menger (1871), S. 8 f.

[37] Vgl. Huerta de Soto (2002), S. 222. Lachmann bezeichnet die Produktionsstruktur auch als die Kapitalstruktur. Vgl. Lachmann (1978), S. 4.

[38] Vgl. zur Österreichischen Auffassung zur Zeitpräferenz Mises (1998), S. 480-487 oder Fetter (1926). In Hayeks (1945) Zinstheorie nimmt die Zeitpräferenz eine geringere Bedeutung ein als in den Werken von Mises, Rothbard oder Huerta de Soto, denen in diesem Punkt in dieser Arbeit gefolgt wird.

[39] Vgl. Huerta de Soto (2002), S. 218.

[40] Vgl. Kirzner (1996), S. 45.

[41] Vgl. Böhm-Bayerk (1921), S. 138.

[42] Vgl. Mises (1980), S. 449.

[43] Vgl. Strigl (1934), S. 38-52.

[44] Vgl. Böhm-Bawerk (1921), S. 13, sowie Rothbard (2001), S. 487.

[45] Vgl. Böhm-Bawerk (1921), S. 136-139.

[46] Vgl. Rothbard (2001), S. 323-332.

[47] Vgl. Rothbard (2001), S. 301, sowie Mises (1980), S. 474. Für eine ausführliche Darstellung der Österreichischen Sicht von Zins und Produktionsstruktur vgl. Rothbard (2001), S. 273-386, sowie Mises (1998), S. 476-534.

[48] Hayek (1976), S. 127 zeigt, dass im Gleichgewicht der Geldzins und die Preisdifferenz zwischen den Produktionsstufen übereinstimmen.

[49] Vgl. Huerta de Soto (2002), S. 232.

[50] Vgl. Mises (1998), S. 431.

[51] Hayek (1935b), S. 75-79 und Huerta de Soto (2002), S. 253-265 gehen ebenfalls in dieser Art vor, um die ÖKT zu erklären.

[52] Vgl. für Darstellungen dieses Prozesses Böhm-Bawerk (1921), S. 148-50, Hayek (1935b), S. 49-54 u. 75-79, Huerta de Soto (2002), S. 253-265 (Auf S. 253 spricht er von einem leider oft vernachlässigten Prozess), sowie Rothbard (2001), S. 470-479 u. 486-491.

[53] Vgl. Rothbard (2001), S. 473, oder Hayek (1976), S. 127-130.

[54] Vgl. Der Ausdruck wurde von Hayek geprägt. Vgl. Hayek (1979), S. 274-285, sowie Hayek (1939b), S. 11-15. Er bezieht sich dabei auf Ricardo (1951), S. 38-43 u. 386-397. Der „Ricardo Effekt“ ist zudem unter dem Namen „Hayek Effekt“ bekannt. Vgl. Machlup (1977), S. 32.

[55] Vgl. Hayek (1941), S. 273.

[56] Vgl. Rothbard (2000a), S. 4-6.

[57] Vgl. ebenda, S. 6, sowie Röpke (1932), S. 9.

[58] Vgl. Rothbard (2000a), S. 8, sowie Robbins (1971), S. 31.

[59] Vgl. Hülsmann (1998), S. 1.

[60] Mises nennt diese Kredite „Zirkulationskredite“. Vgl. Mises (1980), S. 393.

[61] Vgl. zu diesen Auswirkungen Huerta de Soto (2002), S. 278.

[62] Vgl. Mises (1998), S. 549 f.

[63] Vgl. Röpke (1926), S. 272 f.

[64] Vgl. Mises (1998), S. 553.

[65] Vgl. derselbe (1924), S. 371. Nach Mises (1998), S. 554 f. handeln die Unternehmer so, als ob mehr Kapitalgüter vorhanden wären, als tatsächlich vorhanden sind.

[66] Vgl. Huerta de Soto (2002), S. 281 über den Absichtskonflikt zwischen Unternehmern und Konsumenten.

[67] Vgl. Cochran (2004), S. 23 f.

[68] Vgl. Huerta de Soto (2002), S. 280.

[69] Vgl. Hayek (1928), S. 52 f. zur Bedeutung des intertemporalen Gleichgewichts.

[70] Vgl. Mises (1924), S. 372.

[71] Vgl. Huerta de Soto (2002), S. 289-305.

[72] Vgl. Robbins (1974), S. 39.

[73] Vgl. Mises (1980), S. 508.

[74] Vgl. Robbins (1971), S. 38 f.

[75] Vgl. Hayek (1976), S. 130.

Ende der Leseprobe aus 90 Seiten

Details

Titel
Österreichische Konjunkturtheorie aus heutiger Sicht
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
90
Katalognummer
V114108
ISBN (eBook)
9783640144907
ISBN (Buch)
9783640146093
Dateigröße
735 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sicht, Österreichische Ökonomie, Mises, Rothbard, Hayek, Huerta de Soto, Konjunkturtheorie, Kapitaltheorie, Zinstheorie, Geldtheorie, Austrian Economics, business cycle theory, austrian business cycle theory, österreichischen konjunkturtheorie, zirkulationskreditheorie
Arbeit zitieren
Dr. Philipp Bagus (Autor), 2006, Österreichische Konjunkturtheorie aus heutiger Sicht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114108

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